Erzbischof Dr. Robert Zollitsch zum Jahr des Glaubens

ZENIT-Interview mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz

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Von Jan Bentz

ROM, 11. Juli 2012 (ZENIT.org). - Papst Benedikt XVI. hat ab Oktober 2012 anlässlich des 50. Jahrestages der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils ein „Jahr des Glaubens" ausgerufen. ZENIT sprach in einem Exklusiv-Interview mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, über dessen Umsetzung im Heimatland des Papstes.

ZENIT: Warum brauchen wir 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das ja eine Neuevangelisierung anstoßen wollte, heute eine Initiative wie das Jahr des Glaubens?

ZOLLITSCH: Jesus hat die Apostel gesandt: „Geht hinaus in alle Welt!“ So steht die Kirche zu jeder Zeit in der Pflicht, das Evangelium Jesu Christi überall beharrlich zu verkünden. Das war auch die Überzeugung der Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils, und gerade deshalb ist ein Evangelisierungsschub vom Konzil ausgegangen. Jetzt, 50 Jahre später, hat sich naturgemäß Vieles verändert, und es ist gut, dieser Schubkraft eine neue Dynamik zu geben. Diesem Anliegen will das Jahr des Glaubens dienen, das – so sagt es ja der Heilige Vater – auf dem Konzil aufbaut. Dazu dient der Aufruf zur Neuevangelisierung.

Durch die vielen Veränderungen der letzten Jahrzehnte und ihre Auswirkungen in die Gesellschaft erleben wir einerseits eine beträchtliche Säkularisierung und Entfremdung vom kirchlichen Glauben, andererseits aber auch eine oft ganz neuartige Suche nach Selbsttranszendenz, nach der Verortung des eigenen Lebens in einer Sphäre, die größer ist als das Bekannte, eine Sehnsucht nach Gotteserfahrung. Manche Länder , in denen früher eine Religion und besonders auch das christliche Leben lebendige, glaubende Gemeinschaftszusammenhänge zu schaffen vermochten, sind heute eher von Indifferentismus oder einer neuartigen religiösen Multioptionalität geprägt. Das bedeutet aber eben nicht, dass die Bereitschaft zu einer christlichen Spiritualität oder eine Offenheit für eine spezifisch christliche Sinndeutung verloren gegangen wären. Es gilt, das Evangelium von Gottes Nähe in Jesus Christus in veränderter Zeit glaubwürdig und authentisch zu verkünden und zu bezeugen. In diesem Sinn soll eine neue Evangelisierung die Erschließung und Vertiefung eines reinen und festen Glaubens fördern und Kraft wahrer Befreiung sein.

ZENIT: Sie sind Mitglied im Päpstlichen Rat für die Förderung der Neuevangelisierung. Welchen besonderen Aufgabenbereich haben Sie?

ZOLLITSCH: Es gibt für uns Mitglieder in diesem noch sehr jungen Päpstlichen Rat keine bestimmten Aufgabengebiete. Mir ist es sehr wichtig, jetzt zu Beginn die besonderen Chancen dieser Arbeit zu nutzen und von anderen Ländern zu erfahren, wie es dort um die Neuevangelisierung steht. Dann möchte ich im Rat natürlich die Erfahrungen der Neuevangelisierung aus Deutschland vermitteln. Wir haben da ja schon spannende und längerfristige Aufbrüche. Die deutschen Bischöfe haben das Anliegen des Heiligen Vaters bereits vor zwölf Jahren in ihrer Schrift „Zeit der Aussaat – missionarisch Kirche sein“ grundgelegt.

ZENIT: Worin besteht das Herz der Neuevangelisierung, von der der Papst spricht?

ZOLLITSCH: Das Herz der Neuevangelisierung ist die Weitergabe des Glaubens an die Menschen in der heutigen Zeit. Dieser Glaube trägt und stärkt. Wer glaubt, ist nie allein, so hat es der Heilige Vater selbst ausgedrückt. Dazu gehört, Menschen Wege zu erschließen, wie sie die Erfahrung Gottes machen können, wie ihn Christus verkündet hat. Und es geht darum, wie man Menschen starke und fundierte Werte für ein Leben aus dem christlichen Glauben vermitteln kann. Es braucht dazu Menschen, die überzeugen und die Evangelisierung mit ihrem persönlichen Glaubenszeugnis tragen. Das ist nicht möglich ohne lebendige und zuverlässige Gemeinschaft in der Familie, in liebevollen Beziehungen und starken Gemeinschaften. Hier wird der Einzelne hineingenommen in etwas Gemeinsames und in eine Verbundenheit, kann den Glauben anderer mittragen. Christus hat die Seinen teilhaben lassen an seinem Glauben, und mehr noch: Gott hat uns an seinem Leben teilhaben lassen durch Jesus Christus – und tut es auch heute. Aus Teilhabe wächst Eigenes, auch das eigene Glaubenszeugnis. Wir müssen helfen, dass Menschen Gott „suchen und finden in allen Dingen, Menschen und Ereignissen“. Aber: Die geistige Entwicklung der letzten Jahrzehnte lässt sich nicht einfach umdrehen. Die Verkündigung des Evangeliums ist ein langer Prozess. Es ist viel unscheinbare Detailbemühung erforderlich von Mensch zu Mensch, von Familie zu Familie.

ZENIT: Wie sieht es in Deutschland mit der Anbindung an die Weltkirche aus? Auf welcher Ebene verwirklicht sich der Zusammenhalt mit dem Papst in Rom?

ZOLLITSCH: Die deutsche Ortskirche ist sehr gut mit der Weltkirche vernetzt. Das beginnt beim intensiven Austausch zwischen den Bischofskonferenzen, insbesondere auf europäischer Ebene. Das sehen Sie auch bei unseren Hilfswerken, die weltkirchlich sehr viel leisten. Und natürlich ist die Deutsche Bischofskonferenz in engem Kontakt mit unserem Heiligen Vater in Rom. Ich selbst treffe mich regelmäßig mit ihm. Gerade durch meine Berufung in den Päpstlichen Rat für die Neuevangelisierung erlebe ich das nochmals als Stärkung. Wir haben in Deutschland viele gute Erfahrungen mit der Neuevangelisierung gemacht, also bereits praktische Umsetzungen dessen, was der Heilige Vater erwartet. Das bringen wir in die Gespräche ein und sind dankbar für das, was wir von anderen Ortskirchen lernen können. Mich hat beispielsweise die Erfahrung in Nigeria geprägt: Dort konnte ich erleben, welchen großartigen Dienst Katecheten für die Verkündigung des Glaubens in vor allem ländlich geprägten Regionen leisten. Ich bin mir sicher: Jede Ortskirche hat etwas einzubringen; wir können miteinander Wege erwachsenen Glaubens gehen.

[Teil 2 folgt morgen, am 12. Juli]