Erläuternde Anmerkung zum Brief des Papstes an die Katholiken in China

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ROM, 2. Juli 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die „erläuternde Anmerkung“, die der Heilige Stuhl zum Brief von Papst Benedikt XVI. an die Katholiken in China verbreiten ließ.



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ERLÄUTERNDE ANMERKUNG

Mit dem „Brief an die Bischöfe, die Priester, die Personen des gottgeweihten Lebens und an die gläubigen Laien der katholischen Kirche in der Volksrepublik China“, der das Datum von Pfingstsonntag trägt, möchte Papst Benedikt XVI. seine Liebe und seine Nähe zu den Katholiken in China zum Ausdruck bringen. Er tut dies zweifelsohne in seiner Eigenschaft als Nachfolger Petri und oberster Hirte der Universalkirche.

Zwei Grundgedanken treten im Text hervor: einerseits eine tiefe Zuneigung zur ganzen katholischen Gemeinschaft in China und andererseits eine begeisterte Treue zu den großen Werten der katholischen Tradition im Bereich der Ekklesiologie; also eine Leidenschaft für die Liebe und für die Wahrheit. Der Papst erinnert an die großen ekklesiologischen Grundzüge des Zweiten Vatikanischen Konzils und der katholischen Tradition, aber zugleich zieht er verschiedene besondere Aspekte des Lebens der Kirche in Betracht und ordnet sie in eine umfassende theologische Sicht ein.

A – Die Kirche in China in den letzten fünfzig Jahren

Die katholische Gemeinschaft in China hat die letzten fünfzig Jahre intensiv erlebt und hat dabei einen schwierigen und schmerzvollen Weg zurückgelegt, der sie nicht nur tief geprägt hat, sondern auch besondere Eigenarten annehmen ließ, die sie noch heute kennzeichnen.

Die katholische Gemeinschaft erlitt eine erste Verfolgung in den fünfziger Jahren, die die Vertreibung der Bischöfe und der ausländischen Missionare, die Inhaftierung fast aller chinesischen Geistlichen und der Verantwortlichen der verschiedenen Laienbewegungen, die Schließung der Kirchen und die Isolation der Gläubigen bedeutete. Ende der fünfziger Jahre wurden dann staatliche Organe wie das Amt für religiöse Angelegenheiten und die Patriotische Vereinigung der chinesischen Katholiken mit dem Ziel geschaffen, jede religiöse Aktivität zu lenken und zu „kontrollieren". 1958 fanden die ersten beiden Bischofsweihen ohne päpstlichen Auftrag statt. Damit nahm eine lange Reihe von Akten ihren Anfang, die die kirchliche Gemeinschaft tief verletzen.

In den zehn Jahren von 1966 bis 1976 hat die im ganzen Land stattfindende Kulturrevolution die katholische Gemeinschaft heftig in Mitleidenschaft gezogen und dabei auch jene Bischöfe, Priester und gläubige Laien getroffen, die sich gegenüber den neuen, von den Regierungsautoritäten auferlegten Orientierungen gefügiger gezeigt hatten.

Mit den von Deng Xiaoping geförderten Öffnungen in den achtziger Jahren begann eine Zeit religiöser Toleranz mit der einen oder anderen Möglichkeit zu Bewegung und zum Dialog, die die Wiedereröffnung von Kirchen, Seminaren und Ordenshäusern sowie eine gewisse Wiederaufnahme des gemeinschaftlichen Lebens erlaubte. Die Informationen, die von den kirchlichen Gemeinschaften Chinas kamen, bestätigten, daß das Blut der Märtyrer einmal mehr der Same für neue Christen war: Der Glaube war in den Gemeinden lebendig geblieben, die Mehrheit der Katholiken hatte ein glühendes Zeugnis der Treue zu Christus und zur Kirche gegeben, die Familien waren in ihrem Inneren zu einem Hort der Weitergabe des Glaubens geworden. Das neue Klima trug aber auch dazu bei, unterschiedliche Reaktionen innerhalb der katholischen Gemeinschaft hervorzurufen.

In diesem Zusammenhang erinnert der Papst daran, daß einige Hirten, „die einer widerrechtlichen, über das Leben der Kirche ausgeübten Kontrolle nicht unterliegen wollten und wünschten, eine volle Treue zum Nachfolger Petri und zur katholischen Lehre zu bewahren, [….] sich gezwungen [sahen], sich im geheimen weihen zu lassen" (Nr. 8), um die Seelsorge für die eigenen Gemeinden sicherzustellen. Denn „der Untergrund" – präzisiert der Heilige Vater – „fällt nicht in die Normalität des Lebens der Kirche, und die Geschichte zeigt, daß Hirten und Gläubige dazu nur mit dem mit Leid verbundenen Wunsch greifen, den eigenen Glauben unversehrt zu bewahren und keine Einmischung von staatlichen Organen in Dingen zu dulden, die das Innerste des Lebens der Kirche berühren" (ebd.).

Andere, vor allem in Sorge um das Wohl der Gläubigen und im Blick auf die Zukunft, „haben […] eingewilligt, die Bischofsweihe ohne päpstlichen Auftrag zu empfangen, haben aber in der Folge darum gebeten, in die Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri und mit den anderen Brüdern im Bischofsamt aufgenommen werden zu dürfen" (ebd.). Der Heilige Vater hat in Anbetracht der Vielschichtigkeit der Situation und mit dem tiefempfundenen Wunsch, die Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft zu fördern, vielen von ihnen „die volle und rechtmäßige Ausübung der bischöflichen Jurisdiktion gewährt".

Bei der sorgfältigen Analyse der Lage der Kirche in China ist sich Papst Benedikt XVI. der Tatsache bewußt, daß die katholische Gemeinschaft in ihrem Inneren an einer von starken Gegensätzen gekennzeichneten Situation, von der Gläubige wie Hirten betroffen sind, leidet. Er hebt aber hervor, daß diese schmerzliche Situation nicht von unterschiedlichen Lehrmeinungen verursacht wurde, sondern das Ergebnis der „wichtige[n] Rolle" ist, „die von jenen Organen wahrgenommen wird, die als Hauptverantwortliche des Lebens der katholischen Gemeinschaft durchgesetzt worden sind" (Nr. 7). Es handelt sich um Staatsorgane, deren erklärte Ziele – besonders jenes, die Prinzipien der Unabhängigkeit, der Autonomie und der Selbstverwaltung der Kirche umzusetzen – nicht mit der katholischen Lehre vereinbar sind. Diese Einmischung hat zu wirklich besorgniserregenden Situationen Anlaß gegeben. Darüber hinaus sahen sich die Bischöfe und Priester in der Ausübung des eigenen Hirtenamtes kontrolliert und unter Zwang gestellt.

In den neunziger Jahren haben sich verschiedenerseits und immer häufiger Bischöfe und Priester an die Kongregation für die Evangelisierung der Völker und an das Päpstliche Staatssekretariat gewandt, um vom Heiligen Stuhl genaue Verhaltensanweisungen hinsichtlich einiger Probleme des kirchlichen Lebens in China zu erhalten. Viele fragten, welche Haltung gegenüber der Regierung und den dem Leben der Kirche vorgesetzten staatlichen Organen eingenommen werden müsse. Andere Anfragen betrafen Probleme im Bereich des eigentlichen sakramentalen Lebens der Kirche, wie die Möglichkeit der Konzelebration mit Bischöfen, die ohne päpstlichen Auftrag geweiht wurden, oder die Frage des Sakramentenempfangs von Priestern, die von solchen Bischöfen geweiht worden waren. Einige Teile der katholischen Gemeinschaft fanden sich schließlich nicht mehr zurecht angesichts der Legitimierung zahlreicher Bischöfe, die unerlaubt geweiht worden waren.

Das Gesetz zur Registrierung der Kultstätten und die staatliche Forderung nach der Bescheinigung der Zugehörigkeit zur Patriotischen Vereinigung haben dann neue Spannungen und weitere Fragen hervorgerufen.

Während dieser Jahre hat Papst Johannes Paul II. an die Kirche in China mehrmals Botschaften und Aufrufe gerichtet, die alle Katholiken zur Einheit und zur Versöhnung einluden. Die Interventionen des Heiligen Vaters wurden gut aufgenommen und riefen Eifer für die Einheit hervor, aber die Spannungen mit den Autoritäten und innerhalb der katholischen Gemeinschaft haben leider nicht abgenommen.

Der Heilige Stuhl hat seinerseits Hinweise zu verschiedenen Problemkreisen gegeben, aber der Lauf der Zeit und das Auftreten von neuen, immer vielschichtigeren Situationen erforderten ein erneutes Überdenken des ganzen Sachverhalts, um auf die Anfragen eine möglichst genaue Antwort zu geben und um sichere Orientierungen für die Seelsorgstätigkeit in den kommenden Jahren bekannt zu machen.

B – Die Entstehungsgeschichte des päpstlichen Briefes

Die verschiedenen Problemkreise, die das Leben der Kirche in China während dieser letzten Jahre näher zu kennzeichnen scheinen, sind ausführlich und sorgfältig von einer eigens dafür eingerichteten Kommission analysiert worden, die sich aus einigen Sinologen wie auch aus jenen Personen zusammensetzte, die sich in der Römischen Kurie mit der Situation dieser Gemeinschaft befassen. Als später Papst Benedikt XVI. die Einberufung einer Versammlung für den 19. und 20. Januar 2007 beschloß, an der auch mehrere chinesische Geistliche teilnahmen, war es das Bemühen der genannten Kommission, ein Dokument vorzubereiten, um eine ausführliche Diskussion über verschiedene Gesichtspunkte zu fördern, um die praktischen Hinweise der Teilnehmer zu sammeln und um einige mögliche pastoraltheologische Orientierungen für die katholische Gemeinschaft in China darzulegen. Gütigerweise hat Seine Heiligkeit an der letzten Sitzung der Versammlung teilgenommen und unter anderem beschlossen, einen Brief an die Bischöfe, Priester, an die gottgeweihten Männer und Frauen und an die gläubigen Laien zu richten.

C – Inhalt des Briefes

„Ohne jedes Detail der komplexen Problemkreise, die euch gut bekannt sind, behandeln zu wollen", schreibt Papst Benedikt XVI. an die chinesischen Katholiken, „möchte ich mit diesem Brief einige Orientierungspunkte in bezug auf das Leben der Kirche und das Werk der Evangelisierung in China geben, um euch zu helfen, das zu entdecken, was der Herr und Meister Jesus Christus […] von euch will" (Nr. 2). Der Papst erinnert an einige Grundprinzipien der katholischen Ekklesiologie, um die wichtigsten Problemkreise in dem Bewußtsein zu beleuchten, daß das Licht dieser Prinzipien helfen kann, die verschiedenen Fragen und die konkreteren Aspekte des Lebens der katholischen Gemeinschaft anzugehen.

Indem er seine große Freude über die Treue, die die Katholiken in China in diesen letzten fünfzig Jahren gezeigt haben, zum Ausdruck bringt, bestätigt Papst Benedikt XVI. den unschätzbaren Wert ihrer Leiden und der aufgrund des Evangeliums erlittenen Verfolgung und richtet an alle einen innigen Aufruf zur Einheit und zur Versöhnung. Im Bewußtsein der Tatsache, „daß dieser Weg sich nicht von heute auf morgen erfüllen können wird", erinnert er daran, daß dieser Weg „vom Beispiel und vom Gebet vieler »Glaubenszeugen« getragen wird, die gelitten und vergeben haben, während sie ihr Leben für die Zukunft der Kirche in China hingegeben haben" (Nr. 6).

In diesem Zusammenhang erweist sich die bleibende Geltung des Wortes Jesu „Duc in altum" (Lk 5, 4). Dieses Wort „lädt uns ein, dankbar der Vergangenheit zu gedenken, leidenschaftlich die Gegenwart zu leben und uns vertrauensvoll der Zukunft zu öffnen." Denn in China, wie in der restlichen Welt, ist „die Kirche […] dazu berufen, Zeugin Christi zu sein, mit Hoffnung nach vorn zu schauen und sich – in der Verkündigung des Evangeliums – mit den neuen Herausforderungen zu messen, die das chinesische Volk angehen muß" (Nr. 3). „Auch in eurem Land", erinnert der Papst, „wird die Verkündigung des gekreuzigten und auferstandenen Christus in dem Maß möglich sein, in dem ihr in Treue zum Evangelium und in Gemeinschaft mit dem Nachfolger des Apostels Petrus und mit der universalen Kirche die Zeichen der Liebe und der Einheit zu verwirklichen wißt" (ebd.)

Bei der Auseinandersetzung mit einigen sehr dringlichen Problemkreisen, die aus den Bitten hervorgehen, die den Heiligen Stuhl von Bischöfen und Priestern erreicht haben, bietet Papst Benedikt XVI. Weisungen zum Thema der Anerkennung von Geistlichen der Untergrundgemeinschaft durch die Regierungsautoritäten (vgl. Nr. 7) und hebt ausführlich das Thema des chinesischen Episkopats hervor (vgl. Nr. 8) unter besonderer Bezugnahme auf all das, was die Bischofsernennungen betrifft (vgl. Nr. 9). Eine besondere Bedeutung haben sodann die pastoralen Orientierungen, die der Heilige Vater der Gemeinschaft schenkt, wobei er vor allem die Figur und die Sendung des Bischofs in der diözesanen Gemeinschaft unterstreicht: „nichts ohne den Bischof". Ferner bietet er Maßgaben zu eucharistischen Konzelebration und fordert dazu auf, die von den kanonischen Bestimmungen vorgesehenen diözesanen und pfarrlichen Einrichtungen zu schaffen. Des weiteren gibt er Hinweise zur Ausbildung der Priester und zum Leben der Familie.

Was die Beziehungen der katholischen Gemeinschaft zum Staat anbelangt, erinnert Papst Benedikt XVI. mit sachlichem und respektvollem Ton an die katholische Lehre, die auch vom Zweiten Vatikanischen Konzil erneut vorgelegt worden ist. Er äußert schließlich den aufrichtigen Wunsch, daß der Dialog zwischen dem Heiligen Stuhl und der chinesischen Regierung vorangehen möge, um zu einer Übereinkunft über die Ernennung der Bischöfe, zur vollen Ausübung des Glaubens der Katholiken durch die Achtung echter Religionsfreiheit und zur Normalisierung der Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Regierung in Beijing zu gelangen.

Der Papst hebt schlußendlich alle Befugnisse und alle – älteren und neueren – Weisungen pastoraler Natur auf, die der Kirche in China vom Heiligen Stuhl gegeben worden sind. Die veränderten Umstände der allgemeinen Lage der Kirche in China und die größeren Möglichkeiten der Kommunikation erlauben es den Katholiken nunmehr, die allgemeinen kanonischen Normen zu befolgen und, sofern nötig, sich an den Apostolischen Stuhl zu wenden. Auf jeden Fall finden die Lehrgrundsätze, die die genannten Befugnisse und Weisungen angeregt haben, nun ihre neue Anwendung in den im vorliegenden Brief enthaltenen Vorgaben (vgl. Nr. 18).

D – Ton und Perspektive des Briefes

Geistlich erleuchtet und in einer vorwiegend pastoralen Sprache wendet sich Papst Benedikt XVI. an die ganze Kirche in China. Es liegt ihm fern, eine zugespitzte Auseinandersetzung mit Personen oder besonderen Gruppen hervorzurufen: Auch wenn er einige kritische Situationen hervorhebt, so tut er dies mit großem Verständnis für die situationsbedingten Aspekte und für die betroffenen Personen, selbst wenn er sehr deutlich an die theologischen Grundsätze erinnert. Der Papst möchte die Kirche zu einer größeren Treue zu Jesus Christus einladen und erinnert alle chinesischen Katholiken an die Sendung, im gegenwärtigen konkreten Kontext ihres Landes Boten des Evangeliums zu sein. Der Heilige Vater blickt mit Achtung und großer Sympathie auf die ältere und jüngere Geschichte des großen chinesischen Volkes und erklärt sich noch einmal bereit zum Dialog mit den chinesischen Regierungsstellen – im Bewußtsein, daß die Normalisierung des Lebens der Kirche in China einen aufrichtigen, offenen und konstruktiven Dialog mit den Autoritäten voraussetzt. Wie schon sein Vorgänger Papst Johannes Paul II. ist Papst Benedikt XVI. außerdem fest davon überzeugt, daß die genannte Normalisierung einen unvergleichlichen Beitrag zum Frieden in der Welt leisten wird und so einen unersetzbaren Mosaikstein im Gesamtbild des friedlichen Zusammenlebens der Völker bilden wird.

[Vom Heiligen Stuhl veröffentlichte deutsche Übersetzung des italienischen Originals]