Erzbischof Dr. Paul Josef Cordes: "Nächstenliebe ist gleichsam die Kehrseite der Medaille, mit der Gott uns beschenkt"

Interview mit dem Präsidenten des Päpstlichen Rates "Cor Unum"

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ROM, 6. März 2006 (Zenit.org).- "Es wäre ein kraftloses Evangelium, wenn es nicht mehr bewiese, was es behauptet: 'Gott ist die Liebe!', stellt Erzbischof Paul Josef Cordes im folgenden ZENIT-Interview fest.



Der aus Kirchhunden (Nordrhein-Westfahlen) stammende Kurienerzbischof ist 71 Jahre alt und leitet den 1971 von Papst Paul VI. eingerichteten Päpstlichen Rat "Cor Unum", dessen Aufgabe darin besteht, die päpstlichen Initiativen im Bereich humanitärer Hilfe in die Tat umzusetzen, die Arbeit der katholischen Hilfswerke und Einrichtungen zu koordinieren sowie zu Werken der Nächstenliebe zu ermutigen. Zudem verwaltet der Päpstliche Rat "Cor Unum" die 1984 gegründete Stiftung "Johannes Paul II. für die Sahelzone", die sich der Bekämpfung von Dürre und Versteppung in Afrika widmet, sowie die 1992 gegründete Stiftung "Populorum Progressio", die der armen Bevölkerung Lateinamerikas und der Karibik zugute kommt.

Die größte Not besteht nach Angaben von Erzbischof Cordes in Afrika, allerdings dürfe man niemals den "Lazarus vor der Tür" übersehen. "Der Herr hat nicht zufällig im Evangelium von der Liebe zum 'Nächsten' gesprochen."

ZENIT: Sie sind der "Cheforganisator" der katholischen Hilfswerke. Wie präsentiert sich die jetzige Weltlage, wo gibt es die dringendsten Probleme?

Erbischof Cordes: Vielleicht zunächst eine gewisse Korrektur der Beschreibung meiner Aufgabe. Eine zutreffende Selbsteinschätzung zwingt mich dazu, auch wenn mir das Wohlwollen behagt, das in Ihrer Anrede liegt. Christus hat jeden Christen zur Sorge um den Notleidenden verpflichtet; Nächstenliebe ist gleichsam die Kehrseite der Medaille, mit der Gott uns beschenkt und die seine Liebe zu uns geprägt hat. So sind auch die kirchlichen Initiativen des Helfens auf allen Ebenen der Gesellschaft angesiedelt: Private und Gruppen, Pfarreien und Diözesen, nationale und internationale Werke. Kirchliche Bewältigung des Elends in der Welt baut sich von unten her auf, vom einzelnen, subsidiär – wie es in der kirchlichen Soziallehre heißt. Daher auch die große Effizienz und die unmittelbare Genugtuung der Engagierten: Alle können immer wieder die Dankbarkeit der Darbenden erleben, die sie froh macht. Es wäre folglich vermessen, alle Versuche zu Beistand koordinieren zu wollen.

Die größten Bedürfnisse in den Problemfeldern des Hungers und der Gesundheit findet man gegenwärtig wohl in Afrika. Freilich gibt es allerorten Kriegsfolgen und Katastrophen, die immer wieder die Menschen heimsuchen; auch auf sie muss von uns lindernd geantwortet werden.

ZENIT: Unter anderem besuchten Sie auch die Gebiete, die vom Tsunami betroffen waren. Dieses Unglück hat außerordentlich viele Menschen zum Spenden animiert. Einige Hilfsorganisationen haben aber darauf hingewiesen, dass die anderen Menschen, die Not leiden, nicht vergessen werden dürften. Was sollte man tun, um auch den alltäglichen Überlebenskampf dieser Personen öffentlich zu machen?

Erzbischof Cordes: Sie haben recht: Die Hilfsbereitschaft nach dem Tsunami war überwältigend. Generell ist die Reaktion auf öffentliche Hilferufe in Notfällen sehr erfreulich. Doch oft genug reicht punktuelle Reaktion nicht hin. Wir brauchen langfristige Projekte. Dazu tragen dann die bekannten kirchlichen Werke durch die Entsendung von Helfern und durch kontinuierliche Arbeit bei, wenn sie nur ausreichend finanziell unterstützt werden. Nicht selten geht es auch darum, über aktuelle soziale Not hinaus Ausbildung und Erziehung zu fördern, wie wir es etwa durch die beiden von "Cor unum" getragenen Stiftungen "Für die Sahelzone" und – für Lateinamerika – durch "Populorum progressio" versuchen.

Schließlich sind die Menschen heute manchmal in Gefahr, über die materielle Unterstützung der Fernen den "Lazarus vor der Tür" zu übersehen. Der Herr hat nicht zufällig im Evangelium von der Liebe zum "Nächsten" gesprochen. Er will, dass wir täglich die Augen offen halten für den Bruder und die Schwester, die unsere Zuwendung brauchen – nicht selten ist unsre Geduld und ein gutes Wort nötiger als ein Stück Brot.

ZENIT: Während der Vorstellung der Enzyklika von Papst Benedikt XVI. haben Sie darauf hingewiesen, dass sich die katholischen Einrichtungen nicht von der Lehre der Kirche trennen sollten, da sich sonst nicht vom Roten Kreuz oder von den Einrichtungen der UNO unterscheiden würden. Worin liegt der große Unterschied beziehungsweise welche Vorteile haben kirchliche Hilfseinrichtungen?

Erzbischof Cordes: Mein Hinweis bei der Pressekonferenz zielte vor allem auf die Verbindung zwischen der Verkündigung des Wortes Gottes und der konkreten Nächstenliebe. Wenn das Rote Kreuz oder die UNO Elend lindern, tun sie etwas Gutes – und wer wollte das gering schätzen bei so viel Not in der Welt.

Aber wir Christen und die Kirche tun das Gute, weil Gott uns zuerst geliebt hat und wir seine Liebe weitergeben wollen und sollen. Als Beschenkte wollen wir andere beschenken. Und als Glieder der Kirche dient unser Einsatz ihrer Glaubwürdigkeit. Denn Christen, die helfen, bezeugen, dass die christliche Verkündigung von der Liebe Gottes kein leeres Geschwätz ist. Jesus Christus selbst hat den Menschen nicht zuletzt deshalb Gutes getan, weil er seine Sendung und Botschaft glaubwürdig machen wollte. Es wäre ein kraftloses Evangelium, wenn es nicht mehr bewiese, was es behauptet: "Gott ist die Liebe!"

ZENIT: Was ist das zentrale Anliegen des Papstes mit "Deus caritas est"?

Erzbischof Cordes: Die Enzyklika von Benedikt XVI. "Deus caritas est" ist nicht nur der erste Lehrtext des neuen Papstes. Sie ist auch die "Magna carta" für unsere vatikanische Abteilung "Cor unum". Der Heilige Vater hat in seinem Brief auf bewegende Weise die Grundanforderung an jeden Christen formuliert: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus ganzem Herzen… und du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst." An diesem Doppelgebot hängt nach Christi Wort alles, was Gott von uns Menschen will. Und der Nachdruck, mit dem der Papst die Liebe zu Gott herausgestellt hat, sollte uns alle provozieren und nachdenklich machen.

Kaum jemand wird in der westlichen Gesellschaft die Verpflichtung des Menschen zur Nächstenliebe in Frage stellen; alle Stellungnahmen der Politiker und Medienleuten sind voller Aufrufe zur Solidarität und Philanthropie. Das ist gut so, denn wir alle leben vom Brot – aber nicht vom Brot allein: Da ist ein Hunger, der weiter reicht; ein Hunger, den die Dinge dieser Erde nicht sättigen können.

Der christliche Helfer ist aufgerufen, auch diesen Hunger zu stillen. Was anders könnte er tun bei einem Sterbenden, angesichts der Trauernden bei Überschwemmungen, Erdbeben und Erdrutschen – etwa auf den Philippinen? Und er wird dazu befähigt in dem Maß, indem er sich selbst von Gott sättigen lässt. Dann aber kann er Trost spenden, auch wenn er keinen Erfolg sieht; kann er Hoffnung geben, die über den Tod hinaus reicht. Wie es die selige Mutter Teresa ihren Schwestern sagte: "Es geht um das Einswerden unserer Gedanken mit seinen Gedanken, unserer Gebete mit seinen Gebeten, unserer Handlungen mit seinen Handlungen… Worte, die nicht das Licht Christi ausstrahlen, vermehren die Dunkelheit."