Erzbischof Robert Zollitsch zum Zentrum des Osterglaubens

Gottes Versöhnung in Jesu Tod und Auferstehung

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FREIBURG (KONRADSBLATT/ZENIT.org).- Es sind sehr ansprechende biblische Bilder, mit denen die Liturgie der Kirche während der Osterzeit all das entfaltet, was uns die Auferstehung des Herrn erschlossen hat. Die Menschen haben in der Person des Herrn einen guten Hirten, der sie behütet und sogar sein Leben hingab für die Seinen (vgl. Joh 10). So hörten wir es am vergangenen Sonntag. Am kommenden 5. Ostersonntag wird gesagt, dass der Herr einem Weinstock gleicht, an dem Menschen reiche Frucht bringen können. Und an den Werktagen war jetzt die Rede vom Brot des Lebens: Wer zum Herrn kommt, wird nie mehr hungern, weil Christus das Brot ist, das „der Welt das Leben gibt" (Joh 6, 33). Jedes Jahr wecken diese und viele andere Bibeltexte der Osterzeit auch in mir neue Kräfte der Glaubensfreude. Sie gehören zum Lobpreis der Auferstehung Jesu Christi.

Diesem Lob der Auferstehung Christi ist immer auch die Verkündigung seines Todes an die Seite gestellt. Es ist wichtig, die Mut machenden Aussagen der Schrift aus dem inneren Zusammenhang von Leben, Leiden und Sterben des Herrn zu verstehen. Vielleicht trägt es dem menschlichen Harmoniebedürfnis Rechnung, das leidvolle Ergehen Jesu am letzten Abend und am Karfreitag eher auszublenden. Doch gehören Karfreitag und Ostern zusammen und dürfen nicht auseinandergerissen werden. Diese Lektion hat uns besonders der Apostel Thomas erteilt, dessen Glaubenssuche erst zum Ziel kam, als er die Wunden des Auferstandenen berührt hatte. Ein Auferstandener ohne Wunden wäre nicht der Herr gewesen, der für uns Menschen lebte und starb und an unserer Statt dem Vater liebevoll und gehorsam sein Leben hingab und so wahr gemacht hat, was die Lesung des Karfreitags sagt: „Durch seine Wunden sind wir geheilt" (Jes 53, 5, vgl. Röm 5, 9).



Die leidvolle Dunkelheit und Angst menschlichen Lebens

„Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir." Dass beides zusammengehört, bekennen wir als unser Geheimnis des Glaubens. Der Auferweckung des Herrn geht ja die Ungewissheit des Karfreitags voran. Ist Jesus wirklich der Gute Hirt und gibt er wirklich Brot vom Himmel? Sind Jesu Leben und Leiden wirklich erfüllt von göttlicher Vollmacht oder werden sie ganz banal verschlungen vom Tod? Ostern ist die Stunde der Klarheit und des Lichtes: der österliche Herr ist dem Tod entronnen und „zur Vollendung gelangt" (Hebr 5, 9) - als erster der Menschen und Haupt „aller Mächte und Gewalten" (Kol 2, 10), weshalb er wahrhaft Guter Hirt und Weinstock und Brot des Lebens ist. Der Tod des Herrn ist eine Folge und Gestalt der Liebe, die sich in der Auferstehung des Herrn als endgültig fruchtbar erweist.

Tod und Auferstehung Jesu Christi haben eine fundamentale und eine universale Bedeutung. Man kann dies nur nachvollziehen, wenn man die enge Verbundenheit Jesu mit den Menschen in den Blick nimmt. Der Herr hat nicht als Einzelgänger und losgelöst von den Menschen gelebt und gewirkt. Im Gegenteil, sein Leben ist öffentlich gewesen, durch und durch geprägt durch den Glauben und die Hoffnung des jüdischen Volkes. Nichts hätte man von Jesus verstanden, würde man ihn nicht als den Glaubenden, den Prediger und Rufer, den Heiler und Helfer, den Beter und Sohn begreifen, der eins ist mit dem Vater im Himmel und sich aus Liebe zu ihm senden lässt zu den Seinen in der Welt. Für sie lebt und wirkt er - und geht dabei den Abgründen menschlichen Lebens nicht aus dem Weg, auch nicht dessen Verstrickung in Schuld und Bosheit. Wir Heutigen können in diesem Zusammenhang auch von Jesu Solidarität sprechen, die sich darin zeigt, dass der Herr die leidvolle Dunkelheit und Angst menschlichen Lebens am eigenen Leib austrägt und mitfühlen kann mit unserer Schwäche (vgl. Hebr 4, 15-5, 10). Und seine Solidarität geht noch einen Schritt weiter: Jesus ist nicht nur den Seinen lebensmäßig eng verbunden, er tritt auch für sie ein und handelt stellvertretend für sie. Stellvertretend zu handeln ist im menschlichen Leben nichts Unbekanntes. Eltern handeln für ihre Kinder, Anwälte sprechen für ihre Mandanten, jemand zahlt für einen anderen Buße, die er selber nicht leisten kann.

Nicht die Menschen versöhnen Gott

Der christliche Glaube scheut sich nicht, sogar noch dem Tod des Herrn eine positive, heilsvermittelnde und sühnende Bedeutung zuzuschreiben. Christus stirbt zu Gunsten der Menschen und stellvertretend für sie. Er tut, was sie selbst nicht tun können, weil sie in die Sünde verstrickt sind. Er wird zu einem Opfer menschlicher Bosheit, das gedemütigt und gequält am Kreuz stirbt. Stellvertretend für die Menschen überlässt er sich als Opfer der rettenden und wirksamen Liebe Gottes, die tiefster Grund seiner Lebenshoffnung ist. So öffnet er in unserer gewalterfüllten, sündigen Welt den Zugang zum Leben Gottes.

Wenn wir die Auferstehung des Herrn preisen, dann setzt dies die Verkündigung seines Todes voraus. Der Vater, dem Jesus seinen Geist sterbend übergibt (vgl. Joh 19, 30), hat den Sohn liebevoll aufgenommen. Alles hat sich zum Guten gewendet: Der geliebte Sohn (vgl. Mk 1, 11) lebt mit dem Vater in der Einheit des Geistes. Durch unsere Verbundenheit mit dem Herrn haben wir an diesem Leben Anteil, uns steht damit Gottes Lebensraum weit offen. Christus ist wirklich der Gute Hirt, dem wir uns anvertrauen und der uns behütet, er ist wirklich das Brot des Lebens und der Weinstock, an dem unser Leben gute Frucht tragen kann.

Dank Jesu Christi Leben und Sterben haben wir Zugang zum Vater. So hat die Menschheit Anteil am Leben Gottes, der im Leben und Sterben seines Sohnes die Menschen mit sich versöhnt und ihnen ein neues, bleibendes Leben geschenkt hat. „Nicht der Mensch ist es, der zu Gott geht und ihm eine ausgleichende Gabe bringt, sondern Gott kommt zum Menschen, um ihm zu geben. Aus der Initiative seiner Liebesmacht heraus stellt er das gestörte Recht wieder her, indem er durch sein schöpferisches Erbarmen den ungerechten Menschen gerecht macht, den Toten lebendig ... Das Neue Testament sagt nicht, dass die Menschen Gott versöhnen, wie wir es eigentlich erwarten müssten, da ja sie gefehlt haben, nicht Gott. Es sagt vielmehr, dass ‚Gott in Christus die Welt mit sich versöhnt hat‘ (2 Kor 5, 19)." (Joseph Ratzinger, „Einführung in das Christentum", München, 2. Auflage 1968, Seite 232.)

Die Bilder dürfen nicht zu billigem Trost werden

Die großen und schönen Bilder der Heiligen Schrift sollen uns das Herz weit machen - vor allem in der Osterzeit. Wir preisen in ihnen die Auferstehung des Herrn. Dafür, dass diese Bilder nicht zu billigem Trost werden, der unserem realen Leben nicht standhält, sorgt die andere Seite: die wache Erinnerung an das Leben und Leiden des Herrn, der stellvertretend für uns die Liebe Gottes an sich wirken ließ und beantwortet hat und so uns das Tor des Himmels neu aufgestoßen hat. Verkündigung des Todes Christi und Lobpreis seiner Auferstehung sind die Lebensenergien der Kirche - in besonderer Weise während der fünfzig österlichen Tage.

Autor: Erzbischof Robert Zollitsch

[Artikelübersicht des Konradsblatts Nr. 19 vom 10. Mai 2009]