Erster Gedenktag der Seligsprechung John Henry Kardinal Newmans

Predigt von P. Felix Selden C.O., Apostolischer Delegat für die Konföderation des Oratoriums des hl. Philipp Neri und Präpositus des Wiener Oratoriums

| 1158 klicks

WIEN, 7. Oktober 2011 (ZENIT.org). – Zum ersten Jahrestag der Seligsprechung von John
Henry Kardinal Newman, dessen liturgischer Gedenktag am 9. Oktober gefeiert wird, dokumentieren wir die Predigt von P. Felix Selden C.O.  in der Kirche St. Rochus des Wiener Oratoriums anlässlich der Seligsprechung:

                                                        ***

Der selige John Henry Newman wurde 1801 als Sohn eines Bankiers in London geboren und
empfing die Taufe in der anglikanischen Kirche. Die Eltern waren nicht übermäßig religiös,
und John Henry geriet schon in früher Jugend in eine tiefe Glaubenskrise. Durch den Einfluss
eines christlichen Lehrers mit stark calvinistischen Überzeugungen und besonders in der
Krise einer schweren einmonatigen Erkrankung fand John Henry in seinem 15. Lebensjahr
zum Glauben an einen persönlichen Gott. Er vertraute sich der Überlieferung der Heiligen
Schrift und insbesondere dem Dogma an, dass Gott ein Gott in drei Personen ist, der sich den Menschen in Jesus Christus mitgeteilt hat. Zeit seines Lebens sollte er sich fortan an dieser übernatürlichen Erkenntnis ausrichten. „Heiligkeit vor Frieden“ wählte er sich damals als
Lebensmotto. Mit 16 Jahren ging er als Student an die Universität in Oxford („Trinity
College“), bereits mit jungen Jahren wurde er zum Fellow des Oriel College bestellt. Mehr
und mehr löste er sich nun von der calvinistisch-protestantischen Prägung seines Credos und kam durch die Lektüre der Kirchenväter immer stärker zur Überzeugung, dass nicht allein die Heilige Schrift, sondern auch das Lehramt der Kirche und die Sakramente gottgewollt und für
den christlichen Glauben wesentlich sind. Er meinte damals, dass sich in der Kirche von
England der Glaube der frühen Kirche unversehrt erhalten habe, sie sozusagen die „via
media“, die gesunde Mitte, zwischen Protestantismus und den „Ausartungen und
Übertreibungen der römischen Kirche“ sei. So begann er 1833 gemeinsam mit verschiedenen
akademischen Freunden Traktate zu veröffentlichen, in denen er die katholischen
Wesenselemente wie zum Beispiel die „Apostolische Sukzession“ in der anglikanischen
Kirche hervorhob und verteidigte. Gleichzeitig übte er als Pfarrer der Universitätskirche St
Mary’s ein überaus fruchtbares Apostolat unter den Angehörigen der Universität und den
Studenten aus. Seine Predigten, die mit leiser aber anziehender Stimme vorgetragen wurden,
zogen mit der Zeit hunderte ja tausende Zuhörer in ihren Bann. Ausgehend von der
Betrachtung eines biblischen Texts warb er in seinen Predigten stets um das Ideal eines
kompromisslos heiligen christlichen Lebens. Die solcherart von ihm mitbegründete „Oxford -
Bewegung“ zur Erneuerung der „Kirche von England“ stieß gleichzeitig zunehmend auf
Widerstand der damaligen anglikanischen Bischöfe. 1841 wurde sein Traktat Nr. 90
verurteilt, in dem er nachzuweisen versuchte, dass sich die 39 anglikanischen Glaubensartikel auch katholisch interpretieren ließen. Im selben Jahr errichtete zu seiner Bestürzung die englische Regierung gemeinsam mit deutschen Lutheranern und Calvinisten eine Diözese in Jerusalem. Newman musste aufgrund seiner Beschäftigung mit den Kirchenvätern nach und nach seine Überzeugung revidieren, dass es zwischen der römischen Kirche Petri und der Irrlehre tatsächlich einen „Mittelweg“ geben könne. Im Fall der monophysitischen und später der arianischen Häresie der ersten Jahrhunderte gab es, wie er erkannte, auch einen Mittelweg mit Kompromissformeln, wie den „Semi-Ariananismus“. Tatsächlich hielt aber einzig das römische Lehramt am gesunden Christusglauben fest. Newman beschloss 1843, sich auf Grund seiner immer stärker werdenden Verunsicherung im anglikanischen Glauben von der Lehrtätigkeit zurückzuziehen und führte nun in den Jahren 1843-1845 gemeinsam mit gleichgesinnten Freunden ein klösterliches Leben in dem kleinen Dorf „Littlemore“ bei Oxford. Er schrieb dort sein berühmtes Buch „Über die Entwicklung der Glaubenslehre“. Noch einmal überprüfte er durch seine Beschäftigung mit der Materie seine neugewonnene Einsicht, dass in der Entwicklung der ersten christologischen Dogmen und auch später die römische Kirche konstant und ohne Abweichungen an der Unversehrtheit des christlichen Glaubens festgehalten hat.

Am 9. Oktober 1845 legte er schließlich bei dem heiligmäßigen und inzwischen selig
gesprochenen Passionistenpater Dominic Barberi seine Lebensbeichte ab und wurde in die
katholische Kirche aufgenommen. Er empfing 1847 die Priesterweihe in Rom und gründete
1848 gemeinsam mit seinen Freunden aus Littlemore im Auftrag des seligen Papstes Pius IX
das erste Oratorium des hl. Philipp Neri in England in der Stadt Birmingham, von dem schon
im Jahr 1849 ein zweites Oratorium in London hervorgehen sollte. Newmans Leben in der
katholischen Kirche war gekennzeichnet von einer unerschütterlichen Freude am katholischen
Glauben und einer großen Treue zu seinen kirchlichen Oberen. Trotzdem musste er mit vielen
persönlichen Enttäuschungen und Fehlschlägen kämpfen: Spannungen mit dem Oratorium in
London, ein Verleumdungsprozess gegen ihn durch einen abgesprungenen Dominkanerpater
(der aufgrund unsittlichen Betragens aus seinem Orden ausgestoßen worden war und dann in England anti-kirchliche Vorträge hielt, bis Newman auf seine tatsächliche Vergangenheit
aufmerksam machte); die Bemühungen um die Gründung einer katholischen Universität in
Dublin, bei denen er von der Mehrheit der irischen Bischöfe irgendwie im Stich gelassen
wurde; Missverständnisse und Verdächtigungen gegen seine Rechtgläubigkeit in Rom;
schließlich ein Artikel des anglikanischen Geistlichen Charles Kingsley, der Newman und
der katholischen Kirche vorwarf, Wahrheit durch List zu ersetzen. Dieser öffentliche Angriff
gegen seine intellektuelle und moralische Redlichkeit brachte Newman dazu, die Kirche und
sich selbst in einer wöchentlich erscheinenden Artikelserie zu verteidigen, an der er aus
Zeitnot Tag und Nacht arbeiten musste. Viele ehemalige anglikanische Freunde, die nach
seinem Übertritt in die katholische Kirche mit ihm gebrochen hatten, halfen ihm nun, indem
sie ihm auf seine Bitte Briefe und andere Unterlagen aus seiner anglikanischen Zeit zur
Verfügung stellten. Die Artikel, die in Form von gedruckten Heften veröffentlicht wurden,
erregten starkes Interesse und wurden von einer breiten Öffentlichkeit gelesen. Im letzten
Artikel verteidigte Newman insbesondere die Unfehlbarkeit der katholischen Kirche in
Fragen von Glauben und Moral. Newman hat durch seine Beschreibung der Entwicklung
seiner religiösen Überzeugungen, die später unter dem Titel „Apologia pro vita sua“
veröffentlicht wurde, die Sympathie seiner Landsleute und früherer Freunde wiedergewonnen. (1877 sollte ihn sein ehemaliges „Trinity College“ sogar als Ehrenmitglied
aufnehmen, was ihn besonders freute.) Doch bis zu seiner Erhebung zum Kardinal der

römischen Kirche und der damit erfolgenden öffentlichen Rehabilitierung durch Papst Leo
XIII. im Jahr 1879 musste Newman weitere Anfeindungen innerhalb der Kirche erdulden. Ein
Plan zur Errichtung eines Oratoriums in Oxford scheiterte an Intrigen. Die Einladung zu einer
Übersetzung der Bibel durch die englischen Bischöfe verrann in Nichts. Newmans
Zurückhaltung gegen die Absicht, anlässlich des ersten Vatikanischen Konzils ein neues
Dogma über die Unfehlbarkeit des Papstes, an der er persönlich nicht zweifelte, ohne
ersichtliche Notwendigkeit zu verkünden, ließ ihn in den Augen der Ultramontanisten als
unzuverlässig erscheinen. Und dennoch, so betonte er bei der Verleihung der Kardinalswürde
in Rom, war sein Lebenswerk immer der Verteidigung der christlichen Offenbarung gegen
den religiösen Liberalismus gewidmet gewesen, die Lehre, dass ein Religionsbekenntnis
ebenso richtig oder falsch wie ein anderes sei. In diesem Kampf war er ein prophetischer
Vorläufer des jetzt regierenden Papstes Benedikt XVI., der mit seinen Schriften und seiner
Lehre ebenfalls unermüdlich zum Widerstand gegen den philosophischen und theologischen
Relativismus aufruft. In seinem philosophischen Werk „A Grammar of Assent“ wies 1870
Newman einen Widerspruch zwischen Glauben und Vernunft zurück, ja betonte die
Vernünftigkeit eines Glaubens, der im Gewissen des Menschen die Stimme Gottes
erkennt. „10.000 Schwierigkeiten machen noch keinen Zweifel. Doch die Häufung von
Wahrscheinlichkeiten ergibt eine Gewissheit für den Glauben“, sagte er einmal. Während all
seiner schriftstellerischen Tätigkeit und der Abfassung von beinahe 20.000 Briefen, in denen
er vielen Menschen in ihren Glaubensfragen beistand, vernachlässigte Newman niemals das
gemeinschaftliche und persönliche Gebet im Oratorium. Er widmete sich in der Pfarre der
Oratorianer dem Beichtstuhl und der Predigt, er besuchte die Pfarrangehörigen in ihren
Häusern aber auch im Gefängnis und in den Armenhäusern der Stadt Birmingham. Er
gründete eine Volksschule und eine mittlerweilen berühmte Internatsschule zur intellektuellen und moralischen Heranbildung katholischer Jugendlicher („Oratory School“) und erteilte dort sogar zweitweise Schulunterricht, als Lehrer ausfielen. In den letzten Monaten seines Lebens konnte er aufgrund seiner physischen Schwäche weder die heilige Messe feiern, noch das Breviergebet verrichten, das er nun durch sein Lieblingsgebet, den Rosenkranz, ersetzte. Der selige John Henry starb am 11. August 1890 im Kreis der Mitbrüder in seinem geliebten Oratorium in Birmingham an einer Lungenentzündung. Am 19. August wurde sein Leichnam unter Anteilnahme von 15.000 Menschen, die beim Begräbniszug die Straßen säumten, im Friedhof der Oratorianer in Rednal zur letzten Ruhe getragen. Auf seinen Grabstein ließ er die Worte „Ex umbris et imaginibus in veritatem“ („Aus Schatten und Bildern in die Wahrheit“) meißeln. Der Einfluss seines Lebens und seiner Werke hielt über die Zeiten hindurch an. Tausende sind durch seine Schriften zur Schönheit und Wahrheit des katholischen Glaubens gelangt. Benedikt XVI., der ihn einen großen „Lehrer des Glaubens“ nennt, sprach ihn am 19. September 2010 vor 670.000 Gläubigen, darunter 100 Oratorianern aus aller Welt, in Birmingham als Vorbild der Christen selig. Dafür danken wir heute Gott.

Welchen Rat gab Newman seinen Mitchristen, um heilig zu werden? Er bestand darauf, dass
Heiligkeit für jeden Menschen möglich ist und vor allem in der Heiligung des Alltags liegt.

„Wenn du mich fragst, was du tun musst, um vollkommen zu sein, so sage ich dir: bleibe
nicht im Bett liegen, wenn es Zeit ist, aufzustehen, die ersten Gedanken weihe Gott, mache
einen andächtigen Besuch beim Allerheiligsten Sakrament, bete fromm den Angelus, iss
und trink zu Gottes Ehre, bete mit Sammlung den Rosenkranz, sei gesammelt, halte böse

Gedanken fern, mache deine abendliche Betrachtung gut, erforsche täglich dein Gewissen,
geh' zur rechten Zeit zur Ruhe; und du bist bereits vollkommen " (Meditations and Devotions
of the Late Cardinal Newman, Westminster 1975, 286).

Sein eigenes heroisches Suchen nach Wahrheit, sein Ringen um Glaube, Hoffnung und Liebe
in lichten wie in dunklen Stunden, immer im Gehorsam gegen sein Gewissen, ist dagegen gut
angedeutet in einem berühmt gewordenen Gebet, das er im Jahr 1832 verfasste, nachdem er von einer schweren Typhuserkrankung in Sizilien genesen war, von der er, allein und einsam in einem fremden Land, durch göttliche Fügung knapp vor dem Sterben bewahrt wurde:

„Führ liebes Licht, im Ring der Dunkelheit, führ du mich an.
Die Nacht ist tief, noch ist die Heimat weit, führ Du mich an!
Behüte du den Fuß: der fernen Bilder Zug begehr' ich nicht zu sehn — ein Schritt ist mir
genug.

Ich war nicht immer so, hab' nicht gewusst zu bitten: Du führ an!
Den Weg zu schauen, zu wählen war mir Lust - doch nun: führ Du mich an!
Den grellen Tag hab ich geliebt und manches Jahr regierte Stolz mein Herz, trotz Furcht:
vergiss, was war!

So lang gesegnet hat mich Deine Macht, gewiss führst Du mich weiter an,
durch Moor und Sumpf, durch Fels und Sturzbach, bis die Nacht verrann
und morgendlich der Engel Lächeln glänzt am Tor, die ich seit je geliebt, und unterwegs
verlor.“

[Übertragung: Ida Friederike Görres]