Erzbischof Stanislaw Rylko: Kirchliche Bewegungen und Gemeinschaften auf dem Weg zu einer neuen kirchlichen Reife

Einführungsvortrag zum II. Weltkongress der Geistlichen Gemeinschaften in Rocca di Papa bei Rom

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ROM, 2. Juni 2006 (ZENIT.org).- Einen herzlichen Willkommensgruß entbot Erzbischof Stanislaw Rylko, Präsident des Päpstlichen Rates für die Laien, am Mittwoch den Teilnehmern des II. Weltkongresses der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften in Papa di Rocca bei Rom. Die versammelten Delegierten repräsentierten "eine Vielzahl von Bewegungen, die heute in allen Kontinenten der Mission der Kirche voller Großzügigkeit, Freude und Hingabe dienen", betonte er. Und sie alle dürften dankbar auf einen wichtigen Reifungsprozess im Schoß der Kirche zurückblicken.



Dass die Delegierten diesmal aus fast hundert kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften stammten – aus doppelt so vielen wie bei der ersten Konferenz dieser Art vor acht Jahren –, bringe den "außerordentlichen 'charismatischen' Reichtum der Kirche unserer Zeit" zum Ausdruck und ist ein Zeichen der Hoffnung", so der Erzbischof.

Die Anwesenheit von Bischöfen und Mitarbeitern der römischen Kurie und die besonders geschätzte Gegenwart von "Brüdern anderer Kirchen und christlicher Gemeinschaften" schaffe ein "Klima von Pfingsten, und wenn die Kraft des Heiligen Geistes wächst, verstärkt sich der Wunsch nach Einheit".

Der Präsident des Päpstlichen Rates für die Laien, der für die Organisation des Kongresses und der Begegnung von rund 300.000 Mitgliedern von Bewegungen und Gemeinschaften mit Papst Benedikt XVI. am Samstagabend verantwortlich ist, unterstrich: "Wir eröffnen die Arbeitssitzungen dieser Konferenz in tiefer Kommunion mit dem Nachfolger Petri." Das Ziel dieser Arbeiten sei es, den neuen Bewegungen einen Blick für die Weltkirche zu geben. Nach Worten Benedikts XVI. stellen diese kirchlichen Wirklichkeiten "starke Weisen" dar, "den Glauben zu leben". Erzbischof Rylko fügte diesbezüglich hinzu, dass diese Einrichtungen mehr und mehr als "immer neue Ausgießungen des Heiliges Geistes" verstanden werden sollten.

Konkret gehe es auf dem Weltkongress darum, über die Bewegungen und Gemeinschaften nachzudenken – "mit ihren Freuden und Hoffnungen", aber auch mit "den schwierigen Problemen, die sie quälen", um so eine neue Erfahrung der tiefen Einheit und Verbundenheit innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft zu machen. Dabei helfe die "geheimnisvolle Dynamik" der "Verschiedenartigkeit der Charismen", die der heilige Paulus im ersten Korintherbrief beschreibt (vgl. 1 Kor 12,4-7).

"In dieser 'Schule' der Kommunion entfaltet sich die Ausrichtung auf die Mission, und wir schauen dankbar auf die Früchte der Heiligkeit und des evangelisatorischen Dynamismus, den dieser 'Frühling des Glaubens' im Leben von einzelnen Werken und christlichen Gemeinschaften auf der ganzen Welt hervorgebracht hat."

Um die volle Bedeutung dieses 2. Weltkongresses zu verstehen, ist es nach Erzbischof Rylko vonnöten, auf das erste Treffen im Mai 1998 zurückzublicken – "weil diese Begegnung das Leben der Bewegungen ganz tief gekennzeichnet hat, ihnen feste theologische Grundlagen für ihre kirchliche Identität gab und ihnen die neuen und faszinierenden Horizonte ihrer Sendung in der Kirche erschloss".

Johannes Paul II. habe die Gemeinschaften damals als "Frühling der Kirche" bezeichnet, als "Hebel der Neuevangelisierung" sowie als Frucht des Konzils. Ihre Mannigfaltigkeit sei wie eine "Hymne an die Einheit", fuhr der Erzbischof fort. "Tatsächlich ist das Geheimnis der Kommunion des Leibes Christi nie flache Homogenität, Verneinung der Verschiedenartigkeit."

Erzbischof Rylko rief den rund 300 Delegierten auch die Worte von Joseph Ratzinger in Erinnerung. Der damalige Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre und jetzige Papst sei ein "vorsichtiger Gesprächspartner" der Gemeinschaften gewesen, zu denen er mit der Zeit ein "inniges freundschaftliches Verhältnis aufgebaut" habe.

1988 habe Kardinal Ratzinger den theologischen Platz der Bewegungen – in einer Zeit, die als "Winter der Kirche" beschrieben worden sei – ausdrücklich gewürdigt. "Plötzlich war da etwas, das niemand geplant hatte. Hier meldete sich der Heilige Geist zu Wort… Und in jungen Frauen und Männern wuchs der Glaube ohne 'Wenn und Aber'", zitierte Erzbischof Rylko.

Ein wichtiger Aspekt der theologischen Ausführungen des damaligen Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre "war es herauszustellen, dass nicht das dialektische Miteinander die Kirche begründet, also Gegensätze wie 'Amt und Charisma', 'Christologie und Pneumatologie', 'Hierarchie und Prophetie', da die Kirche eben nicht dialektisch aufgebaut ist, sondern organisch". Das Prinzip der Apostolischen Nachfolge, wodurch die Apostolizität der Kirche begründet werde, übersteige die Möglichkeiten der jeweiligen Ortskirche, habe nach Worten des Kurienerzbischofs Joseph Ratzinger damals erklärt. Diese Darlegungen zeigten, dass der jetzige Papst ein großer Förderer der Bewegungen sein, ja ein "Grundpfeiler ihrer Existenz". Und seine Aufgabe bestehe darin, die beiden Pole in die "Symphonie der Kirche" einzugliedern.

Einen wichtigen Punkt, den bereits Papst Johannes Paul II. am 30. Mai 1998 angesprochen habe, betreffe die "kirchliche Reife" der Bewegungen und Gemeinschaften, die ja auch selbst jenen Gefahren ausgesetzt seien, die aus einer Haltung herrühren, die Kardinal Ratzinger mit bestimmten "pubertären" Eigenschaften in Verbindung gebracht habe und die sich beispielsweise in der Überheblichkeit von Neubekehrten, in einseitigen Erklärungen oder in der Gefahr, die eigene Erfahrung als etwas Absolutes anzusehen, äußerten. Dagegen helfe nur eine verstärkte Bemühung um die Einheit mit Papst und Kirche, konkrete Initiativen in diese Richtung. Konkret gehe es dabei um "eine Kommunion, die immer mehr mit dem Papst und den Hirten verbindet, mit denen die Gemeinschaften ihren charismatischen Reichtum teilen, sowie eine geschwisterliche Kommunion, die zwischen den verschiedenen Gemeinschaftswirklichkeiten gepflegt wird, indem man sich immer mehr einem tiefen gegenseitigen Verständnis öffnet und bei größeren Projekten zusammenarbeitet."

Als weiteres Zeichen dieser kirchlichen Reife nannte Erzbischof Rylko das missionarische Engagement der Bewegungen. Die den Bewegungen und Gemeinschaften innewohnende "missionarische Phantasie und Verpflichtung, ihre evangeliumsgemäße Radikalität", müsse vor der "Versuchung eines oberflächlichen Aktivismus" beschützt werden.

"Die Schönheit des Glaubens und die Freude, ihn weiterzugeben", betreffe insbesondere die kirchlichen Bewegungen, weil sie sich in der Schönheit ihrer Charismen widerspiegle, die kein "menschliches Verdienst, sondern Geschenke der Gnade sind". Diese Schönheit erlebten christliche Männer und Frauen auch dann, wenn sie mit ihrem Zeugnis angesichts der vorherrschenden Gleichgültigkeit und Mittelmäßigkeit zu einer lebendigen "Provokation" vieler würden.

"Das Vorbild der kirchlichen Reife der Bewegungen", fuhr Erzbischof Rylko fort, "findet hier seinen Schlüssel (…) und sein Vorbild (…): in der Person Christi, dem schönsten der Menschen". Mystische Dichter, Philosophen und Theologen wie Pascal oder Hans Urs von Balthasar hätten ein beredtes Zeugnis dieser ästhetischen und mystischen Ausstrahlung Jesu Christi gegeben.

Zur Berufung der Bewegungen und Gemeinschaften gehöre es notgedrungen, "Zeichen des Widerspruchs" zu sein, "Sauerteig in der Masse" und "Licht der Welt" (vgl. Mt 5,13-16). Wer ein dementsprechendes Leben führe, für den sei das Evangelium keine Utopie, sondern eine konkrete "Form, das Leben in Fülle zu leben und zu verkünden" – als etwas Wunderschönes und Beglückendes, "als ein faszinierendes Abenteuer".

Erzbischof Rylko schloss mit der Feststellung, dass ihm Benedikt XVI. seinen Wunsch, mit den kirchlichen Bewegungen und den neuen Gemeinschaften zusammenzutreffen, am 14. Mai 2005 mitgeteilt habe. Und dank einer außerordentlichen Fügung habe es ausgerechnet um den Vorabend zum Pfingstfest gehandelt. "Die Einladung des Papstes ist von allen Bewegungen mit großer Freude, Begeisterung und Dankbarkeit angenommen worden. Und sofort wurde unter der Leitung des Dikasteriums mit den intensiven geistigen Vorbereitungsarbeiten für dieses ganz besondere Ereignis begonnen, das im März 2006 mit dem lateinamerikanischen Kongress der Bewegungen zum Thema "Jünger Christi sein heute" seinen ersten bedeutenden Schritt nahm."