Erzbischof Schick: Die Gemeinschaft mit Gott und untereinander stiften, bewahren und fördern

Predigt bei der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

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WÜRZBURG, 14. Februar 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick heute, Donnerstag, während der Eucharistiefeier im Rahmen der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Würzburg gehalten hat.

Am Festtag der Europapatrone Cyrill und Methodius bekräftigte der Erzbischof, dass die Gemeinschaft mit Gott und untereinander nicht vom Himmel falle, sondern täglich neu zu erwerben sei. Die Stiftung, Bewahrung und Förderung dieser Gemeinschaft sei die „wichtigste Amtspflicht des Bischofs“.

Während die Gemeinschaft mit Jesus Christus durch tägliche Gebete, die Eucharistiefeier und die Lectio divina belebt und bewahrt werde, lebe die Gemeinschaft miteinander „von der herzlichen Zuneigung zueinander, von der Wahrheit und Wahrhaftigkeit miteinander ohne Falsch, von der Hilfsbereitschaft füreinander, davon, dass einer den anderen höher schätzt als sich selbst und dass jeder die Last des anderen mitträgt“.

Der „rechten“ Gemeinschaft mit Gott entspringe die „rechte Gemeinschaft der Menschen“, so Erzbischof Schick. „Ohne Gott wird der Mensch zum Verlierer.“


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Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonischen Dienst, liebe Schwestern und Brüder,
wir denken heute an die verstorbenen Bischöfe, vor allem an den seit der letzten Vollversammlung heimgegangenen hochverehrten Erzbischof von Freiburg, Dr. Oskar Saier. Wir empfehlen ihn und alle Bischöfe, die mit uns gelebt und gewirkt haben, der barmherzigen Liebe Gottes. Er möge ihnen verzeihen, was sie gefehlt und vergelten, was sie Gutes getan haben.

„Jeder Mensch bringt auch eine Botschaft Gottes an seine Mitmenschen mit“, so sagt ein asiatischer Weisheitsspruch. Die Botschaft von Erzbischof Oskar Saier ist in seinem bischöflichen Wahlspruch zum Ausdruck gebracht: „in vinculo communionis“ – im Band der Gemeinschaft.

„In vinculo communionis - im Band der Gemeinschaft“. Diese Worte bringen das Wesen und den Auftrag der Kirche auf den Punkt. Die Kirche ist vom Zweiten Vatikanischen Konzil als „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung der Menschen mit Gott und für die Einheit der ganzen Menschheit“ definiert worden (vgl. LG 1). Gott will diese Gemeinschaft und stiftet sie in Jesus Christus. Im Christushymnus des Epheserbriefes wird dass „Hohe Lied“ dieser Gemeinschaft gesungen. „Durch sie hat er uns reich beschenkt“; sie wird im Himmel vollendet (vgl. Eph 1,3-10). Die Kirche ist Ort und Baumeisterin dieser Gemeinschaft.

Die Gemeinschaft mit Gott und untereinander stiften, bewahren und fördern ist daher auch die wichtigste Amtspflicht des Bischofs. Das „Direktorium für den Hirtendienst der Bischöfe“ (Apostolorum Successores) geht sehr ausführlich auf „die Kirche, (als) Gemeinschaft und Sendung“ ein. Es stellt fest: „Die kirchliche Gemeinschaft ist Gemeinschaft des Lebens, der Liebe und der Wahrheit und, insofern sie Verbindung des Menschen mit Gott ist, begründet sie eine neue Beziehung zwischen den Menschen selbst ... Die Kirche ist das Haus und die Schule der Gemeinschaft“ (Nr. 7). So heißt es in Nr. 7. In Nr. 8 wird daraus logisch gefolgert, dass „Der Bischof sichtbares Prinzip der Einheit und Gemeinschaft“ sein muss. Erzbischof Saier hat diese geistliche und kirchliche Gemeinschaft zuerst in seinem Erzbistum gelebt und gestärkt. Er hat auch in der Bischofskonferenz, in der er viele Jahre stellvertretender Vorsitzender war, zur Gemeinschaft beigetragen. Als langjähriger Vorsitzender der „Pastoralkommission“ war es ihm ein Anliegen, dass die Seelsorge so gestaltet wird, dass sie das „Band der Gemeinschaft“ der Menschen mit Gott und miteinander stiftet und bewahrt. Auch die Gemeinschaft mit der Weltkirche, besonders mit Peru und Korea, hat er gefördert, und er hat das Band der Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl gelebt und gepflegt.

Die Gemeinschaft mit Gott und untereinander, fällt nicht vom Himmel, sie muss täglich neu erworben werden. Die täglichen Gebete, die Eucharistiefeier, die Lectio divina, bewahren das Band der Gemeinschaft mit Jesus Christus.
Die Gemeinschaft miteinander lebt von der „herzlichen Zuneigung“ zueinander, von der Wahrheit und Wahrhaftigkeit miteinander „ohne Falsch“, von der Hilfsbereitschaft füreinander, davon, dass einer den anderen höher schätzt als sich selbst und dass jeder die Last des anderen mitträgt (vgl. Röm 12,1-21). Diesen Worten des heiligen Paulus im Römerbrief fügt sich eine Weisung des heiligen Ignatius von Loyola an: „das Wort des Bruders retten“.
Da wir Menschen sind, sind die tägliche Vergebung und Versöhnung, die Buße und der Neubeginn, das Gespräch und der Austausch notwendig, um im „Band der Gemeinschaft mit Gott und untereinander zu bleiben“.

Die Sünde trennt von Gott und von den Menschen, sie zerstört das Band der Gemeinschaft. Wenn die Menschen nicht „in vinculo communionis“ leben, sind sie einsam und hoffnungslos, schwankende Schilfrohre, vom Wind hin und hergetrieben (vgl. Lk 7,24-27) und „müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (vgl. Mt 9,36). Kriege und Feindschaft, Vertreibungen, Terror und Genozide geschehen, weil die Menschen Trennung und Feindschaft untereinander zulassen und sogar fördern. Alles Elend dieser Welt kommt letztlich daher, dass das Band der Gemeinschaft zwischen Mensch und Gott und der Menschen untereinander noch nicht besteht oder wieder abgebrochen ist. Dann werden die Menschen vom Fallstrick des „Diabolus“, des Durcheinanderwerfers, verwirrt, umgarnt und gefesselt.
Die Kirche als Gemeinschaft mit Gott und untereinander ist nicht für sich da, sie muss in Deutschland und weltweit „missionarisch Kirche“ sein. Alle Menschen sollen „in vinculo communionis“, im Band der Gemeinschaft leben.

Wir feiern heute die Heiligen Cyrill und Methodius, Patrone Europas. Sie sind von Thessaloniki ausgezogen, um die slawischen Völker in das Band der Gemeinschaft mit Gott und untereinander hineinzuführen.
Die Lesung aus der Apostelgeschichte an ihrem Gedenktag verpflichtet uns, das Licht für die Völker bis zum Ende der Erde zu tragen, damit alle Menschen das Heil erlangen. Alle sollen im „Band der Gemeinschaft mit Gott leben“ und so ein Leben in heiliger und darum heilender Gemeinschaft miteinander führen. Im Evangelium rief uns Jesus auf, darum zu bitten, dass es genügend Arbeiter für den Dienst an der und für die Gemeinschaft gibt.

Cyrill und Methodius erinnern uns als Kirche auch an unsere Aufgabe, das Band der Gemeinschaft in Europa besonders mit den osteuropäischen Staaten aufrecht zu erhalten oder wieder zu knüpfen, zu pflegen und zu fördern. Deshalb ist es gut, dass es „Renovabis“, das „Maximilian Kolbe-Werk“ und viele Beziehungen zu den Christen in Osteuropa gibt. Die EU und ganz Europa dürfen nicht eine Gesellschaft des Marktes, des Kapitals und der Wirtschaft sein. Als Kirche müssen wir die Gesetze des Reiches Gottes einbringen, „der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freude“ (vgl. Röm 14,17). Europa soll „im Band der Gemeinschaft mit Gott und untereinander“ leben und nicht von den Stricken des Geldes, der Macht, der Übervorteilung und der Abgrenzungen gefesselt werden.

„In vinculo communionis“ soll auch für die Menschen in Kenia, im Sudan, im Tschad, in Zimbabwe, im Irak und Afghanistan, auf den Philippinen, in China und Lateinamerika gelten. Der weltkirchliche Aspekt und die missionarischen Aufgaben müssen in der Zukunft noch verstärkt gesehen und angegangen werden. Die Fastenzeit weist uns - auch mit Misereor - auf die Länder hin, in denen viele Menschen Leid tragen und in Not sind. Wir müssen alles tun, dass dort die Ethnien und die Religionen, Arme und Reiche sich „im Band der Gemeinschaft“ verbinden. So wird Friede, Respekt, Solidarität und Miteinander.

Liebe Mitbrüder, Schwestern und Brüder!
Die Christen und die Kirche sind von ihrem Wesen her und in ihrer Berufung Experten in Gemeinschaftsbildung und Baumeister des Gemeinwohls, das immer mehr weltumspannend und global zu sehen ist. Dabei muss klar sein und bleiben, dass der Gemeinschaft mit Gott Priorität zukommt. Aus der „rechten“ Gemeinschaft mit Gott wird „rechte“ Gemeinschaft der Menschen. Ohne Gott wird der Mensch zum Verlierer.
„In vinculo communionis“ – im Band der Gemeinschaft, der Wahlspruch von Erzbischof Saier fordert die ganze Kirche, besonders aber uns Bischöfe, heute am Festtag der Slawenapostel auf, unserem Auftrag gerecht zu werden und Baumeister der Gemeinschaft der Menschen mit Gott und untereinander zu sein. Amen.

[Von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Originalmanuskript]