Erzbischof Angelo Amato erklärt neues lehramtliches Schreiben zur Identität der katholischen Kirche

Interview mit dem Sekretär der Kongregation für die Glaubenslehre

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ROM, 10. Juli 2007 (ZENIT.org).- Erzbischof Angelo Amato, Sekretär der Kongregation für die Glaubenslehre, ging im Interview mit einem Mitarbeiter der italienischen Ausgabe von „Radio Vatikan“ ausführlich auf den Inhalt des heute vorgelegten Dokuments seiner Kongregation „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ ein. Wir veröffentlichen eine eigene Übersetzung.



Worin besteht die Finalität des Dokuments?

-- Erzbischof Amato: Gegenüber falschen oder verkürzten Interpretationen der Lehre des Konzils beabsichtigt die Kongregation für die Glaubenslehre, die authentische Bedeutung des Ausdrucks „subsistit in“ in Erinnerung rufen, die sich in der dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen gentium findet.

Warum wird das literarische Genus der „Responsa“, das heißt der Antworten auf Zweifel benutzt?

-- Erzbischof Amato: Es ist dies ein Genus, das keine breiten und sehr gegliederten Argumentationen impliziert, die zum Beispiel den Instruktionen oder lehrmäßigen Noten eignen. In unserem Fall hingegen handelt es sich um einige kurze Antworten auf Zweifel hinsichtlich der korrekten Interpretation des Konzils. Konkret handelt es sich um fünf Fragen und fünf synthetische Antworten, die sich darauf beschränken, das Lehramt in Erinnerung zu rufen, um zum Gegenstand ein gewisses und sicheres Wort zu bieten.

Die zweite Fragestellung scheint die zentrale zu sein. Es wird gefragt: „Wie muss die Aussage verstanden werden, gemäß der die Kirche Christi in der katholischen Kirche subsistiert?“

-- Erzbischof Amato: Ja. Das ist die Frage, die verschiedene Interpretationen erfahren hat, die abwegig und in Diskontinuität mit der Lehre des Konzils über die Kirche sind. Die Kongregation zitiert das Konzil und antwortet, dass Christus hier auf Erden eine einzige Kirche gestiftet hat: „Diese Kirche (…) subsistiert in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger des Petrus und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird.“ Die Subsistenz verweist auf die immerwährende historische Kontinuität und die Fortdauer aller von Christus in der katholischen Kirche eingesetzten Elemente, in der die Kirche Christi konkret in dieser Welt anzutreffen ist.

Warum wird der Ausdruck „subsistiert in“ und nicht einfach das Wort „ist“ verwendet?

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- Erzbischof Amato: Manch einer hat das als eine radikale Veränderung der Lehre über die Kirche interpretiert. Tatsächlich verändert der Ausdruck „subsistit in“, der die vollständige Identität der Kirche Christi mit der katholischen Kirche besagt, nicht die Lehre über die Kirche. Er bringt klarer zum Ausdruck, dass außerhalb ihres Gefüges kein kirchliches Vakuum vorhanden ist, sondern „vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit“ zu finden sind, „die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen“.

Diese Antworten haben auch eine wichtige ökumenische Bedeutung. Aus diesem Grund lautet die vierte Frage: „Warum schreibt das Zweite Vatikanische Konzil den Ostkirchen, die von der voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche getrennt sind, die Bezeichnung ‚Kirchen‘ zu?“

-- Erzbischof Amato: Die Antwort ist dem Konzilsdekret über den Ökumenismus entnommen: „Da nun diese Kirchen trotz ihrer Trennung wahre Sakramente besitzen, und zwar vor allem kraft der apostolischen Sukzession das Priestertum und die Eucharistie, wodurch sie in ganz enger Gemeinschaft bis heute mit uns verbunden sind“ ( Unitatis redintegratio,15.3), verdienen sie den Titel „Teil- oder Ortskirchen“ und werden Schwesterkirchen der katholischen Teilkirchen genannt. Es ist dennoch zu präzisieren, dass die Gemeinschaft mit der katholischen Kirche, deren sichtbares Haupt der Bischof von Rom und Nachfolger des Petrus ist, nicht eine bloß äußere Zutat zur Teilkirche ist, sondern eines ihrer inneren Wesenselemente. Aus diesem Grund leidet das Teilkirchesein jener ehrwürdigen christlichen Gemeinschaften des Ostens unter einem Mangel.

Und nun zur letzten Frage: Warum schreiben die Texte des Konzils und des nachfolgenden Lehramts den Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangen sind, den Titel „Kirche“ nicht zu?

-- Erzbischof Amato: Dazu ist zu sagen, dass die Wunde noch sehr viel tiefer ist. Diese Gemeinschaften, die nach eineinhalb Jahrtausenden katholischer Tradition entstanden sind, besitzen die apostolische Sukzession im Weihesakrament nicht; somit fehlt ihnen ein wesentliches konstitutives Element des Kircheseins. Wegen des Fehlens des sakramentalen Priestertums haben diese Gemeinschaften die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt. Deshalb können sie nach katholischer Lehre nicht „Kirchen“ im eigentlichen Sinn genannt werden.

Was können Sie zum Schluss hinzufügen?

-- Erzbischof Amato: Drei Schlüsse können aus den Responsa gezogen werden. Vor allem besteht eine Kontinuität zwischen der traditionellen, der konziliaren und der postkonziliaren Lehre. Das neue Antlitz der Kirche verweist auf keinen Bruch, sondern auf Harmonie, die in einem immer angemesseneren Verständnis seiner Einheit und Einzigkeit besteht.

Zum zweiten subsistiert die einzige Kirche Christi trotz der Spaltungen in der Geschichte der katholischen Kirche. Somit ist es nicht korrekt zu denken, dass die Kirche Christi heute nirgendwo mehr bestehen oder dass sie nur in ideeller Weise bestehen würde, also in fieri in einer zukünftigen, durch den Dialog ersehnten und geförderten Konvergenz oder Wiedervereinigung der verschiedenen Schwesterkirchen. Mit dem Wort „subsistit“ wollte das Konzil das Besondere und nicht Multiplizierbare der katholischen Kirche ausdrücken: Es gibt die Kirche als einziges Subjekt in der geschichtlichen Wirklichkeit.

Zum dritten ist die Identifikation der Kirche Christi mit der katholischen Kirche nicht so zu verstehen, dass es außerhalb der katholischen Kirche ein „kirchliches Vakuum“ gäbe, insofern in den getrennten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften wichtige „elementa Ecclesiae“ vorhanden sind.

Schließlich: Indem unbegründete Interpretationen der Kirche eliminiert werden, tragen die Responsa dazu bei, den ökumenischen Dialog zu stärken, der über die Offenheit für die Gesprächspartner hinaus auch die Identität des katholischen Glaubens bewahren muss. Nur auf diese Weise kann man zur Einheit aller Christen in der „einen Herde und dem einen Hirten“ (vgl. Joh 10,16) gelangen und so jene Wunde heilen, welche die katholische Kirche immer noch an der vollen Verwirklichung ihrer Universalität in der Geschichte hindert.