Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen

Von Johannes Seibel

| 3883 klicks

WÜRZBURG, 24. Oktober 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Die Weimarer Republik zwischen 1919 und 1933 war die erste Demokratie auf deutschem Boden gewesen. Reichlich spät für europäische, ja für die Weltverhältnisse. Kein Wunder im Rückblick, wenn es politisch wie intellektuell wie gesellschaftlich brodelte in dieser Zeit – geradewegs, als müsste die erste richtige deutsche Republik alles dass an Demokratie und dem mit dieser Lebensform verbundenem Wettbewerb und offenem Meinungsstreit in wenigen Jahren hastig nachholen, was es in den mehreren Jahrzehnten zuvor zwischen der halbherzigen, gescheiterten bürgerlichen Revolution 1848/49, der autoritären Herrschaft Bismarcks und dem Wilhelminismus bis zum Ersten Weltkrieg versäumt hatte.



Eine dieser fiebrigen Debatten, die weltweit bekannt geworden ist, fochten zwei deutsche Philosophen aus: Martin Heidegger und Ernst Cassirer auf dem neutralen Boden der Schweiz bei den Davoser Hochschulwochen 1929. Heidegger hatte gerade zwei Jahre zuvor sein Werk „Sein und Zeit“ veröffentlicht, Cassirer zwischen 1923 und 1925 seine ersten beiden Bände seines Hauptwerkes „Philosophie der symbolischen Formen“. Heidegger stand in Davos für das neue, radikale Denken, das die alte Bewusstseinsphilosophie und Verengung der Philosophie auf Erkenntnistheorie seit Kant, Hegel und Neukantianismus überwunden habe, das dem Sein wieder seinen gebührenden Platz erkämpfte. Cassirer dagegen stand in dieser Kontroverse eben für diese alte bedächtige Philosophie des gerade vergangenen 19. Jahrhunderts, für die es kein vom Erkennen unabhängiges Sein gibt, und die Philosophie nur noch als eine Art Magd, sprich Theorie der Wissenschaften betreibt, wo sie doch Königin, sprich höchste und letzte und gleichsam überzeitliche Form des menschlichen Denkens sein soll. Die damals jungen Studenten Otto Friedrich Bollnow und Emanuel Lévinas parodierten in Davos gleich anschließend vor Ort diese vermeintliche Abrechnung mit einer vergangenen Epoche in einem Kabarett, wobei Lévinas die Rolle Cassirers übernommen, und ihm Kalk aus dem vorzeitig schlohweißen Haupt hatte rieseln lassen.

Ironie der Geschichte: Der junge, wilde Student Lévinas entwickelte sich zu einem Philosophen, der im Verstehen des Anderen seinen Weg fand, was dem Denken Cassirers wesentlich näher steht als dem Seinsautismus Heideggers. Und eine weitere Ironie der Geschichte: 1929 wurde Ernst Cassirer der erste jüdische Rektor an einer deutschen Universität, der Universität Hamburg, wo er in seiner Antrittsrede die Weimarer Verfassung und den Rechtsstaat als ein Erbe der Philosophie in Deutschland verteidigte, während Heidegger im Mai 1933 in seiner Rektoratsrede an der Universität Freiburg über „Die Selbstbehauptung der Deutschen Universität“ ganz andere Töne anschlug, wonach die Studenten nicht wussten, wie es Karl Löwith überliefert hat, ob sie die Vorsokratiker studieren oder in die SA eintreten sollten.

Diese Davoser Episode illustriert aufschlussreich das Schicksal der „Philosophie der symbolischen Formen“ Ernst Cassirers. Er glaubte, dass die Philosophie nicht mehr als ein System im Sinne Hegels betrieben oder als klassische Metaphysik wiederhergestellt werden kann. Er glaubte, dass der Mensch unmittelbar an das Sein, an die Wirklichkeit, wie sie unvermittelt existiert, an die Transzendenz nicht heranreicht. Er wusste aber auch, dass die positiven, empirisch arbeitenden Wissenschaften, wie sie im 19. Jahrhundert ihren Siegeszug als Geistes- und Naturwissenschaften angetreten hatten, und die mehr und mehr die Rolle als letztgültige menschliche Orientierung angetragen bekommen, gefordert und übernommen hatten, eben diesen Anspruch als oberste Sinninstanz menschlicher Existenz nicht erfüllen konnten, sollten und durften. Das Ende der Ontologie als Leitidee des menschlichen Denkens, wie es schon immer, aber global so wirksam seit dem 18. Jahrhundert mit der Aufklärung postuliert worden war, bedeutete für Cassirer nicht, dass an deren Stelle jetzt Materialismus und Naturalismus zu treten hätten.

Ernst Cassirers „Philosophie der symbolischen Formen“ ist in diesem Sinne als ein Versuch zu lesen, eine gleichsam immanente Transzendenz als Kern menschlicher Existenz zu entfalten und festzuhalten – das heißt, er wollte die Sinnhaftigkeit menschlicher kultureller Tätigkeit und ihrer Sinngebilde als etwas retten, was mehr ist, als das bloße Produkt von etwa mit Hilfe der Chemie, Physik oder Biologie stofflich quantifizierbarer, exakt mathematisierbarer Vorgänge, ohne dafür gleichzeitig metaphysische oder theologische Annahmen in Anspruch nehmen zu müssen. Die Liebe beispielsweise ist für Cassirer immer noch mehr als das Produkt eines Stoffwechselvorgangs im Gehirn, aber auch etwas, was nicht mehr durch die Annahme oder den Bezug auf die Existenz Gottes begründet und verstanden werden muss. So ist die Philosophie Ernst Cassirers ein gleichsam immerwährender, umfangreicher, im Prinzip unabschließbarer Versuch, den Strukturen und Bedingungen menschlicher Sinnproduktion und ihrer Gebilde auf die Spur zu kommen, ohne dafür einen wissenschaftlichen Materialismus, eine Ontologie oder religiösen Glauben als Letzterklärung zu benutzen. In anderen Worten ausgedrückt: Er wollte mit seiner „Philosophie der symbolischen Formen“ systematisches und historisches Denken versöhnen.

Fluchtpunkt dieser Versöhnung ist der Mensch als „animal symbolicum“, wie es der 1933 aus dem Deutschland des Nationalsozialismus emigrierte Philosoph, der 1945 in New York gestorben ist, ein Jahr vor seinem Tod in seinem Werk „Essay on Man“ (zu deutsch: „Versuch über den Menschen“) schreibt. Heute wird für diesen Zusammenhang der Begriff der grundsätzlichen Verfasstheit des Menschen als mediales Wesen benützt. Medialität hier heißt: Sinn und Sinnlichkeit sind immer schon untrennbar miteinander verwoben, es lässt sich das eine nicht ohne das andere haben, und schon in den einfachsten Lebensvollzügen des Menschen ist seine Sinnlichkeit immer mit Sinn verbunden, wie Sinn immer der sinnlichen Vermittlung bedarf. Das etwa, was in der Literatur oder Dichtkunst der Mensch schreibt oder singt, ist nicht ohne das Blatt Papier, auf das er schreibt, den Einsatz seiner Hände, das Führen des Schreibstifts, die Tinte des Schreibstifts, den Anschlag der Computertastatur, oder den stimmlichen Laut beim Singen zu haben, beides ist untrennbar verbunden, wobei beides nicht rückhaltlos aufeinander zurückzuführen ist, immer ein Mehr bleibt.

Und auch in immer komplizierter werdenden kulturellen Zusammenhängen bleibt Sinn vermittelt und auf Vermittlung, also immer raffiniertere Medien angewiesen. Cassirer nennt diese Medien „symbolische Formen“ – zum Beispiel den Mythos, die Sprache, die Religion, die Technik oder die Wissenschaft. Hier überall ist für Cassirer zu beobachten und zu beschreiben, was Aufgabe der Philosophie ist, die so unter der Hand wieder zur Leitwissenschaft wird, wie der Mensch Symbole entwickelt, um mit ihnen die Wirklichkeit zu verstehen und zu gestalten. Nicht erst mit seinem Hauptwerk „Philosophie der symbolischen Formen“, sondern auch in früheren Werken schon wird deutlich, wie sehr dieses Konzept dessen, was heute Medialität heißt, die Mitte des Philosophierens Ernst Cassirers ist: 1910 etwa veröffentlichte er „Substanzbegriff und Funktionsbegriff“, 1916 „Freiheit und Form“. Nicht den Substanzbegriff gegen den Funktionsbegriff, nicht die Freiheit gegen die Form auszuspielen, ist das Anliegen Cassirers, sondern zu zeigen, wie das eine nicht ohne das andere auskommt – die Freiheit des Menschen Formen und Formungen braucht, diese Formen und Formungen aber nicht erstarren können und dürfen, weil der Mensch frei ist. Cassirer hat dies an Hand der Großen der Kulturgeschichte analysiert, was seine Lektüre bisweilen erschwert, weil sie bildungsbürgerlich bieder daher kommt. Ausdauer lohnt aber. Allein revolutionär zu sein, schützt nicht vor Irrtum.

[Ernst Cassirer, Gesammelte Werke, Band 11 bis 13, Philosophie der symbolischen Formen, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2001/2002, Band I und II 62 Euro, Band III 92 Euro; Teil 47 aus der Reihe „Sechzig Hauptwerke der Philosophie“, © Die Tagespost vom 18. Oktober 2008]