Erste Adventspredigt von P. Raniero Cantalamessa OFMCap

Das Jahr des Glaubens und der Katechismus der Katholischen Kirche

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VATIKANSTADT, 7. Dezember 2012 (ZENIT.org). - Am heutigen Freitagvormittag hielt der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFMCap, im Vatikan die erste der traditionellen Adventspredigten für den Papst und die Kurie. In der Predigt bezog er sich auf das Jahr des Glaubens und den Katechismus der Katholischen Kirche.

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1. Ein Buch zum „Essen“

In meinem Amt als Prediger des Päpstlichen Hauses versuche ich mich bei der Auswahl der Themen von den besonderen Ereignissen und Anlässen leiten zu lassen, die die Kirche im gegebenen Augenblick ihrer Geschichte gerade durchlebt. Kürzlich haben wir den Beginn des Jahrs des Glaubens, den 50. Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils und die Synode zur Evangelisierung und Weitergabe des christlichen Glaubens erlebt. Deshalb habe ich mir vorgenommen, in der diesjährigen Adventszeit einige Gedanken über jedes dieser drei Ereignisse zu entfalten.

Ich will beim Jahr des Glaubens beginnen. Um mich nicht in einem Thema zu verlieren, das so weit ist wie das Meer – das Thema des Glaubens –, will ich mich auf einen Passus des apostolischen Schreibens „Porta fidei“ konzentrieren, worin der Heilige Vater uns auffordert, den Katechismus der Katholischen Kirche zu einem bevorzugten Hilfsmittel zu machen, um uns die Gnade dieses Jahres zu erschließen. Der Papst schreibt:

„Das Jahr des Glaubens soll einen einhelligen Einsatz für die Wiederentdeckung und das Studium der grundlegenden Glaubensinhalte zum Ausdruck bringen, die im Katechismus der Katholischen Kirche systematisch und organisch zusammengefasst sind. Dort leuchtet nämlich der Reichtum der Lehre auf, die die Kirche in den zweitausend Jahren ihrer Geschichte empfangen, gehütet und dargeboten hat. Von der Heiligen Schrift zu den Kirchenvätern, von den Lehrern der Theologie zu den Heiligen über die Jahrhunderte hin bietet der Katechismus eine bleibende Erinnerung an die vielen Weisen, in denen die Kirche über den Glauben meditiert und Fortschritte in der Lehre hervorgebracht hat, um den Gläubigen in ihrem Glaubensleben Sicherheit zu geben.“ [1]

Ich will hier nicht vom Inhalt des KKK sprechen, auch nicht von seiner Gliederung und seinen Informationskriterien: Das wäre, als wolle ich dem Dichter Dante Alighieri seine „Göttliche Komödie“ erklären. Stattdessen möchte ich versuchen zu verdeutlichen, auf welche Weise dieses Buch aufhören kann, ein stummes Instrument zu sein, das ähnlich wie eine kostbare Geige nur in Ehren aufbewahrt wird, und zu einem spielenden Instrument wird, dessen Musik die Herzen erobert. Bachs Matthäus-Passion blieb etwa ein Jahrhundert lang eine geschriebene Partitur, die in Musikarchiven aufbewahrt wurde, bis Felix Mendelssohn-Bartholdy 1829 in Berlin eine meisterhafte Aufführung der Passion leitete. Seit jenem Tag weiß die Welt, welche Melodien und erhabene Chöre in jenen bis dahin stummen Seiten enthalten waren.

Natürlich gibt es da Unterschiede, aber in einem gewissen Sinn passiert etwas Ähnliches mit jedem Buch, das vom Glauben erzählt, den KKK nicht ausgenommen: man muss erst den Sprung von der Partitur zur Aufführung vollziehen, von der stummen Seite zu etwas Lebendigem, das die Seele schwingen lässt. Eine Vision Ezechiels hilft uns zu verstehen, was erforderlich ist, damit dieser Sprung stattfindet:

„Und ich sah: Eine Hand war ausgestreckt zu mir; sie hielt eine Buchrolle. Er rollte sie vor mir auf. Sie war innen und außen beschrieben und auf ihr waren Klagen, Seufzer und Wehrufe geschrieben. Er sagte zu mir: ‚Menschensohn, iss, was du vor dir hast. Iss diese Rolle! Dann geh und rede zum Haus Israel!‘ Ich öffnete meinen Mund und er ließ mich die Rolle essen. Er sagte zu mir: ‚Menschensohn, gib deinem Bauch zu essen, fülle dein Inneres mit dieser Rolle, die ich dir gebe.‘ Ich aß sie und sie wurde in meinem Mund süß wie Honig“ (Ez 2,9-3,3).

Der Heilige Vater ist die Hand, die der Kirche in diesem Jahr des Glaubens erneut den KKK reicht und jedem Katholiken sagt: „Nimm dieses Buch, iss es, fülle dein Inneres damit.“ Was bedeutet das: ein Buch „essen“? Es heißt: es nicht nur lesen, analysieren, auswendig lernen, sondern es ins eigene Fleisch und Blut übergehen lassen, es auf dieselbe Art und Weise „aufnehmen“, wie wir es mit der Nahrung tun, die wir zu uns nehmen. Den gelernten Glauben in gelebten Glauben verwandeln.

Es ist unmöglich, dies mit dem gesamten Buch zu tun, mit jeder einzelnen Wahrheit, die darin enthalten ist. Man kann dabei nicht analytisch vorgehen, man muss synthetisieren können. Ich meine: Man muss das Prinzip erfassen können, das dem ganzen Buch zugrunde liegt und es zu einem einheitlichen Werk macht, also das pulsierende Herz des KKK. Worin besteht dieses Herz? Aus keinem Dogma, keiner Wahrheit, keiner Lehre und keinem ethischen Grundsatz: Es ist eine Person, Jesus Christus selbst! „Seite für Seite“, schreibt der Heilige Vater über den KKK in seinem apostolischen Schreiben „Porta Fidei“, „entdeckt man, dass das Dargestellte nicht eine Theorie, sondern die Begegnung mit einer Person ist, die in der Kirche lebt.“

Wenn die gesamte Heilige Schrift über Christus Zeugnis ablegt, wie er selbst sagt (vgl. Joh 5,39), wenn die Bibel ganz von Christus durchdrungen ist und sich ganz in ihm zusammenfassen lässt, könnte es dann für den KKK anders sein, der doch als systematische, von der Tradition unter der Leitung der kirchlichen Lehre erarbeitete Darstellung der Heiligen Schrift gedacht ist?

Im ersten, dem Glauben gewidmeten Abschnitt erinnert der KKK an den großartigen Grundsatz des heiligen Thomas von Aquin, wonach „der Akt des Glaubenden seinen Zielpunkt nicht in der Aussage, sondern in der Wirklichkeit“ hat („Fides non terminatur ad enunciabile sed ad rem“) [2]. Und was ist diese Wirklichkeit, der letzte Gegenstand des Glaubens? Natürlich Gott! Jedoch nicht irgendein Gott, den jeder sich ausmalen kann, wie es ihm am besten gefällt, sondern jener Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat und sich mit ihm so sehr „identifiziert“, dass Jesus sagen konnte: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9) und „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1,18).

Wenn wir vom Glauben an Jesus Christus sprechen, dann nehmen wir keine Trennung zwischen Altem und Neuem Testament vor; wir lassen den wahren Glauben nicht erst mit der Menschwerdung Christi beginnen. Täten wir das, dann würden wir selbst Abraham, den wir „unseren Vater“ im Glauben nennen (vgl. Röm 4,12), von der Schar der Gläubigen ausnehmen. Indem er den Vater als „den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs“ identifizierte (vgl. Mt 22,32), hat Jesus den Glauben des Alten Testaments bestätigt und seinen prophetischen Charakter gezeigt, indem er erklärte, dass er es sei, von dem die Propheten gesprochen hatten (vgl. Lk 24,27.44; Joh 5,46). Das ist es, was den jüdischen Glauben für uns Christen so besonders macht und von allen anderen Religionen unterscheidet, und das ist auch der Grund, weshalb seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil der Dialog mit den Juden einen Sonderstatus gegenüber dem Dialog mit anderen Religionen einnimmt.

2. Kerygma und Didache

In der Anfangszeit der Kirche war der Unterschied zwischen „Kerygma“ und „Didache“ klar. Als Kerygma – Paulus verwendet hierfür auch den Begriff „Evangelium“ – bezeichnete man die Verkündigung bezüglich dem Wirken Gottes in Jesus Christus, das Ostergeheimnis von Tod und Auferstehung, und man fasste diese Verkündigung in kurze Glaubenssätze, wie etwa jene Formel, die man aus der Rede Petri am Pfingsttag ableiten kann: „Ihr habt ihn ans Kreuz geschlagen, Gott hat ihn auferweckt und zum Herrn gemacht“ (vgl Apg 2,23-36), oder auch aus dem Römerbrief: „Wenn du mit deinem Mund bekennst: ‚Jesus ist der Herr‘ und in deinem Herzen glaubst: ‚Gott hat ihn von den Toten auferweckt‘, so wirst du gerettet werden“ (Röm 10,9).

Als Didache bezeichnete man stattdessen den Glaubensunterricht, der nach dem Eintritt in die Glaubensgemeinschaft stattfand, also die Formung und Ausbildung der neuen Gläubigen. Man war überzeugt (vor allem Paulus war es), dass der wahre Glaube erst aufblühen kann, wenn das Kerygma schon vorhanden ist. Das Kerygma war also keine Kurzfassung des Glaubens und auch nicht nur ein Teil des Glaubens, sondern eher der Same, aus dem der Glaube keimt. Auch die vier Evangelien wurden ja erst später geschrieben, und zwar genau deshalb, um das Kerygma besser zu erklären.

Auch im ältesten Kern des Glaubensbekenntnisses ging es um Christus, dessen doppelte Natur – Gott und Mensch – hervorgehoben wurde. Man glaubt, dass ein Teil dieses Ur-Glaubensbekenntnisses im Anfang des Römerbriefs überlebt hat, wo von Christus die Rede ist, „der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids, der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten“ (Röm 1,3-4).

Schon bald wurde dieser älteste Kern, den wir auch das „christologische Bekenntnis“ nennen, in einen weiteren Kontext eingegliedert, indem etwa der zweite Glaubenssatz angehängt wurde. So entstanden, auch aus dem Bedürfnis heraus, eine vollständigere Formel für die Taufe zu besitzen, die trinitären Bekenntnisformeln, die uns überliefert sind.

Dieser Vorgang ist ein Teil dessen, was Newman als „Entwicklung der christlichen Lehre“ bezeichnet; es handelt sich um eine Bereicherung der Lehre, die trotzdem dem ursprünglichen Glauben treu bleibt. Es ist die Aufgabe von uns allen, besonders aber der Bischöfe, Prediger und Katecheten, den Sonderstatus des Kerygma als Glaubenskeim hervorzuheben. In einer musikalischen Oper gibt es Chöre und hohe Töne, die immer wieder auf das Leitmotiv zurückkommen und die Zuhörer aufrütteln und starke Emotionen hervorrufen sollen. Manchmal bekommt man davon eine Gänsehaut. Jetzt wissen wir, was der „hohe Ton“ jeder Katechese ist.

Unsere Lage ist wieder so ähnlich wie zur Zeit der ersten Christen. Die Apostel lebten in einer vorchristlichen Welt, die es zu evangelisieren galt; wir leben heute in einem gewissen Maß in einer nachchristlichen Welt, die wir neuevangelisieren müssen. Wir müssen die Methoden der ersten Apostel wiederentdecken und jenes „Schwert des Geistes“ wieder ans Licht bringen, das die Verkündigung Christi ist, der wegen unserer Verfehlungen starb und wegen unserer Gerechtmachung auferweckt wurde (vgl. Röm 4,25).

Das Kerygma ist jedoch nicht nur die Verkündigung einiger ganz bestimmter Tatsachen oder Glaubenswahrheiten; es ist auch ein geistiges Klima, das unabhängig von dem entstehen kann, was man sagt; eine Art Bühne, auf der sich alles abspielt. Aufgabe des Verkünders ist es, durch seinen Glauben dem Heiligen Geist zu erlauben, dieses Klima zu schaffen.

Welchen Sinn, fragen wir uns dann, hat also der KKK? Denselben Sinn, den in der Urkirche die Didache hatte: den Glauben zu formen, ihm einen Inhalt zu geben, seine ethischen und praktischen Folgen aufzuzeigen; kurz, den Glauben dahin zu führen, dass er „in der Liebe wirksam“ werde (vgl. Gal 5,6). Das wird auch im KKK selbst deutlich: Nachdem wir an den wichtigen Grundsatz erinnert werden, dass „der Akt des Glaubenden seinen Zielpunkt nicht bei der Aussage, sondern bei der Wirklichkeit“ hat, fügt der KKK hinzu:

„Doch wir nähern uns diesen Wirklichkeiten mit Hilfe der Glaubensformeln. Diese ermöglichen, den Glauben auszudrücken und weiterzugeben, ihn in Gemeinschaft zu feiern, ihn uns anzueignen und immer mehr aus ihm zu leben“ [3].

Darin kommt die Bedeutung des zweiten „K“ im Titel „Katechismus der Katholischen Kirche“ zum Ausdruck, also des Adjektivs „katholisch“. Die Kraft einiger nicht katholischer Kirchen liegt darin, dass sie alles auf den Anfangsmoment setzen, auf die Geburt zum Glauben, auf die Aufnahme des Kerygma und den Entschluss, Christus als den Herrn anzuerkennen; das alles wird als eine „Wiedergeburt“ und „Neubekehrung“ aufgefasst. Dies kann aber auch zum Schwachpunkt werden, wenn man dabei stehen bleibt und sich alles immer nur um das Kerygma dreht.

Wir Katholiken können von diesen Kirchen etwas lernen; wir haben aber auch viel an sie zu vermitteln. In der katholischen Kirche ist das alles nur der Anfang, nicht das Endziel des christlichen Lebens. Nach der Wiedergeburt kommt erst der Weg des Wachstums, der zur Reife des christlichen Lebens führt, und dank ihres Reichtums an Sakramenten, Doktrin und dem Vorbild so vieler Heiliger, befindet sich die katholische Kirche in einer privilegierten Lage, um die Gläubigen zur Vollkommenheit ihres Glaubens hinzuführen. Im bereits mehrmals zitierten Apostolischen Schreiben „Porta Fidei“ erklärt uns der Papst:

„Von der Heiligen Schrift zu den Kirchenvätern, von den Lehrern der Theologie zu den Heiligen über die Jahrhunderte hin bietet der Katechismus eine bleibende Erinnerung an die vielen Weisen, in denen die Kirche über den Glauben meditiert und Fortschritte in der Lehre hervorgebracht hat, um den Gläubigen in ihrem Glaubensleben Sicherheit zu geben.“

3. Die Salbung im Glauben

Ich habe das Kerygma als den „hohen Ton“ der Katechese bezeichnet. Um aber diesen hohen Ton zu erzeugen, genügt es nicht, die Stimme zu heben; es gehört mehr dazu. „Niemand kann sagen: ‚Jesus ist der Herr‘ [und das ist der höchste aller Töne!], außer im Heiligen Geist“ (1Kor 15,3). Der Evangelist Johannes findet zum Thema der Salbung Worte, die in diesem Jahr des Glaubens wieder sehr aktuell geworden sind. Er schreibt:

„Ihr habt die Salbung von dem, der heilig ist, und ihr alle wisst es […]. Die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch und ihr braucht euch von niemand belehren zu lassen. Alles, was seine Salbung euch lehrt, ist wahr und keine Lüge. Bleibt in ihm, wie es euch seine Salbung gelehrt hat“ (1Joh 2,20.27).

Der Autor dieser Salbung ist der Heilige Geist, wie man aus der Tatsache ableiten kann, dass in anderen Textstellen die Aufgabe „alles zu lehren“ eben dem Heiligen Geist zukommt (vgl. Joh 14,26). Es handelt sich dabei, wie einige der Kirchenväter schreiben, um eine „Salbung im Glauben“: „Die Salbung, die vom Geist kommt“, schreibt Clemens von Alexandria, „konkretisiert sich im Glauben“. „Die Salbung ist der Glaube an Christus“, schreibt ein anderer Autor derselben Schule.[4]

In seinem „Kommentar zum Ersten Johannesbrief“ richtet Augustinus eine rhetorische Frage an den Evangelisten. Wozu, fragt er, hast du deinen Brief geschrieben, wenn die, an die der Brief gerichtet ist, doch die Salbung erhalten hatten, die alles lehrt und daher von niemandem mehr belehrt werden mussten? Wozu versuche auch ich noch, die Gläubigen zu belehren? Hier die Antwort, die Augustinus auf seine eigene Frage gibt. Sie basiert auf dem Konzept des „Inneren Meisters“:

„Der Klang unserer Worte trifft das Ohr, der wahre Meister jedoch wohnt im Inneren […]. Ich habe für alle gesprochen; aber jene, in denen diese Salbung nicht spricht, die der Heilige Geist nicht von innen heraus unterrichtet, die gehen, ohne irgendetwas gelernt zu haben […]. Daher ist der Meister, der uns in Wahrheit belehrt, in uns; es ist Christus selbst; seine Eingebung ist es, die uns belehrt.“ [5]

Wir brauchen also Lehrer, wir müssen die Lehre mit unseren Ohren vernehmen; aber die Stimme unserer Lehrer dringt nur dann in unsere Herzen, wenn sich zu ihr auch die innere Stimme des Heiligen Geistes gesellt. „Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der Heilige Geist, den Gott allen verliehen hat, die ihm gehorchen“ (Apg 5,32). Mit diesen Worten, die er vor dem Hohen Rat spricht, beruft sich der Apostel Petrus nicht nur auf die Notwendigkeit des inneren Zeugnisses, das vom Heiligen Geist kommt, sondern er teilt uns auch die Bedingung mit, unter der wir es empfangen: die Bereitschaft, zu gehorchen, uns dem Wort zu fügen.

Die Salbung des Heiligen Geistes ist das, was uns von den Aussagen des Glaubens zur Wirklichkeit des Glaubens gelangen lässt. Dieses Thema des Glaubens, der zugleich auch ein Erkennen ist, liegt besonders dem Evangelisten Johannes am Herzen: „Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen“ (1 Joh 4,16). „Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes“ (Joh 6,69). „Erkennen“ bedeutet hier, wie auch sonst ganz allgemein in der ganzen Heiligen Schrift, etwas anderes, als wir heute darunter verstehen würden; es heißt also nicht einfach nur, sich von etwas eine klare Vorstellung machen. Es bedeutet, dass man etwas durch unmittelbares Erleben erfährt und zur erkannten Sache oder Person eine Beziehung aufbaut. [6] Wenn die Jungfrau Maria sagt: „Ich erkenne keinen Mann“, dann meinte sie natürlich nicht, dass sie nicht wisse, was ein Mann ist…

Ein klarer Fall von Salbung im Glauben ist das, was Pascal in der Nacht des 23. November 1654 erlebte und in kurzen Sätzen auf einem Pergamentstreifen festhielt, den man nach erst seinem Tod in seiner Jacke eingenäht wiederfand:

„Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten. Gewissheit, Gewissheit, Empfinden: Freude, Friede. Gott Jesu Christi […]. Nur auf den Wegen, die das Evangelium lehrt, ist er zu finden […]. Freude, Freude, Freude und Tränen der Freude […]. Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen.“ [7]

Üblicherweise ereignet sich die Salbung im Glauben dann, wenn auf ein Wort Gottes oder eine Aussage des Glaubens plötzlich das Licht des Heiligen Geistes fällt. Das geht fast immer mit starken Emotionen einher. Ich erinnere mich, dass ich einmal am Christkönigsfest während der Lesung in der Messe die Vision Daniels über den Menschensohn hörte:

„Immer noch hatte ich die nächtlichen Visionen: Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt. Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter“ (Dan 7,13-14).

Das Neue Testament hat bekanntlich diese prophetische Vision Daniels auf Jesus bezogen; er selbst eignet sie sich bei seinem Verhör vor dem Hohen Rat an (vgl. Mt 26,64); ein Satz dieses Textes ist sogar Teil des Glaubensbekenntnisses geworden („und seiner Herrschaft wird kein Ende sein“). Ich wusste all das aus meinen Studien; aber in jenem Augenblick wurde es zu etwas völlig Neuem. Es war, als spiele sich die Szene gerade dort vor meinen Augen ab. Ja, dieser Menschensohn, der da kam, war wirklich Jesus. Alle Zweifel und alle alternativen Erklärungsversuche der Gelehrten, die ich gelesen hatte, schienen mir in jenem Augenblick wie faule Ausreden, um dem Glauben aus dem Weg zu gehen. Ohne es zu wissen, erlebte ich eine Glaubenssalbung.

Ein andermal – ich glaube, über dieses Erlebnis habe ich schon an anderer Stelle einmal berichtet; es hilft aber, zu verstehen – nahm ich gerade an der von Johannes Paul II. im Petersdom gefeierten weihnachtlichen Mitternachtsmesse teil. Es kam der Moment, als die Ankündigung des Herrn gesungen wurde, die im alten Martyrologium enthalten war und seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wieder zur Weihnachtsliturgie gehört:

„Viele Jahrhunderte nach Erschaffung der Welt…
1500 Jahre, seit Mose das Volk Israel aus Ägypten herausgeführt…
in der 194. Olympiade;
752 Jahre nach Gründung der Stadt Rom:
im 42. Regierungsjahr des Kaisers Octavianus Augustus…
da wollte Jesus Christus, ewiger Gott und Sohn des ewigen Vaters, die Welt heiligen durch seine liebevolle Ankunft.
Durch den Heiligen Geist empfangen und nach neun Monaten von Maria der Jungfrau zu Bethlehem in Juda geboren, wird er Mensch.“

Bei diesen Worten spürte ich plötzlich eine große innere Gewissheit. Ich weiß noch, dass ich bei mir sagte: „Es ist wahr! Das alles, was hier gesungen wird, ist wahr! Es sind nicht bloß Worte. Der Ewige tritt in die Zeit ein. Das letzte Ereignis in dieser Reihe wirft die ganze Reihe um; es schafft ein Vorher und ein Nachher, die nicht wieder rückgängig zu machen sind; die Rechnung der Zeit, die bislang nach unterschiedlichen Kriterien erfolgte (die soundsovielte Olympiade, die Regierung jenes Herrschers), folgt ab jetzt nur noch einem Ereignis.“ Vor ihm und nach ihm. Ich war in meiner ganzen Person zutiefst gerührt und brachte es nur noch fertig, zu flüstern: „Danke, heilige Dreifaltigkeit, und danke auch Dir, heilige Mutter Gottes!“

Die Salbung durch den Heiligen Geist hat sozusagen auch noch einen Nebeneffekt: Sie lässt den Betroffenen eine große Freude verspüren, wenn er das Evangelium Jesu Christi verkündigt. Sie verwandelt die Evangelisierung und lässt sie nicht mehr als Pflicht und Arbeit erscheinen, sondern als eine Freude und Ehre. Es ist dieselbe Freude, mit der ein Bote einer belagerten Stadt die Botschaft bringen würde, die Belagerung sei aufgehoben, oder mit der die Herolde früherer Zeiten dem Heer vorauseilten, um dem Volk einen großen Sieg zu verkünden, den man errungen hatte. Die „frohe Botschaft“ bereitet dem, der sie überbringt, noch mehr Freude als dem, der sie erfährt.

Die Vision Ezechiels von der gegessenen Buchrolle hat sich einmal in der Geschichte wirklich zugetragen, hat sich buchstäblich und nicht nur im metaphorischen Sinn ereignet. Das geschah, als das Wort Gottes zu Maria kam und Maria es in sich aufnahm und auch ganz leiblich betrachtet ihr Inneres mit ihm erfüllte. Danach gab sie es der Welt, sie „sprach es aus“, indem sie Jesus gebar. Maria ist das Vorbild jedes Predigers und jedes Katecheten. Sie lehrt uns, dass wir uns mit Jesus erfüllen müssen, um ihn zu unseren Mitmenschen bringen zu können. Maria empfing Jesus durch den Heiligen Geist, und so muss es auch mit allen Verkündern der Glaubensbotschaft sein.

Der Heilige Vater beendet das Schreiben, mit dem er das Jahr des Glaubens ausruft, mit einer Rückbesinnung auf die Jungfrau Maria: „Vertrauen wir der Mutter Gottes, die ‚selig‘ gepriesen wird, weil sie ‚geglaubt hat‘ (Lk 1,45), diese Zeit der Gnade an“. [8] Sie wollen wir bitten, dass sie uns die Gnade erflehen möge, dass wir in diesem Jahr viele Augenblicke der Glaubenssalbung erleben dürfen. „Virgo fidelis, ora pro nobis!“. Gläubige Jungfrau, bitte für uns!

[Übersetzung des italienischen Originals von Alexander Wagensommer]

[1] Benedikt XVI., Apostolisches Schreiben „Porta fidei“, Nr. 11.
[2] Thomas von Aquin, Summa Theologiae, II-II, 1,2,ad 2; zitiert im KKK, Nr. 170.
[3] KKK, Nr. 170.
[4] Clemens von Alexandria, Adumbrationes in 1 Johannis (PG 9, 737B); Homéliies paschales (SCh 36, p.40): zitiert in I. de la Potterie, L’unzione del cristiano con la fede, in Biblica 40, 1959, 12-69.
[5] Augustinus, Kommentar zum Ersten Johannesbrief  3,13  (PL  35, 2004 s).
[6] Vgl. C.H. Dodd, L’interpretazione del Quarto Vangelo, Brescia, Paideia1974, S. 195 ff.
[7] B. Pascal, Mémorial.
[8] “Porta Fidei”, Nr. 15.