Erzbischof Reinhard Marx: „Wir müssen neu lernen, wie großartig es ist, Christ zu sein“

Erster Hirtenbrief des neuen Erzbischofs von München und Freising

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MÜNCHEN, 3. Februar 2008 (ZENIT.org).- Der neue Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, lädt in seinem ersten Hirtenbrief zu Umkehr und Neuanfang ein und erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass das keine Überanstrengung und keine Last bedeutet, sondern vielmehr eine Befreiung.

„Diese Umkehr ist nicht eigentlich unsere Leistung, unsere Willensanstrengung, sie ist Verwandlung durch den Herrn selbst, wenn wir es nur zulassen.“

 

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Hirtenwort

zum Beginn des Dienstes als Erzbischof von München und Freising

1. Sonntag der Fastenzeit, 10.Februar 2008

Liebe Schwestern und Brüder im Erzbistum München und Freising!

I.


Am 30. November 2007, dem Fest des heiligen Apostels Andreas, hat mich Papst Benedikt XVI. zum Erzbischof von München und Freising ernannt. Einige Tage zuvor hatte mir die Nuntiatur die Entscheidung des Heiligen Vaters mitgeteilt und um meine Zustimmung gebeten. Für mich – und sicher auch für viele andere – war diese Ernennung eine große Überraschung. Ich hatte mir nicht vorstellen können, einmal als Bischof nach München und Freising aufzubrechen. Aber ich habe dann doch mit Zuversicht Ja gesagt, weil ich den Wunsch des Papstes, in sein Heimatbistum zu gehen, als Anruf des Herrn selbst sehe. Mich hat auch das große Vertrauen, das der Heilige Vater mit dieser Ernennung zum Ausdruck gebracht hat, sehr bewegt.

Der Abschied von Trier, dem ältesten Bistum Deutschlands, fiel mir nicht leicht. Fast sechs Jahre habe ich dort als Bischof wirken dürfen. Das hat mir – bei allen Belastungen und Herausforderungen, die das Bischofsamt mit sich bringt – sehr viel Freude gemacht. Ich habe auch menschlich Heimat gefunden, und so ist der erneute Aufbruch auch schwer. Aber seit dem 2. Februar bin ich nun hier und will gerne und mit Freude diese neue große Aufgabe als Ihr Erzbischof annehmen.

Ich vertraue diesen Dienst besonders der allerseligsten Jungfrau Maria an, der Schutzfrau Bayerns, wie ich es im Weihegebet an der Mariensäule in München am 30. Januar 2008 formuliert habe. Ich bin überzeugt, dass unser Diözesanpatron, der heilige Korbinian, der erste Bischof von Freising, mich fürbittend be-gleiten wird. Aber, liebe Brüder und Schwestern, ich vertraue mich auch Ihrem Gebet an, so wie ich für Sie und unseren gemeinsamen Weg als Kirche von München und Freising bete.

Seit meiner Ernennung haben mich viele Briefe erreicht, in denen nicht nur Glückwünsche, sondern auch Hoffnungen und Erwartungen geäußert wurden. Ich habe in den letzten Wochen eine ganze Reihe von Gesprächen geführt, in denen vieles zur Sprache kam, was der neue Bischof tun sollte; dafür habe ich großes Verständnis, aber zuerst und vor allem muss ein neuer Bischof aufmerksam hören, was Gottes Geist bisher in diesem Erzbistum hat wachsen lassen.

So möchte ich in den nächsten Monaten in vielfältiger Weise das Erzbistum kennen lernen und die Begegnung mit möglichst vielen Gläubigen suchen. Ich weiß: Allen Erwartungen kann und darf ein Bischof nie entsprechen. Das Amt der Leitung bringt es mit sich, dass Entscheidungen getroffen werden müssen, die nicht allen gefallen. Ich verspreche aber, mein Amt nach bestem Wissen und Gewissen auszuüben und das Beispiel des Guten Hirten vor Augen zu haben.

II.


Wir stehen, liebe Brüder und Schwestern, am Beginn der österlichen Bußzeit, die uns einlädt, unseren Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus zu erneuern, eben nicht einfach weiterzumachen wie bisher, sondern umzukehren. Diese Umkehr ist nicht eigentlich unsere Leistung, unsere Willensanstrengung, sie ist Verwandlung durch den Herrn selbst, wenn wir es nur zulassen.

Christ sein ist ja keine Überanstrengung des Menschen, keine schwere Last, sondern im Gegenteil: Befreiung! Wir entdecken im Glauben an Jesus Christus, dass der unbegreiflich große Gott, der Schöpfer allen Lebens, unendliche Liebe ist, ein menschliches Gesicht hat und jeden von uns anruft, sich von dieser Liebe beschenken zu lassen. Wer sich auf diese Liebesgeschichte einlässt, der wird verwandelt, erneuert, dessen Leben bekommt Rückenwind und innere Kraft. Fast wie von selbst wird dann Umkehr und Neuanfang möglich.

Auch aus unserer menschlichen Erfahrung wissen wir: Wenn jemand sagt, ich liebe dich und der oder die Angesprochene antwortet, ich dich auch, ist von einem Augenblick zum anderen eine neue Welt entstanden, nichts ist mehr, wie es vorher war. Es entfalten sich Kräfte in Menschen, die weit über das hinausgehen, was man sich selbst zugetraut hätte.

Von dieser Art ist der Weg des Christen im Glauben an den Gott, der die Liebe selbst ist. Wir werden also in dieser österlichen Bußzeit eingeladen, neu und von ganzem Herzen Christus, unserem Bruder und Herrn, zu antworten: Ich liebe dich auch! Wenn wir so beten, wird vieles möglich, auch das Setzen neuer Prioritäten und die Veränderung unserer falschen Lebensweisen.

Der im letzten Jahr verstorbene Kardinal Jean-Marie Lustiger von Paris hat ein-mal formuliert: Das Christentum in Europa steckt noch in den Kinderschuhen, seine große Zukunft komme erst noch (vgl. auch J. M. Lustiger, Die Neuheit Christi und die Postmoderne, Augsburger Universitätsreden 16). Angesichts fortschreitender Säkularisierungstendenzen und schwindender religiöser Verbindlichkeit in unseren Pfarreien – auch hier in Bayern – scheint das eine geradezu abenteuerliche Formulierung. Trotz aller Rede von einer religiösen Renaissance sprechen die Zahlen doch eine andere Sprache. Aber die Zahlen sagen eben nicht alles. Sie lassen einen epochalen Wandel erkennen, das ist wahr, aber wohin? Wollen wir wirklich akzeptieren, dass es so etwas wie ein „Naturgesetz“ gibt, dass der christliche Glaube in unserem Land immer schwächer und kraftloser wird oder sich wandelt in ein mehr oder weniger anspruchsloses „Kulturchristentum“?

Kardinal Lustiger hat Recht: Wir stehen am Anfang einer neuen Epoche des christlichen Glaubens. Ja, wir kommen aus einer reichen Tradition und Geschichte, und darüber dürfen wir uns freuen, aber für die kommenden Herausforderungen reicht das nicht. Wir müssen neu lernen, wie großartig es ist, Christ zu sein, welch kostbares Geschenk unser Glaube ist. Gemeinsam müssen wir der Welt zeigen, dass wir in Christus und mit ihm nicht weniger Leben haben, sondern im Gegenteil das volle Leben und die wahre Freiheit finden.

Es geht in den nächsten Jahren und Jahrzehnten um einen epochalen Wandel, einen Neuanfang, der möglich und nötig ist. Oder trauen wir der Kraft des Evangeliums nichts mehr zu? Dann allerdings wären wir schon ungläubig geworden.

III.


Am heutigen ersten Fastensonntag haben wir wie in jedem Jahr das Evangelium von der Versuchung Jesu gehört. Dieses Evangelium hilft uns, neu zu sehen, worauf es ankommt, was also auch für unsere Umkehr und Neuorientierung als Kirche und auch persönlich von zentraler Bedeutung ist. Wir lernen im Blick auf Jesus, woran wir uns bei allen Neuanfängen und Aufbrüchen halten sollen.

Der Heilige Vater schreibt dazu in seinem Jesus-Buch: „Der Kern aller Versuchung… ist das Beiseiteschieben Gottes, der neben allem vordringlicher Erscheinendem unseres Lebens als zweitrangig, wenn nicht überflüssig und störend empfunden wird. Die Welt aus Eigenem, ohne Gott, in Ordnung zu bringen, auf das Eigene zu bauen, nur die politischen und materiellen Realitäten als Wirklichkeit anzuerkennen und Gott als Illusion beiseite zu lassen, das ist die Versuchung, die uns in vielerlei Gestalten bedroht“ (S. 57).

Deshalb ist die Gottesfrage die entscheidende Frage aller Fragen. Wo sie nicht im Mittelpunkt steht, kann auch die Antwort, die uns im Leben Jesu von Nazareth gegeben wird, nicht als befreiend und erlösend gesehen werden. Und Jesus zeigt gerade in dieser Versuchungsgeschichte, wer dieser Gott ist, den er seinen Vater nennt.

In Jesus geht Gott den Weg der Liebe, die die Freiheit des Menschen achtet. Jesus lehnt den Weg der Macht und der politischen Herrschaft ab, er lässt sich nicht hineinziehen in ein Programm zur Rettung der Welt durch mehr Wohlstand. Ihm geht es um das Heil im Ganzen. Dafür steht der Gott, den Jesus seinen Vater nennt, der Gott, der sich in Jesus selbst verschenkt, für uns. Der Papst fragt deshalb am Ende seiner Betrachtung der Versuchung Jesu: „Aber was hat Jesus dann eigentlich gebracht, wenn er nicht den Weltfrieden, nicht den Wohlstand für alle, nicht die bessere Welt gebracht hat? Was hat er gebracht? Die Antwort lautet ganz einfach: Gott. … Er hat Gott gebracht. Nun kennen wir sein Antlitz, nun können wir ihn anrufen. Nun kennen wir den Weg, den wir als Menschen in dieser Welt zu nehmen haben“ (S. 73).

Liebe Brüder und Schwestern, deshalb muss in unserem Leben der Gott, der sich uns in Jesus zuwendet, besonders in der Feier der heiligen Eucharistie, im Mittelpunkt unseres persönlichen und kirchlichen Lebens stehen.

Gott hat die absolute Priorität, dann wird der Weg frei für die Heilung der Wunden der Welt, dann wird auch unser Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, unser Kampf gegen Armut und Gewalt erst wirklich tragfähig. Ein Neuanfang in den großen Umbrüchen unserer Zeit ist für uns als Kirche nur möglich, wenn wir im Blick auf Jesus und mit ihm die Prioritäten setzen wie er, und Gott an die erste Stelle setzen. Dazu lädt uns die Fastenzeit ein.

Als Ihr neuer Erzbischof möchte ich mithelfen, dass wir miteinander immer wieder neu diese Freude an Gott entdecken und leben. Der christliche Glaube wird nicht verschwinden, seine Zukunft ist verheißungsvoll, denn er gibt die faszinierendste aller möglichen Antworten auf die entscheidende Frage nach Gott. Die Antwort heißt: Jesus Christus! Er offenbart das Geheimnis Gottes. Er zeigt uns Gottes Antlitz!

IV.


Liebe Brüder und Schwestern, noch einmal bitte ich Sie herzlich um Ihr Mittun und Ihr Gebet für den Weg, den wir nun gemeinsam gehen. Ich danke allen für die herzliche und offene Aufnahme im Erzbistum München und Freising. Besonders danke ich meinem Vorgänger, Friedrich Kardinal Wetter, für seinen beispielhaften 25-jährigen Dienst, an den ich nun anknüpfen darf.

Zu den schönsten Aufgaben des Bischofs gehört es, im Segensgebet den Menschen das Wohlwollen und die Liebe Gottes zuzusprechen, und so möchte ich Sie alle am Anfang meines Wirkens als Erzbischof von München und Freising auf die Fürsprache Mariens und des heiligen Korbinian segnen: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.


München, am Fest der Darstellung des Herrn 2008


Ihr
Erzbischof von München und Freising

[Vom Erzbischöflichen Ordinariat München veröffentlichtes Original]