Erzbischof Farhat ermutigt zur Besinnung auf die transzendente Dimension des Menschen

Vortrag des scheidenden Nuntius in Österreich

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ROM, 3. Dezember 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die der scheidende Apostolische Nuntius in Österreich, Erzbischof Edmond Farhat (vgl. ZENIT-Interview), am 3. Dezember vor Mitgliedern des katholischen Publizistenverbands in der Wiener Innenstadt gehalten hat.

„Der Mensch wird nicht durch die Wissenschaft erlöst, sondern durch die Liebe. Diese starke Liebe kann uns nur durch die Erlösungstat Christi geschenkt werden. Diese Wahrheit können wir nur verstehen, wenn wir aufmerksam die reiche Fülle der theologischen und philosophischen Tradition meditieren.“

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Am vergangenen 21. November 2008, habe ich die italienische Zeitung „La Repubblica“ geöffnet. Mein Blick fiel dabei auf die Rezension eines soeben neu erschienenen Buches mit dem Titel „Il Cabaret Voltaire“ (Bompiani editore 2008), das der italienische Autor Pietrangelo Buttafuoco geschrieben hat. Das Buch trägt den Untertitel „L’Islam, il Sacro e l’Occidente“ (Der Islam, das Heilige und der Westen). Der Autor des Buches, selbst zum Islam konvertiert, hat nach Ansicht des Rezensenten Filippo Ceccarelli anstatt einer sachlichen und objektiven Darstellung des Islams vielmehr „eine Schmähschrift gegen den heutigen Westen "nato in casa teo-con"“ (im Hause der neuen Theologen der Kommunikation geboren) verfaßt. Er will somit eine polemische Antwort auf das Buch der verstorbenen Schriftstellerin Oriana Fallaci „La forza della Ragione“ (Die Kraft der Vernunft) geben.

Buttafuoco wirft in seinem Buch dem Westen vor, im Namen der Freiheit und des Konsums, unter dem Banner der NATO „wehrlose Volksgruppen zu massakrieren, die in der Welt umher ziehen,“ während der Westen in seinem eigenen Haus seit langem jede Form von Transzendenz zum Schweigen gebracht hat. Der Autor ist sehr kritisch gegenüber der westlichen Kultur und bietet dem Leser als die wahre Lösung den Islam an.

Buttafuoco schreibt, dass „der Westen als einzigen und simplifizierten Gedanken, jenen des Konsums verbreitet, wobei sich dieser von selbst verbraucht hat.“ Nach der Meinung des Autors hat der Tod des Sakralen und des Heiligen den menschlichen Wert aufgehoben. Nur der Islam kann diesen Wert wieder erneut einlösen. "Die Muslime sind die wahren Erben der poetischen und kriegerischen Antike des griechischen Kontinents, das entlegene Herz der Tradition“ (La Repubblica, 21. November 2008). Dieser Gedanke klingt jedoch ein wenig wie eine Bekennerschrift islamistischer Gruppierungen, die sich unter verschiedenen Formen und Namen präsentieren. Es erinnert an dasselbe Ideal und das Ziel, das die islamistischen Reformisten zu erfüllen glaubten, angefangen im 18. Jahrhundert (Afghanistan), bis heute (Die Muslimbrüder, Hamas, Hezbollah und die Taliban etc.). Alle wollten den Islam reformieren und ihn in seiner reinen Form, als einziges Gesetz, das von Allah dem Menschen gegeben wurde, präsentieren.  Dabei wird von den Gläubigen verlangt, "diesem Gesetz (Koran und Sunna) einfach zu gehorchen" (Besançon in: „Islam et Judéo-Christianisme“, von Jacques Ellul, S.20).

Im Rückflug von München nach Wien (am Sonntag 30. November) habe ich die „Kronenzeitung“ mit ihrer Wochenendbeilage zum lesen bekommen. Darin findet sich neben der wöchentlichen Betrachtung von Kardinal Schönborn zum Sonntagsevangelium gleich ein Artikel über ein Hollywood Star (Meg Ryan), die nach einem kurzen, romantischen Abenteuer mit ihrem Mann, beteuert: „Meine Ehe war wie Pompeji! Irgendwann war da nur noch Asche“. Auf einer weiteren Seite der Sonntagsbeilage ist die Rede von „Gebrochenen Herzen, Schicksalsschlägen, Stress und Depressionen“, die „lebensbedrohlich sein“ können.

Danach folgt noch ein Artikel mit dem Titel „Alt, aber gut“, in dem sich die Autorin mit der Frage beschäftigt, warum wir die alten Traditionen wiederbeleben und weitergeben sollten. „Tradition bedeutet, das Feuer und nicht die Asche weiterzutragen“, erklärt darin Desirée Treichl-Stürgkh, die Grand-Dame des traditionsreichen Wiener Opernballs.

Hier drängt sich die Frage auf: Gibt es doch wieder einen Durst nach dem „Alten“, nach den Werten, nach der Transzendenz? Ist unser „Alt“ wirklich alt, oder ist unsere Kenntnis von unseren alten Errungenschaften veraltert? Ist „das Alte“ nicht vielmehr die tiefe Wurzel des Lebens, aus der die verschiedenen lebendigen Zweige und Äste hervorsprießen, während das Leben dieser tiefen Verankerung zu verdorren droht? Ist dieses Alte nicht die Kirche, die von ihrem Schatz immer wieder "Nova et vetera" (Cant. 7,13) Neues und Altes hervorbringt?

Ist nicht auch die Kirche wie ein großer Baum, der tiefe Wurzel in der Geschichte geschlagen hat und dessen vielverzweigte Äste sich in alle Himmelsrichtungen ausbreiten und dabei Menschen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen wie eine große Familie zusammenhalten?

Ich bekomme manchmal den Eindruck, dass Europa und dieses schöne Österreich, aber auch ganz Europa die Erinnerung an seine lange Geschichte, die Kenntnis von ihrem reichen, kulturellen Erbe etwas stiefmütterlich behandeln wollen.(Das erlaubt Buttafuoco sich so auszudrücken, wie er es getan hat). Vor allem Europa und Österreich scheinen sich von einem schlechten Gewissen über ihre nahe Vergangenheit nicht befreien zu können, wobei der Gedanke einer „Kollektivschuld“ in Bezug auf die beiden großen Weltkriege und das Nazi-Verbrechen immer noch wie ein Komplex die Gesellschaft belastet. Theologisch gesehen gibt es keine „Kollektivschuld“, denn jeder einzelne ist nur für sein eigenes Leben verantwortlich, aber wir alle leiden an den Folgen von Schuld und Sünde, auch wenn sie von anderen begangen wurden.

Um diesem schlechten Gewissen zu entkommen, meinen wir die Schuld wieder gutmachen zu können, indem wir sie verdrängen und mit der Sorge um unser Wohl, um die zivilen Rechte und die Menschenrechte ersetzt haben. Um nicht an die Zukunft denken zu müssen, konzentrieren wir unser Interesse auf die Gegenwart, auf den Wohlstand, die Sicherheit und ein neoliberales Verständnis von Freiheit, die zu einem kategorischen Imperativ stilisiert wird, uns jedoch keine Orientierung gibt.

Heute steht bereits eine andere starke Kultur vor unserer Haustür. Auch sie behauptet, Wohlstand, Fortschritt und Sicherheit mitzubringen, und zusätzlich bietet sie dem westlichen Menschen in dieser säkularisierten Welt auch ein Ziel, ein Ideal, eine Transzendenz an.  Weil der Islam "als letzte Religion gekommen ist", ist er - so meinen seine Anhänger - "die beste Religion": Er ist einfach, kategorisch und kollektiv.  Es ist eine dynamische Religion, die für so manche enttäuschte Westeuropäer als eine wahre Alternative gilt. Aber bietet der Islam wirklich diese Alternative an, nach der ein kritischer, aufgeklärter Mensch sucht? Leidet der moderne Mensch, für den Multikulturalität zu einer täglichen Realität geworden ist, nicht auch an einer Identitätskrise, die ihn verunsichert und in einer exotisch anmutenden Ferne das Glück suchen lässt? Gerade Euer schönes Land Österreich ist doch schon so reich an kultureller Vielfalt und hat auch viele berühmte Künstler und große Denker hervorgebracht, an die wir uns erinnern könnten. Es sehnt sich auch nach Neuem, nach Transzendenz, aber leider suchen die Menschen oft in eine falsche Richtung.

Ja, Österreich muss sich seiner eigenen Wurzeln und seiner eigenen Geschichte, die vor allem eine christliche mit all ihren Höhepunkten und Niederlagen ist, wieder besinnen, wenn es eine kreative Lösung für seine Probleme in der Gesellschaft und auch in der Kirche finden will.  Nur so wird die Gesellschaft neue und starke Ideen entwickeln für eine Zukunft, die nicht nur nach zeitlichen und wirtschaftlichen Maßstäben berechnet werden darf. Der Islam fasziniert viele, er gibt aber nicht die Antwort, die man sucht und braucht.

Jede Generation muss sich neue Wege bahnen hin zum Ziel des Lebens. Es ist oft eine anstrengende Suche nach höheren Ordnungen, eine Aufgabe, die nie ganz zu Ende geht. Wenn wir aber darauf warten, dass die Wissenschaft uns erlöst, dann warten wir vergeblich, denn wir erwarten zu viel von ihr. Der Mensch braucht eine Sicherheit, die ihm Erlösung zusichert und ihn daran erinnert, dass Christus uns gerettet hat. Nachdem jedoch die westliche Welt immer öfter vergisst, sich an ihre christlichen Wurzeln zu erinnern, drängen andere Kulturen und Religionen in ihre Länder ein. Deshalb fühlt sich auch der Autor Buttafuoco autorisiert zu behaupten, dass die Muslime die wahren Erben der antiken Werte und das Herz der Tradition sind. Der Islam ist ein statisches System, sein Gesetz ist eine Ordnung. Man muss bloß gehorchen und tun, was Gott durch seinen Propheten angeordnet hat.

Das Herz des Menschen schlägt aber noch stärker, und viele suchen nach einer überzeugenderen Antwort. „Der Mensch hat viele kleinere oder größere Hoffnungen“, erklärt Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Spe Salvi“ und fügt darin weiter hinzu: „Die große Hoffnung kann nur Gott sein, der das Ganze umfasst und der uns geben und schenken kann, was wir allein nicht vermögen“ (SS, N. 31). Es ist ein Irrtum zu glauben, dass der Mensch als bloßes „Produkt der ökonomischen Zustände“ betrachtet werden kann, stellt der Papst in seiner Enzyklika fest und verneint dabei die materialistische Auffassung so mancher Fortschrittsgläubigen, die meinen, dass der Mensch allein durch das Schaffen günstiger ökonomischer Bedingungen geheilt werden kann. (vgl. 21)

Aber besteht der wahre Fortschritt nicht vielmehr in der ethischen Bewusstseinsbildung? Der Mensch wird nicht durch die Wissenschaft erlöst, sondern durch die Liebe. Diese starke Liebe kann uns nur durch die Erlösungstat Christi geschenkt werden. Diese Wahrheit können wir nur verstehen, wenn wir aufmerksam die reiche Fülle der theologischen und philosophischen Tradition meditieren.

Der Mensch von heute interessiert sich jedoch nicht so sehr für Metaphysik und für ethische Fragen und noch weniger für Fragen der christlichen Morallehre. Doch man braucht eine Ethik, ein Ideal und jemand, der uns führt und zu uns mit "erlaubt" und "nicht erlaubt" klar spricht. Das ist die Botschaft, die Aufgabe, die Mission der Kirche, die „mater et magistra“ [Mutter und Lehrerin, Anm. d. Red.] ist. Das ist die Botschaft und die Pflicht der Bischöfe und Hirten des Gottesvolkes. Sie müssen Mut haben, klar vom Bösen und Guten zu sprechen, von Leben und Tod zu reden. Denn Gott ist Gott des Lebens.

Wenn die Kirche Ja oder auch Nein zu etwas sagt, tut sie es mit Gewissheit und mit Weisheit, ihre Kinder zu verteidigen – nicht nur diejenigen, die schon in ihrem Schoß sind, sondern auch die aus der Ferne Gerufenen – um sie gesund auf den guten Weg zu führen. Leider ist für viele unverständlich, warum der Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn, in seiner Predigt, die er im März dieses Jahres in Jerusalem gehalten hat, davon spricht, dass „Europa im Begriff zu sterben“ ist, da es anscheinend „Nein zum Leben“ sagt. Dieser Gedanke erinnert auch an die Worte des Heiligen Vaters, Papst Benedikt XVI., der während seines Österreich-Besuchs am 7. September 2007 in der Hofburg, vor den Diplomaten und Autoritäten, sagte: „Es muss daher ein Anliegen aller sein, nicht zuzulassen, dass eines Tages womöglich nur noch die Steine hierzulande vom Christentum reden werden.“ Konnte ein Erzbischof, ein Präsident der österreichischen Bischofskonferenz, etwas anderes denken und dazu sagen?

Heutzutage zitiert man gerne und oft das Zweite Vatikanische Konzil, wenn von Reformen in der Kirche die Rede ist. Aber die meisten kennen gerade nur die Namen und Überschriften der einzelnen Konzilsdokumente. Hätten wir Priester, Theologen, Philosophen, Minister oder Magister, mehr Geduld und mehr Mut gehabt, die Konzilstexte genauer zu studieren, sie zu meditieren, seine Lehre in unseren Herzen wachsen zu lassen - wie der Lebensbaum, der alte und tiefe Wurzeln besitzt und viele verschiedene Äste trägt -, dann hätten diese weitsichtigen Texte mehr Frucht für unser Leben, für das Reich Gottes, für die Menschen und für den Frieden in der Welt gebracht. Wir hätten verstanden, dass die christliche Lehre auf die tiefe und lebendige Tradition aufbaut, auf das „Alte“, und das bereits Bewährte in der Geschichte weiterträgt. Wir könnten heute bestimmt mehr Kinder in unseren Familien haben, mehr Jugendliche in unseren Kirchen sehen und auch mehr aktives Engagement in unserem täglichen, sozialen und politischen Leben zeigen.

Gott, der christliche Gott, ist für das Leben und nicht für den Tod. Wenn wir uns diesen Gedanken wieder vor Augen führen, dann werden unsere Jugendlichen nicht mehr Angst vor der Zukunft haben, denn ein echtes Ideal, für das es sich lohnt zu leben, und eine wahre Hoffnung, die sich nicht bloß auf einen wirtschaftlichen Wohlstand beschränkt, wartet auf sie: Jesus Christus, der das wahre Leben schenkt.

+ Erzbischof Dr. Edmond Farhat
Apostolischer Nuntius in Österreich

[Von der Apostolischen Nuntiatur in Österreich zugesandtes Original]