Ermutigende Entwicklungen in der Bioethik

Interview mit Richard Doerflinger, Stellvertretender Leiter der bischöflichen Lebensschutz-Kommission in den USA

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WASHINGTON, D.C., 12. November 2007 (ZENIT.org).- Geduld und Beharrlichkeit in der bioethischen Debatte werden sich auszahlen. Davon ist Richard Doerflinger, Stellvertretender Leiter der bischöflichen Lebensschutz-Kommission in den USA, überzeugt.



Im folgenden Interview, das ein Mitarbeiter der englischsprachigen ZENIT-Redaktion, erklärt Doerflinger unter anderem, wie Katholiken sich auf dem Gebiet der Bioethik auf dem Laufenden halten können.

ZENIT: Bei so vielen Fortschritten in der Wissenschaft kann es schwierig werden, in der Auseinandersetzung zwischen der Kultur des Lebens und der Kultur des Todes stets „up to date“ zu sein. Wo findet man die besten Quellen, um sich in diese Debatte einzuschalten?

Doerflinger: Die beiden Webseiten www.stemcellresearch.org und www.cloninginformation.org, die diese Fortschritte von der Pro-life-Perspektive her beleuchten, sind von enormem Nutzen, wenn es darum geht, die Entwicklung der Wissenschaft und die öffentliche Debatte zu verfolgen. Auch die Internetseite des Lebensschutz-Sekretariats des US-Bischofskonferenz, www.usccb.org/prolife, enthält viele Seiten voller Fakten, Briefe an den Kongress, Zeugenaussagen und Artikel.

Diese Thematik wird auch immer mehr von guten überregionalen Zeitschriften aufgegriffen, etwas von „Our Sunday Visitor“, „National Catholic Register“ und „First Things“, oder – für eine ernsthafte, in die Tiefe gehende Behandlung der ethischen Fragen – vom „National Catholic Bioethics Quarterly“.

ZENIT: In den USA plädieren viele, die sich für den Lebensschutz einsetzen, im Hinblick auf den Ausgang des Gerichtsverfahrens „Roe vs. Wade“ auf die Strategie des so genannten „chipping away“, also des „Abraspelns“, und nicht so sehr dafür, das entsprechende Gesetz als Ganzes zu Fall zu bringen. Geht diese Strategie auf?

Doerflinger: Ich würde die Strategie so umschreiben: Stück um Stück aus „Roe versus Wade“ herausbrechen, um das Gesetz schließlich ganz zu kippen.

Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs über „partial-birth abortion“ (ein besonderes Verfahren der Tötung lebensfähiger ungeborener Kinder im letzten Teil der Schwangerschaft außerhalb des Mutterleibs) weist daraufhin, dass die Strategie wirksam ist.

Im Prozessverlauf ging es darum, das Verbot dieses besonders grausamen Verfahrens der Spätabtreibung aufrecht zu erhalten, bei dem das Kind getötet wird, wenn es bereits fast ganz geboren ist, und das Gericht begann, sich dabei auf eine neue Weise ehrlich der brutalen Abtreibungswirklichkeit im Allgemeinen zu stellen, aber auch ihren schädlichen Auswirkungen auf die Frau und ihrer Rolle bei der Zerstörung des ärztlichen Ethos. Und das Gericht hat offen zugegeben, dass frühere Gerichtsentscheidungen von den üblichen Standards zu Überprüfung und Beweisaufnahme abgewichen waren, um diesem furchtbaren Geschäft besonderen Schutz zu gewähren.

Die öffentliche Debatte über dieses Verfahren hat auch viele jüngere Menschen dazu veranlasst, die eigene Haltung zu überdenken und sich für den Schutz des Lebens auszusprechen.

Aber wie die Sklaverei und Rassentrennung, so ist auch die Abtreibung ein grundlegendes Übel, das nicht auf einen Sitz durch eine einzelne Gerichtsentscheidung und ein einzelnes Ereignis eliminiert werden kann. Wir müssen auch Haltungen und Auffassungen ändern, nicht nur Gesetze, und das wird lange Zeit in Anspruch nehmen. Dieser Prozess wird uns quälend langsam vorkommen, aber diese Sache verdient nicht nur unseren Mut und unsere Tapferkeit, sondern auch unsere Geduld.

ZENIT: US-Präsident George Bush erließ einen Erlass zugunsten der Forschung über pluripotente Stammzelllinien, die nicht von menschlichen Embryonen abstammen. Was bedeutet das für die Stammzelldebatte?

Doerflinger: Dieser Erlass des Präsidenten gibt einigen der innovativsten Zweigen der Spitzenforschung, die zur Zeit betrieben werden, neuen Auftrieb: etwa neuen Entdeckungen, wie man adulte Zellen „reprogrammieren“ kann, um dieselbe Vielseitigkeit zu erreichen, die embryonale Stammzellen haben. Und andrerseits zwingt er jene Wissenschaftler, die behaupten, die „pluripotenten“ Stammzellen versprächen aus medizinischer Sicht den meisten Erfolg, Farbe zu bekennen, indem er ihnen de facto sagt: Fein, dann lasst uns diese Art von Zelle gewinnen, aber bitte, ohne ethische Normen zu verletzen.

Weitere wichtige Entwicklungen sind erstens das Inkrafttreten eines Bundesgesetzes im Jahr 2005, nach dem eine bundesweite staatliche Bank für Nabelschnurblut eingerichtete werden soll, und zweitens der Gesetzesantrag „Patients First Act“ im Kongress, um die Entwicklung von Stammzelllinien aus adulten Stammzellen und aus Nabelschnurblut zu fördern, bei denen sich im Zusammenhang mit früheren Versuchen herausgestellt hat, dass sie klinische Erfolge zu versprechen beginnen.

Jede dieser Initiativen macht ein weiteres bestechendes, aber trügerisches Argument für die Behauptung zunichte, man müsse menschliches Leben zerstören, um einen medizinischen Fortschritt zu erzielen.

ZENIT: Wie kann den Menschen besser vermittelt werden, dass es sich bei Themen des Lebensschutzes nicht so sehr um Ideologie dreht, sondern vielmehr um Wissenschaft?

Doerflinger: Zuerst muss es den Menschen bewusst werden, dass nicht alles, was ein Wissenschaftler sagt, auch notwendigerweise „Wissenschaft“ ist. Einige Wissenschaftler betätigen sich heute eher als Lobbyisten oder PR-Manager, wenn nicht gar als ausgesprochene Betrüger (wie Dr. Hwang aus Südkorea).

Ein Blick in jedes gute Lehrbuch über Embryologie wird uns darüber aufklären, dass das Leben eines menschlichen Individuums mit jenem einzelligen Embryo beginnt. Wenn also ein Wissenschaftler daherkommt und mit Unschuldsmiene erklärt, dass wir keine Ahnung haben, wann das menschliche Leben beginnt, dann muss man wissen, dass man nicht Wissenschaft vorgesetzt bekommt, sondern reine Spekulation. Und wenn ein Wissenschaftler mit unpraktikablen Behauptungen über die vermeintliche „Verheißung“ und „Wunderkraft“ daherkommt, die sich in den embryonalen Stammzellen verberge, und dabei oft nur an den eigenen Gewinn denkt, dann gibt es viel zu wenige Nichtwissenschaftler, die den Mut haben, ihn einfach zu fragen: „Und wo sind, bitte schön, Ihre Beweise dafür?“

Das tatsächliche Beweismaterial für die „Wundermittel“, die in Zukunft durch die Zerstörung von Embryonen gewonnen werden sollen, ist in der Tat sehr mager. Die methodisch arbeitende Wissenschaft ist es, die uns verheißungsvollere und schnellere klinische Erfolge durch adulte und aus Nabelschnurblut gewonnene Stammzellen zeigt, die zudem ethisch unproblematisch sind.

ZENIT: Was benötigen die Katholiken in den USA, um besser für die Verteidigung des Lebens gerüstet zu sein? Sind sie ausreichend über Lebensschutzfragen informiert?

Doerflinger: Es ist schwierig, sich auf dem Laufenden zu halten, wenn dauernd und so schnell neue Herausforderungen und Probleme auftauchen. Aber ich denke, dass die meisten praktizierenden Katholiken das richtige Gespür und die rechten Werte haben, wenn es um die Achtung des menschlichen Lebens geht – und, Gott sei Dank, tritt ist das oft gerade bei unserer jüngeren Generation am deutlichsten zutage.

Wir müssen diese gesunden Einstellungen stärken und weiterentwickeln, indem wir ihnen ein besseres Wissen sowohl über die Lehre der Kirche als auch über die wissenschaftlichen und medizinischen Fakten vermitteln, wenn wir wirklich überzeugende Verteidiger des Lebens sein sollen.

Die US-Bischofskonferenz bemüht sich, diesen Lernprozess durch Zeitungsartikel, Rundschreiben, Predigtvorschläge, Lehrmaterial und besonders durch das „Respect Life Program“ (Programm „Achte das Leben“), das jährlich am ersten Sonntag im Oktober den Pfarreien zugesandt wird, zu unterstützen.