Erzbischof Lori spricht über Waffen, die den Frieden verteidigen

Der neue Erzbischof von Baltimore spricht zum Thema Religion aus nationaler und internationaler Sicht (Teil II)

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Von Ann Schneible

ROM, 18. Juli 2012 (ZENIT.org). - Durch Erziehung, Katechese und Gebet könne man der stets wachsenden Bedrohung, der die Religionsfreiheit ausgesetzt ist, gegenübertreten, so der Erzbischof von Baltimore, William Lori.

Vor zwei Wochen war der Vorsitzende des Ad-hoc-Komitees der US-Amerikanischen Bischofskonferenz für Religionsfreiheit, Erzbischof Lori, in Rom geladen, um dort das Observatorium der Religionsfreiheit bei einer Pressekonferenz einzuweihen. Das Observatorium wurde eingerichtet, um Angriffen gegen die Religionsfreiheit in der Welt zu begegnen. Seinerseits hat sich Erzbischof Lori in den Vereinigten Staaten aktiv bei der Verteidigung der Religionsfreiheit eingebracht, als in den letzten Monaten das „Gesundheits-Mandat“ (Health and Human Services – HHS) Aufmerksamkeit erregte, insofern als es droht, Arbeitgeber dazu zu verpflichten, empfängnisverhütende pharmazeutische Mittel und Sterilisierungsverfahren anzubieten, ohne dass sie sich aufgrund des Gewissens oder des religiösen Glaubens dagegen entscheiden dürfen.

Zu diesem Thema veranstaltete die US-Amerikanische Bischofskonferenz in diesen Tagen den zweiwöchigen Freiheitsmarathon („fortnight for freedom“), eine landesweite Initiative, deren Ziel es war, Katholiken zu einer bewussteren Erkenntnis dessen gelangen zu lassen, worin das Wesen der Religionsfreiheit bestehe und wie man sie verteidigen müsse.

Erzbischof Lori befand sich jedoch in erster Linie aus einem anderen Grund in Rom, denn als neu ernannter Erzbischof empfing er von Benedikt XVI. das Pallium. Als Nachfolger von Kardinal Edwin O’Brien hatte er im vergangenen Mai offiziell vom Erzbistum Baltimore Besitz ergriffen.

Der Erzbischof traf sich mit ZENIT und sprach mit uns über Religionsfreiheit in den Vereinigten Staaten und anderswo.

[Teil I des Interviews finden Sie hier]

ZENIT: Da Sie vor kurzem als neuer Erzbischof von der Kirchenprovinz Baltimore Besitz ergriffen haben, befinden Sie sich in Rom, um das Pallium in Empfang zu nehmen. Welche Initiativen werden Sie als Erzbischof von Baltimore ergreifen, um die Religionsfreiheit zu verteidigen?

Erzbischof Lori: Wir hatten in Baltimore das Privileg, den zweiwöchigen Friedensmarathon in der ersten Kathedrale der Nation [der Basilika des Nationalheiligtums der Aufnahme Mariens in den Himmel], deren Grundstein John Carroll 1806 legte, zu eröffnen. John Carroll war ein Cousin von John Carroll von Carrolton – eines Unterzeichners der Unabhängigkeitserklärung. Die von Benjamin Latrobe gestaltete Kathedrale ist einfach wunderschön. Sie ist wahrhaft ein Spiegelbild der Ursprünge der amerikanischen Erfahrung und verkörpert gleichzeitig unsere katholische Tradition. Diese Messfeier [zur Eröffnung des Friedensmarathons] hat der Erzdiözese einen enormen Impuls gegeben. In jener Nacht gab es wohl 60 oder 70 Priester, die mit uns konzelebrierten. Es kamen Menschen aus allen Teilen des Erzbistums. Darüber hinaus gab es noch eine sehr lange Liste regionaler Ereignisse, die während dieser zwei Wochen überall in der Erzdiözese veranstaltet wurden. Wir wollen Gott dafür danken, dass er so gütig war. Vieles war, ehe ich auftauchte, schon längst in die Wege geleitet worden. Ich bin also nur ein Nutznießer hiervon.

Die zweite Frage, die sich jetzt [in Maryland] am Horizont abzeichnet, ist eine Volksabstimmung zum Thema Ehe. Maryland ist einer jener Bundesstaaten, in denen man gleichgeschlechtliche Verbindungen legal eingehen kann. Gleiches gilt jetzt für Connecticut, von woher ich gerade komme. Doch im Falle von Maryland ist das Gesetz gerade erst verabschiedet und vom Gouverneur unterzeichnet worden. Zudem ist es in Maryland auch leichter als in Connecticut, eine Volksabstimmung herbeizuführen. Wir führen deshalb eine Volksabstimmung herbei, um das Gesetz rückgängig zu machen und um das zu tun, was wir als den Willen des Volkes ansehen, indem wir die traditionelle Form der Ehe aus all jenen Gründen verteidigen, die auch Ihre Leser für überzeugend halten würden.

Wieso ist das aus der Perspektive der Religionsfreiheit wichtig? Nun, das Gesetz in Maryland ist in seiner religiösen Befreiungsklausel sehr knauserig; ich glaube, wir sind davon befreit, einer gleichgeschlechtlichen Verbindungszeremonie vorzustehen, was sowieso durch den Ersten Änderungsantrag („First Amendment“ zur Verfassung) gewährleistet ist – deswegen kann hier gar nicht von einer Befreiung die Rede sein. Und genau hier wird die Religionsfreiheit unter Druck gesetzt. In der Washingtoner Erzdiözese hatte schon vor einiger Zeit der Stadtrat der Hauptstadt Washington Schwierigkeiten gemacht, und so wurden wir aus der Branche der Pflegeelternschaft und der Adoptionsdienste verwiesen.

Gehen wir nun zur Stadt Baltimore über: Dort wurden vor einiger Zeit unsere Schwangerschaftszentren von der Stadtverwaltung angewiesen, Hinweisschilder anzubringen, aus denen hervorgeht, dass man dort – vor allem – keine Abtreibungen durchführt. Wir halten das für einen Übergriff – nicht aus Gründen der Religionsfreiheit, sondern aus Gründen der Redefreiheit. Wie Sie sehen, sind die Religionsfreiheit – die Freiheit, unsere Werte in der Öffentlichkeit einzubringen – und die Redefreiheit miteinander eng verbunden; sie werden gemeinsam hochgehalten und kommen gemeinsam zu Fall.

ZENIT: Wie können politisch sehr aktive Amerikaner in Fragen der Religionsfreiheit ihre Erfahrung in diesem Bereich im internationalen Forum einbringen?

Erzbischof Lori: Ich will Ihnen auf die Frage, die Sie gestellt haben, und auf eine Frage, die Sie nicht gestellt haben, antworten. Ich werde Ihnen eine Antwort in Bezug auf die internationale Lage und eine Antwort in Bezug auf meine Heimat geben.

Wenn wir uns auf internationaler Ebene umschauen, sehen wir, dass Priester sich nicht als solche zeigen dürfen; es gibt Orte, wo es verboten ist, die hl. Messe zu feiern; Menschen, wie die chaldäischen Christen im Irak, sind regelrecht massakriert worden. Hauptsächlich Christen sind Gegenstand religiöser Verfolgung. Es gibt Menschen, die heute Märtyrer werden. – Wir leben heute noch in einem Zeitalter der Märtyrer. [Diese Erfahrungen] sind weit entfernt von denen, die wir in Amerika machen.

Der springende Punkt ist aber: Wie können wir glaubhaft für die Rechte derer, die verfolgt, die unterdrückt werden, eintreten, wenn wir dabei zusehen, wie bei uns zu Hause die Fackel der Freiheit zu flackern beginnt? Wie können  wir uns zufrieden geben, wenn das Staatssekretariat seinen Bericht über religiöse Rechte in der Welt herausgibt, aber dieses Jahr den Abschnitt über die Religionsfreiheit weglässt und den Leser an einen Bericht verweist, der mehrere Jahre alt und völlig überholt ist?

Ich denke, dass da unsere Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht. Wir tun einfach das, was Bürger immer tun: Wir rufen unser Land dazu auf, sich selbst treu zu sein. Wir sind der Meinung, dass unsere Gründer die Religionsfreiheit nicht nur deshalb anerkannten, weil sie nützlich war, nicht nur deshalb unterstützten, weil man so die Anarchie vermeiden konnte. Ich denke vielmehr, dass die Gründer daran glaubten, dass die Religionsfreiheit etwas Gutes ist. Man sollte auch annehmen, dass sie für die ganze Welt etwas Gutes ist. Unser Land sollte ganz öffentlich dafür einstehen und verkünden: Nicht jeder muss gläubig sein, aber Religiosität ist etwas Gutes. Wir sagen das zurzeit noch nicht. Wir sagen nicht einmal, dass Religiosität etwas Neutrales ist.

Darüber hinaus exportieren wir mit Macht unsere verweltlichte Kultur ins Ausland, was sich manchmal so gestaltet, dass internationale katholische Hilfsorganisationen vom Staat gezwungen werden, entgegen der Lehre der Kirche zu handeln: Ein bekannter Fall ist der Migrations- und Flüchtlingsdienst („Migration Refugee Services) und die „Catholic Relief Services“ [CRS, Bezeichnung für die „Caritas“ in den USA, Anm. d. Übs.]). Die CRS ist jetzt in dieser Beziehung etwas entlastet worden. Meiner Meinung nach ist man im Staatssekretariat aufgewacht und hat gesagt: „Ja, wir müssen Ihre Freiheit respektieren; Sie können sich um diese Verträge bewerben.“ Doch der Migrations- und Flüchtlingsdienst hat keine solche Entlastung erhalten; es geht dabei um den Umgang mit Opfern des internationalen Menschhandels. Vonseiten unserer Regierung ist das eine riesengroße Einmischung in die Religionsfreiheit auf internationaler Ebene. Die Fackel beginnt nicht nur zu flackern. Man hindert uns aktiv daran, auf internationaler Bühne den Ärmsten der Armen beizustehen, und das aufgrund unserer religiösen Glaubensüberzeugung.

Wenn wir uns auf meine Heimat beziehen, dann stehen wir vor folgender Herausforderung: Dies ist eine Zeit, in der Partisaneninteressen blühen. Mit dem Aufstieg des Relativismus stehen wir meiner Meinung nach in der Praxis vor einem Zwei-Parteien-System, in dem jeder jeweils für die eigene Meinung wirbt. Man beruft sich nicht mehr auf die Wahrheit, man beruft sich auf die Macht. Ich glaube, dass beide Parteien bis zu einem bestimmten Maß eine Gewissenserforschung nötig haben.

Was spielen wir dabei für eine Rolle? Als Glaubende und als Bürger besteht unsere Rolle darin, beide Parteien zurück zu den Prinzipien, zurück zu den Idealen, zurück zu den bleibenden Wahrheiten, die über die Trennlinien der Partisanen hinaus alles umfassen, zu rufen. Ob man Katholik, Demokrat oder Republikaner ist, – man muss von innen her arbeiten, um dieses Ziel in der eigenen Partei und im ganzen politischen Umfeld zu erreichen. Die Religionsfreiheit wird nicht unangetastet bleiben, solange wir uns in dieser relativistischen Macht-getriebenen Kultur befinden.

[Übersetzung des englischen Originals von P. Thomas Fox LC]