Erzbischof Reinhard Marx und Metropolit Seraphim Romul Joanta würdigen die Gründerin der Fokolar-Bewegung

„Chiara Lubich gehört der ganzen Kirche“

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MÜNCHEN, 15. April 2008 (ZENIT.org).- „Chiara Lubich bleibt in unserer Mitte“, betonte Erzbischof Reinhard Marx gestern Abend bei einem Gottesdienst zum Gedenken an die verstorbene Gründerin der Fokolar-Bewegung. Sehr gerne habe er deshalb die Einladung aufgegriffen mit der Fokolar-Bewegung die Eucharistie zu feiern. Aber so betonte er, die Feier wolle nicht nur an sie erinnern, sondern zu vergegenwärtigen. Chiara Lubich bleibt in unserer Mitte“.

Dem Gottesdienst wohnten Vertreter verschiedener orthodoxer Kirchen bei, darunter der zuständige Bischof für die rumänisch-orthodoxen Gläubigen in den deutschsprachigen Ländern, Metropolit Seraphim Romul Joanta aus Nürnberg, der Chiara Lubich am Ende des Gottesdienstes als eine Frau würdigte, „die ihre Weisheit unmittelbar aus dem Gebet schöpfte“.

Vertreter aus allen Geistlicher Gemeinschaften und Bewegungen aus dem katholischen und evangelischen Raum, wie Pfr. Thomas Römer vom CVJM in München, waren beim Gottesdienst und auf dem anschließenden Festakt im Karmeliter zu Ehren von Chiara Lubich zugegen und bezeugen die große Wirkung der Gründerin der Fokolar-Bewegung über ihren Tod hinaus.

Nach dem ersten Schock angesichts des Todes von Chiara Lubich (1920-2008), sei ein Monatsgedenken wohl die angemessene Weise, um sich an die Verstorbene nicht nur zu erinnern, sondern sie im wahrsten Sinne „zu Verlebendigen. Einen neuen Aufbruch zu lernen, ihr geistliches Testament aufzugreifen“, erklärte Bischof Reinhard zur Begrüßung. „Chiara Lubich ist eine Zeugin der Kirche, für die wir danken wollen“.

Er selbst habe Chiara Lubich schon 1973 bei einem Internationalen Seminaristentreffen in Frascati getroffen und später im Jahr 1998 beim Treffen für Bischöfe im Ökumenischen Lebensszentrum in Ottmaring. Sie bliebe noch „ganz lebendig vor mit, mit ihren Worten und Leidenschaft und bewegender Inspiration“, so der Münchener Oberhirte.

Mitten im 2. Weltkrieg, mitten im Feuer der Kriege, inmitten der Feuerbrünste der Bombennächte wird ein anderes Feuer dagegengesetzt. „Da treffen sich diese Mädchen, um ein anderes Feuer anzuzünden, (…) sie übergeben dieses Anliegen Maria und nennen es ‚Werk Mariens’“.

„Dieser Ausgangspunkt ist nicht zufällig“, betonte Bischof Marx, er will im Sinne des Evangeliums und der Kirche gedeutet werden, und verglich den Gründungsimpuls mit den Worten aus dem Buch des Propheten Ezechiel, der angesichts der Trümmer, der Zerstörung des Tempels seine Berufungserfahrung macht. „Im Exil sammelten sich neue Gruppen und der Prophet tritt mit seinen Visionen vor das Volk. In der Schau des Tempels beim Propheten Ezechiel entspringt in ihm eine Quelle, die zum großen Strom wird. Aus dem Tempel, der Wohnstatt Gottes, fließt ein Strom. Der Strom bewässert Bäume, die Frucht bringen. Im Strom leben Fische und sein Wasser macht gesund (vgl. Ez 47)“, erläutert der münchener Oberhirte. „Die Flüsse deuten hin auf die vier Flüsse des Paradieses“, ein Bild, dass allen gläubigen Juden aus dem Buch Genesis vertraut war: von Eden aus geht ein Strom, der sich in vier Ströme teilt. Der Garten liegt also höher, das Wasser geht von diesem Garten aus, fließt in die vier Himmelsrichtungen. Es geht um die Wiederherstellung des Paradieses“.


„Gott träumt mit uns einen Traum zur Wiederherstellung des Paradieses und er sucht ein Volk, und er wird nicht aufhören, bis dieser Traum wahr wird und er eintritt in die Geschichte“. In Christus begründet er einen neuen Lebensraum, einen neuen Tempel, eine neue Lebenswirklichkeit, betonte Bischof Marx. „Das Bild der Flüsse erklärt uns, dorthin wo sie kommen ist neues Leben und Einheit möglich (…). Im letzen ist es ein Bild für die Taufe, die neuen Ströme, die ermöglichen, dass der neue Traum Wirklichkeit wird.

Einheit und Gemeinschaft seien auch die Schlüsselbegriffe für die Berufung der Fokolar-Bewegung. „Zwei Schlüssel, die für sie und für die ganze Kirche unbedingt wichtig sind“. „Wie kommt es zum ‚paradise lost’“, fragte Bischof Marx, „Weil der Mensch in seiner Selbstverkrümmung die Einheit durch die Sünde zerstört“. „Darum gibt es diesen Auftrag auf diese Vision zu schauen: Einheit und Gemeinschaft“, betonte er.

„Chiara hat wesentliche Elemente des II. Vatikanischen Konzils vorweggenommen. Die Kirche soll ja Werkzeug der ganzen Einheit und zwar der ganzen Menschheit mit Christus sein. Einheit wird beim II. Vatikanischen Konzil zum Schlüsselwort: Einheit. Communio sind die Begriffe. Die Kirche wird zum Schlüsselsakrament für diese Einheit. Durch ihr Wirken, ihre Verkündigung und durch ihre Sakramente baut sie die Einheit“.

Chiara Lubich habe zutiefst verstanden, wozu der erste Petrusbrief auffordert: „Lasst euch aufbauen zu einem lebendigen Bau für das ganze Lebensgeschlecht“ (1 Petr 2,5 ). „Sie hat verstanden, das Evangelium ist eine Sendung der Kirche für die ganze Welt (…), denn das Herdfeuer wird nicht nur für uns angesteckt“, unterstrich er, „es ging ihr nicht um eine kirchliche Nische zum Wohlfühlen“. Deshalb musste die Bewegung über sich hinauswachsen, entstanden in den 60er Jahren ökumenische Lebenszentren wie Ottmaring, mussten Kontakte zu anderen Religionen geknüpft werden, wurden gesellschaftliche Wirklichkeiten in den Blick genommen. Ein Christ, eine christliche Bewegung erlebe stets ihre wahre Bestimmung in diesem Bezug zur Wirklichkeit um sie herum, in dieser Sendung in der Welt. „Dies ist kein Feuer, kein Ofen, der sich selber wärmt“, resümiert er.

„Dafür stehen Initiativen wie ‚Wirtschaft in Gemeinschaft’, die Chiara Lubich angeregt habe. Das gälte auch für die Zukunft der Ökumene: „Wir müssen gemeinsam über uns hinauswachsen und unsere ‚Sendung für alle’ leben“, das mache die Ökumene „viel leichter“. „Für alle da zu sein, über alle Spaltungen, Brüche und Spannungen hinweg. Chiara hat aufgegriffen, was uns das II. Vatikanische Konzil mit aufgegeben hat“, gab er zu bedenken.

„Chiara gehört jetzt uns allen, der ganzen Kirche“, so schloss Erzbischof Reinhard Marx. „Sie wollte mit ihrem Leben einzig und allein auf Christus verweisen. Lasst uns alle beim Aufbau dieses großen Hauses der Kirche mithelfen. Der Traum von Einheit und Gemeinschaft, der führt uns zusammen“.

Metropolit Seraphim Romul Joanta aus Nürnberg würdigte am Ende des Gottesdienstes Chiara Lubich „als eine Frau, die unsere Welt entscheidend geprägt hat. Millionen konnten durch sie die Liebe neu entdecken“.

In den harten Zeiten des Weltkrieges „konnte nut die Liebe aus den Trümmern neues Leben erwachsen lassen, erkannte sie aus der Betrachtung des verlassenen Christus“.

Er habe die Fokolar-Bewegung erst 1994 kennen gelernt als er als Bischof nach Deutschland gesandt wurde, um den orthodoxen Rumänen zu dienen, die nach der Wende eine schwere Zeit durchmachten. „Viele Rumänen waren verletzt und untereinander zerstritten“, eröffnete er. Eine Situation die für ihn persönlich schwierig gewesen sei. „Genau in dieser Zeit großer Belastung habe ich die Fokolar-Bewegung kennen gelernt und unter ihnen eine besondere Ausstrahlung erlebt, die mich zutiefst entlastet hat“.

Seitdem las Metropolit Seraphim Romul das Wort des Lebens, das ihn „faszinierte und inspirierte“. „Wie kam eine Lain, die keine Theologie studiert hatte, zu einer solchen Tiefe“, fragte er sich immer wieder und verstand, „sie hat es nicht aus dem Studium und dem Lesen der Kirchenväter sondern aus dem Gebet geschöpft. ‚Sie lehrte wie jemand der Vollmacht hat’ (Mk 1,21)“.

So habe Chiara Lubich spontan umgesetzt, das Theologie eigentlich Ausdruck des Lebens und Gebetes ist, „denn ohne spirituelle Erfahrung können wir keine Theologie betreiben“. Chiara Lubich habe eine Theologie bzw. Spiritualität entwickelt, die direkt zu den Herzen der Menschen sprach, welche die Liebe im Zentrum hat. Die Liebe führt zum Miteinander im Glauben“.

„Was ich von Chiara gelernt habe ist die Betrachtung von Christus am Kreuz als Verlassenen. (…) in unserem Leben, das ein beständiger Wechsel von kleinen Toden und Auferstehungen ist fühle ich bei einem solchen Gebet, wie die Kraft der Auferstehung ausströmt. Ich bin dankbar für ihr beispielhaftes Leben“.

Von Angela Reddemann