Erzbischof Ludwig Schick: „Werden wir wie der Herr leidensfähig zum Heil der Welt“

Predigt des Erzbischofs von Bamberg in der Jerusalemer Grabeskirche (2. März 2007)

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JERUSALEM, 2. März 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen das Manuskript der Predigt, die der Bamberger Erzbischof Dr. Ludwig Schick heute, am 2. März, in der Jerusalemer Grabeskirche gehalten hat.



Der Hirte, der sich gegenwärtig zusammen mit den übrigen Mitgliedern des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz im Heilige Land aufhält, hob hervor, das die Kirche in der Schule des Leidens Christi „für ihre Aufgabe der Erlösung des Menschen und der Welt geformt“ werde. Deshalb müsse sie „vor allem das Leiden Christi betrachten“.

Damit die Kirche ihre Aufgabe, am Leid der Menschen in der Welt teilzunehmen, um diese zu erlösen, erfüllen könne, „braucht es mehr und heilige Priester und Ordensleute“. In diesem Sinn rief er seine Mitbrüder auf: „Werden wir wie der Herr leidensfähig zum Heil der Welt und beten wir für die Kirche, dass sie leidenschaftlich für die Menschen sich einsetzt.“


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Liebe Mitbrüder im bischöflichen Dienst,
Schwestern und Brüder!

1. Als ich mir zuhause Gedanken über diese Eucharistiefeier heute in der Grabeskirche machte, mir diesen Ort der Kreuzigung und der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus vergegenwärtigte und die Texte aus Jesaja und dem Johannesevangelium, die wir eben hörten, meditierte, kamen mir die „Hymnen an die Kirche“ von Gertrud von LeFort in den Sinn, speziell der Hymnus „Passion“.

Er beginnt so:

„Deine Stimme spricht zu meiner Seele: Fürchte dich nicht vor meinen goldenen Kleidern und erschrick dich nicht vor den Strahlen meiner Kerzen. Denn sie sind alle Schleier meiner Liebe, sie sind alle nur wie zärtliche Hände über meinem Geheimnis! Ich will sie fortziehen, weinende Seele, damit du erkennst, dass ich dir nicht fremd bin: Wie sollte eine Mutter nicht ihrem Kind gleichen? All deine Schmerzen sind in mir!

Ich bin aus Leiden geboren,
ich bin aufgeblüht aus fünf heiligen Wunden,
ich bin gewachsen am Baum der Schmach,
ich bin erstarkt am bitteren Wein der Tränen -
ich bin eine weiße Rose in einem Kelch voll Blut!
Ich lebe aus dem Leid, ich bin eine Kraft aus dem Leid,
ich bin eine Herrlichkeit aus dem Leid: Komm an meine Seele und sei daheim.“

Hier in der Grabeskirche sieht man die „goldenen Kleider, der Kirche“: Gold, Silber und andere Edelmetalle, mit denen die Stätten des Leidens Christi „verschleiert“ sind. Hier gibt es die „goldenen Kleider“, die die Liturgie vorsieht. Hier strahlen die Kerzen, manchmal tausendfach. All das sind nur „Schleier der Liebe“, die Furcht nehmen und die die „Seele“ des Menschen anziehen sollen.

Die Kirche will und darf, wie im Hymnus „Passion“ ausgesprochen, keinem Menschen fremd sein. Wie eine Mutter soll sie ihren Kindern gleichen, vor allem denen, die Schmerz und Leiden tragen. Und welcher Mensch ist (immer) frei davon?

2. Die Kirche soll mit allen Menschen leiden und mitleiden, damit sie Trost und Stärkung erfahren. So und nur so wird sie, wie der Gottesknecht in der Lesung des Jesaja, „erfolgreich“ für die Erlösung des einzelnen Menschen und für das Reich Gottes, das Gerechtigkeit, Friede und Freude bedeutet (Rom 14,17).

In Gaudium et spes hat das Zweite Vatikanische Konzil den Auftrag der Kirche so formuliert: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“

Johannes Paul II. hat in seiner ersten Enzyklika den Auftrag der Kirche so formuliert: „Der Weg der Kirche ist der Mensch.“

3. Woher empfängt die Kirche Kraft zum Leiden und Mitleiden mit allen Menschen?

Gertrud von Le Fort lässt sie sprechen: „Ich bin aus Leiden geboren, ich bin aufgeblüht aus fünf heiligen Wunden. Ich bin gewachsen am Baum der Schmach.“

Das ist zuerst von Christus gesagt. Er ist mit allen Leidenden gleich geworden bis zum Tod, so haben wir es eben im Evangelium gehört und das Gottesknechtslied aus Jesaja hat es von ihm angekündigt. So ist er der Hohepriester geworden, der uns erlösen konnte. Dafür danken wir ihm tagtäglich, vor allem in der Eucharistie heute an diesem Ort besonders und sicher zu Herzen gehend.

4. An Jesus Christus, vor allem an seinem Leiden, wird die Kirche geschult, damit sie ihren Dienst für die Armen tun kann. Deshalb lässt Gertrud von Le Fort „die Kirche“ am Ende des Hymnus „Passion“ sagen:
„Ich bin eine weiße Rose in einem Kelch voll Blut.
Ich lebe aus dem Leid, ich bin eine Kraft aus dem Leid, ich bin eine Herrlichkeit aus dem Leid. Komm an meine Seele und sei daheim.“

Prosaischer wird das gleiche prophetisch in Jesaja vom „Gottesknecht“ und von der Kirche gesagt: „Doch der Herr fand Gefallen an einem zerschlagenen Knecht, er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab. Er wird Nachkommen sehen und lange leben. Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen.“ Deshalb ist die „Memoria passionis“, das Gedächtnis des Leidens Christi, für die Kirche so wichtig, ja „conditio sine qua non“. In der Schule des Leidens Christi wird die Kirche für ihre Aufgabe der Erlösung des Menschen und der Welt geformt. Deshalb muss die Kirche vor allem das Leiden Christi betrachten.

5. In den letzten Tagen habe ich das Buch von Kardinal Stanislaw Diwisz „Una vita con Karol – ein Leben mit Karol“ (Wojtila) gelesen. In diesem Buch ist mir erneut deutlich geworden, worin das Geheimnis, die Kraft und der Erfolg des Lebens von Karol Wojtila und von Papst Johannes Paul II. bestand: im Mitleiden.

Kardinal Diwisz beschreibt, dass er durch die persönlichen Begegnungen mit den Menschen seine Erkenntnisse erlangte, seine Entscheidungen traf und auch die Kraft fand, sie durchzusetzen. Aus Passion wurde Aktion, aus Mitleid klares und entschiedenes Handeln!

Aus der persönlichen Begegnung und Freundschaft mit Juden, die in der Nazizeit viel erleiden mussten, erwuchs zum Beispiel sein Einsatz gegen jeden Antisemitismus und für das Lebensrecht des jüdischen Volkes. Seine ersten Reisen nach Lateinamerika, vor allem nach Kolumbien, Haiti und Brasilien, ließen ihn das Leid der Indigenas, der Ureinwohner und der Marginalisierten dort hautnah spüren; daraus wurde sein entschiedener Einsatz für Gerechtigkeit und Menschenrecht in Lateinamerika, dem „Kontinent der Hoffnung“. Und Kardinal Diwisz beschreibt, wie Papst Johannes Paul II. gegen den Willen der politisch Zuständigen und gegen den Willen seiner Berater in die Sahelzone reiste.

Das Leid der Menschen ließ ihn dann viele Aktionen für die Armen in Afrika initiieren und durchführen. Er besuchte den „Hügel der Kreuze“ in Litauen und setzte sich aus dieser Erfahrung zeitlebens für das Selbstbestimmungsrecht und die Freiheit der kleinen Staaten am Rande der Großmächte ein. Beim ersten und zweiten Besuch in Polen spürte er erneut das Leid der Menschen, die wieder unterdrückt werden sollten. Deshalb kämpfte er für die Unabhängigkeit und das Selbstbestimmungsrecht seiner Nation und für das Ende des sowjetischen Machtblocks.

Kirche mit Passion – Kirche mit Leidenschaft aus Compassion – aus Mitleiden! Das hat Papst Johannes Paul II. vorgelebt! Papst Benedikt XVI. hat es in seiner Enzyklika Deus caritas est und in der diesjährigen Fastenbotschaft „Sie werden auf den schauen, den sie durchbohrt haben“, bestätigt: Die Kirche lebt aus der mitleidenden Liebe Christi. So wird sie erfolgreich.

Liebe Mitbrüder, Schwestern und Brüder! Das zweite, was wir von hier neu mitnehmen können und müssen: Die Kirche muss eine Kirche des aktiven Mitleidens sein, die die Sünden der Unterdrückung, der Unfreiheit, der Ausbeutung, der Entsolidarisierung, der Härte und Lieblosigkeit auf allen Gebieten überwindet. Deshalb muss sie wie der Herr immer bei denen sein, die zu den Armen jeder Art gehören.

6. Ein Drittes möchte ich noch sagen. Wir begehen heute, wie am ersten Freitag jeden Monats, den Herz-Jesu-Freitag. Er ist immer auch eine Brücke zum Priesterdonnerstag oder Priestersamstag, den wir gestern oder morgen begehen.

Ich habe das Anliegen, um Priester- und Ordensberufe zu beten, für mich persönlich als primäres Anliegen in diese unsere Heilig-Land-Wallfahrt hineingenommen. Es ist eines der größten und wichtigsten Anliegen für unsere Kirche in der Heimat Deutschland. Wir benötigen heilige Priester und Ordensleute, die sich auszeichnen durch die Fähigkeit der Passion und Compassion, der Leidensfähigkeit und des Mitleids mit den Menschen, sie müssen an der Passion Jesu Christi geschult sein.

Die Kirche soll am Leid der Menschen in der Welt teilnehmen, damit sie erlöst werden und zur Auferstehung gelangen. In diesem Leben, sollen sie von den Fesseln der Sünde, des Unrechts, der Gewalt, der Umweltzerstörung, der Ausbeutung, des Krieges und des Terrors befreit werden. Am Ende dieser Zeit, wenn das Reich Gottes erfüllt wird, sollen sie ohne Leid und Tränen, ohne Not und Tod in der Ewigkeit des Himmels leben.

Damit dieser Dienst der Kirche gelingt, sind heilige Priester und Ordensleute besonders wichtig. Sie müssen wachsen und aus „den heiligen fünf Wunden ihres Herrn“ hervorgehen. Damit sie sagen können: „Ich lebe aus dem Leid“, das sie mit den Armen, Kranken, Behinderten, Arbeitslosen erfahren haben; sie sollen sagen können: „Ich bin eine Kraft aus dem Leid“, die den Armen die Frohe Botschaft verkündet, „ich bin eine Herrlichkeit aus dem Leid“, die das Leid überwindet. Sie soll zu jeder Seele sagen können: „Komm an meine Seele und sei daheim!“ Dafür braucht es mehr und heilige Priester und Ordensleute.

7. Liebe Brüder und Schwestern! Feiern wir hier an diesem Ort ergriffen und dankbar das Leiden Christi, das in der Auferstehung vollendet wird. Werden wir wie der Herr leidensfähig zum Heil der Welt und beten wir für die Kirche, dass sie leidenschaftlich für die Menschen sich einsetzt. Beten wir um heilige Priester und Ordenschristen, die wie der Herr und als Kirche glaubhaft zu jedem Menschen sagen können: „Komm an meine Seele und sei daheim.“

[Von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Original]