Erzbischof Alois Kothgasser SDB: Es braucht „Beter, Rufer und Begleiter“

Interview mit dem Salzburger Erzbischof

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SALZBURG, 8. November 2006 (ZENIT.org).- Das Pauluswort „Die Wahrheit in Liebe tun“ aus dem Epheserbrief inspiriert Dr. Alois Kothgasser SDB, Erzbischof von Salzburg, bei seinem täglichen Bemühen, „die Grundanliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils“ zu verwirklichen: „die innere und äußere Erneuerung der Kirche zum Zeugnis für die Menschen“.



Der 1937 in Lichtenegg (Steiermark) geborene Ordensmann, der 1997 Bischof von Innsbruck und fünf Jahre später Erzbischof von Salzburg wurde, unterstrich im Gespräch mit ZENIT die Bedeutung einer regelmäßigen Zeit des Gebets, einer Zeit, die ausschließlich Gott gewidmet wird. Denn zu glauben bedeute wesentlich: „Zeit zu haben für Gott und Gottes Wort zu hören, denn der Glaube kommt vom Hören; das heißt aber auch, die Wahrheit in Liebe miteinander tun“.

Zurückblickend auf seinen eigenen Glaubensweg, weiß Erzbischof Kothgasser heute, dass wir „Beter, Rufer und Begleiter“ brauchen, um ein lebendiges christliches Leben führen zu können.

Der 89. Nachfolger des heiligen Rupertus und der 78. Erzbischof von Salzburg ist innerhalb der Österreichischen Bischofskonferenz für die Belange Priesterseminare und Theologische Fakultäten und Hochschulen verantwortlich. Zudem arbeitet er in den Referaten für Liturgie, Frauen und Laientheologen mit. Dr. Alois Kothgasser ist Mitglied der Glaubenskommission, der Katechetischen Kommission und der Finanzkommission der Österreichischen Bischofskonferenz und Vertreter der Österreichischen Bischofskonferenz in der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz.

Innerhalb des Rates der Katholischen Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) ist Erzbischof Kothgasser Referatsbischof für Geistliche Berufe und Berufungspastoral. Darüber hinaus ist er Mitglied der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung an der römischen Kurie und gehört der Päpstlichen Kommission für die Kulturgüter der Kirche an.

ZENIT: Wie verstehen Sie Ihr Hirtenamt?

--Erzbischof Kothgasser: Meinen Hirtendienst verstehe ich in der Nachfolge und in der Sendung Jesu Christi, des Guten Hirten. Im Jahr 2001 durfte ich an der Bischofssynode zum Thema „Der Bischof als Diener des Evangeliums Jesu Christi für die Hoffnung der Welt“ teilnehmen. Das nachsynodale Schreiben Pastores gregis von Papst Johannes Paul II. vom 16. Oktober 2003 legt in umfassender Weise dar, was für das Leben und den Dienst des bischöflichen Hirtenamtes notwendig ist. So will ich mich verstehen.

ZENIT: Eine persönlichere Frage: Könnten Sie uns etwas über Ihre Entscheidung zum Priestertum und allgemein Ihren Glaubensweg erzählen? Wer oder was hat Sie begleitet?

--Erzbischof Kothgasser: Mein Glaubensweg und meine Entscheidung zum Priestertum ist eingebettet in eine Familie, die den Glauben gelebt hat und lebt, und vor allem in eine Pfarrgemeinde, die christliche Lebensgestaltung ernst genommen hat, begleitet vor allem von Priestern, die in vorbildlicher Weise ihren Dienst und ihr Leben gestaltet haben. Das heißt, wir brauchen für den christlichen Glaubensweg und für die Priester- oder Ordensberufungen sowie die kirchlichen Berufungen: Beter, Rufer und Begleiter.

ZENIT: Gibt es für Sie so etwas wie eine geistige Heimat, einen theologischen Hintergrund?

--Erzbischof Kothgasser: Die geistige Heimat ist einerseits die Gemeinschaft der Salesianer Don Boscos, in der ich aufgewachsen bin und auch weiterhin lebe, andererseits das Zweite Vatikanische Konzil, das ich noch in den letzten Tagen, also am 7. und 8. Dezember 1965 in Rom erlebt habe. Mein theologischer Hintergrund sind die prägenden Gestalten der großen Theologen des 20. Jahrhunderts.

ZENIT: Woraus schöpft Ihr inneres Leben? Gibt es für Sie eine besondere Kraftquelle?

--Erzbischof Kothgasser: Aus dem Umgang mit Gott, dem Worte Gottes, den sakramentalen Heilszeichen der Kirche und dem pastoralen Dienst an den Menschen, vor allem an den Armen und Schwachen in Kirche und Gesellschaft.

Die besondere Kraftquelle ist das Sakrament der Liebe Gottes, der Eucharistie und vor allem das Wort, das Papst Benedikt XVI. zum Thema seiner ersten Enzyklika gemacht hat und das wohl in kürzester Form das Wesentliche christlichen Glaubens und Lebens aussagt: Gott ist die Liebe. Außerdem begleitet mich mein eigener bischöflicher Wahlspruch: „Veritatem facientes in charitate“ (Eph 4,15).

ZENIT: Die Weltbischofssynode im Oktober vergangenen Jahres stand unter dem Thema der Eucharistie als Quelle und Mittelpunkt des christlichen Lebens. Welche Bedeutung hat die Eucharistie für Sie?

--Erzbischof Kothgasser: Die Eucharistie bedeutet für mich die Hingabe Gottes für uns Menschen schlechthin, aber auch die Aufgabe des Lebens und Dienstes des Priesters und des Bischofs, konkretisiert in der täglichen Hingabe der Sendung an die Menschen.

ZENIT: Was heißt es, zu glauben? Wie wirkt sich das aus?

--Erzbischof Kothgasser: Glauben heißt, das Leben auf Gott gründen, im Vertrauen aus der Beziehung mit Gott leben und alle Ereignisse des Lebens aus diesem Vertrauen gestalten und tragen. Das bedeutet, Zeit zu haben für Gott und Gottes Wort zu hören, denn der Glaube kommt vom Hören; das heißt aber auch, die Wahrheit in Liebe miteinander tun (vgl. Eph 4,15).

ZENIT: Jesus ist auferstanden. Wo sehen Sie ihn, wie kommunizieren Sie mit ihm?

--Erzbischof Kothgasser: Er hat versprochen, dass er alle Tage bis zum Ende der Zeit bei uns bleiben wird. Seine Gegenwart ist konstant und nicht schwer erreichbar.

Wir begegnen ihm dort, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, wo wir auf sein Wort hören; wo wir die Gaben seines Lebens, seinen Leib und sein Blut empfangen; wo wir ihm im Nächsten – vor allem in den Armen – begegnen und wo das Kreuz aufgerichtet ist in unserem Leben.

ZENIT: Was sind Ihre Herzensanliegen?

--Erzbischof Kothgasser: Als Priester war mir seinerzeit das Wort nahe gelegt: „Der Herr sei mit euch!“ Da er aber die Liebe ist, ist die Liebe zu Gott und zu den Menschen die Mitte meines Lebens und Dienstes geworden, bei aller Ohnmacht, bei allen Grenzen und allem Versagen, immer im Bewusstsein, dass er alle Wege mitgeht.

ZENIT: Worin sehen Sie die großen Herausforderungen unserer Zeit?

--Erzbischof Kothgasser: Es sind die Grundanliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils: die innere und äußere Erneuerung der Kirche zum Zeugnis für die Menschen, der Dialog innerhalb der Kirche und nach außen, vor allem mit den anderen christlichen Konfessionen, aber auch mit den anderen Religionen und Kulturen; und nicht zuletzt mit denen, die nicht glauben können oder wollen, und zugleich das mutige Eingehen auf die Herausforderungen der Zeit aus dem Geist Jesu in der Haltung des Dienstes an den Menschen, vor allem an den Bedürftigen.

ZENIT: Was sagen Sie zu Papst Benedikt XVI., welche Hoffnungen verbinden Sie mit ihm?

--Erzbischof Kothgasser: Da ich ihn schon von früher kenne und immer schon beeindruckt war von der Glaubwürdigkeit seiner Worte und seines Lebenszeugnisses, hoffe ich, dass sein universaler Hirtendienst die Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils intensiv verwirklichen kann, die Kirche in die wesentliche Mitte unseres Glaubens, Hoffens und Liebens weiterführt und jene hoffnungsvolle Zuversicht im Vertrauen auf das Wirken des Heiligen Geistes und die Gegenwart des auferstandenen Herrn bewahrt, die er in diesem ersten Jahr seines Pontifikates in Wort und Tat schon bewiesen hat.

Er wird der Kirche auf dem Weg im dritten Jahrtausend christlicher Zeitrechnung auf die richtigen Spuren führen und sie im Geiste des Guten Hirten lenken und begleiten.