Erzbischof Fouad Twal warnt vor Bürgerkrieg im Heilig Land

Gegenwärtige Situation der palästinensischen Bevölkerung "höchst dramatisch"

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JERUSALEM, 16. Juni 2006 (ZENIT.org).- "Hier herrscht totale Anarchie, wir leben am Rande des Bürgerkriegs." Mit diesen Worten hat Erzbischof Fouad Twal, Koadjutor des Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, die internationale Gemeinschaft dazu aufgefordert, der palästinensischen Bevölkerung zu Hilfe zu eilen. Die Lage sei "höchst dramatisch".



Wie der Informationsdienst "SIR" der italienischen Bischofskonferenz berichtet, dankte Erzbischof Twal, der aus Madaba (Jordanien) stammt und als erster Araber zum Bischof von Tunis geweiht worden war, am Mittwoch dem Papst für dessen Verbundenheit mit der leidgeprüften Bevölkerung in den Palästinensergebieten. Der Heilige Stuhl hatte am selben Tag in einer öffentlichen Erklärung die Bestürzung des Heiligen Vaters über "die sich häufenden Vorfälle blinder Gewalt" zum Ausdruck gebracht und die Kontrahenten dazu aufgefordert, an den Verhandlungstisch zurückzukehren: "Dieser Weg ist der einzige, der zu einem gerechten und dauerhaften Frieden führen kann, nach dem sich alle sehnen."

Ganz in diesem Sinn unterstrich auch Erzbischof Twal, Vorsitzender der nordafrikanischen Bischofskonferenz, dass der stärkere Partner dem schwächeren – also die Israelis den Palästinensern – die Hand reichen müssten. Dann könne der Dialog wieder aufgenommen werden.

In Bezug auf die dramatische Lage der palästinensischen Bevölkerung kritisierte der Oberhirte die Tatenlosigkeit der internationalen Staatengemeinschaft. Während man über Hilfsmaßnahmen diskutiere, "überlebt die Bevölkerung gerade noch mit dem Minimum".

Es sei jetzt "unbedingt notwendig, dass die internationalen politischen Institutionen und die Bürgerinitiativen konkrete Hilfe bringen. Das sollten auch die Diözesen und Ortskirchen in aller Welt tun", so Erzbischof Twal. "Es bedarf umfassender Hilfsmaßnahmen, um eine Katastrophe zu verhindern. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit."

Die Kämpfe zwischen Anhängern der Hamas-Regierung und der Fatah-Bewegung bezeichnete der Erzbischof als einen "Spiegel für die Angst und das Chaos, das niemand zu kontrollieren vermag. Wir leben hier in der totalen Anarchie, am Rande des Bürgerkriegs. Wir beten zu Gott, dass die Regierenden dieser beiden Völker mutige Schritte setzen, um das gegenseitige Vertrauen und den Dialog wiederherzustellen."

Im Patriarchat von Jerusalem leben heute rund 77.000 Katholiken, 372 Priester und 1.642 Ordensleute.