Ernsthaftes Studieren führt zu Gott - Ziel und Sommerkurse von „Phoenix Europe“

Interview mit Christiaan W.J.M. Alting von Geusau, Präsident von „Phoenix Europe“

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WIEN, 29. November 2007 (ZENIT.org).- Das „Phoenix Institute“ entstand 1987 in den USA. Zehn Jahre später gründete Christiaan Alting Von Geusau die europäische Schwesterorganisation Phoenix Europe. Die große Inspiration dieser Initiative: „Dass wir einfach sehen, dass junge Leute das tiefe Bedürfnis haben, die Wahrheit des Menschseins zu erkennen und dass ihnen dabei geholfen wird. Und das kann nur geschehen, wenn der ganze Mensch in den Blick genommen wird.



Unser Leitfaden lautet daher: ‚What is it to be human? – Was bedeutet es, Mensch zu sein?‘, und wir gehen den damit verbundenen Fragen auf den Grund.“

Alting Von Geusau hat immer wieder erlebt, dass die Menschen enorme Entdeckungen gemacht hätten. Aber das ist noch nicht alles: „Sie erleben auch Bekehrungen, ohne dass das in unserer Agenda ist; ja, auch große Bekehrungen.“ Warum? „Weil sie über die intellektuelle Schiene ganz ohne Bedrohung Gott auf einmal Auge in Auge gegenüberstehen. Wenn man das große Erbe unserer westlichen Kultur mit offenem Herzen studiert, dann begegnet man Christus immer. Das ist nicht zu vermeiden.“

ZENIT: Das „Phoenix Institute“ bemüht sich darum, junge Menschen zu einem engagierten Menschsein zu ermutigen. Worum geht es genau dabei?

Alting Von Geusau: Über die intellektuelle Schiene will man jungen Menschen insbesondere im Alter von 20 bis 35 Jahren ein tieferes Verständnis der christlich-abendländischen Kultur vermitteln. Das heißt, wir bauen auf den Säulen dieser Kultur auf: dem griechischen und römischen Gedankengut und das Judentum, dass sich dann entfaltet und weiterentwickelt ins Christentum.

Wir versuchen, junge Menschen durch unsere Sommerkurse – durch ein sehr intensives „Freundschaft bildendes Programm“, wie wir es nennen – allumfassend zu bilden, indem wir auf den ganzen Menschen eingehen, das heißt, es geht nicht nur um die Vernunft, sondern auch um den Geist, das Geistliche. Die Leute sollten auch ein tieferes Verständnis vom christlichen Glauben und dessen Weltanschauung bekommen.

ZENIT: An wen wenden sich diese Kurse?

Alting Von Geusau: An Menschen mit einem akademischen Hintergrund. Man wird nur dann zu einem Kurs zugelassen, wenn man mindestens ein Jahr Studium hinter sich hat. Grundsätzlich eignet sich der Kurs am besten für die, die entweder bereits gläubig sind, oder die dem Christentum offen gegenüberstehen und mehr darüber und über das westliche Erbe als Ganzes erfahren wollen.

Wir sind ganz bewusst keine konfessionelle oder religiöse Einrichtung, weil eben auch Nichtchristen ganz herzlich willkommen sind. Jedes Jahr lernen wir Menschen kennen, die keine Christen sind und sich dennoch sehr von unseren Kursen angezogen fühlen.

ZENIT: In diesem Jahr fand Ihr zehnter Europäischer Sommerkurs in Wien statt. Wie mir einige Teilnehmer erklärt haben, ging es dabei im Wesentlichen um drei große Themen: Wahrheit, Schönheit und Mut.

Alting Von Geusau: Wir beginnen unsere Sommerkurs immer damit, dass wir eine Art Leitfaden anbieten. Zunächst wird unser „Mission Statement“ eingehend beleuchtet, in dem erklärt wird, was das „Phoenix Institute“ ist und in dem auch die drei Themen enthalten sind, die Sie angesprochen haben.

Wahrheit, Schönheit und Mut wurden während des ganzen Kurses thematisiert – nicht nur in den Vorlesungen, sondern auch in den Diskussionen, während der Mahlzeiten usw. Sie wurden immer weiter vertieft, weil es in unserer Zeit nicht oft genug gesagt werden kann: Es gibt Wahrheit, und die Wahrheit können wir suchen. Und es ist gut, nach der Wahrheit zu suchen; man braucht keine Angst davor zu haben.

Das zu erfahren, ist eine große Befreiung, wie man in den Berichten der Studenten immer wieder liest. Denn in unserer heutigen Welt darf man eigentlich nicht mehr über Wahrheit sprechen, weil das als politisch unkorrekt oder hinfällig betrachtet wird.

Wenn junge Leute plötzlich in eine Umgebung kommen, wo gesagt wird: „Hier bist du frei, nach Wahrheit zu suchen, denn es gibt sie“, verspüren sie eine enorme Befreiung.

ZENIT: Sie haben vor kurzem erklärt, dass die Grundidee Ihres Instituts auch in den Worten zum Ausdruck kommt, die Papst Benedikt XVI. in Mariazell geäußert hat. Was meinen Sie genau?

Alting Von Geusau: Ich war mit 33.000 anderen Pilgern in Mariazell und stand dort im Regen, habe aber trotzdem mit großer Freude der Predigt des Papstes zugehört, in der er so schön sagte, dass das große Problem beziehungsweise die Krise der westlichen Welt damit zu tun hat, dass man nicht mehr an die Wahrheit glaubt; dass alles relativiert wird und für Wahrheit kein Platz mehr da ist.

Der Papst bekräftigte: Ja, es gibt Wahrheit. Aber wenn wir das nicht mehr akzeptieren, werden wir den Unterschied zwischen gut und böse nicht mehr verstehen. Und dann geht auch die Wissenschaft in eine völlig unkontrollierbare Richtung.

Mich hat das nicht nur wegen der schönen Predigt getroffen, sondern auch, weil das genau das Thema war, was wir im Sommer mit 40 Studenten aus zehn verschiedenen Ländern wirklich tief erörtert haben.

ZENIT: Studiert wurde während dieser zweieinhalb Wochen Dantes „Göttliche Komödie“. Welche Botschaft enthält dieses Werk für den modernen Menschen?

Alting Von Geusau: Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wo ich beginnen soll. Um es kurz zusammenzufassen, möchte ich nur sagen, dass dieses Werk so schön ist, weil in ihm die ganze christliche Weltanschauung entfaltet wird.

Man geht mit und durch Dante Schritt für Schritt durch die Hölle, dann durch das Fegefeuer und gelangt schließlich in den Himmel. Dabei stößt man auf alle Tugenden und alle Sünden – im Letzten all das, womit der Mensch im Alltag zu tun hat.

Dante beschreibt das sehr genau, und sein Werk ist einfach heute noch höchst aktuell, wie die Studenten selbst entdeckt haben. Es ist auch ein tief philosophisches und theologisches Werk.

ZENIT: Bedarf es einer Anleitung, um dieses Werk zu verstehen?

Alting Von Geusau: Man muss Dante mehrere Male lesen, um überhaupt anzufangen, den Reichtum dieses Werks auszuloten.

Aber wenn man Dante tatsächlich richtig verstehen will, dann müsste man schon geführt oder begleitet werden – von jemandem, der sich besser auskennt. Das haben wir in diesem Sommer sehen können.

Verschiedene Studenten sagten, dass sie versucht hätten, das Buch zu lesen, aber dabei nicht sehr weit gekommen wären. Nach dem Kurs erklärten sie, dass sie eine große Liebe zu diesem Werk entwickelt hätten. Eine Studentin hat mittlerweile in Kroatien eine Dante-Gruppe gebildet, in der Dantes „Göttliche Komödie“ gelesen wird. Eine andere Studentin – sie kam aus Spanien – hat beim Dekan ihrer Universität angesucht, damit dieses Werk zur Pflichtlektüre wird.

Das sind zwei Zeichen, die eindeutig darauf hinweisen, dass junge Menschen – wenn sie richtig eingeführt werden – eine tiefe Liebe und ein großes Interesse für die Quellen, die großen Meister und Denker unserer westlichen Tradition entwickeln und viel besser verstehen, was für einen Reichtum unsere Gesellschaft und der christliche Glaube darstellen.

ZENIT: Neben dem Seminar mit Professor Dolna über Dante gab es ein anderes Seminar über Verfassungsrecht und die menschliche Würde…

Alting Von Geusau: Richtig. Dabei wurde versucht, angesichts der heutigen Diskussionen im Rechtsbereich, wo man immer öfter sieht, dass die Gesetzgebung von der Moral Abschied nimmt, eine historische Einführung in das Verfassungsrecht und die diesbezüglichen Tendenzen auf internationaler Ebene zu geben. Des Weiteren wurde versucht, grundlegende Prinzipien herauszuarbeiten, etwa was zum Beispiel unter „Recht auf Leben“ zu verstehen ist, wie es in der UN-Menschenrechtserklärung festgeschrieben wurde, und was das dann auch bedeutet.

ZENIT: Bietet das „Phoenix Institute“ neben den Sommerkursen auch andere Bildungsmittel an?

Alting Von Geusau: Es gibt ein großes internationales Netzwerk von ehemaligen Kursteilnehmern, die in ihren jeweiligen Ländern sozusagen lokale Ableger des „Phoenix Institute“ aufgebaut haben. Überall dort, wo wir solche Vertretungen haben, ist ein nationales Team dafür zuständig, in völliger Freiheit Programme zu entwickeln.

In Mexiko gibt es beispielsweise jeden Monat einen Vortrag über ein Thema, das mit der Sendung des Institutes zu tun hat. In den Niederlanden haben wir vor einigen Jahren Masterkurse über Themen wie „Example and Leadership“ („Vorbild und Führungsstil“) angeboten. Jedes Land hat also seine eigenen Initiativen, und oft werden auch internationale Konferenzen organisiert. Von 1997 bis 2006 haben wir jedes Jahr einen internationalen Kongress über ein spezifisches Thema im Bereich der westliche Tradition veranstaltet.

ZENIT: Was waren die Themen der Sommerkurse der letzten Jahre?

Alting Von Geusau: Die Kurse haben immer dasselbe Hauptthema, nämlich das Studium der westlichen Institutionen, des westlichen Erbes. In diesem Rahmen werden dann jedes Jahr neue Spezialkurse angeboten, zum Beispiel: „Justice and the Rule of Law“ über das Gerechtigkeitsprinzip, „Romano Guardini’s Understanding of Christian Consciousness and Responisbility as a Cornerstone of Western Civilization” über die Entwicklung des christlichen Bewusstseins oder „Heroism in Western History and Culture“ über das Verständnis des Begriffs „Heldentum“ und dessen Auswirkungen in unseren Gesellschaft.

Es geht aber nicht nur um das Lernen, sondern auch um das Soziale: Wir wollen grenzüberschreitende Freundschaften zwischen den Studenten aufbauen, und von den Professoren wird erwartet, dass sie mitmachen und viel Zeit mit den Studenten verbringen, am besten – sollte das möglich sein – zusammen mit ihrem Ehemann beziehungsweise ihrer Ehefrau. Und wenn sie Kinder haben, dürfen die auch immer mitkommen. Wir wollen unseren Studenten ein lebendiges Beispiel davon geben, wie eine Familie funktionieren kann; dass das heutzutage sehr wohl möglich ist.

ZENIT: Wie sieht das Programm für den Sommerkurs 2008 aus?

Es wird zum ersten Mal ein längeres Programm hier in Wien geben – drei Wochen und drei Tage –, und in Zukunft soll es sogar vier Wochen dauern, wie es bei unseren Kursen in den USA schon seit längerem üblich ist. Professor Dr. Dolna wird im kommenden Jahr einen Kurs über Cervantes’ Don Quichote, den großen spanischen Schriftsteller, und die Tugendlehre leiten. Des Weiteren wird es einen Kurs über „Law, Religion and Persecution“ geben, über die Ausbildung der Religions(un)freiheit und das Religionsrecht in der Weltgeschichte. Vortragende sind ein großer Spezialist auf diesem Gebiet, Dr. Michael Bourdeaux aus Oxford, und der Rechtshistoriker Prof. Dr. Jan Lokin aus den Niederlanden. Nähere Informationen finden Sie unter www.phoenixeurope.org.

[Das Interview führte Dominik Hartig]