Erste Fastenpredigt von P. Raniero Cantalamessa in der Kapelle „Redemptoris Mater“

„Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam“

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ROM, 22. Februar 2008 (ZENIT.org).- Am heutigen Vormittag hielt der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., in der Kapelle „Redemptoris Mater“ des Apostolischen Palastes die erste der vier traditionellen Fastenpredigten für den Papst und die Kurie.

In Vorbereitung auf die Bischofssynode über das Wort Gottes (5.-26. Oktober) sowie unter Bezugnahme auf die „Lineamenta“ dieser Versammlung beabsichtigt P. Cantalamessas, eine Reflexion über die Verkündigung des Evangeliums im Leben Christi („Jesus, der verkündet“) und in der Sendung der Kirche („der verkündete Jesus“), über das Wort Gottes als Mittel der persönlichen Heiligung (lectio divina) sowie die Beziehung zwischen dem Geist und dem Wort (geistliche Lesung der Bibel) vorzulegen.

Die erste der vier Predigten stellte der Prediger des Päpstliche Hauses unter das Thema: „Jesus begann zu verkünden“ - Das Wort Gottes im Leben Christi.

 

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  Fastenzeit 2008 im Päpstlichen Haus
Erste Predigt

„Jesus begann zu verkünden“
Das Wort Gottes im Leben Christi


Im Hinblick auf die Bischofssynode des kommenden Oktobers habe ich gedacht, die Fastenpredigten dieses Jahres dem Thema des Wortes Gottes zu widmen. Wir werden in der Folge über die Verkündigung des Evangeliums im Leben Christi nachdenken, das heißt über Jesus, „der verkündet“, über die Verkündigung der Sendung der Kirche, das heißt über den „verkündeten“ Jesus, über das Wort Gottes als Mittel der persönlichen Heiligung, die lectio divina, sowie über die Beziehung zwischen dem Geist und dem Wort, das heißt das geistliche Lesen der Bibel.

Wir beginnen diese Predigten am Tag, an dem die Kirche das Fest der Kathedra Petri feiert, und das ist nicht ohne Bedeutung für unser Thema. Es bietet uns dies vor allem die Gelegenheit, den, der heute auf dem Stuhl Petri sitzt, den Heiligen Vater Benedikt XVI., zu ehren und ihm unsere Zuneigung und Verehrung zu bekunden. Dann erinnert es uns an das, was der Apostel Petrus selbst in seinem zweiten Brief schreibt: „Keine Weissagung der Schrift darf eigenmächtig ausgelegt werden“ (2 Petr 1,20), und dass deshalb jede Interpretation des Wortes Gottes sich mit der lebendigen Tradition der Kirche messen muss, deren authentische Auslegung dem apostolischen Lehramt und in einzigartiger Weise dem petrinischen Lehramt anvertraut ist.

Es ist schön, bei einer Gelegenheit wie dieser und im Kontext des aktuellen ökumenischen Dialogs an einen bekannten Text des hl. Irenäus zu erinnern: „Weil es aber zu weitläufig wäre, in einem Werke wie dem vorliegenden die apostolische Nachfolge aller Kirchen aufzuzählen, so werden wir nur die apostolische Tradition und Glaubenspredigt der größten und ältesten und allbekannten Kirche, die von den beiden ruhmreichen Aposteln Petrus und Paulus zu Rom gegründet und gebaut ist, darlegen… Mit der römischen Kirche nämlich muss wegen ihres besonderen Vorranges (propter potentiorem principalitatem) jede Kirche übereinstimmen, d. h. die Gläubigen von allerwärts, denn in ihr ist immer die apostolische Tradition bewahrt von denen, die von allen Seiten kommen“ (Irenäus, Adv. Haer. III, 2).

In diesem Geist, nicht ohne Furcht und Zittern, schicke ich mich an, meine Gedanken über das lebensnotwendige Thema des Wortes Gotte in Anwesenheit des Nachfolgers des Petrus und Bischofs von Rom vorzutragen.

1. Die Verkündigung im Leben Jesu

Nach der Erzählung des Taufe Jesu fährt der Evangelist Markus in seiner Erzählung fort: „Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,14f). Matthäus schreibt kürzer: „Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“ (Mt 4,17). Mit diesen Worten beginnt das „Evangelium“, verstanden als die gute Nachricht „Jesu“ – das heißt überbracht von Jesus und deren Subjekt Jesus ist –, anders als die gute Nachricht „von“ Jesus der nachfolgenden apostolischen Predigt, in der Jesus das Objekt ist.

Es handelt sich um ein Ereignis, das einen genauen raumzeitlichen Platz einnimmt: es geschieht „in Galiläa“, „nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte“. Das von den Evangelisten gebrauchte Wort „er begann zu verkünden“ hebt stark hervor, dass es sich um einen „Anfang“ handelt, um etwas Neues nicht nur im Leben Jesus, sondern in der Heilsgeschichte selbst. Der Brief an die Hebräer drückt diese Neuheit so aus: „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn“ (Hebr 1,1-2). Es beginnt eine besondere Zeit des Heils, ein neuer kairos, der sich auf ungefähr zwei Jahre erstreckt (vom Herbst 27 bis zum Frühjahr 30 nach Christus).

Jesus wies dieser seiner Aktivität eine derartige Wichtigkeit zu, dass er sagte, dass er vom Vater gerade dazu gesandt und mit der Salbung des Heiligen Geistes geweiht worden ist, nämlich „damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe“ (Lk 4,18). Während einige ihn einmal aufhalten wollten, ermahnt er die Apostel zum Aufbruch und sagt ihnen: „Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen“ (Mk 1,38).

Die Verkündigung Jesu ist teil der so genannten „Geheimnisse des Lebens Christi“ und als solches nähern wir uns ihr an. Mit dem Wort „Geheimnis“ ist in diesem Zusammenhang ein Ereignis des Lebens Jesu gemeint, das eine Heil bringende Bedeutung trägt und als solches von der Kirche in ihrer Liturgie gefeiert wird. (vgl. Augustinus, Epistula 55, 1,2) Wenn es kein spezifisches liturgisches Fest der Verkündigung Jesu gibt, so ist das deshalb der Fall, da ihrer in jeder Liturgie der Kirche gedacht wird. Der „Wortgottesdienst“ in der Messe ist nichts anderes als die liturgische Aktualisierung des verkündenden Jesus. Ein Text des II. Vatikanischen Konzils besagt: „Gegenwärtig ist er in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden“. (Sacrosanctum concilium 7).

So wie Jesus in der Geschichte nach der Verkündigung des Reiches Gottes nach Jerusalem ging, um sich dem Vater als Opfer darzubringen, so erneuert Jesus in der Liturgie nach der erneuten Verkündigung seines Wortes das Opfer seiner selbst an den Vater durch die eucharistische Handlung. Wenn wir am Ende der Präfation sagen: „Gepriesen sei der, der kommt im Namen des Herrn: Hosanna in der Höhe“, so geben wir im ideellen Sinn jenen Moment wieder, in dem Jesus in Jerusalem einzieht, um sein Pas’cha zu feiern; dort endet die Zeit der Verkündigung und beginnt die Zeit des Leidens.

Die Verkündigung Jesu ist also ein „Geheimnis“, da sie nicht nur die Offenbarung einer Lehre enthält, sondern das Geheimnis der Person Christi erklärt; sie ist wesentlich, um sowohl das Vorhergehende zu verstehen – das Geheimnis der Menschwerdung – als auch das, was folgt: das Ostergeheimnis. Ohne das Wort Jesu würde es sich um stumme Ereignisse handeln. Es war eine glückliche Intuition Johannes Pauls II., in die Verkündigung des Reiches unter die „lichtreichen Geheimnisse“ einzufügen , die von ihm den freudenreichen, schmerzhaften und glorreichen Geheimnisses hinzugefügt wurden, neben der Taufe Christi, die Hochzeit von Kanaan, die Verklärung und die Einsetzung der Eucharistie.

2. Die Fortsetzung der Verkündigung Christi in der Kirche

Der Verfasser der Briefs an die Hebräer schrieb eine beträchtliche Zeit nach dem Tode Jesu, als eine lange Zeit nachdem Jesus zu sprechen aufgehört hatte; und dennoch sagt er, das Gott uns im Sohn „gerade in diesen Tagen“ gesprochen hat. Er betrachtet also die Tage, in denen er lebt, als Teil der „Tage Jesu“. Deshalb wendet er ein wenig später eine Zitat aus den Psalmen: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht wie beim Aufruhr“ auf die Christen an und sagt: „Gebt Acht, Brüder, dass keiner von euch ein böses, ungläubiges Herz hat, dass keiner vom lebendigen Gott abfällt, sondern ermahnt einander jeden Tag, solange es noch heißt: Heute“ (vgl. Hebr 3,7f).

Gott spricht also auch heute in der Kirche und er spricht „im Sohn“. „So ist Gott – so ist in der dogmatischen Konstitution Dei Verbum zu lesen –, der einst gesprochen hat, ohne Unterlass im Gespräch mit der Braut seines geliebten Sohnes, und der Heilige Geist, durch den die lebendige Stimme des Evangeliums in der Kirche und durch sie in der Welt widerhallt, führt die Gläubigen in alle Wahrheit ein und lässt das Wort Christi in Überfülle unter ihnen wohnen“. (Dei Verbum 8)

Wie aber können wir diese „seine Stimme“ hören? Die göttliche Offenbarung ist abgeschlossen; in einem gewissen Sinn gibt es keine Worte Gottes mehr. Und siehe: da entdecken wir eine weitere Verwandtschaft zwischen dem Wort und der Eucharistie. Die Eucharistie ist in der ganzen Heilsgeschichte gegenwärtig: im Alten Testament als Bild (das Osterlamm, das Opfer des Melchisedek, das Manna), im Neuen Testament als Ereignis (der Tod und die Auferstehung Christi), in der Kirche als Sakrament (die Messe).

Das Opfer Christi ist vollendet und abgeschlossen am Kreuz; in einem gewissen Sinne gibt es also keine Opfer Christi mehr; und dennoch wissen wir, dass da noch ein Opfer ist und dass es das eine Kreuzesopfer ist, das im eucharistischen Opfer gegenwärtig und wirksam wird; das Ereignis dauert fort im Sakrament, in der Geschichte der Liturgie. Etwas Analoges geschieht mit dem Wort Christi: es hat aufgehört, als Ereignis zu existieren, aber es existiert noch als Sakrament.

In der Bibel bildet das Wort Gottes (dabar), gerade in der besonderen Form, die es in den Propheten annimmt, immer ein Ereignis; es ist ein Ereignis-Wort, das heißt ein Wort, das eine Situation schafft, die immer etwas Neues in der Geschichte bewirkt. Der geläufige Ausdruck „das Wort Jahwes kam zu…“ könnte mit „das Wort Jahwes nahm die konkrete Form in… (Ezechiel, Zacharias, Habakuk usw.) an“ übersetzt werden.

Diese Art von Ereignis-Wort dauert bis Johannes dem Täufer fort; in Lukas lesen wir: „Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius… erging in der Wüste das Wort Gottes an (factum est verbum Domini super) Johannes, den Sohn des Zacharias“ (Lk 3,1ff). Nach diesem Moment, verschwindet diese Formel gänzlich aus der Bibel und an ihre Stelle tritt eine andere; nicht mehr: factum est verbum Domini super, sondern Verbum factum est: das Wort ist Fleisch geworden (Joh 1,14). Das Ereignis ist jetzt eine Person! Nie begegnet man dem Satz: „das Wort Gottes erging an Jesus“, da er das Wort ist. Den provisorischen Verwirklichungen des Wortes Gottes in den Propheten folgt jetzt die volle und endgültige Verwirklichung.

Indem er sich im Sohne schenkt – schreibt der hl. Johannes vom Kreuz – hat Gott uns alles auf einmal gesagt und hat nichts mehr zu offenbaren. Gott ist in einem gewissen Sinn stumm geworden, da er nichts mehr zu sagen hat. (vgl. Johannes vom Kreuz, Aufstieg zum Berg Karmel II, 22, 4-5) Aber man muss das wohl verstehen: Gott ist stumm geworden in dem Sinne, dass er nichts Neues mehr zu dem hinzuzufügen hat, was er in Jesus gesagt hat, nicht aber in dem Sinn, dass er nicht mehr spricht; er sagt immer neu das, was er einmal in Jesus gesagt hat!

4. Das Wort: hörbares Sakrament

Es gibt in der Kirche keine Ereignis-Worte mehr, dafür aber Sakrament-Worte. Die Sakrament-Worte sind die Worte Gottes, die ein für allemal „geschehen“, in der Bibel gesammelt sind und jedes Mal wieder „aktive Wirklichkeit“ werden, wenn die Kirche sie mit Vollmacht verkündet und der Heilige Geist, der sie inspiriert hat, sie wieder im Herzen derer entzündet, die sie hören. „Er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden“, sagt Jesus vom Heiligen Geist (Joh 16,14).

Wenn man vom Wort als „Sakrament“ spricht, so wird dieser Begriff nicht im technischen und auf die sieben Sakramente eingeschränkten Sinn genommen, sondern im weiteren Sinn, aufgrund dessen man von Christus vom „Ursakrament des Vaters“ und von der Kirche als dem „allumfassenden Heilssakrament“ spricht. (vgl. Lumen Gentium, 48) In Beachtung der Definition, die der hl. Augustinus vom Sakrament als „einem sichtbaren Wort“ (verbum visibile) gibt (vgl. Augustinus, In Evangelium Ioannis tractatus 80,3), definiert man gewöhnlich im Gegensatz dazu das Wort als ein „hörbares Sakrament“ (sacramentum audibile).

In jedem Sakrament unterscheidet man ein sichtbares Zeichen und eine unsichtbare Wirklichkeit, die die Gnade ist. Das Wort, das wir in der Bibel lesen, ist an sich nichts anderes als ein materielles Zeichen (wie das Wasser und das Brot), ein Zusammen von toten Silben oder höchstens ein Wort des menschlichen Wortschatzes wie die anderen; treten aber der Glaube und die Erleuchtung durch den Heiligen Geist hinzu, kommen wir durch dieses Zeichen in geheimnisvoller Weise in Berührung mit der lebendigen Wahrheit und dem Willen Gottes und hören die Stimme Christi.

„Der Leib Christi“, so schreibt Bossuet, „ist nicht wirklicher im anzubetenden Sakrament gegenwärtig, als er dies in der Verkündigung des Evangeliums ist. Im Geheimnis der Eucharistie sind die Gestalten, die ihr seht, Zeichen, aber das, was in ihnen enthalten ist, ist der Leib Christi; in der Schrift sind die Worte, die ihr hört, Zeichen, aber der Gedanke, den sie überbringen, ist die Wahrheit des Sohnes Gottes.“

Die Sakramentalität des Wortes Gottes offenbart sich in der Tatsache, dass es manchmal ganz klar jenseits des Verstehens des Menschen wirkt, das begrenzt und unvollkommen sein kann, es wirkt fast allein durch sich, ex opere operato, wie man in der Theologie sagt.

Als der Prophet Elischa zum Syrer Naaman, der zu ihm gekommen war, um vom Aussatz geheilt zu werden, sagte: „Geh und wasch dich siebenmal im Jordan!“, antwortete dieser entrüstet: „Sind nicht der Abana und der Parpar, die Flüsse von Damaskus, besser als alle Gewässer Israels? Kann ich nicht dort mich waschen, um rein zu werden?“ (2 Kön 5,12). Naaman hatte recht: die Flüsse Syriens waren zweifellos besser und wasserreicher; und dennoch wurde er durch das Bad im Jordan geheilt und sein Leib wurde wie der eines Kindes, was nie geschehen wäre, wenn er in einem der großen Flüsse seines Landes gebadet hätte.

So ist es mit dem Wort Gottes, das in der Heiligen Schrift enthalten ist. Unter den Heiden und auch in der Kirche gab und gibt es bessere Bücher, als es einige Bücher der Bibel sind, literarisch feinere und im religiösen Sinne erbaulichere (man denke an die Imitatio Christi), und dennoch wirkt keines von diesen so, wie das geringste der inspirierten Bücher wirkt. In den Worten der Schrift ist etwas, das jenseits aller menschlichen Erklärung wirkt; es ist eine evidente Unverhältnismäßigkeit zwischen dem Zeichen und der von ihm gewirkten Wirklichkeit gegeben, was eben an das Wirken der Sakramente denken lässt.

Die „Gewässer Israels”, welche die göttlich inspirierten Schriften sind, heilen auch heute vom Aussatz der Sünde; nach der Verlesung des Evangeliums der Messe fordert die Kirche den Priester oder Diakon dazu auf, das Buch zu küssen und zu sprechen; „Durch die Worte des Evangeliums mögen getilgt werden unsere Sünden“ (per evangelica dicta deleantur nostra delicata). Die heilende Kraft des Wortes Gottes wird von der Schrift selbst bezeugt: „Weder Kraut noch Wunderpflaster machte sie gesund, sondern dein Wort, Herr, das alles heilt“ (Weish 16,12).

Die Erfahrung bestätigt dies. Ich habe einen Menschen dieses Zeugnis in einer Fernsehsendung geben hören, an der ich teilnahm. Er war ein Alkoholiker im letzten Stadium; er hielt es nicht mehr als zwei Stunden ohne Trinken aus; die Familie war am Rand der Verzweiflung. Sie luden ihn zusammen mit seiner Frau zu einem Treffen über das Wort Gottes ein. Dort las jemand einen Abschnitt der Schrift. Ein Satz durchfuhr ihn wie eine Stichflamme und er spürte, dass er geheilt war. Im Anschluss daran öffnete er jedes Mal, wenn er die Versuchung zu trinken verspürte, eilends die Bibel an jener Stelle, und allein durch das erneute Lesen der Worte spürte er, wie die Kraft in ihn zurückkehrte, bis er jetzt ganz geheilt ist. Als er sagen wollte, um welche Satz es sich handelte, gebrach ihm die Stimme aus Rührung. Es war das Wort aus dem Hohenlied: „Süßer als Wein ist deine Liebe“ (Hld 1,2). Diese einfachen Worte, die dem Augenschein nach nichts mit seinem Fall zu tun hatten, hatten das Wunder vollbracht. Eine ähnliche Episode ist in den Erzählungen eines russischen Pilgers zu lesen. Aber der berühmteste Fall ist der des Augustinus. Beim Lesen der Worte des Paulus im Römerbrief (13,12ff): „Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht“, spürte er „ein Licht der Gelassenheit“, das im Herzen aufleuchtete, und er verstand, dass er von der Knechtschaft des Fleisches geheilt war. (Augustinus, Confessiones VIII, 12)

5. Der Wortgottesdienst

Es gibt einen Bereich und einen Moment im Leben der Kirche, in dem Jesus heute in feierlichster und sicherster Weise spricht, und das ist der Wortgottesdienst in der Messe. In den Anfängen der Christenheit war der Wortgottesdienst von der eucharistischen Liturgie getrennt. Die Jünger, so berichtet die Apostelgeschichte, „verharrten Tag für Tag einmütig im Tempel“; dort hörten sie die Lesungen der Bibel, sangen die Psalmen und die Gebete zusammen mit den anderen Juden; sie taten das, was man im Wortgottesdienst tut; dann versammelten sie sich und „brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens“, das heiß sie feierten Eucharistie (vgl. Apg 2,43ff).

Bald aber wird diese Praxis unmöglich, sowohl aufgrund der Feindseligkeit, die ihnen seitens der jüdischen Gemeinde entgegengebracht wurde, als auch aufgrund der Tatsache, dass die Schriften nunmehr für sie einen neuen Sinn angenommen hatten, der ganz auf Christus ausgerichtet war. So ging auch das Hören der Schrift vom Tempel und von der Synagoge an die Orte des christlichen Kultes über und wurde zum heutigen Wortgottesdienst, der der eucharistischen Liturgie vorangeht.

Der hl. Justinus gibt im 2. Jahrhundert eine Beschreibung der eucharistischen Feier, in der bereits alle wesentlichen Elemente der künftigen Messe vorhanden sind. Nicht nur der Wortgottesdienst ist integraler Bestandteil der Messe, sondern zu den Lesungen aus dem Alten Testament waren nun jene hinzugetreten, die der Heilige die „Gedächtnisse der Apostel“ nennt, das heißt die Evangelien und die Briefe, praktisch das Neue Testament.

Indem die biblischen Lesungen in der Liturgie gehört werden, nehmen sie einen neuen und stärkeren Sinn an, als wenn sie in anderen Kontexten gelesen werden. Sie haben nicht so sehr den Zweck, die Bibel besser zu kennen, wie das der Fall ist, wenn man sie zuhause oder in einer Bibelschule liest; ihr Zweck besteht vielmehr darin, denjenigen zu erkennen, der im Brechen des Brotes gegenwärtig wird, jedes Mal einen besonderen Aspekt des Geheimnisses zu erhellen, das empfangen wird. Dies erscheint in fast programmatischer Weise in der Episode der beiden Emmausjünger auf: durch das Hören der Erklärung der Schriften begann sich das Herz der Jünger zu lösen, so dass sie ihn dann am Brechen des Brotes erkennen konnten.

Ein Beispiel unter vielen: die Lesungen des 29. Sonntags im Jahreskreis, Lesejahr B. Die erste Lesung ist ein Abschnitt vom leidenden Knecht, der sich die Ungerechtigkeit des Volkes auferlegt (Jes 53,2-11); die zweite Lesung spricht von Christus, dem Hohenpriester, der in allem wie wir geprüft ist, die Sünde ausgenommen; der Abschnitt aus dem Evangelium spricht vom Menschensohn, der gekommen ist, um sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. Zusammen setzen diese drei Texte einen grundlegenden Aspekt des Geheimnisses ins Licht, das in der eucharistischen Liturgie gefeiert und empfangen werden wird.

In der Messe werden die Worte und die Episoden aus der Bibel nicht nur erzählt, sondern neu gelebt; das Gedächtnis wird Wirklichkeit und Gegenwart. Was „in jener Zeit“ geschah, geschieht „in dieser Zeit“, „heute“ (hodie), wie sich die Liturgie gern ausdrückt. Wir sind nicht nur Hörer des Wortes, sondern Gesprächsteilnehmer und Akteure in ihm. An uns, die wir dort anwesend sind, richtet sich das Wort; wir sind dazu aufgerufen, selbst den Platz der erinnerten Personen einzunehmen.

Auch hier werden die Beispiele zum Verständnis beitragen. In der ersten Lesung lesen wir die Episode von Gott, der zu Mose aus dem brennenden Dornbusch spricht: wir sind in der Messe vor dem wahren brennenden Dornbusch… Von Jesajas lesen wir, dass er auf die Lippen glühende Kohlen empfängt, die ihn für die Sendung läutern: wir sind im Begriff, auf den Lippen die wahre glühende Kohle zu empfangen, den, der gekommen ist, um das Feuer auf die Erde zu bringen… Ezechiel wird aufgefordert, die Schriftrolle der prophetischen Orakel zu verspeisen, und wir werden denjenigen verspeisen, der das fleisch- und brotgewordene Wort selbst ist…

Dies wird noch klarer, wenn wir vom Alten auf das Neue Testament übergehen, von der ersten Lesung zum Evangelium. Die Frau, die an Blutungen litt, ist sicher geheilt zu werden, wenn es ihr gelingt, den Saum des Gewandes Jesu zu berühren: was soll man von uns sagen, die wir dabei sind, bedeutend mehr zu berühren als den Saum seines Gewandes? Einmal hörte ich im Evangelium die Episode des Zachäus, und mich beeindruckte ihre „Aktualität“. Ich war Zachäus; die Worten galten mir, „heute muss ich in dein Haus kommen“, von mir konnte man sagen: „er ist zu einem Sünder als Gast gegangen!“, und ich war es, zu dem Jesus nach dem Empfang der Kommunion sagte: „Heute ist das Heil in dieses Haus gekommen“.

So ist es bei jeder Episode des Evangeliums. Wie sollte man sich in der Messe nicht mit dem Gelähmten identifizieren, zu dem Jesus sagt: „Deine Sünden sind dir vergeben“ und „Steh auf und geh nach Hause“, mit Simeon, der das Jesuskind in Armen hält, mit Thomas, der zitternd seine Wunden berührt? In der Feier der Messe vom Tag ist das Evangelium des Freitags der 2. Woche der Fastenzeit das Gleichnis von den mörderischen Winzern (Mt 21,33-45): „Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben.“ Ich erinnere mich an die Wirkung dieser Worte auf mich, während ich sie einmal ziemlich oberflächlich hörte. Derselbe Sohn sollte mir in der Kommunion gegeben werden: war ich darauf vorbereitet, ihn mit dem Respekt zu empfangen, den sich der himmlische Vater erwartete?

Nicht nur die Geschehnisse, sondern auch die in der Messe gehörten Worte des Evangeliums nehmen einen neuen und stärkeren Sinn an. Eines Tages im Sommer feierte ich die Messe in einem kleinen Klausurkloster. Mt 12 war das Evangelium. Ich werde nie den Eindruck vergessen, den mir diese Worte Jesu hinterließen: „Hier aber ist einer, der mehr ist als Jona… Hier aber ist einer, der mehr ist als Salomo”. Es war, als hörte ich sie in diesem Moment zum ersten Mal. Ich verstand, dass jenes Adverb „hier“ wirklich hier und jetzt bedeutete, das heißt in jenem Moment und an jenem Ort, nicht nur in der Zeit, in der Jesus vor vielen Jahrhunderten auf der Erde war. Seit jenem Tag im Sommer wurden mir jene Worte auf neue Weise lieb und vertraut. Oft sehe ich mich während der Messe im Moment, in dem ich nach der Wandlung niederknie und mich wieder erhebe, dazu veranlasst, in mir zu wiederholen: „Hier aber ist einer, der mehr ist als Salomo! Hier aber ist einer, der mehr ist als Jona!”

„Ihr, die ihr gewöhnlich an den göttlichen Geheimnissen teilnehmt – sagte Origenes zu den Christen seiner Zeit – wenn ihr den Leib des Herrn empfangt, bewahrt ihn mit aller Vorsicht und Verehrung, damit nicht einmal ein Krümel zur Erde falle, damit nichts vom konsekrierten Geschenk verloren gehe. Ihr seid zu Recht davon überzeugt, dass es eine Schuld ist, aus Nachlässigkeit Stücke fallen zu lassen. Wenn ihr hinsichtlich der Verwahrung seines Leibes so vorsichtig seid – und es ist richtig, dass ihr es seid – so wisset auch, dass die Vernachlässigung des Wortes Gottes keine geringere Schuld ist als die Vernachlässigung seines Leibes“. (Origenes, In Exod. hom. XIII, 3)

Unter den vielen Worten Gottes, die wir jeden Tag in der Messe oder im Stundengebet hören, findet sich fast immer eines, das in besonderer Weise für uns bestimmt ist. Allein kann es unseren ganzen Tag erfüllen und unser Gebet erleuchten. Es geht darum, es nicht ins Leere fallen zu lassen. Diverse Skulpturen und Reliefs des antiken Orients zeigen den Schreiber, während er dabei ist, die Stimme des Herrschers aufzunehmen, der diktiert oder spricht: man sieht ihn, wie er ganz angespannt ist: verschränkte Beine, aufrechter Oberkörper, aufgerissene Augen, offene Ohren. Es ist dies die Haltung, die in Jesajas dem Knecht des Herrn zugewiesen wird: „Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich auf ihn höre wie ein Jünger“ (Jes 50,4). So sollten wir sein, wenn das Wort Gottes verkündet wird.

Nehmen wir als die Mahnung, die wir im Prolog der Regel des hl. Benedikt lesen, als an uns gerichtet auf: „Öffnen wir unsere Augen dem göttlichen Licht und hören wir mit aufgeschrecktem Ohr, wozu uns die Stimme Gottes täglich mahnt und aufruft: Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht! Und wiederum: Wer Ohren hat zu hören, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt (vgl. Ps 95,8).“

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]