Erzbischof Nichols über die Bedeutung der Märtyrer für die Katholiken von heute

650. Jahrestag der Gründung des Ehrwürdigen Englischen Kollegs und Gedenktag seiner Märtyrer

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von Ann Schneible

ROM, 07. Dezember 2012 (ZENIT.org). - Die Märtyrer des „Ehrwürdigen Englischen Kollegs“ in Rom seien für uns „ein leuchtendes Beispiel dafür, dass durch Gottes Gnade Heiligkeit in jedermanns Reichweite liegt, und dass ein fester Glaube und Loyalität zur Kirche die Bausteine eines heiligen Lebens sind.“ So äußerte sich der Erzbischof von Westminster, Vincent Nichols, anlässlich der Feier zu Ehren der Märtyrer des „Ehrwürdigen Englischen Kollegs“ (Venerable English College, VEC), das in diesem Jahr das 650. Jubiläum seines Bestehens feiert.

Das VEC feiert den Gedenktag seiner Märtyrer jedes Jahr am 1. Dezember, dem Tag, als der heilige Ralph Sherwin als erster von 44 Priestern, die am VEC ausgebildet worden waren, den Märtyrertod starb – ein Opfer der englischen Reformation.

Das Kolleg wurde vor 650 Jahren gegründet, ursprünglich als Hospiz für Pilger, die aus England und Wales nach Rom kamen. Damit ist das VEC die älteste englische Institution außerhalb der britischen Inseln. Es wurde 1579 in ein Priesterseminar umfunktioniert, nachdem in England die Ausbildung von Priestern verboten worden war.

Erzbischof Nichols nahm sich Zeit, um mit ZENIT über den Gedenktag der Märtyrer, das 650. Jubiläum des Kollegs und darüber zu sprechen, was die Gläubigen von heute aus der einzigartigen Geschichte des VEC lernen können.

ZENIT: Dieses Jahr fällt der Gedenktag der Märtyrer mit dem 650. Jubiläum des Bestehens des Kollegs zusammen. Welche Bedeutung hat die Geschichte des Kollegs für die Katholiken von heute?

Erzbischof Nichols: Das 650. Jubiläum, das wir in diesem Jahr feiern, bezieht sich auf die Gründung des englischen Pilgerhospizes. Mehr als 200 Jahre lang diente das Hospiz als Zufluchtsort für Arme und Kranke, die hier gepflegt wurden, aber auch als ein Ort, an dem sich erstmals diplomatische Beziehungen zwischen den englischen Königen und dem Heiligen Stuhl herausbildeten, und wo Gelehrte aus England den Anschluss an die kulturellen Bewegungen des damaligen Europa fanden. Dieses Hospiz ist daher ein Symbol für den großen Reichtum an Beziehungen zwischen England und Wales und dem Heiligen Stuhl. Es erinnert auch an das Band aufrichtiger Verehrung, das die Menschen von England und Wales mit der Person des Heiligen Vaters und mit dem Heiligen Stuhl im Allgemeinen verbindet. Pilger aus England und Wales kommen noch immer in großer Anzahl nach Rom, in einer nie unterbrochenen Abfolge, deren Anfang noch weit vor dem 14. Jahrhundert liegt.

ZENIT: Können Sie einen Bezug herstellen zwischen dem 650. Jahrestag der Gründung des VEC und den anderen großen Ereignissen dieses Jahres: der Synode über die Neuevangelisierung, dem Jahr des Glaubens und den 50. Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils?

Erzbischof Nichols: Was das Jahr des Glaubens anbelangt, liegt die Bedeutung des Jubiläums unseres Kollegs darin, dass die Gründung des Hospizes vor 650 Jahren zeigt, wie wichtig der Stuhl Petri für den Zusammenhalt der Kirche ist, deren Grundstein er ist. Der Heilige Vater verweist uns immer wieder auf die Person Jesu Christi und ruft uns dadurch ins Gedächtnis, dass alle Bestrebungen um die Neuevangelisation dazu dienen müssen, die Menschen zu einer lebendigen Beziehung mit Christus zu führen. Das Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils erinnert uns daran, dass die Herausforderung, frische Kräfte und Ausdrucksformen für den Glauben zu finden, ohne sich dabei von seinen zentralen Dogmen und rettenden Wahrheiten zu entfernen, eine Konstante in der Geschichte der Kirche ist. Der Heilige Vater hat das Konzil als eine Zeit großer emotiver Spannungen beschrieben, in der die Konzilsväter mit dieser Herausforderung kämpften. Derselben Herausforderung stehen auch wir gegenüber, wobei uns die Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils eine wertvolle Hilfe sind.

ZENIT: Viele Katholiken in England und Wales stehen heute vor einer neuen Welle von Angriffen auf ihren Glauben, zum Beispiel durch die Versuche, „Ehen“ zwischen Menschen gleichen Geschlechts zu legalisieren. Welchen Trost können sie aus dem diesjährigen Gedenktag der Märtyrer des VEC ziehen?

Erzbischof Nichols: Die Katholiken in England und Wales sind sich heute immer mehr bewusst, dass die Herausforderungen des Glaubens sie in gewissen Dingen möglicherweise zu Außenseitern werden lassen, die sich von der zeitgenössischen Kultur und volkstümlichen Betrachtungsweisen distanzieren. Der Gedenktag der Märtyrer des „Ehrwürdigen Englischen Kollegs“ kam fast zur gleichen Zeit wie die 25-Jahr-Feier der Seligsprechung der 85 englischen und walisischen Märtyrer, derer wir am Donnerstag, dem 27. November, in der Kathedrale von Westminster gedachten. All diese Märtyrer, besonders auch die seliggesprochenen, waren ihren Zeitgenossen als normale Nachbarn und Freunde bekannt. Für uns wurden sie zu einem leuchtende Beispiel dafür, dass durch Gottes Gnade Heiligkeit in jedermanns Reichweite liegt und dass fester Glaube und Loyalität zur Kirche die Bausteine eines heiligen Lebens sind.

Die Märtyrer haben ihren großen Glauben in die Verheißung des ewigen Lebens bewiesen. Viele von ihnen haben gezeigt, dass sie fähig waren, über ihren Tod und über ihr Leiden hinweg zu schauen und die Morgenröte ihres neuen Lebens im Himmel zu erahnen. Sie alle haben die große Bedeutung der heiligen Messe bezeugt, und tatsächlich waren viele der selig gesprochenen Märtyrer von England und Wales Laien, die ihr Leben geopfert haben, um ihren Priestern Unterstützung, Hilfe und Schutz zu geben, damit die Feier der heiligen Messe gewährleistet blieb. Diese enge Verbindung zwischen Priestern und Volk lebt zum Glück noch immer in unseren Ländern fort.

Was diese Märtyrer außerdem noch durch ihr Blut bezeugten, ist die Bedeutung des Stuhles Petri für die katholische Kirche. Sie wussten, dass nur dank dem Charisma des Apostolischen Stuhls der katholische Glaube vor Einmischungen der Staaten und der Politik geschützt bleibt.

ZENIT: Die Geschichte des VEC ist eng verbunden mit der englischen Reformation. Könnten Sie etwas zur Rolle des Glaubens im politischen Leben sagen?

Erzbischof Nichols: Die Rolle des Glaubens im öffentlichen Leben ist ein ständiges Diskussionsthema in England und Wales. Was wir suchen, sind staatliche Institutionen mit einer offenen und positiven Einstellung zum Beitrag, den die Religion und insbesondere der christliche Glaube zum allgemeinen Wohlstand des Landes leisten kann. Es ist klar, dass Menschen nur dann im öffentlichen, politischen und kulturellen Leben eines Landes ihr Bestes tun können, wenn sie Kraft schöpfen dürfen aus den Dingen, die ihnen am wichtigsten sind. Und für viele Menschen ist ihr Glaube das, was ihnen am wichtigsten ist. Wenn also im politischen, kulturellen oder öffentlichen Leben der Glaube marginalisiert wird, dann schadet das dem ganzen Land. Darüber wird in unseren Ländern heute viel debattiert.

[Übersetzung des englischen Originals von Alexander Wagensommer]