Erzbischof Ranjith: Die Liturgie ist nicht das Werk des Menschen

Interview für den „Osservatore Romano“

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ROM, 22. November 2007 (ZENIT.org).- Erzbischof Albert Malcolm Ranjith, seit 2006 Sekretär der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, hat die Notwendigkeit der Wiederherstellung der Göttlichen Liturgie des Römischen Ritus betont, so wie sie das Zweite Vatikanische Konzil beabsichtigte.



In einem Interview, das am Montag in der italienischen Ausgabe des „Osservatore Romano“ erschien, nimmt der Erzbischof den 60. Jahrestag der Veröffentlichung der Enzyklika „Mediator Dei“ von Papst Pius XII. zum Anlass, um die Entwicklung der kirchlichen Tradition in Sachen Liturgie darzustellen, aber auch den Traditionsbruch, der nach dem letzten Konzil erfolgt sei.

In seinem Lehrschreiben habe Pius XII., fußend auf dem Motu proprio „Tra le sollecitudini“ über die Musica Sacra vom heiligen Pius X. den Gläubigen eine theologische Synthese des innersten Wesens der Liturgie vorgelegt: Er definierte sie, so Ranjith, „als priesterlichen Akt Christi, der Gott lobt und ehrt sowie – vor allem durch sein Opfer – den Heilswillen des Vaters erfüllt“.

So sei in „Mediator Dei“ zu lesen: „Der göttliche Erlöser möchte, dass das von ihm in seinem sterblichen Körper mit seinen Gebeten und seinem Opfer begonnene priesterliche Leben im Verlauf der Jahrhunderte in seinem mystischen Leib, der die Kirche ist, nicht aufhört.“ Im Grunde habe die Enzyklika von Pius XII. deutlich gemacht, dass der Kult nicht unser Kult sei, sondern der Kult Jesu Christi, in den die Gläubigen eingereiht seien. „Das ist mehr oder weniger die Linie, die Benedikt XVI. in seinen Schriften vor und nach seiner Wahl vorgegeben hat: Es sind nicht wir, die den liturgischen Akt vollziehen, sondern wir machen uns der himmlischen Liturgie gleichförmig, die sich bereits in der Ewigkeit vollzieht.“

Das Zweite Vatikanische Konzil habe dieses Vermächtnis aufgenommen. Was unter anderem auch daran lag, dass dieselben Experten mit der Vorbereitung des Konzilstextes „Sacrosanctum Concilium“ betraut waren, die bereits die liturgischen Reformen vor dem Konzil eingeleitet hatten. Zudem zeige die Tatsache, dass „Sacrosanctum Concilium“ das erste Dokument der ökumenischen Bischofsversammlung gewesen sei, wie sehr die Liturgie den Konzilsvätern am Herzen lag. Dabei habe das Konzilsdokument eine große Kontinuität zum Ausdruck gebracht. Bei aller Sorge, die Liturgie wirkungsvoller zu gestalten und eine größere Teilnahme zu ermöglichen, habe „Sacrosanctum Concilium“ die Linien von „Mediator Dei“ von Pius XII. aufgenommen, wie wiederum dieses Lehrschreiben auf der Lehre der vorangegangenen Päpste, vor allem jener des Pius X., gründe.

Dann aber sei es zum Traditionsbruch gekommen, den Erzbischof Ranjith unter Berufung auf Schriften des jetzigen Papstes auf einen falschen Umgang mit der Liturgie-Instruktion des Konzils zurückführt. In seinem Buch „Zur Lage des Glaubens“ habe Kardinal Ratzinger zwischen einer treuen Interpretation des Konzils und einem abenteuerlichen und irrealen Umgang mit ihm unterschieden, der von einigen Theologen-Kreisen gefördert wurde, die sich auf den „Geist des Konzils“ beriefen, der für Ratzinger aber ein „Konzils-Ungeist“ war. Das habe sich auch auf die Liturgie und deren Reform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ausgewirkt.

Es sei wahr, meint Ranjith, dass das Konzilsdokument zur Liturgie „Freiräume zur weiteren Interpretation und Forschung schuf. Aber das bedeutet nicht, dass es zu einer liturgischen Erneuerung eingeladen hätte, die als Schaffung von etwas ganz Neuem zu verstehen gewesen wäre. Im Gegenteil, das Dokument reihte sich in vollem Umfang in die Tradition der Kirche ein.“

Genau das sei der schmerzliche Punkt: Die von der Kirche stets bekräftigte Zentralität Jesu Christi in der Liturgie sei in der so genannten nachkonziliaren Kirche nicht mehr klar zum Ausdruck gekommen; nicht von allen in der Kirche seien die Anweisungen der liturgischen Bücher richtig verstanden worden.

„So gab es eine gewisse Tendenz, die nachkonziliare Liturgiereform zu interpretieren, indem man die ,Kreativität‘ zur Regel machte. Das aber erlauben die liturgischen Normen nicht. An gewissen Orten scheint die Liturgie nicht mehr ihre Zentriertheit auf Christus widerzuspiegeln, sondern stattdessen den Geist des Immanentismus und Anthropozentrismus.“

Was auf dem Altar passiere, sei nicht etwas, „das wir wirken – es ist Christus, der handelt, und die Zentralität der Figur Christi entzieht diesen Akt unserer Gewalt“. Alles geschehe „für ihn, in ihm und mit ihm“. Die „kreative“ Tendenz werde dagegen von den liturgischen Büchern nicht erlaubt.

In diesem Zusammenhang macht Erzbischof Ranjith auch deutlich, dass das im Sommer veröffentlichte Motu proprio „Summorum Pontificum“ von Benedikt XVI. zur Freigabe der so genannten tridentinischen Messe nicht nur das Ziel gehabt habe, die Einheit mit der Priesterbruderschaft Pius X. zu suchen. Vielmehr sei es eine Reaktion auf die Missbräuche in der Liturgie gewesen. Es habe da ein Bedürfnis gegeben, das mit der Zeit immer mehr gewachsen sei. Je mehr die Treue zu den liturgischen Normen nachließ und je mehr der Sinn für Schönheit und das Staunen in der Liturgie verschwand, desto mehr wuchs das Verlangen nach der tridentinischen Messe.

„Über Jahre hinweg hat die Liturgie zu viele Missbräuche erlitten, und viele Bischöfe haben das ignoriert“, sagt Ranjith. Bereits Papst Johannes Paul II. habe mit dem Motu proprio „Ecclesia Dei afflicta“ und der Instruktion „Redemptionis sacramentum“ versucht, gegen die Missbräuche in der Liturgie vorzugehen. Aber diese Dokumente seien in den Kreisen gewisser Liturgiker und in liturgischen Büros kritisiert worden. Angesichts dieser Tatsache konnte Papst Benedikt XVI. nicht länger schweigen. „Er spürte eine tiefe pastorale Verantwortung“, so der Erzbischof. Das Motu proprio sei auch ein Zeichen und ein starker Appell des universalen Hirten der Kirche gewesen, zum Sinn für Seriösität zurückzufinden.

Gleichzeitig, so der Erzbischof abschließend, sei das Motu proprio zur alten Messe ein Aufruf an die Ausbilder in den Priesterseminaren, sich zu fragen, wie man die zukünftigen Geistlichen an die sich beständig entwickelnde Tradition der Kirche heranführe. So sei es etwa notwendig, dass in den Seminaren der gregorianische Choral und die lateinische Sprache gepflegt werden.