Erste Generalaudienz 2008: Benedikt XVI. über die Gottesmutter Maria, die auch unsere Mutter ist

„Gerade weil die Jungfrau Mutter der Kirche ist, ist sie auch Mutter eines jeden von uns“

| 1597 klicks

ROM/WÜRZBURG, 7. Januar 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Benedikt XVI. am 2. Januar, dem ersten Mittwoch des Jahres 2008, während der Generalaudienz gehalten hat.



Der Papst widmete seine Katechese der Gottesmutterschaft der Jungfrau Maria. Der Titel „Gottesmutter“ bringe deutlich „die Sendung Mariens in der Heilsgeschichte zum Ausdruck“. Alle anderen Titel der Madonna „finden ihren Grund in der Berufung dazu, die Mutter des Erlösers zu sein, das von Gott erwählte Menschengeschöpf, um den Heilsplan zu verwirklichen, in dessen Mittelpunkt das große Geheimnis der Fleischwerdung des göttlichen Wortes steht.“

* * *



Liebe Brüder und Schwestern!

Eine sehr alte Segensformel, die im Buch Numeri wiedergegeben ist, lautet: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil“ (Num 6, 24–26). Mit diesen Worten, die uns die Liturgie gestern, am ersten Tag des Jahres, erneut hören ließ, möchte ich euch, die ihr hier zugegen seid, und all jenen meine herzlichsten Glückwünsche zum Ausdruck bringen, die mir an diesen Weihnachtsfesttagen Zeugnisse ihrer liebevollen geistlichen Nähe zukommen lassen haben.

Gestern haben wir das Hochfest der Gottesmutter Maria gefeiert. „Mutter Gottes“, Theotokos, ist der Maria offiziell im fünften Jahrhundert zugewiesene Titel, genau gesagt vom Konzil von Ephesus im Jahr 431; in der Verehrung des Christenvolkes aber hatte er sich schon seit dem dritten Jahrhundert behauptet, im Kontext der lebhaften Diskussionen jener Zeit um die Person Christi. Mit diesem Titel wurde hervorgehoben, dass Christus Gott ist und als Mensch wirklich aus Maria geboren wurde: So wurde seine Einheit als wahrer Gott und wahrer Mensch bewahrt. Wann auch immer die Debatte um Maria zu gehen schien, so betraf sie in Wirklichkeit wesentlich den Sohn. Da sie die volle Menschheit Jesu sicherstellen wollten, rieten einige Väter zu einem mehr abgemilderten Begriff: Statt des Titels der Theotokos schlugen sie den der Christotokos, der „Mutter Christi“ vor; zu Recht wurde dies jedoch als eine Bedrohung für die Lehre über die volle Einheit der Gottheit mit der Menschheit Christi gesehen. Nach einer breiten Diskussion wurden deshalb auf dem Konzil von Ephesus 431, wie ich gesagt habe, feierlich einerseits die Einheit der beiden Naturen, der göttlichen und der menschlichen, in der Person des Sohnes Gottes bestätigt (vgl. Enchiridion Symbolorum, definitionum et declarationum de rebus fidei et morum: Denzinger-Schönmetzer – DS Nr. 250), sowie andererseits die Rechtmäßigkeit, dass der Jungfrau der Titel der Theotokos, der Mutter Gottes, zugewiesen wird (ebd., Nr. 251).

Nach diesem Konzil war eine wahre Explosion der Marienverehrung zu verzeichnen, und zahlreiche der Mutter Gottes geweihte Kirchen wurden errichtet. Unter diesen nimmt die Basilika Santa Maria Maggiore hier in Rom einen vorrangigen Platz ein. Die die Gottesmutter Maria betreffende Lehre fand darüber hinaus eine neue Bestätigung auf dem Konzil von Chalcedon (451), auf dem Christus als „wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch“ erklärt wurde, „der Menschheit nach ... unsertwegen und um unseres Heiles willen aus Maria, der Jungfrau ,und‘ Gottesgebärerin, geboren“ (DS, Nr. 301). Wie bekannt ist, hat das Zweite Vatikanische Konzil in einem Kapitel, dem achten, der dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen gentium die Lehre über Maria zusammengefasst und dabei die göttliche Mutterschaft bekräftigt. Der Titel des Kapitels lautet: „Die selige jungfräuliche Gottesmutter Maria im Geheimnis Christi und der Kirche“.

Der so tief mit den Weihnachtsfesttagen verbundene Titel der Gottesmutter ist somit der grundlegende Name, unter dem die Gemeinschaft der Glaubenden von je her, so könnten wir sagen, die Heilige Jungfrau ehrt. Er bringt gut die Sendung Mariens in der Heilsgeschichte zum Ausdruck. Alle anderen der Madonna zugewiesenen Titel finden ihren Grund in der Berufung dazu, die Mutter des Erlösers zu sein, das von Gott erwählte Menschengeschöpf, um den Heilsplan zu verwirklichen, in dessen Mittelpunkt das große Geheimnis der Fleischwerdung des göttlichen Wortes steht. An diesen Festtagen haben wir vor der Krippe innegehalten, um auf die Darstellung der Geburt zu schauen. Im Mittelpunkt dieser Szene finden wir die Jungfrau Maria, die das Jesuskind all jenen zur Betrachtung bietet, die zur Anbetung des Heilands kommen: den Hirten, den armen Leuten aus Bethlehem, den Sterndeutern, die aus dem Osten gekommen sind. Später, am Fest der „Darstellung des Herrn“, das wir am 2. Februar feiern werden, werden es der alte Simeon und die Prophetin Hanna sein, die das kleine Kind aus den Händen der Mutter empfangen und es anbeten. Die Verehrung des Christenvolkes hat die Geburt Jesu und die göttliche Mutterschaft Mariens immer als zwei Aspekte desselben Geheimnisses der Menschwerdung des göttlichen Wortes betrachtet, und deshalb hat es die Geburt nie als etwas zur Vergangenheit Gehöriges angesehen. Wir sind „Zeitgenossen“ der Hirten, der Sterndeuter, Simeons, Hannas, und während wir mit ihnen gehen, sind wir voller Freude, da Gott der Gott-mit-uns sein wollte und eine Mutter hat, die auch unsere Mutter ist.

Vom Titel der „Mutter Gottes“ leiten sich dann alle anderen Titel her, mit denen die Kirche die Madonna ehrt, dieser aber ist der grundlegende. Denken wir an das Privileg der „Unbefleckten Empfängnis“, das heißt von der Sünde von ihrer Empfängnis an nicht angetastet worden zu sein: Maria wurde vor jedem Makel der Sünde bewahrt, da sie die Mutter des Erlösers sein sollte. Dasselbe gilt für den Titel der „in den Himmel Aufgenommenen“: Sie, die den Heiland hervorgebracht hatte, konnte nicht die Verwesung erleiden, die aus der Erbsünde herrührt. Und wir wissen, dass all diese Privilegien nicht gewährt sind, um Maria von uns zu entfernen, sondern um sie uns im Gegenteil nahe zu bringen; insofern diese Frau nämlich ganz mit Gott ist, ist sie uns sehr nahe und hilft uns als Mutter und Schwester. Auch der einzigartige und unwiederholbare Platz, den Maria in den Gemeinden der Glaubenden einnimmt, ergibt sich aus dieser ihrer grundlegenden Berufung, Mutter des Erlösers zu sein. Gerade als solche ist Maria auch die Mutter des mystischen Leibes Christi, der die Kirche ist. Richtigerweise wies also Paul VI. während des II. Vatikanischen Konzils am 21. November 1964 feierlich Maria den Titel „Mutter der Kirche“ zu.

Gerade weil die Jungfrau Maria Mutter der Kirche ist, ist sie auch Mutter eines jeden von uns, die wir Glieder des mystischen Leibes Christi sind. Am Kreuz hat Jesus die Mutter einem jeden seiner Jünger anvertraut, und gleichzeitig vertraute er einen jeden seiner Jünger der Liebe seiner Mutter an. Der Evangelist Johannes beschließt den kurzen und eindringlichen Bericht mit den Worten: „Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich“ (Joh 19, 27). So lautet die deutsche Übersetzung des griechischen Textes: „eis tà ídia”, er nahm sie in seine Wirklichkeit, in sein Sein auf. So dass sie an seinem Leben teil hat und sich die beiden Leben durchdringen; und diese ihre Aufnahme ins eigene Leben (eis tà ídia) ist das Testament des Herrn. Also: Im höchsten Augenblick der Erfüllung seiner Sendung als Messias hinterlässt Jesus einem jeden seiner Jünger als wertvolles Erbe seine Mutter, die Jungfrau Maria.

Liebe Brüder und Schwestern, in diesen ersten Tagen des Jahres sind wir dazu eingeladen, die Wichtigkeit der Gegenwart Mariens im Leben der Kirche und in unserem persönlichen Dasein zu betrachten. Vertrauen wir uns ihr an, auf dass sie unsere Schritte in diesem neuen Zeitabschnitt führe, den zu leben der Herr uns schenkt, und sie helfe uns, wahre Freunde ihres Sohnes und so auch mutige Erbauer seines Reiches in der Welt zu sein, des Reiches des Lichts und der Wahrheit. Ein gesegnetes Jahr euch allen! Das ist der Glückwunsch, den ich an euch, die ihr hier zugegen seid, und an die euch teuren Menschen in dieser ersten Generalaudienz des Jahres 2008 richten möchte. Das neue Jahr, das unter dem Zeichen der Jungfrau Maria begonnen hat, lasse uns lebhafter ihre mütterliche Gegenwart verspüren, so dass wir durch den Schutz der Jungfrau gestützt und getröstet mit neuen Augen das Antlitz ihres Sohnes Jesus betrachten und schneller auf den Wegen des Guten vorwärts schreiten können. Noch einmal: allen ein gesegnetes Jahr!

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]

Ein herzliches Willkommen zu dieser ersten Generalaudienz im neuen Jahr sage ich allen deutschsprachigen Pilgern und Besuchern. Besonders grüße ich die Alumnen und die Leitung des Priesterseminars St. Wolfgang in Regensburg sowie den Mainzer Domchor. Die Liturgie der Kirche eröffnet das Kalenderjahr mit dem biblischen Segenswort, das uns allen gilt: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil“ (Num 6, 24–26). Ein gesegnetes Neues Jahr!

[Übersetzung aus dem Italienischen von Ludwig Ritter; © Die Tagespost vom 5. Januar 2008]