Erwachsener Glaube: Benedikt XVI. ermutigt Christen zum Nonkonformismus

Appell zu innerer Erneuerung und neuer Wertschätzung der Innerlichkeit

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ROM, 30. Juni 2009 (ZENIT.org).- Zum feierlichen Abschluss des Paulusjahres rief Papst Benedikt XVI. am Sonntag in seiner Predigt zur ersten Vesper des Hochfests Peter und Paul zu einem wahrhaft „erwachsenen“ Glauben auf – zu einem Glauben, der nicht darin bestehe, unmündig den Moden der Zeit hinterherzulaufen, sondern vielmehr darin, mutig am Glauben der Kirche festzuhalten.



„Das Wort ‚erwachsener Glaube‘ ist in den letzten Jahrzehnten zu einer verbreiteten Devise geworden“, erklärte Papst Benedikt. „Häufig wird das im Sinne der Haltung derjenigen verstanden, die der Kirche und ihren Hirten kein Gehör mehr schenken, sondern eigenständig auswählen, was sie glauben wollen und was nicht – ein ‚selbstgestrickter‘ Glaube also. Und man stellt es als ‚Mut‘ dar, sich gegen das Lehramt der Kirche auszusprechen. Tatsächlich bedarf es dafür jedoch keines Muts, denn man kann sich des öffentlichen Beifalls immer sicher sein. Mut braucht man vielmehr, um am Glauben der Kirche festzuhalten, auch wenn dies dem ‚Schema‘ der modernen Welt widerspricht.“

Nach der sensationellen Mitteilung der Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchung des Paulusgrabes legte Benedikt XVI. eine Betrachtung einiger Stellen aus den Paulusbriefen vor, die in besonders eindringlicher Weise erklären sollten, inwiefern Paulus immer Teil der christlichen Existenz ist.

Die Struktur der Paulusbriefe sei zweigeteilt: Zum einen wolle der Völkerapostel das Geheimnis Christi erklären und den Glauben lehren, zum anderen gehe es ihm um die konkrete Anwendung der Lehre.

Im Brief an die Römer mache der Apostel deutlich, dass mit Christus eine neue Weise der Gottesverehrung begonnen habe. Gott würden keine Gegenstände mehr angeboten, sondern der lebendige Mensch selbst werde „Anbetung“ und „Opfer bin in den eigenen Leib“. Konkret geschehe das dadurch, dass sich der Christ nicht dieser Welt angleiche, sondern zu einem neuen Menschen werde.

Erneuerung setzt beim Denken an
„Paulus sagt uns: Die Welt kann ohne neue Menschen nicht erneuert werden. Nur wenn da neue Menschen sein werden, wird es auch eine neue Welt geben, eine erneuerte und bessere Welt. Am Anfang steht die Erneuerung des Menschen.“ In diesem Sinn forderte Benedikt XVI. die Gläubigen auf: „Unterwerft euch nicht dem Schema der heutigen Zeit!“

Der Prozess der Erneuerung setze bei einem neuen Denken an, erklärte der Papst. „Unsere Vernunft muss neu werden“, auch wenn das als Aussage zunächst überrasche. „Unsere Art, die Welt zu sehen, die Wirklichkeit zu verstehen – unser gesamtes Denken muss sich von Grund auf ändern. Das Denken des alten Menschen, die allgemeine Denkart richtet sich im Allgemeinen auf Besitz, Wohlbefinden, Einfluss, Erfolg, Ruhm und so weiter. Auf diese Weise jedoch ist seine Tragweite zu beschränkt.“

Benedikt XVI. betonte, dass man lernen müsse, den Willen Gottes zu verstehen, so dass dieser unseren Willen forme: „Es handelt sich also um eine Wende in unserer geistlichen Grundausrichtung. Gott muss in den Horizont unseres Denkens eintreten: was er will und die Weise, der entsprechend er die Welt und mich entworfen hat.“

Es bedarf eines erwachsenen Glaubens
Unter Berufung auf den Epheserbrief, in dem der Völkerapostel hervorhebe, dass die Gläubigen mit Christus das Erwachsenenalter, ein reifes Menschsein erreichen müsse, betonte Papst Benedikt, dass der Nonkonformismus des Glaubens der wahre „erwachsene Glaube“ sei.

„So gehört zum Beispiel zum erwachsenen Glauben, sich für die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens ab seinem ersten Moment einzusetzen und sich so radikal dem Prinzip der Gewalt entgegenzustellen, gerade auch bei der Verteidigung der wehrlosesten Menschen. Es gehört zum erwachsenen Glauben, die ein Leben währende Ehe zwischen einem Mann und einer Frau als Ordnung des Schöpfers anzuerkennen, die von Christus neu bestätigt wurde.“

Paulus führe die Menschen durch seine Unterweisung zu einem großen Ja: dem Ja des Handelns nach der Wahrheit in der Liebe. „Das neue Denken, das uns durch den Glauben geschenkt ist, richtet sich vor allem anderen auf die Wahrheit. Die Macht des Bösen ist die Lüge. Die Macht des Glaubens, die Macht Gottes ist die Wahrheit. Die Wahrheit über die Welt und über uns selbst wird sichtbar, wenn wir auf Gott blicken.“

Mit dem Blick auf Christus erkenne der Christ: „Wahrheit und Liebe sind untrennbar. In Gott sind beide untrennbar dasselbe: Gerade darin besteht das Wesen Gottes.“

Ein weiterer wichtiger Gedanke, der den Worten des Paulus zu entnehmen sei, bestehe darin, dass das Handeln nach der Wahrheit in der Liebe den Kosmos betreffe. „Das letzte Ziel des Werkes Christi ist das Universum – die Verwandlung des Universums, der ganzen menschlichen Welt, der ganzen Schöpfung. Wer zusammen mit Christus der Wahrheit in der Liebe dient, trägt zum wahren Fortschritt der Welt bei.“

Wiederentdeckung der Innerlichkeit

Benedikt XVI konzentrierte sich abschließend auf die Bedeutung der Dimension des „inneren Menschen“, die insbesondere in der heutigen Zeit neu gestärkt werden müsse, einer Zeit, „in der die Menschen so oft innerlich leer bleiben und sich daher an Versprechen und Rauschmittel klammern müssen, die dann ein weiteres Anwachsen des Sinnes der Leere in ihrem Inneren zur Folge haben“.

Die zu fördernde Innerlichkeit ist nach Worten des Papstes „die Fähigkeit, die Welt und den Menschen von Innen heraus zu sehen und zu begreifen, mit dem Herzen“. Und die Sakramente, das Gebetsleben und die Gemeinschaft der Kirche seien jener Ort, an dem die Weite des Geheimnisses Christi erkannt werden könne.

Die Liebe Christi habe am Kreuz die größte Tiefe – die Nacht des Todes – und die höchste Höhe umarmt: die Erhabenheit Gottes selbst, so Papst Benedikt am Ende seiner Ausführungen. „Immer umarmt er das Universum – und uns alle.“