Erzbischof Farhat: „Es liegt nun an uns, die inspirierende Vision Papst Benedikts aufzugreifen“

Interview mit dem Apostolischen Nuntius in Österreich

| 628 klicks

WIEN, 11. September 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Die Kirche soll nach Worten des Apostolischen Nuntius in Österreich, Erzbischof Edmond Farhat, „in erster Linie eine hörende Kirche sein“, das heißt eine Kirche, „die das Wort Gottes hört, die betet und versucht, den Willen Gottes zu erkennen“.



Der offizielle Vertreter des Heiligen Vaters, der im Gespräch mit Stephan Baier den dreitägigen Papstbesuch Revue passieren lässt, legt den Gläubigen ans Herz, die Ansprachen Benedikts XVI. „noch einmal in Ruhe durchzulesen. So kann man erst verstehen, wie aktuell sie sind.“

Im Hinblick auf die programmatische Rede des Papstes in der Wiener Hofburg ermutigt er zu einem „Zeugnis für den unersetzlichen Wert des Lebens“.

Ist es dem Papst gelungen, die Ortskirche in Österreich zu ermutigen?

Erzbischof Farhat: Ja, ich bin überzeugt, dass es dem Papst gelungen ist, die Kirche in Österreich in ihrem Glauben zu stärken. Seine Worte sind von solch einer Klarheit und Tiefe! Sie haben sicherlich die Herzen vieler Menschen tief berührt. Die vielen Pilger, die trotz des schlechten Wetters die Strapazen einer Wallfahrt nach Mariazell auf sich nahmen, haben gezeigt, dass der Glaube in Österreich noch tief in den Menschen verankert ist.

Der Papst hat die Schwierigkeiten in der österreichischen Kirche angesprochen. Er weiß, dass man die Probleme nicht durch eine Reform der Strukturen lösen kann, sondern nur durch eine tiefere Hinwendung zu Gott. Vielleicht sollten die Christen in Österreich sich noch mehr Zeit nehmen, in Ruhe auf Gott zu hören.

Der Papst lud Politik und Gesellschaft zur Selbstkritik ein. Wie wurde seine Botschaft aufgenommen?

Erzbischof Farhat: Die Ansprache von Papst Benedikt XVI. in der Hofburg hat viele Menschen in Österreich zum Nachdenken herausgefordert. Der Papst hat dabei die Fähigkeit der Österreicher zur Selbstkritik hervorgehoben und sie eingeladen, ihre Verantwortung im Herzen Europas ernst zu nehmen. Er appellierte an die Vertreter der Regierung, den geistigen und kulturellen Reichtum Österreichs nicht zu vergessen. Zu diesem Reichtum gehört auch, ein „Klima der Freude und der Lebenszuversicht zu schaffen, in dem Kinder nicht als Last, sondern als Geschenk für alle erlebt werden“.

Der Papst hat mit seinen Worten zum Problem der Abtreibung einen empfindlichen Nerv der Menschen angerührt. Wäre es nicht längst an der Zeit, diese „tiefe soziale Wunde“ endlich zu heilen, indem wir ein Zeugnis für den unersetzlichen Wert des Lebens geben?

In Heiligenkreuz thematisierte der Papst die Bedeutung der Liturgie und einer „knienden Theologie“. Wie ist es darum in Österreich bestellt?

Erzbischof Farhat: Gerade während des Blitzbesuchs im Zisterzienserstift Heiligenkreuz wurde auf wunderbare Weise deutlich, dass die Kirche in erster Linie eine hörende Kirche sein soll: eine Kirche, die das Wort Gottes hört, die betet und versucht, den Willen Gottes zu erkennen.

Wir laufen heute in unserer schnelllebigen Gesellschaft auch in der Kirche Gefahr, dem reinen Aktivismus zu verfallen. Die Theologie wird oft zu kopflastig betrieben. Da tut das stille Zeugnis der Mönche von Heiligenkreuz und in allen Klöstern gut, die uns vorleben, wie man „ora et labora“ – die Aktivität mit einer „knienden Theologie“ – verbinden kann.

Wie können die von Papst Benedikt angesprochenen Themen nun weiter vertieft werden?

Erzbischof Farhat: Die Reden von Papst Benedikt XVI. beinhalten eine Programmatik, die wegweisend ist für die Zukunft Europas. Der Inhalt seiner Ansprachen ist sehr vielschichtig und verlangt ein konzentriertes Zuhören. Es wäre jedem gut geraten, sie noch einmal in Ruhe durchzulesen. So kann man erst verstehen, wie aktuell sie sind.

Sie stellen eine Herausforderung für Europa, aber auch für die innerkirchlichen Entwicklungen unserer Zeit dar. Es liegt nun an uns, die inspirierende Vision Papst Benedikts aufzugreifen und seine Überzeugung, dass Glaube und Vernunft einander nicht ausschließen, in die Tat umzusetzen. Denn der Glaube fordert uns heraus, und die Vernunft weist uns den echten Weg zur Transzendenz.

[© Die Tagespost vom 11. September 2007]