Erste Adventspredigt von P. Raniero Cantalamessa OFMCap

Geht in alle Welt - Die erste Welle der Evangelisierung

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VATIKANSTADT, 5. Dezember 2011 (ZENIT.org).- Am Freitagvormittag hielt der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFMCap, im Vatikan die erste der traditionellen Adventspredigten für den Papst und die Kurie. Dieses Jahr steht die Mission im Mittelpunkt seiner Gedanken.

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In diesen Adventsmeditationen möchte ich als Antwort auf die Aufforderung des Papstes zu einem erneuerten Einsatz für die Evangelisation und als Vorbereitung auf die Bischofssynode im Jahr 2012 zum selben Thema die vier Wellen der Neuevangelisation in der Geschichte der Kirche vorstellen. Es geht also um vier Zeitpunkte, in denen man eine Beschleunigung oder eine Wiederaufnahme des missionarischen Engagements erkennt. Dies sind:

1. die Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten seines Bestehens bis zum Vorabend des Konstantinischen Edikts, deren Hauptakteure zunächst die Wanderpropheten und dann die Bischöfe sind;

2. das sechste bis neunte Jahrhundert, in denen es eine Re-Evangelisierung Europas nach den Invasionen der Barbaren gibt; sie wird vor allem von den Mönchen vollbracht;

3. das sechzehnte Jahrhundert mit der Entdeckung und Bekehrung der Völker der „Neuen Welt“ zum Christentum, die vor allem durch die aktiven Orden bewirkt wird;

4. die gegenwärtige Zeit, die die Kirche im Einsatz für eine Re-Evangelisierung des europäischen Abendlands sieht, unter einer maßgeblichen Beteiligung der Laien.

Ich versuche, für jeden dieser Momente herauszustellen, was wir in der Kirche von heute davon lernen können. Welche Fehler vermieden und welche Beispiele nachgeahmt werden sollten, und welchen besonderen Beitrag die Hirten, die Mönche, die Ordensleute des aktiven Lebens und die Laien geben können.

1. Die Verbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten

Wir beginnen heute mit einer Betrachtung der christlichen Evangelisation in den ersten drei Jahrhunderten. Diese Zeit ist aus einem besonderen Grund ein Vorbild für alle Zeiten. Es ist die Zeit, in der sich das Christentum ausschließlich aus eigener Kraft auf den Weg macht. Es gibt keinen „weltlichen Arm“, der sie stützt. Die Bekehrungen werden nicht durch äußere, materielle oder kulturelle Vorteile bestimmt. Christ-sein ist keine Gewohnheit oder Mode, sondern ist eine Entscheidung gegen den Strom, oftmals unter Gefährdung des Lebens. In mancher Hinsicht ist es eine Situation, die in verschiedenen Teilen der Welt heute wieder am Entstehen ist.

Der christliche Glaube entsteht durch eine universale Offenheit. Jesus hatte seinen Jüngern aufgetragen, „in die ganze Welt“ zu gehen (Mk 16,15), „alle Menschen zu Jüngern zu machen“ (Mt 28,19), seine Zeugen zu sein „bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,8) und „allen Völkern die Umkehr und die Vergebung der Sünden zu verkünden“ (Lk 24,47).

Die Umsetzung dieses Prinzips der Universalität geschieht bereits in der apostolischen Generation, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten und Zerreißproben. Am Pfingsttag wird die erste Barriere überwunden, die der Rasse (die dreitausend Bekehrten gehörten verschiedenen Völkern an, sie waren jedoch alle Anhänger des Judentums). Im Haus des Cornelius und beim sogenannten Jerusalemer Konzil wird – vor allem durch den Anstoß von Paulus – die größte aller Barrieren überwunden, die der Religion, die die Juden von den Heiden trennte. Das Evangelium hat nun die ganze Welt vor sich, auch wenn im Bewusstsein der Menschen die Welt auf den Mittelmeerraum und auf die Grenzen des römischen Reiches beschränkt ist.

Viel komplexer ist es, die tatsächliche, geographische Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten zu verfolgen, was jedoch für unsere Zwecke nicht notwendig ist. Die vollständigste und bis heute unübertroffene Studie darüber stammt von Adolf Harnack: „Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten“.(1)

Unter Kaiser Commodus (180-192) und dann in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts bis zur großen Verfolgung unter Diokletian (302) gibt es eine große Intensivierung der kirchlichen Missionsarbeit. Abgesehen von sporadischen, lokal begrenzten Verfolgungen war es eine Zeit relativen Friedens, die es der entstehenden Kirche erlaubte, sich in ihrem Inneren zu konsolidieren und eine neuartige missionarische Aktivität zu entwickeln.

Schauen wir, worin diese Neuartigkeit bestand. In den ersten beiden Jahrhunderten war die Verbreitung des Glaubens der persönlichen Initiative überlassen. Es gab Wanderpropheten - von denen die Didache spricht, die von Ort zu Ort zogen. Viele Bekehrungen gingen auf persönliche Kontakte zurück, die durch den gemeinsam ausgeübten Beruf, durch Reisen und Handelsbeziehungen, durch den Militärdienst und andere Lebensumstände gefördert wurden. Origenes gibt uns eine bewegende Beschreibung des Eifers dieser ersten Missionare:

„Die Christen unternehmen alle möglichen Anstrengungen, um den Glauben auf der ganzen Erde zu verbreiten. Um dieses Zieles willens machen es sich einige förmlich zur Lebensaufgabe zu pilgern, nicht nur von Stadt zu Stadt, sondern auch von Ort zu Ort und von Haus zu Haus, um neue Gläubige für den Herrn zu gewinnen. Man sage – so hoffe ich - nicht, dass sie es für einen Lohn tun, sondern dass sie oft sogar das Lebensnotwendige abgelehnt haben“ (2).

Später, das heißt in der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts, werden diese persönlichen Initiativen immer mehr koordiniert und teilweise durch die Ortsgemeinde ersetzt. Der Bischof gewinnt auch als Reaktion auf die zersetzenden Wirkungen der gnostischen Irrlehre als Leiter des inneren Gemeindelebens und als Motor ihrer missionarischen Tätigkeit die Oberhand über die Lehrer. Die Gemeinde ist nun das evangelisierende Subjekt, so dass ein Gelehrter wie Harnack, der sicher nicht unter dem Verdacht der Sympathie für Institutionen steht, sagen kann: „Wir müssen es als sicher ansehen, dass allein die Existenz und der beständige Eifer der einzelnen Gemeinden der hauptsächliche Multiplikator zur Verbreitung des Christentums war“ (3).

Gegen Ende des dritten Jahrhunderts war das Christentum praktisch in alle Schichten der Gesellschaft eingedrungen; es hat nun einen Teil seiner Literatur in griechischen Sprache und einen Teil, wenn auch noch anfanghaft, in lateinischer Sprache. Es hat eine gefestigte, innere Organisation. Es beginnt, immer größere Bauwerke zu errichten, ein Zeichen der wachsenden Zahl von Gläubigen. Die große Verfolgung von Diokletian hat - abgesehen von der großen Anzahl an Opfern - nur bewirkt, dass sich die nicht mehr zu unterdrückende Stärke des christlichen Glaubens zeigte. Der letzte Kampf zwischen Imperium und Christentum gab dafür den Beweis.

Konstantin wird schließlich nichts anderes tun, als die neuen Kräfteverhältnisse zur Kenntnis zu nehmen. Nicht er zwingt dem Volk das Christentum auf, sondern das Volk zwingt ihm das Christentum auf. Behauptungen, wie die von Dan Brown in dem Roman „Da Vinci Code“ und von anderen Propagandisten, wonach Konstantin aus persönlichen Interessen durch sein Toleranzedikt und durch das Konzil von Nizäa eine obskure religiöse Sekte der Juden in eine Staatsreligion verwandelt hat, basieren auf der völligen Unkenntnis dessen, was diesen Ereignissen vorausgegangen war.

2. Die Gründe für den Erfolg

Die Gründe für den Sieg des Christentums sind ein Thema, das die Historiker schon immer leidenschaftlich bewegt hat. Eine Botschaft, die in einer dunklen und verachteten Ecke des Reiches unter einfachen Menschen ohne Bildung und Macht entstanden ist, verbreitet sich in weniger als drei Jahrhunderten in der ganzen, damals bekannten Welt und unterwirft sich die erlesenste Bildung der Griechen und die imperiale Macht Roms!

Unter den verschiedenen Gründen für den Erfolg beharrt manch einer auf der christlichen Liebe und ihrer tätigen Ausübung, bis dahin, dass daraus "der einzige und mächtigste Faktor für den Erfolg des christlichen Glaubens" gemacht wird, so dass dies später Kaiser Julian den Apostaten dazu geführt habe, das Heidentum mit ähnlichen karitativen Werken zu versehen, um dadurch diesen Erfolg streitig zu machen. (4)

Harnack seinerseits legt den Schwerpunkt auf das, was er die "synkretistische" Natur des christlichen Glaubens nennt, das heißt auf die Fähigkeit, gegensätzliche Tendenzen und unterschiedliche Werte, die den Religionen und der Kultur der Zeit zu eigen sind, zu vereinigen. Das Christentum präsentierte sich damals als Religion des Geistes und der Macht, das heißt, es wird von übernatürlichen Zeichen, Charismen und Wundern begleitet, und als Religion der Vernunft und des ganzheitlichen Logos, als "die wahre Philosophie", um es mit dem Märtyrer Justin zu sagen. Die christlichen Autoren sind "Rationalisten des Übernatürlichen" (5), sagt Harnack, indem er ein Wort des Paulus über den Glauben als "vernunftgemäße Ehrerbietung" zitiert (Röm 12,1).

So vereint das Christentum in sich auf vollkommene Weise das, was der Philosoph Nietzsche als das apollinische und das dionysische Element der griechischen Religion bezeichnet: Logos und Pneuma, Ordnung und Begeisterung, Maß und Übermaß. Es ist das, was die Kirchenväter zumindest teilweise mit der „nüchternen Trunkenheit des Geistes“ meinten.

„Die christliche Religion“ – schreibt Harnack am Ende seiner monumentalen Studie – „zeigt sich von Anfang an mit einer Universalität, die es ihr erlaubt, das ganze Leben mit all seinen Aufgaben, seinen Höhen und Tiefen, seinen Gefühlen, Gedanken und Tätigkeiten für sich zu vereinnahmen. Dieser Geist der Universalität war es, der ihr den Sieg sicherte. Er führte sie zu dem Bekenntnis, dass der von ihr verkündete Jesus der göttliche Logos war. ... So erstrahlte sie in einem neuen Licht; und jene Anziehung, durch die es ihr gelang, den Hellenismus zu absorbieren und unterzuordnen, schien beinahe zwangsläufig zu sein. Alles, was irgendwie noch lebensfähig war, trat als Element in ihren Aufbau ein. ... Musste diese Religion nicht siegen?“(6).

Beim Lesen dieser Zusammenfassung hat man den Eindruck, dass der Erfolg des Christentums auf ein Bündel von Faktoren zurückgeht. Jemand hat sich so sehr um die Erforschung der Gründe für diesen Erfolg bemüht, dass er zwanzig Ursachen für den Glauben benannt hat und weitere, die im gegenteiligen Sinn gewirkt haben, so als ob der endgültige Ausgang vom Übergewicht der ersten über die zweiten abhängen würde.

Ich möchte jetzt die Grenze aufzeigen, die einem solchen historischen Ansatz innewohnt, auch wenn er von gläubigen Historikern angewandt wurde, wie die, die ich bis jetzt berücksichtigt habe. Die Grenze dieser historischen Methode besteht darin, dem Subjekt mehr Bedeutung als dem Objekt der Mission zu geben, den Evangelisatoren und den Bedingungen, in denen sie sich vollzieht, mehr als dem Inhalt.

Ich fühle mich gedrängt, darauf hinzuweisen, weil dies auch die Grenze und Gefahr ist, die vielen aktuellen, von den Medien verbreiteten Ansätzen innewohnt, wenn man von Neuevangelisation spricht. Man vergisst eine sehr einfache Sache: dass Jesus selbst im Voraus eine Erklärung für die Verbreitung seines Evangeliums gegeben hat. Von ihr muss man jedes Mal ausgehen, wenn man sich zu einer neuen missionarischen Anstrengung aufmacht.

Hören wir zwei kurze Gleichnisse der Evangelien, das vom Samen, der auch in der Nacht wächst, und das vom Senfkorn.

„Er sagte: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Same keimt und wächst, und der Mann weiß nicht, wie. Die Erde bringt von selbst die Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre. Sobald aber die Frucht reif ist, legt er die Sichel an; denn die Zeit der Ernte ist da“ (Mk 4,26-29).

Dieses Gleichnis sagt uns von allein, dass der entscheidende Grund für den Erfolg der christlichen Mission nicht von außen, sondern von innen kommt, nicht von der Arbeit des Sämannes und auch nicht von der Erde, sondern vom Samen. Der Samen kann sich nicht von selbst aussäen; er sprießt jedoch automatisch und von selbst. Nachdem der Sämann den Samen ausgesät hat, kann er auch schlafen gehen; das Leben des Samens hängt nicht von ihm ab. Wenn dies „der Same ist, der in die Erde gefallen und gestorben ist“, das heißt, wenn er Jesus Christus ist, kann ihn nichts daran hindert, dass er „viele Frucht bringt“. Man kann für diese Früchte alle Erklärungen geben, die man will; sie werden dennoch immer an der Oberfläche bleiben und das Wesentliche nicht erfassen.

Der Apostel Paulus war es, der mit Klarheit den Vorrang des Objekts der Verkündigung vor dem Subjekt erkannt hat.

„Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber ließ wachsen. So ist weder der etwas, der pflanzt, noch der, der begießt, sondern nur Gott, der wachsen lässt“ (1 Kor 3,6-7). Derselbe qualitative Unterschied zwischen dem Subjekt und dem Objekt der Verkündigung erscheint in einem anderen Wort des Apostels: „Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt“ (2 Kor 4,7). All dies übersetzt sich in die programmatischen Ausrufe: „Wir verkündigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, den Herrn!“. Und weiter: „Wir verkündigen Christus, den Gekreuzigten“.

Jesus hat ein zweites, auf dem Bild des Samens beruhendes Gleichnis erzählt, das den Erfolg der christlichen Mission erklärt und das man heute angesichts der ungeheuren Aufgabe der Re-Evangelisierung der säkularisierten Welt beachten muss.

„Er sagte: Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben? Es gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, so dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können“ (Mk 4,30-32).

Jesus lehrt uns durch dieses Gleichnis, das sein Evangelium und seine Person das Kleinste sind, was auf der Erde existiert, weil es nichts kleineres und schwächeres gibt als ein Leben, das im Kreuzestod endet. Dennoch ist dieses kleine „Senfkorn“ dazu bestimmt, ein riesiger Baum zu werden, der so groß ist, dass er in seinen Zweigen alle Vögel aufnehmen kann, die dort Zuflucht nehmen. Das bedeutet, dass die ganze Schöpfung, absolut alles darin Zuflucht finden wird.

Welch ein Kontrast im Vergleich zu den oben aufgezeigten historischen Rekonstruktionen! Dort schien alles ungewiss, zufällig, zwischen Erfolg und Misserfolg schwankend. Hier war alles schon von Anfang an entschieden und gesichert! Am Ende des Ereignisses der Salbung in Betanien sagte Jesus diese Worte: „Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo dieses Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat“ (Mt 26,13). Dasselbe ruhige Bewusstsein, dass sich seine Botschaft eines Tages „über die ganze Welt“ verbreiten wird. Und es handelt sich gewiss nicht um eine Prophetie „post eventum“, weil alles in jenem Augenblick das Gegenteil vorausahnen ließ.

Auch hier ist es Paulus, der am besten das „verborgene Geheimnis“ erfasst hat. Mich berührt immer eine Tatsache. Der Apostel hat auf dem Areopag von Athen gepredigt und eine Ablehnung der Botschaft erlebt, die man wohlerzogen durch das Versprechen ausdrückte, ihn ein anderes Mal zu hören. Von Korinth aus, wohin er sich sofort danach begab, schreibt er den Brief an die Römer, in dem er sagt, dass er die Aufgabe erhalten hat, „alle Völker zum Gehorsam des Glaubens“ zu führen (Röm 1,5-6). Das Scheitern hat sein Vertrauen in die Botschaft nicht im Geringsten berührt. Er ruft aus: „Ich schäme mich nicht des Evangeliums: Es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt, zuerst den Juden, aber ebenso den Griechen“ (Röm 1,16). Apostel Paulus, gib uns ein wenig von deinem Glauben und von deinem Mut. Dann werden wir nicht verzagen angesichts der übermenschlichen Aufgabe, die vor uns liegt!

Jesus sagt: „Jeden Baum erkennt man an seinen Früchten“ (Lk 6,44). Das gilt für jeden Baum, mit Ausnahme des aus ihm entstandenen Baumes, dem Christentum (und hier spricht er in der Tat von Menschen). Dies ist der einzige Baum, den man nicht an seinen Früchten, sondern am Samen und an der Wurzel erkennt. Im Christentum liegt die Fülle nicht im Ende – wie in der hegelianischen Dialektik des Werdens („Wahr ist das Ganze“),  sondern im Anfang. Keine Frucht, auch nicht die größten Heiligen, fügen der Vollkommenheit des Urbildes etwas hinzu. In diesem Sinne hat derjenige Recht, der gesagt hat: „Das Christentum kann nicht vervollkommnet werden“ (7).

3. Säen und ... schlafen gehen

Die unerschütterliche Gewissheit der damaligen Christen, zumindest der Besten unter ihnen, in Bezug auf die Güte und den Endsieg ihrer Sache ist gerade das, was die Geschichtswissenschaftler bezüglich der christlichen Ursprünge nicht wahrnehmen und für wenig bedeutsam halten. „Ihr könnt uns töten, aber ihr könnt uns keinen Schaden zufügen“, sagte der Märtyrer Justin zu dem römischen Richter, der ihn zum Tode verurteilte. Diese ruhige Gewissheit sicherte ihnen schließlich den Sieg und überzeugte die politischen Machthaber davon, dass die Anstrengungen zur Unterdrückung des christlichen Glaubens unnütz waren.

Das ist es, was wir heute mehr brauchen: In den Christen – zumindest in denen, die sich dem Werk der Re-Evangelisierung widmen wollen – die innere Gewissheit der Wahrheit dessen, was sie verkündigen, wieder wachzurufen. Paul VI. sagte einmal: „Die Kirche muss die Sorge, die Freude und die Gewissheit ihrer Wahrheit wiedergewinnen“ (8). Wir müssen als erste an das glauben, was wir verkündigen. Wir müssen es aber wahrhaft glauben „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzem Verstand“. Wir müssen mit Paulus sagen können: „Wir haben den gleichen Geist des Glaubens, von dem es in der Schrift heißt: Ich habe geglaubt; darum habe ich geredet“ (2 Kor 4,13).

Die beiden Gleichnisse Jesu weisen uns als praktische Aufgabe das Säen zu. Mit vollen Händen säen, „sei es gelegen oder ungelegen“ (2 Tim 4,2). Der Sämann im Gleichnis, der zum Säen hinausgeht, sorgt sich nicht darum, dass ein Teil des Samens auf der Straße und ein Teil zwischen den Dornen endet. Man muss bedenken, dass jener Sämann außerhalb der Metapher Jesus selbst ist! Es geht darum, dass man in diesem Fall nicht im Voraus wissen kann, ob das Erdreich sich als gut erweist oder als hart wie Asphalt oder als erdrückend wie ein Dornenbusch. Hier ist die menschliche Freiheit mit im Spiel, die der Mensch nicht vorhersehen kann und die Gott nicht verletzen will. Wie oft entdeckt man bei den Menschen, die eine bestimmte Predigt gehört oder ein bestimmtes Buch gelesen haben, dass gerade die Person es ernst genommen und ihr Leben verändert hat, von der man es am wenigsten erwartet hat, eine Person, die zufällig oder sogar widerwillig dort war. Ich könnte Dutzende von Fällen erzählen.

Also säen und dann ... schlafen gehen! Das bedeutet, säen und dann nicht die ganze Zeit da bleiben, um zu schauen, wann es sprießt, wo es sprießt, wie viel Zentimeter es täglich wächst. Das Verwurzeln und das Wachstum ist nicht unsere Sache, sondern die Sache Gottes und des Hörers. Ein großer, englischer Humorist des 19. Jahrhunderts, Jerome Klapka Jerome, sagt, dass die beste Art, das Kochen von Wasser in einem Topf zu verzögern, darin besteht, daneben zu stehen und ungeduldig zu warten.

Das Gegenteil zu tun, wird unvermeidlich zur Quelle von Unruhe und Ungeduld: alles Dinge, die Jesus nicht gefielen und die er niemals in seinem Erdenleben machte. Im Evangelium scheint er es niemals eilig zu haben. „Sorgt euch nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage“ (Mt 6,34).

Der gläubige Dichter Charles Péguy legt diesbezüglich Gott Worte in den Mund, die uns gut tun zu betrachten:

„Man sagt mir, dass es Menschen gibt,
die gut arbeiten und schlecht schlafen.
Die nicht schlafen. Welch ein Mangel an Vertrauen zu mir.
Es ist beinahe schwerwiegender,
als wenn sie nicht arbeiten, aber schlafen würden, weil die Faulheit
keine größere Sünde als die Unruhe ist. ...
Ich spreche nicht, sagt Gott, von jenen Menschen,
die nicht arbeiten und nicht schlafen.
Jene sind Sünder, versteht sich ...
Ich spreche von denen, die arbeiten und nicht schlafen ...
Ich bedauere sie. Ich möchte es. Ein wenig. Sie haben kein Vertrauen zu mir ...
Sie führen ihre Geschäfte tagsüber hervorragend.
Aber sie wollen mir nicht die Führung während der Nacht anvertrauen.
Wer nicht schläft, ist gegenüber der Hoffnung untreu ...“ (9).

Die in dieser Meditation entwickelten Gedanken drängen uns dazu, einen großen Akt des Glaubens und der Hoffnung als Grundlage für den Einsatz in der Neuevangelisation zu setzen und jedes Gefühl der Ohnmacht und Resignation abzuschütteln. Es ist wahr, dass wir eine in ihrem Säkularismus verschlossene Welt vor uns haben, die berauscht ist von den Erfolgen der Technik und von den Möglichkeiten, die die Wissenschaften bieten, und unempfindlich gegenüber der Verkündigung des Evangeliums. Aber war die Welt, der die ersten Christen begegnet sind, weniger selbstsicher und unempfindlich für das Evangelium das Griechentum mit seiner Weisheit und das römische Reich mit seiner Macht?

Wenn es etwas gibt, das wir nach dem „Säen“ tun können, dann ist es das „Bewässern“ des Samens durch das Gebet. Deshalb schließen wir mit einem Gebet, das die Liturgie uns in der Messe „für die Evangelisation der Völker“ beten lässt:

O Gott, du willst, dass alle Menschen gerettet werden
und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.
Sieh, wie groß deine Ernte ist und schicke deine Arbeiter,
damit allen Geschöpfen das Evangelium verkündet wird
und dein Volk, durch das Wort des Lebens versammelt
und durch die Kraft der Sakramente geformt,
auf dem Weg des Heils und der Liebe voranschreite.
Durch Christus, unseren Herrn. Amen.

(1) A. Harnack, ...
(2) Origenes, C. Cels. III,9.
(3) Op. cit. S. 321
(4) H. Chadwick, The early Church, Pegium Books 1967, S. 56-58
(5) A. Harnack, Missione e propagazione del cristianesimo nei primi tre secoli, Rist. anast., Cosenza 1986, S. 173
(6) Harnack, op. cit., S. 370
(7) S. Kierkegaard, Diario (deutsch: Tagebuch), X5 A 98 (C. Fabro, Brescia II, 1963, S. 386ff.)
(8) Ansprache bei der Generalaudienz am 29. November 1972 (Insegnamenti di Paolo VI, Tipografia Poliglotta Vaticana, X, S. 1210f.)
(9) Ch. Péguy, Il portico del mistero della seconda virtù, Jaca Book, Mailand 1978, S. 120f.

[Übersetzung des italienischen Originals von Dr. Edith Olk]