Erzbischof Gänswein im Interview mit Radio Vatikan

Benedikt XVI. geht es gut

Rom, (ZENIT.org) Maike Sternberg-Schmitz | 307 klicks

Anlässlich des Jahrestages des Amtsverzichts von Benedikt XVI. am 28. Februar 2013 führte Radio Vatikan am vergangenen Samstag vor dem Konsistorium ein Interview mit dem Präfekten des Päpstlichen Hauses und Privatsekretär von Benedikt XVI., Erzbischof Gänswein, in dem er sagte, dem emeritierten Papst gehe es gut und er sei mit sich und Gott im Frieden.

Benedikt XVI. bekomme sehr viel Post, es werde seit etwa einem halben Jahr immer mehr und man habe manchmal das Gefühl, sie nehme kein Ende. Die Briefe gelangen über das Staatssekretariat, über Gänswein selbst oder direkt ins Kloster Mater Ecclesiae, dem Wohnort Benedikt XVI., zu ihm. Es handle sich um Briefe der Dankbarkeit, aber auch um Briefe, die zum Ausdruck brächten, wie viele Menschen von der Entscheidung Benedikt XVI., auf sein Amt zu verzichten, geschockt gewesen seien. Es gebe Briefe mit der Bitte um Gebet und mit der Bitte um eine Begegnung. Der emeritierte Papst bemühe sich, allen zu antworten, jedoch könne er nicht allen Bitten um Begegnung nachkommen, da dies zu anstrengend werden würde.

Gänswein erklärt sich den geistigen Wunsch der Menschen, mit Benedikt XVI. in Verbindung zu bleiben, mit einem großen Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem emeritierten Papst. Diese Zuneigungsbekundungen empfindet Gänswein als eine schöne und menschliche Geste, zumal sie zeige, dass man die Amtszeit von Benedikt XVI. nicht vergessen habe. Die Menschen wollten zeigen, dass unter der Euphorie für Papst Franziskus die Vorgängerjahre von Benedikt XVI. nicht vergraben werden.

Den Abschied aus Rom auf dem Weg im Hubschrauber nach Castel Gandolfo habe Gänswein mit großer Traurigkeit empfunden. Er sagte:

„Mein Seelenzustand war alles andere als heiter, schön oder großartig. Es war schon eine große Traurigkeit, weil es Abschied bedeutete und auch ein Lassen von Jahren, von großen Erfahrungen, die natürlich auch Schweres beinhaltet haben. Es war ein Feedback von all dem in kurzer Zeit, was die Jahre des Pontifikats von Papst Benedikt XVI. für mich bedeutet haben.“

Der Augenblick des Lassens sei schwer für ihn gewesen und er habe erst später gelernt, das Lassen etwas Wichtiges ist und man dies können muss, weil man sonst Schwierigkeiten bekomme. Er empfinde seine Zeit als Sekretär von Papst Benedikt XVI. als Geschenk und er wünsche dem Sekretär des neuen Papstes viel Glück.

Über den Unterschied zwischen Papst Franziskus und Benedikt XVI. sagte er:

„Der wesentliche Unterschied ist die Erfahrung, die sie ins Papstamt mit hineingebracht haben. Sie wissen, Papst Benedikt hat als Kardinalpräfekt der Glaubenskongregation 23 Jahre Seite an Seite mit Johannes Paul II. gearbeitet, und Papst Franziskus hat als Erzbischof, als Kardinal Bergoglio, fast 20 Jahre eine große Erzdiözese in Argentinien geleitet. Die Erfahrungen, die aus dieser Zeit gewachsen sind, haben beide mit ins Papstamt genommen, und das ist der große wesentliche Unterschied.“

Seine Arbeit mit Papst Benedikt habe ihn gelehrt, dass der emeritierte Pontifex ein unberechenbarer Mann sei und bleibe, so Gänswein. Ein ordnungsgemäßes Programm für seinen Tagesablauf auszuarbeiten, sei zunächst nicht einfach gewesen, da sich dieser einige Male überschlagen habe. Er habe gelernt, auf kurzzeitige Änderungen „richtig, schnell, beherzt und auch humorvoll“ zu reagieren.

Bezüglich der Frage, ob der Amtsverzicht eines Papstes Auswirkungen auf das Amt selbst habe sagte Gänswein:

„Ich glaube schon, dass es auf das Bild des Petrusamtes Auswirkungen hat, aber nicht auf dessen Wesen. Ich denke, dass man noch besser zwischen der Person und dem Amt zu unterscheiden lernt, zwischen dem Amt und dem Amtsinhaber. Das Petrusamt ist einer Person gegeben worden, momentan ist es so, dass eben das Kardinalskollegium wählt, in der Regel einen aus ihrer Reihe, und dass man tatsächlich das Amt mit dem Papst so verbunden hat, dass es gar nicht mehr anders ging als ein Amtsende, das durch den Tod des Papstes eintritt, und dann die Sedisvakanz. Aber es gab immer auch im kanonischen Recht, in der Theologie, das Faktum, dass auch eine Verzichtserklärung zur Sedisvakanz führen kann. Nur, dass es seit Jahrhunderten nicht mehr stattgefunden hatte. Jetzt erst wieder, und deshalb ist es für viele neu, vor allem gefühlsmäßig neu. Insofern glaube ich, dass ein tieferes Nachdenken über Amt und Amtsperson stattfinden wird, und dass da auch gute Früchte herauskommen werden.“

Über das Zusammenleben der beiden Päpste im Vatikan sagte Gänswein, dass beide die Nähe des anderen suchen würden. Die räumliche Nähe sei eine gute und hilfreiche Form der Begegnung. Im gemeinsamen Miteinander sei eine große tiefe Freundschaft entstanden, was auch damit zu tun habe, dass beide vollkommen unterschiedliche Tagesabläufe und Aufgaben haben.

Bezüglich der Kurienreform sagte Gänswein abschließend:

„Da bin ich selber gespannt, was die Kommission der acht Kardinäle, die von Papst Franziskus eingesetzt worden ist, dem Papst an Hausaufgaben mitgebracht haben. Bis jetzt ist noch nichts Konkretes herausgekommen. Ich selber bin gespannt, so wie Sie, so wie andere, glaube aber nicht, dass da Umstürzendes geschehen wird. Ich arbeite jetzt seit 15 Jahren im Vatikan, kenne einige Personen, Strukturen und Situationen und erwarte mir nicht allzu große Veränderungen. Es gibt einige Elemente, die man verbessern muss, und ich kann nur hoffen, dass das gemacht wird.“