„Erlösung geschieht nicht mechanisch“: Dogmatiker Manfred Hauke erläutert, warum der Vatikan die wörtliche Übersetzung von „pro multis“ befürwortet

Von Regina Einig

| 413 klicks

WÜRZBURG, 12. Dezember 2006 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Legt, wer die Formel „für alle“ bei der Wandlung verwendet, Jesus Dinge in den Mund, die er nicht gesagt hat?



Die Formel „für alle“ ist eine Deutung der Wandlungsworte, während die Kennzeichnung „für viele“ dem biblischen Wortlaut entspricht. Jesus ist „für alle“ gestorben, insofern das Heil allen Menschen angeboten wird. Die tatsächliche Annahme des Heils hängt aber vom freien Willen des Empfängers ab, der sich dem göttlichen Angebot auch verweigern kann. Diese Möglichkeit wird offen gelassen in der Formel „für viele“. Die Übersetzung des griechischen „für viele“ mit „für alle“ beruht weitgehend auf einem Lexikonartikel des protestantischen Exegeten Joachim Jeremias. Danach wäre die Formulierung vom aramäischen Sprachgebrauch beeinflusst, der kein eigenes Wort für „alle“ kenne. „Viele“ sei inklusiv zu verstehen, das heißt als „alle“. Diese Deutung ist inzwischen fragwürdig geworden durch eine biblische Studie, die unter der Leitung von Pater Albert Vanhoye SJ erstellt wurde, dem langjährigen Sekretär der Päpstlichen Bibelkommission; Benedikt XVI. verlieh ihm wegen seiner wissenschaftlichen Verdienste die Kardinalswürde. Die Untersuchung von Franz Prosinger, die demnächst als Buch erscheint, zeigt, dass Jeremias zahlreiche Fehler unterlaufen sind. Der aramäische Sprachgebrauch unterscheidet sich hier nicht wesentlich von den indogermanischen Sprachen.

--Wovon hängt ab, wie „viele“ zu verstehen ist?

Ob „viele“ inklusiv oder exklusiv zu verstehen ist, ergibt sich aus dem sprachlichen Umfeld. Während Matthäus und Markus die Formel „für viele“ verwenden, gebrauchen Lukas und Paulus die Wendung „für euch“, womit die an Christus Glaubenden gemeint sind, die an der Eucharistie teilnehmen. Bei den Einsetzungsworten geht es um die Vergegenwärtigung des neuen Bundes: zu diesem Bund wird niemand mit magischen Mitteln gezwungen, sondern Christus erwartet die Antwort des in der Liebe tätigen Glaubens. Die Wandlungsworte nehmen also Bezug auf die gläubige Heilsgemeinde. Diese Deutung findet sich bereits bei den Kirchenvätern und wird vom Römischen Katechismus vorgetragen: wenn wir die Kraft des Leidens Jesu betrachten, vergießt der Erlöser sein Blut für das Heil aller; „wenn wir aber die Frucht, welche die Menschen daraus ziehen, im Auge haben, werden wir leicht einsehen, dass dessen Nutzen nicht allen, sondern nur vielen zuteil wird“.

--Bereitet die Übersetzung „für viele“ der jansenistischen Irrlehre, Jesus sei nur für die Auserwählten gestorben, unfreiwillig den Boden?

Diese Gefahr ist ganz unwahrscheinlich. Heutzutage leugnet niemand, dass das Heil allen Menschen angeboten wird. Sehr häufig finden wir aber einen vermessenen Heilsoptimismus, wonach am Ende alle Menschen gerettet werden. Die Übersetzung „für viele“ unterstreicht dagegen die Bedeutung des Glaubens und der Liebe für das ewige Heil.

Worum geht es der römischen Gottesdienstkongregation?

Nach dem Schreiben Kardinal Arinzes vom 17. November 2006 gibt es keinen Zweifel an der Gültigkeit der Messfeiern, die sich an den approbierten Text halten. Es geht vielmehr um die Treue zum Wortlaut der Heiligen Schrift und der liturgischen Überlieferung in Ost und West. Der Ausdruck „für viele“ ist für die Einbeziehung jedes Menschen offen und zeigt, dass die Erlösung nicht mechanisch geschieht. Die Gläubigen sind eingeladen, für ihren Glauben Zeugnis zu geben, damit sie unter die „vielen“ gezählt werden.

[Professor Manfred Hauke lehrt an der Theologischen Fakultät in Lugano; © Die Tagespost vom 9.12.2006]