Erste Adventspredigt von P. Raniero Cantalamessa im Vatikan

"Diener und Freunde Jesu Christi"

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ROM, 4. Dezember 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, heute Vormittag in der Kapelle „Redemptoris Mater“ vor Papst Benedikt XVI. und dessen Mitarbeitern der Römischen Kurie gehalten hat. Der Kapuzinerpater widmete seine erste Betrachtung zur Vorbereitung auf Weihnachten der Herzmitte einer kontemplativ-aktiven Existenz des Priesters als Diener und Freund Jesu.

 

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Erste Adventspredigt im Päpstlichen Haus

"Diener und Freunde Jesu Christi"

 

1. Über die Ursprünge des Priestertums

Bei der Auswahl der Themen dieser Predigten, die ich dem Päpstlichen Haus vorgeschlagen haben, habe ich immer versucht, mich durch die besonderen Gnaden, die der Kirche erwiesen werden, leiten zu lassen. War es im vergangenen Jahr die Gnade des Paulusjahres, so wird es dieses Jahr die Gnade des Priesterjahres, für dessen Ausrufung wir dem Heiligen Vater sehr dankbar sind.

Das Zweite Vatikanische Konzil widmet dem Thema des Priestertums ein ganzes Dokument, „Presbyterorum ordinis“; Johannes Paul II. hat im Jahr 1992, das nachsynodale apostolische Schreiben „Pastores dabo vobis“ über die Ausbildung von Priestern in der heutigen Zeit an die ganze Kirche gerichtet. Der jetzige Papst hat uns jetzt ein Priester-Jahr geschenkt und uns ein kurzes, aber intensiven Profil des Priesters im Licht des Lebens des heiligen Pfarrers von Ars präsentiert.

Wir durften zahlreiche Beiträge der einzelnen Bischöfe zu diesem Thema entgegennehmen, ganz zu schweigen von den Büchern, die über die Gestalt und Sendung des Weltpriesters im gerade zu Ende gegangenen Jahrhundert handeln, einige literarische Werke ersten Ranges. Was können wir in der kurzen Zeit der Meditation vertiefen?

Mich ermutigt, wenn ich mich daran erinnere, wie ein Prediger seinen Exerzitienkurs begann: „Non nova ut sciatis, sed vetera ut faciatis“. Das Wichtigste ist es ja nicht, neue Dinge zu wissen, sondern in die Praxis umzusetzen, was wir wissen.

Ich verzichte gerne darauf, jeden Versuch einer Synthese der Lehre oder eines Entwurfes über das globale oder ideale Profil eines Priesters hier zu präsentieren (wozu ich weder die Zeit noch die Fähigkeiten besäße). Stattdessen versuche ich, im Rahmen des Möglichen unsere priesterlichen Herzen durch die Berührung mit Gottes Wort in Schwingung zu versetzen.

Das Wort der Schrift, das uns als roter Faden dienen wird, ist 1 Kor 4,1, an das sich viele von uns in seiner lateinischen Übersetzung der Vulgata erinnern: „Sic nos existimet homo ut ministros Christi et dispensatores mysteriorum Dei“: „So sollte man uns ansehen: Als Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes“. Dies kann in gewisser Weise mit der Erklärung des Hebräerbriefes verknüpft werden: „Denn jeder Hohepriester wird von den Menschen genommen und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott“ (Hebr 5,1).

Diese Sätze haben den Vorteil, dass es um die gemeinsame Wurzel jedes Priestertums geht, und dies in einem Stadium der Offenbarung, als der apostolischen Dienst noch nicht aufgegliedert ist, was ja später zu den drei kanonischen Abstufungen von Bischöfen, Priestern und Diakonen führen wird. Zumindest werden diese jeweiligen Funktionen erst mit dem heiligen Ignatius von Antiochien Anfang des zweiten Jahrhunderts deutlich. Diese gemeinsame Wurzel wird im Katechismus der Katholischen Kirche betont, wenn es um die Erklärung der heiligen Weihen geht: „Die Weihe ist das Sakrament, durch welches die Sendung, die Christus seinen Aposteln anvertraut hat, in der Kirche weiterhin ausgeübt wird bis zum Ende der Zeiten. Sie ist somit das Sakrament des apostolischen Dienstes“(KKK Nr. 1536).

Es ist dieses frühe Stadium, auf das wir, so weit wie möglich, in unseren Betrachtungen Bezug nehmen werden, um das Wesen des priesterlichen Dienstes zu erfassen. In diesem Advent werden wir nur eine der ersten Formulierungen des Apostels bedenken: „Diener Christi“. Wenn wir, so Gott will, unsere Betrachtungen in der Fastenzeit fortsetzten werden, können wir meditieren, was es für einen Priester letztlich bedeutet, „Verwalter der Geheimnisse Gottes“ zu sein, und welche Geheimnisse es sind, die da verwaltet werden müssen.

„Diener Christi!“ (das Ausrufezeichen steht dort, um anzuzeigen, welche Größe, Würde und Schönheit dieser Titel besitzt): Hier ist das Wort, das unser Herz in dieser Meditation berühren und es aus heiligem Stolz in Schwingung bringen sollte.

Wir sprechen hier nicht über praktische und amtliche Dienstleistungen, wie das bei der Verkündigung des Wortes und der Spendung der Sakramente der Fall sein könnte (darüber möchte ich in der Fastenzeit reden); wir sprechen hier auch nicht über den Akt des Dienstes, sondern über den Dienst als Grundhaltung, als Berufung und als eine fundamentale Identität der Priester. Das heißt: Wir reden darüber auf die gleiche Art und mit dem gleichen Geist, wie Paulus es zu tun pflegt, wenn er sich in seinen Briefen immer wie folgt vorgestellt: "Paulus, ein Knecht Jesu Christi, ein Apostel".

So ist der unsichtbare Ausweis des Priesters, mit dem er sich jeden Tag unter die Augen Gottes und die seines Volkes wagt, und die Berufsbezeichnung, mit der er sich vorstellt und was jeder lesen kann: „Diener Jesu Christi“. Alle Christen sind natürlich Diener Christi, aber für den Priester ist dies eine besondere Bezeichnung, denn, obwohl alle Getauften Priester sind, ist durch das Weihepriestertum hier eine andere und höhere Bedeutung vorgegeben.

2. Die Treuhänder des Werkes Christi

Der wesentliche Dienst an Christus, zu dem ein Priester berufen ist, besteht in der Fortführung seines Werkes in der Welt: „Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21).

Der heilige Klemens erklärt in seinem berühmten Brief an die Korinther: „Jesus Christus wurde von Gott gesandt. Demnach kommt Christus von Gott und die Apostel von Christus.... Sie predigten überall auf dem Land und in den Städten, ernannten ihre ersten Nachfolger und wurden durch den Geist bestätigt, zu Bischöfen und Diakonen“ [ l. Clemens 42]. Christus wurde vom Vater ausgesandt und die Apostel von Christus, die Bischöfe von den Aposteln: Das ist der erste klare Ausdruck des Grundsatzes der apostolischen Nachfolge.

Aber Jesu Wort besitzt nicht nur eine rechtliche und formale Bedeutung. Es geht nicht darum, um es mit anderen Worten zu sagen, nur über das Recht der geweihten Amtsträger zu sprechen und sie als von Christus „Gesandte“ zu sehen; es geht hier um die dahinterliegende Absicht und den Inhalt dieses Auftrags, dem entsprechend der Vater seinen Sohn in die Welt schickte. Und warum sandte Gott seinen Sohn in die Welt? Auch hier wollen wir auf eine umfassende und vollständige Antwort verzichten, die es nötig machen würde, das ganze Evangelium zu lesen; uns geht es hier nur um wenige programmatische Aussagen Jesu.

Vor Pilatus erklärte er feierlich: „In bin dazu geboren und in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen“ (Joh 18,37). Die Fortführung des Werkes Christi muss für einen Priester bedeuten, die Wahrheit zu bezeugen, damit das Licht der Wahrheit leuchte. Nur müssen wir berücksichtigen, was die doppelte Bedeutung des Wortes Wahrheit, aletheia, bei Johannes meint. Sie reicht von der göttlichen Wirklichkeit bis hin zum Wissen um die göttliche Wirklichkeit, sie steht also zwischen ihrem ontologischen oder objektiven Sinn und einem subjektiven oder gnoseologischen Gehalt. Wahrheit ist „die ewige Wirklichkeit die sich dem Menschen offenbart und durch die er durch die Wirklichkeit seiner Offenbarung stößt“ (1).

Die traditionelle Auslegung hat sich bemüht „Wahrheit“ vor allem im Sinne der Offenbarung und der Erkenntnis der Wahrheit zu definieren, mit anderen Worten, als dogmatische Wahrheit zu sehen. Diese Aufgabe ist sicherlich wichtig. Die Kirche als Ganzes dient dieser Aufgabe durch das Lehramt, die Konzilien, Theologen und alle Priester, die mit ihren Predigten den Menschen „die gesunde Lehre“ verkünden.

Aber wir dürfen nicht vergessen, welche andere Bedeutung für Johannes der Begriff der Wahrheit enthält: nicht nur die erfasste Wirklichkeit, sondern auch die Erkenntnis der Wirklichkeit. Vor diesem Hintergrund besteht die Aufgabe der Kirche und der einzelnen Priester nicht nur darin, die Wahrheiten des Glaubens zu verkünden, sondern sie sollten dazu beitragen, dass die Erfahrungen, die zur Erfahrung eines innigen und persönlichen Kontaktes mit der Wirklichkeit Gottes nötig sind, durch den Heiligen Geist erkannt werden können.

„Der Glaube hat als Ziel nicht die Worte, sondern die Sache“, so sagt der heilige Thomas von Aquin („fides non terminatur ad enuntiabile sed ad rem”). Ebenso können sich Lehrer des Glaubens nicht damit begnügen, die sogenannten Wahrheiten des Glaubens zu lehren, sondern sie müssen den Menschen helfen, den „Gegenstand“ zu erfassen, also nicht nur eine Vorstellung von Gott zu haben, sondern eine Erfahrung von ihm zu machen, was ja im biblischen Sinne letztlich der Sinn von Wissen ist und somit anders gedeutet wird, als dies im griechischen und philosophischen Kontext geschieht.

Eine weitere programmatische Erklärung der Absicht Jesu finden wir in den Worten, die er zu Nikodemus spricht: „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, das er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird“ (Joh 3, 17). Dieser Satz sollte im Lichte dessen gelesen werden, was unmittelbar vorher geschrieben steht: „Gott hat die Welt so geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondern das ewige Leben hat“. Jesus kam, um den Menschen den Heilswillen und die barmherzige Liebe des Vaters zu offenbaren. Seine ganze Verkündigung ist in dem Wort zusammengefasst, das er beim letzten Abendmahl an die Jünger gerichtet hat: „Denn der Vater selbst liebt euch“ (Joh 16, 27).

Um in der Welt jemand zu sein, der das Werk Christi fortsetzt, bedeutet dies, in der Grundhaltung gegenüber den Menschen zu leben, die ganz am Rande leben. Richtet nicht, sondern helft retten. Wir sollten gerade die menschlichen Eigenschaften pflegen, die der Brief an die Hebräer der Persönlichkeit Christi als Hohepriester zuordnet und damit allen Priestern: die Sympathie, das Gefühl der Solidarität und Mitgefühl gegenüber den Menschen.

Von Christus heißt es: „Wir haben ja nicht einen Hohenpriester, der nicht mit uns leiden könnte in unseren Schwächen, sondern einen, der wie wir in allem versucht worden ist, ohne Sünde zu begehen“. Über den humanen Priester heißt es, dass er „aus den Menschen genommen und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott, um Gaben und Opfer für die Sünden darzubringen. Er kann mit den Unwissenden und Irrenden leiden, da auch er der Schwäche unterworfen ist, deshalb muss er wie für das Volk, so auch für sich Sündopfer darzubringen“ (Hebr 4,15-5,3).

Es ist wahr, dass sich Jesus in den Evangelien auch zuweilen hart zeigt: Er richtet und verurteilt, aber warum tut er das? So ist er nicht den Menschen gegenüber, die ihm nachfolgten und kamen, um ihn zu hören, sondern mit den Heuchlern, die sich überheblich für Lehrer und Führer des Volkes hielten. Jesus war wirklich nicht, wie man von gewissen Politikern sagt, „stark mit den Schwachen und schwach mit den Starken“. Im Gegenteil!

3. Fortsetzer, nicht Nachfolger

Aber in welchem Sinne können wir vom Priester als dem sprechen, der das Werk Christi fortführt? In jeder menschlichen Einrichtung, wie damals im Römischen Reich, bei den Ordensgemeinschaften, oder wie es in einem weltlichen Unternehmen der Fall ist, wird ein Nachfolger eingesetzt, der das Werk fortführt, aber nicht die Person des Gründers. Diesen hält man manchmal sogar für unangebracht, veraltet oder wert, dass man ihn aufgibt. Nicht so die Kirche. Für Jesus gibt es keinen Nachfolger, denn er ist nicht tot, sondern er lebt. „Er ist von den Toten auferstanden, der Tod hat keine Macht über ihn.“

Was ist dann die Aufgabe seiner Mitarbeiter? Ihn so darzustellen, dass er präsent wird: seiner unsichtbaren Gegenwart eine sichtbare Gestalt zu geben. Dies ist die prophetische Dimension des Priestertums. In der Zeit vor Christus bestand das Prophetentum im Wesentlichen darin, ein zukünftiges Heil zu verkünden, „in den letzten Tagen“. In der Zeit nach ihm geht es darum, der Welt die verborgene Gegenwart Christi zu zeigen, in dem Geist wie Johannes der Täufer rief: „Mitten unter euch ist er, denn ihr nicht kennt“.

„Eines Tages kamen einige Griechen und wandten sich an den Apostel Philippus mit der Frage: Wir möchten Jesus sehen“(Joh 12, 21); die gleiche Frage stellen sich all jene mehr oder weniger explizit in ihrem Herzen, die sich heute einem Priester nähern.

Der heilige Gregor von Nyssa hat einen berühmten Ausdruck geprägt, der in der Regel auf die Erfahrungen der Mystiker angewendet wird: „ahnendes Gespür für das Mysterium“. Das Gefühl der Gegenwart ist mehr als nur der Glaube an die Gegenwart Christi, es ist ein lebendiges Fühlen, das fast physisch ist und so der Gegenwart des Auferstandenen gewahr wird. Wenn dies besonders der Mystik eigen ist, bedeutet dies, dass jeder Priester ein Mystiker ein sollte, oder zumindest ein „Mystagoge, jemand der die Menschen in das Geheimnis Gottes und Christi einführt und sie dazu an die Hand nimmt.

Die Aufgabe des Priesters ist nichts anderes, wenn auch dem untergeordnet, als das, was der Heilige Vater als oberste Priorität der Nachfolger Petri und die ganze Kirche in seinem Schreiben an die Bischöfe vom 10. März hervorhob: „In unserer Zeit, in der der Glaube in weiten Teilen der Welt zu verlöschen droht wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet, ist die allererste Priorität, Gott gegenwärtig zu machen in dieser Welt und den Menschen den Zugang zu Gott zu öffnen. Nicht zu irgendeinem Gott, sondern zu dem Gott, der am Sinai gesprochen hat; zu dem Gott, dessen Gesicht wir in der Liebe bis zum Ende (Joh 13, 1) - im gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus erkennen. Das eigentliche Problem unserer Geschichtsstunde ist es, dass Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und dass mit dem Erlöschen des von Gott kommenden Lichts Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen“.

4. Diener und Freunde

Aber nun müssen wir einen Schritt weiter in unserem Denken tun. „Diener Jesu Christi“: Dieser Titel sollte nie allein für sich stehenbleiben, denn er muss immer in der Tiefe des eigenen Herzens mit einem anderen Titel ergänzt werden, dem der Freunde!

Die gemeinsame Wurzel aller geweihten Dienste, die sich nach und nach herausgebildet haben, ist der Ruf, den Jesus eines Tages an die Zwölf gerichtet hat; und das ist etwas, was das priesterliche Amt an den historischen Jesus zurückbindet. Die Liturgie feiert die Einsetzung des Priestertums am Gründonnerstag, und sie gründet auf dem Wort, das Jesus nach der Einsetzung der Eucharistie sprach: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“. Aber auch dieses Wort setzt die Wahl der Zwölf voraus, ohne deren Erwähnung für sich allein genommen nur die Rolle des Priesters als dem, der das Opfer darbringt und die Liturgie feiert, zu rechtfertigen wäre, nicht aber die ebenso grundlegende Bestimmung, ein Verkünder des Evangeliums zu sein.

Nun, was sagte Jesus bei dieser Gelegenheit? Warum wählte er die Zwölf, nachdem er die ganze Nacht gebetet hatte? „Und er setzte die Zwölf, die er bei sich haben und später aussenden wollte, um zu predigen“ (Mk 3,14-15). Mit Jesus sein und mit ihm gehen, um zu verkünden: bleiben und gehen, empfangen und geben: das ist die wesentliche Aufgabe der Mitarbeiter Christi.

„Mit“ Jesus sein bedeutet selbstverständlich nicht nur physische Nähe; diese Erkenntnis finden wir bereits im Kern der Erfahrung des Paulus, die so viel Reichtum in sich birgt: „in Christus“ oder „mit Christus“. Es bedeutet, alles mit Jesus lebendig zu teilen: sein Leben als Wanderprediger, aber auch seine Gedanken, Ziele, seine Spiritualität.

In den Abschiedsreden geht Jesus noch einen Schritt weiter und vervollständigt die Bedeutung der Anrede seiner Gefährten als Freunde: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Ich habe euch Freunde genannt, weil ich euch alles geoffenbart habe, was ich von meinem Vater gehört habe“(Joh 15,15).

Es gibt etwas Rührendes in dieser Liebeserklärung Jesu. Ich erinnere mich stets an den Augenblick, als mich, wenn auch nur für einen kurzen Moment, etwas von diesem Gefühl überkam. Bei einem Gebetstreffen hatte jemand die Bibel geöffnet und diese Stelle des Johannesevangeliums vorgelesen. Das Wort „Freunde“ hat mich mit einer bis dahin nie gekannten Tiefe getroffen; etwas wurde ganz tief in mir angerührt, so dass ich für den Rest des Tages immer wieder zu mir selbst voller Verwunderung und Unglauben sagen musste: Er hat mich Freund genannt! Jesus von Nazareth, mein Herr und mein Gott! Er hat mich Freund genannt! Ich bin sein Freund! Ich hätte in diesem Augenblick über die Stadt fliegen können oder durch jedes Feuer hindurch, so sicher fühlte ich mich.

Wenn der heilige Paulus von der Liebe Jesu Christi spricht, ist er immer „bewegt“. „Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?“ (Röm 8, 35), „Er hat mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben“ (Gal 2 , 20). Wir brauchen unseren Gefühlen nicht zu misstrauen oder uns für sie zu schämen. Wir wissen gar nicht, welche Schätze wir uns da selber vorenthalten. Jesus war tief bewegt und weinte vor der Witwe von Nain (vgl. Lk 7, 13) und vor den Augen der Schwestern des Lazarus (vgl. Joh 11, 33,35). Ein Priester, der die Fähigkeit besitzt, sich mitnehmen zu lassen, wenn er von der Liebe Gottes und dem Leiden Christi spricht, oder der vertrauensvoll über einen großen Kummer spricht, überzeugt mehr als mit endlosen Debatten. Ergriffen zu sein bedeutet nicht unbedingt, gleich anfangen zu weinen; oder alles was er empfindet mit dem Blick seiner Augen und dem Klang seiner Stimme zu zeigen. Die Bibel ist voll vom Pathos Gottes.


5. Die Seele eines jeden Priestertums

Die persönliche Beziehung zur Person Jesu, die voll Vertrauen und in Freundschaft gelebt wird, ist die Seele eines jeden Priestertums. In Anbetracht des Priester-Jahres las ich das Buch von Dom Chautard „Die Seele eines jeden Apostolats“, das so gut tat und so viele Gewissen in den Jahren vor dem Konzil aufrüttelte. In jener Zeit gab es große Begeisterung für das „Gemeindeleben“: Kino, Erholungszentren, soziale Initiativen, kulturelle Vereine. Aber der Autor bringt das Gespräch plötzlich auf den Punkt, erkommt zum Kern der Sache: die drohende Gefahr einer leeren Aktivität. „Gott, so schrieb er, möchte dass Jesus selbst, das Leben aller Aktivitäten sei.“

Es geht hier nicht darum, die Bedeutung der Aktivitäten in der Seelsorge zu schmälern, aber, so erklärte er, ohne ein Leben in Einheit mit Christus sind sie nur „Krücken“ oder, wie der heilige Bernard sie genannt hat: „verfluchter Zeitvertreib“. Jesus sagte zu Petrus: „Simon, liebst du mich? Weide meine Schafe“. Die pastorale Tätigkeit der einzelnen Amtsträger in der Kirche, vom Papst bis zum letzten Priester, ist nichts anderes als der konkrete Ausdruck der Liebe zu Christus. Liebst Du mich? Dann weide! Die Liebe Jesu, das ist es, was den Unterschied zwischen einem Priester und einem Funktionär oder Manager und dem Priester als Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes ausmacht.

Dem Buch von Dom Chautard könnte man genauso den Titel "Die Seele des Priestertums" geben, weil von ihm hier praktische die Rede ist, der ja der Träger und Verantwortliche der Pastoral der Kirche ist. Zu dieser Zeit warnte man vor einer Gefahr, auf darin eingegangen wird, den sogenannten "Amerikanismus." Der Abt beruft sich oft auf das Schreiben von Papst Leo XIII "Testem benevolentiae", dass eine solche "Häresie verurteilt hatte. [Er adressierte dieses Schreiben 1899 an den Erzbischof von Baltimore, James Kardinal Gibbons und wendet sich gegen die Häresie und einen sogenannten Amerikanismus in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dieser Brief trägt den Untertitel: „Bezüglich neuer Meinungen, der Tugend, Natur und Anmut mit Hinsicht auf den Amerikanismus“].


Heute gibt es eine Häresie, wenn man sie unbedingt so nennen möchte, die nicht mehr nur "amerikanisch" ist, sondern eine Bedrohung, auch zum Teil wegen der geringeren Zahl der Priester in der ganze Kirche: Sie heißt rastlose Aktivität. (Viele der Fälle und darüber hinaus, waren zu diesem Zeitpunkt von den Christen der Vereinigten Staaten bekannt. Vor allem die Bewegung des Diener Gottes Isaac Hecker, Gründer des Ordens der Paulaner [Gesellschaft der Missionspriester vom hl. Apostel Paulus], wurden damals mit dem Wort "Amerikanismus" behaftet. Dabei ging es zum Beispiel um die Forderung nach Gewissensfreiheit und die Notwendigkeit eines Dialogs mit der modernen Welt; diese waren eigentlich keine Ketzerei, sondern später prophetische Errungenschaften des II. Vatikanischen Konzils).


Der erste Schritt, hin zur Seele des Priestertums besteht darin, von Jesus Persönlichkeit zu Jesus als Person vorzustoßen. Bei der Persönlichkeit handelt es sich um etwas, über das man nach Belieben sprechen kann, aber man spricht normalerweise zu jemanden und mit jemanden. Wir sprechen von Alexander dem Großen, Julius Caesar, Napoleon, wie wir wollen, aber wenn jemand sagt, er spreche mit einem von ihnen, schickten sie ihn sofort zu einem Psychiater. Die Person ist im Gegensatz dazu jemand, mit dem man reden kann und an den man sich wenden kann. Solange Jesus eine Sammlung von Informationen, Dogmen oder Ketzereien bleibt, denkt man instinktiv an die Vergangenheit, an eine Erinnerung, die nicht gegenwärtig ist, eine Persönlichkeit. Wir glauben aber, dass er am Leben und gegenwärtig ist, und wichtiger als über ihn zu reden, ist es, mit ihm zu reden.


Eine der schönsten Geschichten um die Figur des Don Camillo von Guareschi, natürlich unter Berücksichtigung der literarischen Gattung, um die es hier geht, ist sein lautes Sprechen mit dem Kreuz, bei dem es um all die Dinge geht, die in der Gemeinde geschehen. Wenn wir die Gewohnheit hätten, dies freiwillig zu tun, und mit unseren eigenen Worten, wie viele Dinge würden sich in unserem Leben als Priester ändern! Wenn wir doch erkennten, dass wir nicht ins Leere sprechen, sondern mit jemandem, der anwesend ist, der hört und reagiert, und dies vielleicht nicht so lautstark wie Don Camillo.


6. Der Schutz der "große Steine"

Bei Gott ist all sein Wirken ad extra in der Schöpfung, Ausfluss seines inneren Lebens, "des unaufhörlichen Flusses seiner Liebe", und wie alles Wirken Christi aus seinem ununterbrochenen Dialog mit dem Vater entsprang, so sollten auch alle Werke des Priesters eine Verlängerung seiner Vereinigung mit Christus sein. "Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch" auch bedeutet: "Ich bin in die Welt gekommen, ohne mich vom Vater zu trennen und ich gehe weg von dieser Welt, ohne mich von ihr zu trennen".

Wenn dieser Kontakt jedoch unterbrochen wird, dann ist das wie beim Stromausfall in einem Haus: Alles bleibt im Dunkeln. Oder wenn im Falle der Wasserversorgung auf den Hähnen kein Druck mehr ist und kein Wasser herausfließt.

Manchmal hören wir: Wie sollen wir still sitzen und beten, wenn so viele Bedürfnisse unseren Einsatz fordern? Wie sollte man nicht losrennen, wenn das Haus in Flammen aufgeht?

Das ist wohlt wahr, aber stellen Sie sich vor, was passieren würde, wenn es da ein Team von Feuerwehrleuten gibt und die Sirenen heulen. Das Team ist bereit, um das Feuer zu löschen, alle stehen auf ihrem Posten bereit, und dann bemerkt jemand plötzlich, dass es in den Tanks nicht einen Tropfen Wasser gibt.

So steht es um uns, wenn wir losziehen, zu predigen oder zu einem anderen Dienst bereit sind, aber leer sind, ohne Gebet und Heiligen Geist.

Ich habe irgendwo eine Geschichte gelesen, die in vorbildlicher Weise für uns Priester zu gelten scheint. Eines Tages wurde ein alter Professor als Experte aufgefordert, über eine effizientere Zeitplanng für die Führungskräfte einiger großer US-Unternehmen zu sprechen. Er entschied sich dann aber für ein Experiment. Stehend, zog er unter dem Tisch ein großes leeres Glas hervor. Dazu insgesamt etwa ein Dutzend Steine, so groß wie Tennisbälle, die er einem nach dem anderen in das Glas zu legen versuchte. Als er am Ende keine anderen Steine mehr hineinlegen konnte, fragte er die Studenten: "Glauben Sie, dass das Glas voll ist?" Und alle antworteten: "Ja."

Er lehnte sich zurück und zog unter dem Tisch eine Kiste voller Steine hervor, die er über die großen Steine schichtete, er bewegte das Gefäß hin und her, damit die kleinen Steine an den großen Steinen vorbei auf den Boden rutschen könnten. "Ist das Glas jetzt voll " Vorsichtiger geworden, begannen die Studenten zu verstehen, und antwortete: "Vielleicht noch nicht." Der alte Professor beugte sich wieder herunter und dieses Mal zog eine Tüte Sand hervor, die er in das Glas schüttete. Der Sand füllte die Räume zwischen den Brocken und den Steinchen. Er fragte wieder: "Ist nun das Glas voll?". Und alle riefen, ohne zu zögern: "Nein!". Tatsächlich nahm der alte Mann nun einen Krug, stellt ihn auf den Tisch und goß Wasser in das Glas, soweit bis es randvoll war.


An dieser Stelle stellte er die Frage: "Welche große Wahrheit zeigt uns dieses Experiment?" Die kühnsten sagten: "Dies zeigt uns, dass, auch wenn unser Zeitplan vollständig gefüllt ist, wir mit ein wenig gutem Willen und etwas mehr Engagement, jederzeit noch etwas anderes tun können." "Nein", antwortete der Professor. "Was das Experiment zeigt: Nur wenn Sie es zuerst tun, können Sie die großen Steine ins Glas legen, verschieben Sie es auf später, gelingt es Ihnen nie." Was sind die großen Steine, die Prioritäten in Ihrem Leben? Wichtig ist es, diese ersten großen Steinbrocken auf Ihre Tagesordnung zu setzen".

Der heilige Petrus hat ein für alle mal klargestellt, was für die großen Steine gilt, was die erste Priorität für die Apostel und ihre Nachfolger, die Bischöfe und Priester ist: „Wir aber werden uns dem Gebet und dem Dienst am Wort widmen“ (Apg 6,4).

Wir Priester sind mehr als jeder andere Gefahr ausgesetzt, das Wichtige dem Dringenden zu opfern. Gebet, oder die Vorbereitung der Predigt für die Messe, Studien- und Ausbildungszeiten sind alle wichtig, aber nicht dringend; wenn wir sie aufschieben, dann scheint das nicht das Ende der Welt, während es viele kleine Dinge sind - ein Treffen, ein Anruf oder eine lästige Pflicht, die dringend sind. Schließlich werden wichtige Dinge immer wieder systematisch aufgeschoben, und ein „später“ stellt sich nie ein.

Für einen Priester, zuerst die großen Steine in die Vase zu legen, kann konkret bedeuten, den Tag mit einer Zeit des Gebetes und Dialogs mit Gott zu beginnen, so dass die verschiedenen Tätigkeiten und Engagements nicht den ganzen Raum ausfüllen.

Ich schließe mit einem Gebet des Abtes Chautard, das im Programm dieser Meditationen gedruckt steht: „O Gott, du gabst der Kirche viele Apostel, aber entzünde in ihren Herzen wieder einen brennenden Durst nach inniger Verbundenheit mit Dir und den Wunsch, gemeinsam für das Wohl des Nächsten zu arbeiten. Schenke jedem ein durchbetetes Engagement und eine praxisorientierte Kontemplation!“ Amen.


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(1) H. H. Dodd, L'interpretazione del Quarto Vangelo , Paideia, Brescia 1974, p. Dodd, Die Interpretation des vierten Evangeliums, Paideia, Brescia 1974, S. 227. 227.

(2) Gregorio Nisseno, Sul Cantico, XI, 5, 2 (PG 44, 1001) (aisthesis parousias). Gregor von Nyssa, Über das Hohe Lied der Liebe, XI, 5, 2 (PG 44, 1001) (Aisthesis Parusien).


[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]