Erste Adventpredigt von P. Raniero Cantalamessa im Vatikan

„Seid wachsam!“

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ROM, 7. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, heute Vormittag in der Kapelle „Redemptoris Mater“ vor Papst Benedikt XVI. und dessen Mitarbeitern der Römischen Kurie gehalten hat.



Das Thema dieser ersten Betrachtung des Kapuzinerpaters zur Vorbereitung auf Weihnachten lautete: „Er hat durch den Sohn zu uns gesprochen“ (vgl. Hebr 1,2).

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P. Raniero Cantalamessa OFM Cap.
Advent 2007 im Päpstlichen Haus
Erste Predigt
JESUS VON NAZARETH, „EINER DER PROPHETEN?“



1. Die „dritte Forschung“

„Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt und durch den er auch die Welt erschaffen hat; er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt“ (Hebr 1,1-3).

Dieser Beginn des Briefes an die Hebräer bildet eine großartige Synthese der ganzen Heilsgeschichte. Sie wird aus der Aufeinanderfolge von zwei Zeiten gebildet: die Zeit, in der Gott durch die Propheten sprach, und die Zeit, in der Gott durch den Sohn spricht; die Zeit, in der er „durch eine andere Person“ sprach, und die Zeit, in der er „persönlich“ spricht. Der Sohn ist in der Tat „Abglanz seiner Herrlichkeit und Abbild seines Wesens“, das heißt – wie man später sagen wird – wesensgleich mit dem Vater.

Kontinuität und eine neue Qualität des Sprechens gehen zusammen. Es ist Gott selbst, der spricht, die Offenbarung selbst; die Neuheit besteht darin, dass jetzt der Offenbarer Offenbarung wird – Offenbarung und Offenbarer fallen zusammen. Die Einführungsformel in die Prophezeiungen ist dafür der beste Beweis. Es heißt nicht mehr: „Der Herr sagt“, sondern: „Ich sage euch.“

Im Licht dieses mächtigen Wortes Gottes, vor dem wir in Hebr 1,1-3 stehen, versuchen wir in diesen Adventspredigten zu einer Unterscheidung der Meinungen zu gelangen, die heute über Jesus in und außerhalb der Kirche in Umlauf sind, so dass wir an Weihnachten vorbehaltlos unsere Stimme mit jener der Liturgie vereinen können, die ihren Glauben an den in diese Welt gekommenen Sohn Gottes erklärt. Wir werden ständig auf den Dialog von Cäsarea Philippi zurückgeführt: Ist Jesus für mich „einer der Propheten“, oder ist er der „Sohn des lebendigen Gottes“(vgl. Mt 16,14-16)?

Im Bereich der historischen Studien, die über Jesus angestellt werden, erleben wir jetzt die so genannte „dritte Forschung“. Sie heißt so, um sie sowohl von der „alten historischen Forschung“ rationalistischer und liberaler Prägung, die ab dem Ende des 18. Jahrhunderts das ganze 19. Jahrhundert beherrschte, als auch von der so genannten „neuen historischen Forschung“ zu unterscheiden, die um die Mitte des letzten Jahrhunderts als Reaktion auf die These von Bultmann begann, der den historischen Jesus für unerreichbar und darüber hinaus als irrelevant für den christlichen Glauben erklärt hatte.

Worin unterscheidet sich die „dritte Forschung“ von den vorhergehenden? Vor allem in der Überzeugung, dass wir dank der Quellen vom historischen Jesus sehr viel mehr wissen können, als in der Vergangenheit zugegeben wurde. Vor allem aber unterscheidet sich die dritte Forschung in den Kriterien, um zur historischen Wahrheit über Jesus zu gelangen. Dachte man früher, dass das grundlegende Kriterium zur Sicherung der Wahrheit einer Tatsache oder eines Ausspruchs Jesu darin bestehe, dass er sich in Kontrast zu dem befand, was in der jüdischen Welt seiner Zeit getan oder gedacht wurde, so wird es jetzt im Gegenteil dazu in der Vereinbarkeit einer Gegebenheit des Evangeliums mit dem Judaismus jener Zeit gesehen. War vorher der Garant für die Authentizität eines Ausspruchs oder einer Tatsache ihre Neuheit und „Unerklärbarkeit“ hinsichtlich des Umfeldes, so besteht sie jetzt – ganz im Gegenteil dazu – in ihrer Erklärbarkeit im Licht unserer Kenntnisse über den Judaismus und der sozialen Verhältnisse Galiläas in jener Zeit.

Einige Vorzüge dieser neuen Konzeption sind offensichtlich. Die Kontinuität der Offenbarung wird wiederentdeckt. Jesus steht innerhalb der jüdischen Welt, in der Linie der biblischen Propheten. Man lächelt sogar über die Idee, die es da einmal gab, als man glaubte, das gesamte Christentum mit dem Rückgriff auf hellenistische Einflüsse erklären zu können.

Das Schlimme ist, dass man so weit über diese Eroberung hinausgegangen ist, dass sie in einen Verlust verwandelt wurde. Bei vielen Vertretern dieser dritten Forschung endet es damit, dass Jesus völlig in der jüdischen Welt aufgeht, ohne sich davon zu unterscheiden, es sei denn, in kleinen Details sowie durch einige besondere Interpretationen der Torah. Einer der jüdischen Propheten, oder – so sagt man gerne – einer der „charismatischen Wanderprediger“. Bezeichnend ist der Titel einer berühmten französischen Arbeit von J.D. Crossmann: „Der historische Jesus. Das Leben eines jüdischen Bauern im Mittelmeerraum“.

Ohne bis zu diesen Exzessen zu kommen, liegt auch der bekannteste Autor und in gewisser Hinsicht Initiator der dritten Forschung, E.P. Sanders, auf derselben Linie. (E.P. Sanders, Jesus and Judaism, London 1985) Die Kontinuität war wiedergefunden worden – und die Neuheit ging verloren. Die allgemeine Verbreitung der Thesen, auch bei uns in Italien, vollendete diesen Prozess, indem sie das Bild eines Jesus als „Jude unter Juden“ propagierte, der fast nichts Neues getan hat, von dem aber weiterhin gesagt wird (wie, das weiß man nicht), dass er „die Welt verändert“ hätte.

Den Generationen von Gelehrten der Vergangenheit wird weiterhin vorgeworfen, dass sie sich jedes Mal ein Bild von Jesus entsprechend der Mode oder den Geschmäckern des Augenblicks konstruiert hätten, und es wird nicht bemerkt, dass man auf derselben Linie weiter dasselbe tut. Dieses Beharren auf Jesus als „Jude unter Juden“ hängt nämlich wenigstens zum Teil vom Wunsch ab, das historische Unrecht wiedergutzumachen, das gegen dieses Volk begangen wurde, und den Dialog zwischen Juden und Christen zu fördern. Ein ausgezeichnetes Ziel, das – wie wir sofort sehen werden – mit einem (aufgrund dessen, wie es benutzt wird) falschen Mittel verfolgt wird. Es handelt sich nämlich um eine nur scheinbar judenfreundliche Tendenz. In Wirklichkeit endet man damit, der jüdischen Welt eine weitere Verantwortung aufzuerlegen: die Verantwortung, einen von ihnen nicht erkannt zu haben; einen, dessen Lehre mit dem, was sie selbst glaubte, vollkommen vereinbar war.

2. Rabbi Neusner und Benedikt XVI.

Wer das Trügerische dieser Konzeption mit dem Ziel eines wahren Dialogs zwischen Judentum und Christentum ins Licht gesetzt hat, war gerade ein Jude, der amerikanische Rabbiner Jakob Neusner. Wer das Buch Papst Benedikts XVI. über Jesus von Nazareth gelesen hat, weiß bereits einiges über das Denken dieses Rabbiners, mit dem er in einem der mitreißendsten Kapitel des Buches in einen Dialog eintritt. Ich fasse dies in Kürze zusammen.

Der namhafte jüdische Gelehrte hat ein Buch mit dem Titel „Ein Rabbi spricht mit Jesus“ geschrieben. In ihm stellt er sich vor, ein Zeitgenosse Christi zu sein, der sich eines Tages der Menge anschließt, die ihm folgt, und die Bergpredigt hört. Er erklärt, warum er – obwohl ihn die Lehre und die Person des Galiläers faszinieren – schließlich schweren Herzens begreift, dass er nicht sein Jünger werden kann. Und so beschließt er, Jünger des Mose und Nachfolger der Torah zu bleiben.

Alle Gründe für seine Entscheidung reduzieren sich am Ende auf einen einzigen: Um das, was dieser Mann sagt, anzunehmen, muss ihm die Autorität Gottes zuerkannt werden. Er beschränkt sich nicht darauf, die Torah zu „erfüllen“, sondern er ersetzt sie. Bewegend ist der Meinungsaustausch, den der Rabbi nach seiner Begegnung mit Jesus in der Synagoge mit seinem Meister hat:

Meister: „Hat dein Jesus etwas (von der Torah) ausgelassen?
Rabbi Neusner: „Nichts.“
Meister: „Hat er dann etwas hinzugefügt?“
Rabbi Neusner: „Ja, sich selbst.“

Ein interessantes Zusammentreffen: Es ist dies dieselbe Antwort, die der hl. Irenäus im 2. Jahrhundert denen gab, die sich fragten, was Christus mit seinem Kommen in die Welt an Neuem gebracht hätte. „Er hat“ – so schrieb er – „alle Neuigkeit gebracht, indem er sich selbst gebracht hat – omnem novitatem attulit semetipsum afferens.“ (Hl. Irenäus, Adv. Haer. IV,34,1)

Neusner hat die Unmöglichkeit verdeutlicht, aus Jesus einen „normalen“ Juden seiner Zeit oder ihn zu einem zu machen, der sich davon nur in Punkten von zweitrangiger Bedeutung unterschied. Er hatte noch ein weiteres großes Verdienst, nämlich die Nutzlosigkeit jedes Versuchs zu beweisen, den historischen Jesus vom Christus des Glaubens zu trennen. Er macht sichtbar, wie die Kritik dem historischen Jesus alle Titel nehmen kann: Sie kann leugnen, dass er sich zu Lebzeiten den Titel des Messias, des Herrn, des Sohnes Gottes zugeteilt hat oder ihm diese zugeteilt wurden. Nachdem ihm alles nach Belieben genommen wurde, ist das, was in den Evangelien bleibt, mehr als ausreichend, um zu beweisen, dass er sich nicht für einen einfachen Menschen hielt. So wie ein Partikel eines Haares, ein Tropfen Schweiß oder Blut ausreichend sind, um die DNS eines Menschen zu rekonstruieren, so reicht ein fast zufällig genommener Spruch des Evangeliums, um das Bewusstsein zu beweisen, das Jesus davon hatte, dass er mit Autorität Gottes selbst handelte.

Als guter Jude weiß Neusner, was es heißt zu sagen: „Der Menschsohn ist auch Herr des Sabbats“, da der Sabbat die göttliche „Einrichtung“ schlechthin ist. Er weiß, was es bedeutet, wenn man sagt: „Wenn du vollkommen sein willst, so komm und folge mir nach.“ Dies will heißen, dass das alte Paradigma der Heiligkeit, das in der Nachahmung Gottes besteht („Ihr seid heilig, weil ich, euer Gott heilig bin“), mit dem neuen Paradigma ersetzt wird, das in der Nachahmung Christi besteht. Er weiß, dass nur Gott von der Erfüllung des 4. Gebots suspendieren kann, wie es Jesus tut, als er von einem fordert, darauf zu verzichten, seinen Vater zu begraben. Als Neusner diese Aussprüche Jesu kommentiert, ruft er aus: Es ist der Christus des Glaubens, der hier spricht (vgl. Jacob Neusner, Ein Rabbi spricht mit Jesus).

In seinem Buch antwortet der Papst ausführlich und auf eine für den Gläubigen überzeugende und erhellende Weise auf die Schwierigkeit des Rabbi Neusner. Seine Antwort lässt mich an die Antwort denken, die Jesus selbst den von Johannes dem Täufer entsandten Boten gab, als sie ihn fragen: „Bist du derjenige, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Mit anderen Worten: Jesus hat nicht nur für sich eine göttliche Autorität beansprucht, sondern er hat auch Zeichen und Garantien als Beweis gegeben: die Wunder, seine Lehre selbst (die sich nicht in der Bergpredigt erschöpft), die Erfüllung der Prophezeiungen, vor allem der Prophezeiungen des Moses hinsichtlich eines ihm ähnlichen und übergeordneten Propheten; dann sein Tod, seine Auferstehung und die aus ihm entstandene Gemeinschaft, welche die Universalität des von den Propheten angekündigten Heils verwirklicht.

3. „Ermahnt euch gegenseitig“

An diesem Punkt wäre es notwendig, eine Anmerkung zu machen: Das Problem der Beziehung zwischen Jesus und den Propheten stellt sich nicht allein im Kontext des Dialogs zwischen Christentum und Judentum, sondern auch innerhalb der christlichen Theologie selbst, wo es nicht an Versuchen gefehlt hat, die Persönlichkeit Christi mit dem Rückgriff auf die Kategorie des Propheten zu erklären. Ich bin von der radikalen Unzulänglichkeit einer Christologie überzeugt, die den Anspruch erhebt, den Titel „Prophet“ zu isolieren und auf ihm das gesamte Gebäude der Christologie neu zu gründen.

Darüber hinaus ist dieser Versuch mitnichten neu. Er wurde in der Antike von Paulus von Samosata, Photinus und anderen auf fast identische Weise vorgeschlagen. Damals sprach man in einer metaphysisch orientierten Kultur vom „höchsten Propheten“; heute, in einer Kultur historischer Ausrichtung, spricht man vom eschatologischen Propheten. Ist aber „eschatologisch“ von „höchster“ so verschieden? Kann einer der höchste Prophet sein, ohne auch der endgültige Prophet zu sein, und kann der endgültige Prophet nicht auch der höchste der Propheten sein?

Eine Christologie, die nicht über die Kategorie eines Jesus als „eschatologischen Propheten“ hinausgeht, stellt sehr wohl – wie es in der Absicht derer liegt, die sie vorschlagen – eine Modernisierung der antiken Gegebenheit dar; modernisiert wird aber nicht das, was die Konzilien definierten, sondern vielmehr das, was sie verurteilt haben.

Aber ich insistiere nicht auf dieses Problem, mit dem ich mich in früheren Jahren an diesem selben Ort auseinandergesetzt habe. (vgl. Adventsmeditationen 1989, gesammelt im Buch: Gesú Cristo, il Santo di Dio, cap. VII, Edizioni San Paolo 1999, 4. Ausgabe) Ich möchte vielmehr sofort auf einige praktische Anwendungen der bis hierhin entwickelten Überlegungen übergehen, die uns helfen, aus dem Advent eine Zeit der Umkehr und des geistlichen Erwachens zu machen.

Der Schluss, den der Brief an die Hebräer aus der Überlegenheit Christi gegenüber den Propheten und Mose zieht, ist kein triumphalistischer, sondern ein paränetischer Schluss; er legt den Akzent nicht auf die Überlegenheit des Christentums, sondern auf die größere Verantwortung der Christen vor Gott. Er lautet: „Darum müssen wir umso aufmerksamer auf das achten, was wir gehört haben, damit wir nicht vom Weg abkommen. Denn wenn schon das durch Engel verkündete Wort rechtskräftig war und jede Übertretung und jeder Ungehorsam die gerechte Vergeltung fand, wie sollen dann wir entrinnen, wenn wir uns um ein so erhabenes Heil nicht kümmern, das zuerst durch den Herrn verkündet und uns von den Ohrenzeugen bestätigt wurde?“ (Hebr 2,1-3). „Ermahnt einander jeden Tag, solange es noch heißt: Heute, damit niemand von euch durch den Betrug der Sünde verhärtet wird“ (Hebr 3,13).

Und im 10. Kapitel fügt er hinzu: „Wer das Gesetz des Mose verwirft, muss ohne Erbarmen auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen hin sterben. Meint ihr nicht, dass eine noch viel härtere Strafe der verdient, der den Sohn Gottes mit Füßen getreten, das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, verachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat?“ (Hebr 10,28-29).

Das Wort, mit dem wir uns gemäß der Einladung des Autors gegenseitig ermahnen wollen, ist das, welches die Liturgie am letzten Sonntag vernehmen lassen hat und den Ton der ganzen ersten Adventswoche angibt: „Seid wachsam!“ Dabei ist es interessant, einen Punkt hervorzuheben. Wenn nach Ostern die apostolische Katechese wieder aufgenommen wird, so findet sich dieses Wort Jesu fast immer in aktiver Form: Dann heißt es nicht: „Seid wachsam“, sondern: „Wacht auf“, erwacht aus dem Schlaf! Vom Zustand des Wachsamseins geht man zur Handlung des Erwachens über.

An der Basis liegt die Feststellung, dass wir in diesem Leben einem chronischen Rückfall in den Schlaf ausgesetzt sind, das heißt in einen Zustand der Suspension unserer Möglichkeiten, der Einschläferung, der geistlichen Träge. Die materiellen Dinge haben eine anästhesierende Wirkung auf die Seele. Aus diesem Grund empfiehlt Jesus: „Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren“ (Lk 21,34).

Es kann uns zu einer nützlichen Gewissenserforschung dienlich sein, die Beschreibung zu hören, die der hl. Augustinus von diesem Zustand des Halbschlafes in den Bekenntnissen gibt: „So lag die Last der Welt, wie auf einem Schlafenden, sanft auf mir, und die Gedanken, welche ich sinnend auf dich richtete, glichen den Anstrengungen derer, die aufstehen wollen, aber von der Tiefe, des Schlafes überwältigt wieder zurücksinken. (…) So war ich gewiss, es sei besser, mich deiner Liebe hinzugeben als meiner Lust nachzugeben; aber jene gefiel mir und überwand mich, diese gelüstete mich und band mich. Nichts hatte ich dir zu erwidern, mein Gott, wenn du zu mir sprachst: Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten, so wird Christus dich erleuchten! Und wenn du mir offenbartest die Wahrheit deines Wortes, so hatte ich, von der Wahrheit überzeugt, überhaupt keine Antwort als höchstens die träumigen und säumigen Worte: Im Augenblick, ja gleich, warte nur ein wenig! Aber dieser Augenblick hatte kein Ende, und dies ‚Warte ein wenig!’ zog ich in die Länge.“ (Hl. Augustinus, Confessiones, VIII, 5,12)

Wir wissen, wie der Heilige schließlich aus diesem Zustand herauskam. Er war in einem Garten in Mailand, zerrissen von diesem Kampf zwischen dem Fleisch und dem Geist. Er hörte die Worte eines Lieds: „Tolle, lege, tolle, lege” („Nimm, lies; nimm, lies“). Er verstand sie als eine göttliche Einladung. Er hatte das Buch der Briefe des Paulus bei sich, schlug es auf, fest entschlossen, den ersten Absatz, auf den sein Blick fiel, als Wort Gottes für ihn zu verstehen. Sein Blick fiel auf den Text, den wir am vergangenen Sonntag als zweite Lesung während der Heiligen Messe gehört haben:

„Bedenkt die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht. Legt (als neues Gewand) den Herrn Jesus Christus an und sorgt nicht so für euren Leib, dass die Begierden erwachen“ (Röm 13,11-14). Ein Licht der Heiterkeit ging durch Augustinus’ Leib und Seele, und er erkannte, dass er mit Gottes Hilfe keusch leben konnte.

4. „Gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit“

Die Ereignisse um Augustinus drängen mich dazu, in meine Überlegungen etwas Aktuelles einzubringen. Letzte Woche strahlte das italienische Fernsehen RAI1 eine Vorstellung des Komikers Roberto Benigni aus, die hohe Einschaltquoten verzeichnete. Es handelte sich in Zügen neben dem künstlerischen und literarischen Aspekt um eine Lektion höchster religiöser Kommunikation, von der wir Prediger so viel zu lernen hätten: die Fähigkeit, dem Sinn für das Ewige im Menschen, dem Staunen vor dem Geheimnis, der Kunst, der Schönheit und der einfachen Tatsache, dass es uns gibt, Worte zu verleihen.

Leider lancierte der Komiker – vielleicht nicht absichtlich – eine Botschaft, die für die Jugend eine schlimme Auswirkung haben könnte und somit berichtigt werden muss. Um seine Einladung zu stützen, keine Angst vor den Leidenschaften zu haben, den Schwindel der Liebe auch in ihrer fleischlichen Dimension zu erfahren, zitierte er den Satz, den Augustinus zu Gott spricht: „Gib mir Keuschheit und Enthaltsamkeit, aber nicht jetzt.“ (Hl. Augustinus, Confessiones, VIII, 6,17) – als ob man vorher alles erfahren müsste, um dann, vielleicht im Alter, wenn es keine Mühe mehr macht, keusch zu leben.

Was der Komiker nicht gesagt hat, ist, bis zu welchem Punkt es Augustinus in der Folge zu bereuen hatte, als junger Mann so gebetet zu haben, und wie viele Tränen es ihm gekostet hat, sich von der Knechtschaft der Leidenschaften zu befreien, der er sich in die Arme geworfen hatte. Er hat nicht an das Gebet erinnert, mit dem der Heilige das soeben erwähnte ersetzen wird, nachdem er die Freiheit wiedererlangt hat. „Enthaltsamkeit befiehlst du; gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst.“ (Ebd. X, 29)

Ich glaube nicht, dass die Jugendlichen von heute ermutigt werden müssen, sich „fallen zu lassen“ beziehungsweise alles „auszuprobieren“, die Schranken abzubrechen (alles drängt sie kopfüber in diese Richtung – mit den tragischen Ergebnissen, die wir kennen). Sie brauchen jemanden, der ihnen solide Motivationen gibt, und zwar sicherlich nicht dazu, um keine Angst vor ihrem Leib und der Liebe zu haben, sondern, wenn überhaupt, um Angst davor zu haben, sich gegenseitig zu ruinieren.

Im Gesang des „Inferno“, den der Komiker wunderbar kommentierte, bietet Dante eine dieser tiefen Motivationen, über die allerdings hinweggegangen wurde. Das Übel besteht darin, die Vernunft dem Instinkt zu unterordnen, statt den Instinkt der Vernunft: „Intesi ch’a così fatto tormento / enno dannati i peccator carnali / che la ragion sommettono al talento” („Ich merkte, dass mit einer solchen Pein/die Fleischessünder hier gepeinigt waren,/ die die Vernunft dem Treib zulieb entweihn“). Der Instinkt (der Trieb) erfüllt seine Aufgaben, wenn er von der Vernunft reguliert ist; im gegenteiligen Fall wird er zum Feind, nicht zum Verbündeten der Liebe und führt sodann zu den schlimmsten Verbrechen, von denen uns das jüngste Tagesgeschehen Beispiele geliefert hat.

Kommen wir aber wieder zurück auf das, was uns mehr betrifft: Das geistliche Leben reduziert sich gewiss nicht allein auf die Keuschheit und Reinheit, sicher ist aber, dass ohne sie jede in andere Richtungen gehende Bemühung unmöglich wird. Sie ist wirklich, wie sie Paulus im zitierten Text nennt, eine „Waffe des Lichts“; eine Bedingung dafür, dass das Licht Christi sich um uns herum und durch uns verbreitet.

Heutzutage neigt man dazu, die Sünden gegen die Reinheit und die Sünden gegen den Nächsten einander entgegenzusetzen. Als wahre Sünde wird dabei nur die Sünde gegen den Nächsten betrachtet. Man scherzt manchmal über den übertriebenen Kult, der in der Vergangenheit der „schönen Tugend“ gewidmet wurde. Diese Haltung ist teilweise erklärbar; die Moral hatte in der Vergangenheit zu einseitig die Sünden des Fleisches betont, dies bis hin zur Schaffung wahrer Neurosen zum Schaden der Pflichten gegenüber dem Nächsten und zum Schaden der Tugend der Reinheit selbst, die auf diese Weise verarmte und auf eine fast ausschließliche negative Tugend reduziert wurde, die Tugend des Neinsagens.

Jetzt aber ist man zum gegenteiligen Extrem übergegangen und neigt dazu, die Sünden gegen die Reinheit zu minimalisieren, zum oft nur behaupteten Vorteil einer Aufmerksamkeit gegenüber dem Nächsten. Es ist eine Illusion zu glauben, einen echten Dienst an den Brüdern, der immer Opfer, Altruismus, Selbstvergessenheit und Großherzigkeit erfordert, mit einem ungeordneten persönlichen Leben zu vereinbaren, das ganz darauf ausgerichtet ist, sich selbst und die eigenen Leidenschaften zufriedenzustellen. Man endet unvermeidlich dabei, die Brüder so zu instrumentalisieren, wie man seinen eigenen Körper instrumentalisiert. Wer nicht zu sich selbst Nein sagen kann, ist nicht imstande, zu den Brüdern Ja zu sagen.

Eine der „Entschuldigungen“, die am meisten dazu beitragen, die Sünde der Unreinheit in der Mentalität der Menschen zu begünstigen und sie jeglicher Verantwortung zu entheben, besteht darin, dass sie ja keinem Leid zufüge; dass sie die Rechte und die Freiheit der anderen nicht verletze, es sei denn – so wird gesagt – es handle sich um Vergewaltigung. Abgesehen aber von der Tatsache, dass sie das grundlegende Recht Gottes verletzt, seinen Geschöpfen ein Gesetz zu geben, ist diese „Entschuldigung“ auch gegenüber dem Nächsten falsch. Es ist nicht wahr, dass die Sünde der Unreinheit bei dem endet hat, der sie begeht.

Im jüdischen Talmud ist ein Apolog zu lesen, der gut die Gemeinsamkeit mit dem erläutert, was in der Sünde gegeben ist, und dem Schaden, den jede auch persönliche Sünde den anderen zufügt: „Einige Menschen waren auf einem Boot. Einer von ihnen nahm einen Bohrer und begann, ein Loch unter sich zu bohren. Die anderen Passagiere sahen dies und sagten ihm: ‚Was machst du?’ Er antwortete: ‚Was geht euch das an? Bohre ich etwa nicht das Loch unter meinem Sitz?’ Sie aber erwiderten: ‚Ja, aber das Wasser wird eintreten, und wir alle werden ertrinken!’“ Geschieht nicht gerade dies in unserer Gesellschaft? Auch die Kirche weiß etwas von dem Übel, das dem ganzen Leib mit den in diesem Bereich begangenen persönlichen Fehlern zugefügt werden kann.

Eines der wichtigsten geistlichen Ereignisse dieser letzten Monate war die Veröffentlichung der „persönlichen Schriften“ von Mutter Teresa von Kalkutta. Der für das Buch gewählte Titel ist das Wort, das Christus an sie richtete, als er sie zu ihrer neuen Sendung berief: „Come, be my light“ – Komm, sei mein Licht in der Welt. Es ist dies ein Wort, das Jesus an einen jeden von uns richtet und das wir mit Hilfe der allerseligsten Jungfrau und der Fürsprache der Seligen von Kalkutta mit Liebe annehmen wollen, um es in diesem Advent in die Praxis umzusetzen.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]