Ermutigung zur Klage um der größeren Hoffnung willen

Interview mit Prof. Dr. Julia Prinz, Dozentin an der Universität Berkley

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OSNABRÜCK, 23. Mai 2008 (ZENIT.org).- Das eigene Leben in seiner Gebrochenheit auszuhalten; das Kaputte und Zerstörerische auszuhalten, das sich in unserer Seele einnistet, es anzunehmen und Gott hinzuhalten, das sei eine der schwierigsten Aufgaben für jeden Menschen, erklärte Prof. Dr. Julia Prinz gestern bei ihrem Vortrag auf dem 97. Deutschen Katholikentag in Osnabrück.

ZENIT sprach mit der deutschen Theologin, die an der an amerikanischen Jesuitenuniversität Berkley in Kalifornien lehrt, über ihre Erfahrungen mit Leidenden.

ZENIT: Wenn persönliches Leid und Schmerz Menschen ergreift, blockiere das oft die Fähigkeit zu persönlicher Kommunikation, sagen Sie. Aber Gebet könnte diesen Knoten lösen. Wie geht das?

Dr. Julia Prinz: Ich habe in meinem Vortrag über die Klagepsalmen gesprochen, weil diese Worte der Psalmisten errungen und erlitten sind. Das Problem der Sprachlosigkeit erlebe ich nicht nur bei meinen Studenten, sondern insbesondere bei vielen Immigranten in den Vereinigten Staaten, denen ich in meiner seelsorglichen Arbeit begegne. Es sind die Tausenden von Einwanderern, die unter der „zweiten Kolonisation“ leiden. Sie müssen zu Hungerlöhnen in den Feldern Kaliforniens arbeiten. Ihre Arbeitsbedingungen sind tödlich. Niemand denkt daran, etwas an ihrer Schmach zu ändern. Menschen so auszubeuten, ist in den USA erlaubt, ohne erlaubt zu sein. Wer sich beklagt, wer aufbegehrt, kann jederzeit durch andere Arbeitssuchende ersetzt werden.

Diese Menschen verstummen oft vor Leid. Sie finden oft gar keine Worte mehr für ihr Leid. Das Traurigste ist, wenn viele von ihnen, für die ihr Glaube der einzige tragende Pfeiler in ihrem unsteten Leben war, diese Fähigkeit verlieren.

ZENIT: Sie haben Ihren gestrigen Vortrag mit „Nicht immer Ja und Amen“ überschrieben. In Deutschland ist Klagen und Jammern weit verbreitet. Worum geht es Ihnen denn, wenn sie zum Klagen einladen?

Dr. Julia Prinz: Ich will Gläubige, die seit langem bedrückt und gelähmt sind von innerer Unterdrückung und unverarbeitetem Leid, zum Widerspruch einladen. Die Worte des 42. Psalms heißen übersetzt: „Was schnürst du dich zu, meine Kehle?“ Da fragt jemand seine Seele. Da redet jemand mit seiner tiefsten Personenmitte: „Was bist du betrübt meine Seele?“ Und es beginnt ein langer, zäher Prozess der Befreiung, der jemand, der so gebetet hat, vielleicht Jahre gekostet hat.

Wenn jemand tief gesunken ist, verzweifelt, depressiv ist, also von einer Realität gepackt ist, die oft stumm macht, dann kann dieser Psalm eine Hilfe sein, weil er zur Klage anstiftet. Die Klage vor Gott, das vor Gott gebrachte Lamento, kann im Zeichen des Widerspruchs zu einer Wirklichkeit, die die Hoffnung tötet, neue Horizonte auftun. Wir können andere dabei begleiten, sie anstiften zu diesem fruchtbaren Widerspruch, diesem aktiven Aufbegehren vor Gott.

ZENIT: Ist eine solche Begleitung nicht etwas gefährlich? Sie laden ein, sich an schmerzliche, vielleicht sogar traumatische Erlebnisse zu erinnern. Das klingt ja fast nach Therapie. Wie wollen Sie das als Theologin oder Seelsorgerin überhaupt auffangen?

Dr. Julia Prinz: Wer mit den Psalmen betet, der findet Formulierungen wie: Warum hast du mich im Stich gelassen? Das sind Aussagen eines sicherlich auch irgendwie zerstörerischen Spottes, der oft aus der eigenen Innerlichkeit aufsteigt. Ein Paradebeispiel dafür ist der evangelische Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer. In der Todeszelle betet er: „Einsames Fragen treibt mit mir Spott“, und nach vielem Grübeln schließt er mit dem berühmten Satz: „Dein bin ich, o Gott.“

Menschen, die durchbeugt sind, die bis an den Rand ihrer Belastungsfähigkeit gefordert werden, können dennoch flehen, wenn auch zaghaft: „Wann werde ich dein Antlitz schauen?“

Wir glauben, dass es Gottes Antlitz ist, das uns Freiheit verschafft. Das Ringen bis zum dezidierten Widerspruch, die lange Geschichte der eigenen Klage, mündet ein in das Erlebnis von Befreiung.

ZENIT: Also gilt: umso mehr Klage und Widerspruch, desto größer das Erlebnis von Befreiung?

Dr. Julia Prinz: Ich denke, dass unsere Hoffnungen oft so klein sind, weil wir das große, flehende Klagen und Einklagen verlernt haben. Jammern ist etwas sozial Angepasstes. Da stehen wir vor einem übermächtigen Etwas, das uns einschränkt in unseren Lebenswünschen, und jammern. Wer klagt, der weiß um seine Rechte. Er weiß um seine Würde als Kind Gottes, als Christ, dem das Leben in Fülle zusteht.

[Das Interview führte Angela Reddemann]