Erzbischof Celestino Migliore: „Millionen von Menschen wollen der Diktatur der Armut entkommen“

Appell des Ständigen Beobachters des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in New York

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ROM, 20. September 2006 (ZENIT.org).- Der Heilige Stuhl warnte am Montag bei einem Sondertreffen von UNO-Vertretern in New York davor, sich der Täuschung hinzugeben, dass das gewisse Maß an Wachstum, das in den vergangenen Jahren in den ärmeren Entwicklungsländern („least developed countries“, „LDCs“) stattgefunden habe, ausreichen würde, um Armut zu beseitigen.



Erzbischof Migliore, offizieller Vertreter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in New York, forderte deshalb von der internationalen Staatengemeinschaft die Umsetzung der bereits zugesagten Entwicklungsleistungen sowie die Mobilisierung zusätzlicher finanzieller Ressourcen für die ärmsten Länder der Erde.

Die Begegnung hatte als so genanntes „High-Level-Meeting“ das Ziel, der anhaltenden Marginalisierung der ärmeren Entwicklungsländer in der Weltwirtschaft entgegenzuwirken. Bei der dritten Konferenz der Vereinten Nationen über die ärmsten Entwicklungsländer, die vom 14. bis zum 20. Mai 2001 auf Einladung der Europäischen Union im Europäischen Parlament in Brüssel stattfand, hatte man sich diesbezüglich auf einen zehnjährigen Aktionsplan geeinigt. Das jetzige Treffen diente vereinbarungsgemäß der Überprüfung dieses Aktionsplans („comprehensive mid-term review“).

Die Ansprache, die Erzbischof Migliore während der Konferenz vortrug, umfasste neben einer Bewertung der Umsetzung des Brüsseler Aktionsprogramms die Prüfung weiterer internationaler Maßnahmen zur Unterstützung der ärmeren Entwicklungsländer in den Bereichen Öffentliche Hilfe (ODA), Schulden und Handel sowie das Ziel der Halbierung der weltweiten Armut. Besonders verwies der Apostolische Nuntius auf die Verteidigung der Menschenwürde als Grundbedingung für eine positive Entwicklung.

„Das relativ schwache makroökonomische Wachstum darf nicht von den herausfordernden grundsätzlichen Problemen ablenken“, so Erzbischof Migliore, der von einer „dramatischen Vordringlichkeit“ zu handeln sprach.

Der Aktionsplan 2001-2010 habe zwar zu verstärkten Initiativen der öffentlichen Hand geführt, aber die Wachstumsrate bliebe weiterhin „extrem gefährdet“, weil sie vollständig vom Export von Rohstoffen und anderen Materialien abhängig sei.

Der Repräsentant des Heiligen Vaters übte zugleich heftig Kritik an den Kriegen, die in den betroffenen Ländern zu großem Elend führten, sowie daran, dass nach wie vor ökologische Verwüstung und zunehmende Versteppung, anhaltende Hungersnöte, mangelhafte Ernährung bei Kindern und die Bedrohung durch Aids, Malaria (Gelbfieber) und Tuberkulose festzustellen seien. Ausgehend von diesen Herausforderungen seien die jüngsten Entwicklungen neu zu lesen, bekräftigte er. Sie klopften förmlich an die Türen der reicheren Staaten und „verlangen nach einem globalen Einsatz, um so bald wie möglich die Ziele des Brüsseler Aktionspakets zu erreichen“.

Neben der nachdrücklichen Forderung einer umfassenden Friedenssicherung ging Erzbischof Celestino Migliore, Ständiger Beobachter des Heiligen Stuhles bei den Vereinten Nationen, am Montag auf die Notwendigkeit einer stabileren Lebensqualität ein und verwies dabei auf die Abmachung der Cotonou-Strategy, die auf eine positive Mitarbeit der ärmeren Entwicklungsländer setzt. Zu den negativen Aspekten, die gemäß Msgr. Migliore unbedingt bekämpft werden müssen, gehören die „Ausmerzung von Korruption, die Garantie von Transparenz und die Geltung des Rechts“.

Im Jahre 2000 war es zwischen den Staaten in Subsahara-Afrika, im karibischen Raum und im Pazifischen Ozean (AKP-Staaten) und der Europäischen Gemeinschaft (EG) in Cotonou zu einem Partnerschaftsabkommen über die zukünftige Zusammenarbeit gekommen, das für die Entwicklungs- und Auslandspolitik der EU von entscheidender Bedeutung ist.

Den armen Ländern zu helfen „ist eine gravierende und zwingende moralische Verantwortung, die auf der Solidarität der menschlichen Rasse und demselben Lebensziel für Arm und Reich gründet“, fuhr Erzbischof Migliore fort. Im Zeitalter der Globalisierung sei diese Verantwortung umso größer, bekräftigte er.

Die Ausführungen von Erzbischof Migliore galten darüber hinaus den Fragen der guten Regierungsführung und der sozialen Stabilität, der Steigerung produktiver Kapazitäten im Landwirtschafts-, Gesundheits- und Investitionsbereich, dem Erziehungswesen, dem Handel, der Entwicklung menschlicher Kapazitäten, dem Infrastruktursektor sowie der Finanzierung von Entwicklung und Wachstum.

Zu den Prioritäten gehörten die „baldige, totale und bedingungslose Aufhebung der Auslandsverschuldung“ für die ärmeren Entwicklungsländer sowie Maßnahmen, um weitere Auslandsverschuldung zu verhindern.

Vor 20 Jahren, so der Vertreter des Heiligen Stuhls, „wurde die Öffentlichkeit von denen angerührt, die Mauern und Zäune überwanden, die sie in diktatorischen Regimes gefangen hielten. Heute riskieren Millionen von Menschen ihr Leben, um der Diktatur der Armut zu entkommen. Barrieren werden sie nicht stoppen.“