Erzbischof Lori spricht über Waffen, die den Frieden verteidigen (Teil 1)

Der neue Erzbischof von Baltimore zum Thema Religion aus nationaler und internationaler Sicht (Teil I)

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Von Ann Schneible

ROM, 17. Juni 2012 (ZENIT.org). - Durch Erziehung, Katechese und Gebet könne man der stets wachsenden Bedrohung, der die Religionsfreiheit ausgesetzt ist, gegenübertreten, so der Erzbischof von Baltimore, William Lori.

Vor zwei Wochen war der Vorsitzende des Ad-hoc-Komitees der US-Amerikanischen Bischofskonferenz für Religionsfreiheit, Erzbischof Lori, in Rom geladen gewesen, um dort das Observatorium der Religionsfreiheit bei einer Pressekonferenz einzuweihen; Das Observatorium wurde eingerichtet, um Angriffen gegen die Religionsfreiheit in der Welt zu begegnen. Seinerseits hat sich Erzbischof Lori in den Vereinigten Staaten aktiv bei der Verteidigung der Religionsfreiheit eingebracht, als in den letzten Monaten das „Gesundheits-Mandat“ (Health and Human Services – HHS) Aufmerksamkeit erregte, insofern als es droht, Arbeitgeber dazu zu verpflichten, empfängnisverhütende pharmazeutische Mittel und Sterilisierungsverfahren anzubieten, ohne dass sie sich aufgrund des Gewissens oder des religiösen Glaubens dagegen entscheiden dürfen.

Zu diesem Thema veranstaltete die US-Amerikanische Bischofskonferenz in diesen Tagen den zweiwöchigen Freiheitsmarathon („fortnight for freedom“), eine landesweite Initiative, deren Ziel es war, Katholiken zu einer bewussteren Erkenntnis dessen gelangen zu lassen, worin das Wesen der Religionsfreiheit besteht und wie man sie verteidigen müsse.

Erzbischof Lori befand sich jedoch in erster Linie aus einem anderen Grund in Rom, denn als neu ernannter Erzbischof empfing er von Benedikt XVI. das Pallium. Als Nachfolger von Kardinal Edwin O’Brien hatte er im vergangenen Mai offiziell vom Erzbistum Baltimore Besitz ergriffen.

Der Erzbischof traf sich mit ZENIT und sprach mit uns über Religionsfreiheit in den Vereinigten Staaten und anderswo.

ZENIT: Vorige Woche war Ihnen die Aufgabe zugedacht gewesen, das Observatorium für Religionsfreiheit vorzustellen. Welche Ziele verfolgt das Observatorium, und welchen Beitrag können Sie als US-Amerikanischer Erzbischof zu dieser Initiative auf internationaler Ebene leisten?

Erzbischof Lori: Das Treffen letzte Woche diente vornehmlich dazu, der Stadt Rom und der italienischen Regierung unsere Wertschätzung dafür auszusprechen, dass sie dieses Observatorium eingerichtet haben, – ein Observatorium, das Fragen der Religionsfreiheit nicht nur in Italien, sondern in weiterem Umkreis in der Welt mitverfolgt – vor allem an Orten, wo sie aktiv unterdrückt wird oder wo es in diesem Zusammenhang zu brutalen Verfolgungen kommt.

Zweitens mag es etwas seltsam anmuten, dass jemand aus den Vereinigten Staaten kommt – einem Land, das viele als den Geburtsort des modernen Experiments mit der Demokratie betrachten –, um über Gefahren zu sprechen, die die Religionsfreiheit bedrohen, zumal wir dort nicht so sehr leiden, wie viele Menschen, die sich in anderen Teilen der Welt befinden. Dennoch halte ich es für wichtig, darauf hinzuweisen, wie unterschwellig die Aushöhlung stattgefunden hat und nun spürbar wird, da sich Gefahren auftreten. Man könnte sagen, dass meine Rolle die des „Stadtrufers“ ist, der verkündet: „Schauen Sie, an der Oberfläche mag es so aussehen, als sei alles in Ordnung, doch das ist es nicht.“ Unterdrückung bahnt sich an. Die Unterdrückung der Religion ist im Anmarsch. Und sie kommt auf sehr sichtbare Weise, denn das „Gesundheits-Mandat“ (HHS), zwingt die kirchlichen Gemeinschaften, gegen ihre Lehre zu handeln, indem sie pharmazeutische und chirurgische Verfahren, die ihrem Glauben widersprechen, anbieten müssen. Darüber hinaus enthält es eine Definition von Kirche – ein „wer“ und „was“ ist Kirche – die uns in die Sakristei verbannt. Nur sofern man nicht dem Gemeinwohl dient, sofern man lediglich die eigenen Kräfte einstellt, den eigenen Belangen dient und nur Doktrin lehrt, kann man davon befreit werden, die eigenen Lehren verletzen zu müssen. Doch etwas anderes ist es, wenn man Caritas-Werke, katholische Innenstadtschulen oder Krankenhäuser leitet, ja dann ist man nicht genug aufs Religiöse konzentriert.

Zum ersten Mal kommt es zu einer solchen staatlichen Einmischung in das interne Leben der kirchlichen Gemeinschaften – und ich glaube hauptsächlich, der katholischen Kirche. Das alles geschieht nun zum ersten Mal auf Bundesebene, wobei es schon vorher auf Ebene der einzelnen Bundesstaaten geschehen ist.

Wir Bischöfe haben erkannt, dass es zu einer Aushöhlung der Religionsfreiheit gekommen ist, die bis in die späten 1940er Jahre zurückdatiert. Seitdem haben verschiedene Gerichtsurteile und Auslegungsweisen der Konstitutionen die Religionsfreiheit immer wieder beschnitten. Wir haben auch Gefahren untersucht, die auf Bundesstaatebene entstehen. Einige entstehen im Bereich des Dienstes, den wir an Immigranten leisten; einige im Bereich der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften: So mussten zum Beispiel einige Bistümer aus dem Bereich der Adoptionsvermittlung aussteigen; [weitere solche Erosionsstellen ergaben sich für] Einzelpersonen, die ihr Geschäft nicht weiter christlichen Prinzipien entsprechend führen können; und jetzt kommt das HHS-Mandat, das die Religionsfreiheit in sehr beträchtlicher Weise beschneiden würde.

ZENIT: In diesen Tagen hat die US-Amerikanische Bischofskonferenz einen zweiwöchigen Freiheitsmarathon veranstaltet. Warum ist es wichtig, dass Katholiken sich aktiv für den Schutz der Religionsfreiheit einsetzen? Wichtiger noch: Welche Rolle spielt das Gebet in diesem Zusammenhang?

Erzbischof Lori: Der zweiwöchige Freiheitsmarathon war schon lange geplant, noch ehe wir uns darüber klar wurden, wie das HHS-Mandat sich auswirken würde. Schon früh, nämlich sobald wir das Ad-hoc-Komitee für Religionsfreiheit im letzten November einrichteten, haben wir erkannt dass ein großer Bedarf an Gebet, Katechese, Erziehung und Aktion besteht.

Vorausschauend stellte einer der Bischöfe des Komitees folgende Frage: „Warum tun wir nicht etwas, das zu einem Zeitpunkt stattfindet, zu dem die ganze katholische Gemeinschaft, alle unsere ökumenischen Freundeskreise und Freunde über verschiedene Religionen hinweg sich uns anschließen können?“ Und nach einiger Überlegung sagten wir zueinander: Wie wäre es mit den beiden, dem 04. Juli vorangehenden Wochen? Dann stellten wir fest, dass die Gedenktage vom hl. John Fisher und vom hl. Thomas Morus sowie das Hochfest vom hl. Petrus und vom hl. Paulus in diese beiden Wochen fallen und dass man zu dieser Zeit überall im Land irgendwie über die eigene Nation und über den Patriotismus nachdenkt – so sollte man wenigstens hoffen.

Wir kamen zu dem Entschluss, dass es in erster Linie eine Zeit des Gebets sein sollte. Alles Wichtige, wonach wir uns im Leben sehnen, muss erbetet werden. Die Religionsfreiheit bildet da keine Ausnahme: Wenn wir sie verteidigen, wenn wir sie fördern und erhalten wollen, dann müssen wir in diesem Anliegen beten. Genauso verhält es sich, wenn man ein Wachstum der Anzahl von Berufungen zum Priestertum und zum geweihten Leben erzielen möchte: Man muss sich hinknien und beten.

Wir fanden, dass es sehr schön wäre, wenn wir ein paar nationale Ereignisse organisieren würden – insbesondere zwei heilige Messen – wenn wir die Pfarreien zum Beten brächten. Man brauchte nur bei der Sonntagsmesse eine besondere Fürbitte einzufügen, oder Gelegenheit für besondere Gebetszeiten anzubieten, die Familien darum bitten, zu beten und allen eine kleine Gebetskarte in die Hand zu drücken, damit jeder, der sich unterwegs im Zug, auf dem Weg zur Arbeit oder bei einer Kaffeepause befindet, beten kann. Das Gebet steht an erster Stelle. Jesus sagt: „Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“.

Zweitens: Erziehung. Man kann mitunter den Mut verlieren, wenn man mit den Leuten spricht und feststellen muss, wie wenig sie über das Vermächtnis Amerikas wissen. Wir Bischöfe sind zwar keine Geschichtslehrer, aber wir sind Bürger, und als solche glauben wir, dass es gut ist, über unsere Grundlagen, unsere Gründungsdokumente, die Absichten unserer Gründerväter Bescheid zu wissen und zu wissen, wie vortrefflich das Experiment „Amerika“ ist. Es deckt sich vom philosophischen Standpunkt aus gesehen nicht genau mit der Lehre der Kirche in Bezug auf die Religionsfreiheit, doch gibt es da weite Bereiche gegenseitigen Einklangs.

Und das bringt uns zum dritten Punkt, die Katechese. Hierbei geht es darum, den Leuten zu helfen, die Soziallehre der Kirche im Gesamtkontext dessen, was die Kirche glaubt und lehrt, zu verstehen. Sie ist keine losgelöste Lehre, sie gehört zu einem Ganzen. Aus diesem Ganzen greifen wir „Dignitatis Humanae“, das Dekret über die Religionsfreiheit, das vom Zweiten Vatikanischen Konzil erlassen wurde, heraus und lesen es von neuem, wobei wir erkennen, dass es in gewisser Weise einen Beitrag Amerikas zum Konzil darstellt und dass es sehr gut die mustergültigsten Aspekte unseres amerikanischen Experiments mit der Demokratie zum Ausdruck bringt.

Wenn die Menschen erst einmal verstehen, was Religionsfreiheit ist und wie zerbrechlich sie sein kann, dann fangen sie auch an, dafür zu beten; dann werfen sie ein Auge auf die konkreten Gefahren und sagen zu sich selbst: „Wir können nicht zulassen, dass das passiert. Als Gläubige, als Bürger, als Patrioten dürfen wir unser Land nicht zu etwas werden lassen, wofür es nie geschaffen wurde.“

Wir versuchen nicht, den Wahlausgang zu manipulieren. Wir versuchen, die Aufmerksamkeit unserer gewählten Volksvertreter und Kandidaten zu erhalten und zu sagen als religiöse Gemeinschaft – Katholiken, Evangelikale, Protestanten, Juden und Muslime: „Wir wachen hierüber. In unseren Augen ist das wichtig. Sie tragen Verantwortung uns gegenüber. Es liegt in Ihrer Verantwortung, den gottgegebenen Sinn der Religionsfreiheit zu schützen und alles einzuhalten, was die Gründungsdokumente über die Verpflichtung  unseres Landes, diese zu schützen, besagen.”

[Teil II folgt am Mittwoch, dem 18.7.]

[Übersetzung des englischen Originals von P. Thomas Fox LC]