Erzbischof Dr. Ludwig Schick: "Als Kirche und Seelsorger müssen wir vor allem Lehrmeister des Gebetes sein. Wenn der Seelsorger einen Menschen zum persönlichen Beten geführt hat, hat er alles getan"

Interview mit dem Erzbischof von Bamberg

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BAMBERG, 12. Juli 2006 (ZENIT.org).- Im sechsten Interview der Reihe "Who is Who: Die Hirten des deutschsprachigen Raums" schenkt Erzbischof Ludwig Schick Einblick in sein persönliches Frömmigkeitsleben, seinen Berufungsweg und seine Herzensanliegen.



Der Oberhirte der Erzdiözese Bamberg wurde am 22. September 1949 in Marburg geboren. Am 15. Juni 1975 empfing er das Sakrament der Priesterweihe. Die Förderung der Berufung zum Priestertum und zum Ordensleben gehören zu seinen vorrangigen Anliegen: "Dafür setze ich mich ein, dafür möchte ich noch viel mehr tun. Dafür bete ich vor allem. Wir brauchen mehr Priester und Ordensleute."

Der ehemalige Fuldaer Weihbischof, der am 22. Juni 2002 vom damaligen Papst Johannes Paul II. mit der Leitung des Erzbistums Bamberg betraut wurde, ruft zu einer neuen Wertschätzung der Stille auf: "damit der Mensch Gott spürt und zu ihm gelangt". Im jetzigen Papst Benedikt XVI. sieht er denjenigen, der "die Mauern des Säkularismus zwischen Gott und den Menschen niederreißen kann".

ZENIT: Wie verstehen Sie Ihr Hirtenamt?

Erzbischof Schick: Für mich ist besonders die Kurzdefinition des heiligen Papstes Gregor über das Hirtenamt des Bischofs wichtig. Er schreibt in seiner "Hirtenregel" ("Regula pastoralis"), dass der Bischof ein guter Hirte sein und der Herde mit gutem Beispiel vorangehen soll. Dem hat der heilige Bischof Otto von Bamberg in einer Randnotiz hinzugefügt: "Dilige, punge gregem, sectando per omnia legem" – "liebe, 'stupse' die Herde voran, folge in allem dem Gesetz.

Als Bischof möchte ich die Herde, das heißt besonders die eigenen Diözesanen, lieben, sie voranbringen, mich um jeden einzelnen kümmern und selbst dem Gesetz Christi der Gottes- und der Nächstenliebe und den Vorschriften der Kirche folgen. Dazu fühle ich mich vor allen Dingen für die Priester und pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verpflichtet. Der Bischof muss auch auf Gefahren für Glaube und Sitte hinweisen, auch korrigieren und zurechtweisen, um Abfall vom Glauben und Böses zu verhindern.

ZENIT: Eine persönlichere Frage: Könnten Sie uns etwas über Ihre Entscheidung zum Priestertum und allgemein Ihren Glaubensweg erzählen? Wer oder was hat Sie begleitet?

Erzbischof Schick: Als ich vor dem Abitur stand, kam mir spontan die Frage: "Was machst du denn mit deinem Leben?" Und ebenso spontan kam mir die Antwort: "Du musst in deinem Leben etwas tun, das anderen hilft, gut zu leben." Dann habe ich konkreter darüber nachgedacht, in welchen Berufen ich das verwirklichen könne. Mir kamen drei Berufe in den Sinn:

-- "Lehrer"; dann kannst du Kindern und Jugendlichen etwas beibringen, was ihnen hilft zu leben.

-- "Arzt"; dann kannst du Gesunde vor Krankheit bewahren und Kranke gesund machen und so helfen, dass ihr Leben gelingt.

-- "Pfarrer"; um Menschen die Beziehung zu Jesus Christus, zum Evangelium, zu Gott zu ermöglichen, weil es ihnen hilft, sinnvoll zu leben und in Frieden zu sterben.

Ich habe mich für den letzteren Beruf entschieden und bin froh und glücklich dabei. Begleitet haben mich meine Familie, gute Freunde, die verheiratet sind, Priester und Ordensleute.

ZENIT: Gibt es für Sie so etwas wie eine geistige Heimat, einen theologischen Hintergrund?

Erzbischof Schick: Meine geistige Heimat ist die Heilige Schrift; bezüglich Kirche und Seelsorge das Zweite Vatikanische Konzil. Von den zeitgenössischen Theologen haben mich am meisten Henry de Lubac und Hans Urs von Balthasar angesprochen. Gern gelesen habe ich Joseph Ratzinger und Romano Guardini. Sie sind zusammen mit dem heiligen Augustinus und Thomas von Aquin mein "theologischer Hintergrund".

ZENIT: Woraus schöpft Ihr inneres Leben? Gibt es für Sie eine besondere Kraftquelle?

Erzbischof Schick: Meine Kraftquelle ist vor allem die Eucharistie. In der täglichen Messfeier und in der Anbetung des Allerheiligsten hole ich mir Kraft. In der Eucharistie fühle ich mich mit dem Herrn ganz eng verbunden. Letztlich ist er "Weg, Wahrheit und Leben" für mich. Die Kirche und das christliche Leben entstehen aus der Eucharistie. Die Eucharistie ist Quelle und Mittelpunkt der Kirche und auch meines persönlichen Lebens.

ZENIT: Die Weltbischofssynode im Oktober vergangenen Jahres stand genau unter diesem Thema. Was gehört zur Eucharistie noch dazu?

Erzbischof Schick: Zur Eucharistie gehört das Wort Gottes. Das erlebe ich jeden Tag neu, wenn ich geistlich Schriftlesung halte und das Brevier bete. Zur Eucharistie gehört auch Maria. Sie hat Jesus Christus geboren und ihn uns geschenkt. "Per Mariam ad Jesum" – "durch Maria zu Jesus". Sie schenkt uns auch heute immer wieder neu ihren Sohn in geistlicher Weise. Der tägliche Rosenkranz ist für mich sehr wichtig.

ZENIT: Was bedeutet es zu glauben? Wie wirkt sich das aus?

Erzbischof Schick: Glauben heißt: Vertrauen auf Gott haben und im Angesicht Gottes leben. Das wirkt sich in allen Bereichen meines Lebens aus. Das Vertrauen auf Gott schenkt Hoffnung und Zuversicht, Freude und Gelassenheit. Die Weisungen und Gebote Gottes sowie seine Verheißungen gestalten mein Leben, geben mir Halt, Sicherheit und Richtung. Beides gehört zusammen: Vertrauen auf Gott und entsprechend seinen Weisungen zu leben.

ZENIT: Jesus ist auferstanden. Wo sehen Sie ihn, wie kommunizieren Sie mit ihm?

Erzbischof Schick: Jesus Christus ist lebendig und wirksam. Das Gebet ist für mich letztlich persönliches Zwiegespräch mit ihm, so wie es Ignatius von Loyola in seinen Exerzitienbüchlein immer wieder schreibt. Alle vorformulierten Gebete und auch die Schriftlesung müssen zum persönlichen Gespräch mit Jesus Christus hinführen. Wie im mitmenschlichen Bereich, gelingt diese Kommunikation nicht immer. Man muss sich täglich neu um gutes Beten mühen und wenn es nicht gelingt, darf man nicht aufgeben.

ZENIT: Was sind Ihre Herzensanliegen?

Erzbischof Schick: Das Lieblingswort aus dem Neuen Testament ist für mich das Wort Jesu: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben" (Joh 10,10). Mein Herzensanliegen ist, dass alle Menschen das Leben Jesu Christi haben und daraus Versöhnung, Friede, Freude, Zuversicht, Gerechtigkeit und Liebe erfahren.

In meinem bischöflichen Dienst ist mir vor allem die Förderung von Berufungen zum Priester- und Ordensberuf eine große Herausforderung und das große Herzensanliegen. Dafür setze ich mich ein, dafür möchte ich noch viel mehr tun. Dafür bete ich vor allem. Wir brauchen mehr Priester und Ordensleute.

ZENIT: Worin sehen Sie die großen Herausforderungen unserer Zeit?

Erzbischof Schick: Die große Herausforderung unserer Zeit und in unseren Breitengraden ist die Überwindung des Säkularismus. Es gibt eine diffuse Religiosität, die sogar anwächst mit Elementen des Christentums, des Buddhismus, Geisterglaube, Horoskope und Talisman- oder Versicherungsreligion. Das ist aber noch kein Glaube an den transzendenten personalen Gott im christlichen Sinn.

Für viele Menschen ist der christliche Gott fern, er kommt nicht in ihr Leben hinein. Wie können Menschen heute glauben, hoffen und lieben, wie können sie eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus herstellen?

Dazu ist es wichtig, die Stille wieder zu entdecken, die Medien so zu gebrauchen, dass sie helfen und nicht dominieren und alles bestimmen. Wichtig ist, dass man Ruhe und Frieden auch in der Kirche und in der Liturgie findet, damit der Mensch Gott spürt und zu ihm gelangt. Als Kirche und Seelsorger müssen wir vor allem Lehrmeister des Gebetes sein. Wenn der Seelsorger einen Menschen zum persönlichen Beten geführt hat, hat er alles getan. Der heilige Augustinus hat es so formuliert: "Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir, o Gott." Es gibt viele unruhige Herzen, die auch in Religionen oder Religiösem Ruhe suchen. Sie zum Gott und Vater Jesu Christi zu führen, darauf kommt es an.

ZENIT: Was sagen Sie zu Papst Benedikt XVI., welche Hoffnungen verbinden Sie mit ihm?

Erzbischof Schick: Papst Benedikt ist ein großes Geschenk Gottes an die Kirche in der ganzen Welt und besonders an die Kirche in Deutschland. Er ist ein sehr intelligenter, viel wissender, sehr frommer und spiritueller Papst. Zugleich ist er sehr einfach. Er kann die Menschen zum Wesentlichen des Lebens führen, zur Verbindung mit Jesus Christus.

Sein theologisches Denken und Predigen dreht sich vor allem um die Person Jesu Christi, ER ist sein großes Anliegen. Ich verbinde mit Papst Benedikt die Hoffnung, dass er die Mauern des Säkularismus zwischen Gott und den Menschen, gerade in unseren Breitengraden, niederreißen kann. Papst Johannes Paul II. war es gegeben, die Mauern zwischen den Menschen, vor allen Dingen zwischen dem Ostblock und dem Westen, niederzureißen und sie miteinander zu verbinden. Jetzt brauchen wir einen Abbruch der vertikalen Mauern zwischen Mensch und Gott. Das kann Papst Benedikt XVI. bewirken.