Erneuerung, Umdenken und Kulturwandel bei den Legionären Christi

Pater Sylvester Heereman LC in einem Interview über den Entwicklungsprozess in den letzten drei Jahren

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 354 klicks

Pater Sylvester Heeremann LC, Generalvikar der Legionäre Christi und amtierender Generaldirektor, berichtete in einem Interview mit Radio Vatikan am 3. November 2013 über den Erneuerungsprozess der Legionäre Christi, der in den letzten drei Jahren auf Anordnung des Vatikans vom 1. Mai 2010 erfolgte.

Nach dem Bekanntwerden der VergehenVerdunkelung, die sich der Gründervater der Legionäre Christi, der mexikanische Priester Marcial Marciel Degollado, hatte zuschulden kommen lassen, war eine Visitation des Ordens durch den Vatikan erfolgt, die mit der Forderung nach einer tiefgreifenden Erneuerung endete: „Die Apostolische Visitation hat ergeben, dass die Lebensführung von Pater Marcial Maciel Degollado ernste Folgen im Leben und in der Struktur der Kongregation der Legionäre Christi verursacht hat, und zwar dermaßen, dass ein Weg tiefgehender Revision erforderlich sein wird.“

In den letzten drei Jahren unterzogen sich die Legionäre Christi unter der Leitung Kardinal Velasio de Paolis diesem Weg. Im Januar 2014 wird in einem Generalkapitel über eine neue Struktur beraten und eine neue Leitung des Ordens gewählt werden.

Auf den spirituellen Weg angesprochen, der eng mit dem Finden einer strukturellen Neuordnung verbunden war, antwortete Pater Sylvester Heereman LC, dass der Weg noch nicht abgeschlossen sei. Benedikt XVI. habe dem Orden zwei Aufgaben angetragen: erstens das Verständnis des Charismas und der Strukturen sowie zweitens die Überprüfung ihres Lebens.

Die Auseinandersetzung mit dem Charisma, mit dem Kern der Legionäre Christi, bezeichnete Pater Heereman als sehr fruchtbar. In der Vergangenheit habe man nahezu jede Meinungsäußerung des Gründers auf die Charisma-Ebene gehoben und ihr damit die Möglichkeit genommen, sie zu hinterfragen. „Das waren in der Mehrheit vielleicht gute und nützliche Sachen, aber vielleicht für die 1950er Jahre oder für Mexiko, nicht für Deutschland oder für das Jahr 2010.“ Viele Aspekte seien eben doch hinterfragbar. „Das war das wichtigste Umdenken.“

Die letzten drei Jahre seien von Höhen und Tiefen gekennzeichnet gewesen. Grundsätzlich sei die Diagnose positiv. Die Einberufung des Generalkapitels bedeute „für uns oder für die Mehrheit auch ein Einbiegen in die Zielgerade und dass die große Mehrheit der Mitbrüder mit Vertrauen und einer großen Gelassenheit jetzt heute dasteht und auf das Kapitel schaut ….“

Der Neufindungsprozess in den letzten drei Jahren habe zu einem neuen Gleichgewicht und zu einem neuen Einklang innerhalb des Ordens geführt. Man sehe, dass nicht alles gut oder schlecht gewesen sei. „Wandel ist immer etwas Schweres und verursacht auch Ängste und dann gibt es die einen, die vorpreschen, und die anderen, die auf der Bremse stehen. Heute ist es, glaube ich, so, dass Gott sei Dank nicht nur Vertrauen da ist, sondern auch ein Verständnis dafür, was in den letzten Jahren geschehen ist. Dadurch, dass alle mitmachen konnten, mitreden konnten, fühlen sich auch alle mitgenommen.“

Pater Heereman führte in den Interview die drei Hauptaufgaben des Generalkapitels aus: „Die erste Aufgabe ist die der Konstitutionen, das noch einmal in aller Freiheit zu diskutieren, wobei natürlich dieser ganze Weg ein brauchbares Produkt hervorgebracht hat. ... Dann wird es aber auch darum gehen, die letzten drei Jahre abzuschließen und alles, was wir in den Jahren gelernt haben ins Wort zu fassen, sich noch einmal über die Geschichte zu äußern und zu versuchen, als Gemeinschaft noch einmal die Aufarbeitung auf eine fruchtbare Weise abzuschließen. Welche Themen da hineinkommen, das wird das Generalkapitel selber entscheiden müssen. Das ist die zweite große Aufgabe. Die wichtigste Aufgabe ist natürlich die Wahl eines neuen Generaldirektors und eines neuen Generalrates.“

Auf die Frage nach der geistlichen Wandlung des Ordens antwortete Pater Heereman: „Nach der Visitation der fünf Bischöfe hat er (Benedikt XVI. Anm.d.R.) drei Bereiche aufgegeben, über die wir nachzudenken hatten. Das eine war die Gefahr, in das zu fallen, was er ‚Effizientismus’ nannte. Das zweite: dass wir uns über die Ausbildung unserer Mitbrüder Gedanken machen sollen, und drittens die Ausübung der Autorität.

In diesen drei Bereichen haben wir eine Gewissenserforschung gemacht. Der Bereich Effizientismus ist, positiv formuliert, sozusagen die Aufforderung, im apostolischen Einsatz den Vorrang der Gnade und der Freiheit der Person wirklich zu würdigen. Wir sind ein sehr apostolischer Orden, ein sehr aktiver Orden, und diesen aktiven Aspekt haben wir in der Vergangenheit vielleicht manchmal übertrieben. Der Gründer hat uns etwas hinterlassen, was zwar etwas Positives ist, was man aber leicht übertreiben kann: den Wunsch, etwas zu erreichen, etwas zu bewegen, Einfluss auf die Welt zu haben im positiven Sinn. Wenn man da zu sehr auf die Ergebnisse aus ist und zu sehr greifbare Resultate erreichen will, ist das aus der Sicht des Evangeliums heraus eine zweischneidige Sache. In dem Bereich sehen wir, dass wir uns da reinigen mussten und nicht so sehr auf unsere Fähigkeiten zu vertrauen und mit aller Kraft sozusagen versuchen, etwas zu erreichen.

In den beiden anderen Bereichen haben wir gesehen, dass wir da wirklich Bedarf hatten, uns mit den kritischen Fragen auseinanderzusetzen. Wir haben in den Jahren viel über den Bereich Ausübung der Autorität nachgedacht, wie wichtig es ist, die Teilnahme der betroffenen Ordensmitglieder an Entscheidungen zu stärken. Wir hatten eine sehr vertikale Struktur, wo die Autorität sehr personal war. Im Grunde hat der Generalobere also in der Vergangenheit der Gründer vieles selber entschieden, auch ohne dass er seinen Rat hinreichend einbezogen hat. Das Moderieren der persönlichen Autorität durch die Räte war etwas, was wir bei uns nachholen mussten und was nicht gut entwickelt war. Da versuchen wir jetzt eine neue Brüderlichkeit und vor allem die Einbindung der Einzelnen und der Gemeinschaft in die Entscheidungsprozesse.

Das mag abstrakt klingen, führt aber zu einem echten Kulturwandel.“

Das Interview ist auf der Webseite von Radio Vatikan veröffentlicht.