Erzbischof Stanislaw Rylko über das bevorstehende Pfingstreffen der neuen Bewegungen mit Benedikt XVI.

Interview mit dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Laien

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ROM, 30. Mai 2006 (ZENIT.org).- Am Samstag, dem 3. Juni, wird Papst Benedikt XVI. am Vorabend des Pfingstfests mit mehr als 100.000 Mitgliedern von kirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften aus aller Welt im Vatikan zusammenkommen.



Die Vorbereitung und Durchführung dieses Ereignisses hatte der Heilige Vater Erzbischof Stanislaw Rylko anvertraut. Der Präsident des Päpstlichen Rates für die Laien zeigt sich im folgenden Interview mit ZENIT davon überzeugt, dass der Petersplatz in jener Nacht zu einem Cenaculum [Abendmahlssaal, Anm. d. Red.] unter freiem Himmel werde, "wo die um den Nachfolger Petri versammelten Gemeinschaften zusammen eine neuerliche Ausgießung des Heiligen Geistes erbeten werden".

ZENIT: Wann wurden Sie mit den Vorbereitungsarbeiten zu diesem zweiten Treffen der neuen kirchlichen Gemeinschaften beauftragt? Was hat Papst Benedikt Ihnen gesagt?

-- Erzbischof Rylko: Der Heilige Vater Benedikt XVI äußerte seinen Wunsch, mit den kirchlichen Bewegungen und den neuen Gemeinschaften zusammenzutreffen, als er mir als Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Laien die erste offizielle Audienz gewährte. Das war am 17. Mai 2005. Und dank einer außerordentlichen Fügung handelte es sich um den Vorabend zum Pfingstfest!

Die Einladung des Papstes ist von allen Bewegungen mit großer Freude, Begeisterung und Dankbarkeit angenommen worden. Und sofort wurde unter der Leitung des Dikasteriums mit dem intensiven geistigen Vorbereitungsarbeiten für dieses ganz besondere Ereignis begonnen.

ZENIT: Welche Hoffnungen verbindet der Heilige Vater mit diesem Pfingsttreffen?

-- Erzbischof Rylko: Der Papst hat die Vorbereitungen aus nächster Nähe mitverfolgt. Das zeigen auch jene Worte, die er am Sonntag, dem 21. Mai, nach dem "Regina Caeli" sprach: "Während ich mich auf die apostolische Reise nach Polen vorbereite, ist in meinem Herzen und Gebet auch das bedeutende Pfingstvigil-Treffen (am Samstag, den 3. Juni) gegenwärtig. Dieser Anlass wird mir die Freude schenken, auf dem Petersplatz zahlreichen Mitgliedern von mehr als 100 kirchlichen Bewegungen und Neuen Gemeinschaften aus der ganzen Welt zu begegnen. Ich weiß gut, worin ihr bildender, erzieherischer und missionarischer Reichtum besteht, der vom geliebten Papst Johannes Paul II. so sehr geschätzt, unterstützt und ermutigt wurde."

Benedikt XVI. beobachtet diese neuen Vereinigungen schon seit vielen Jahren, und er tut dies mit der Zuneigung des Theologen und Hirten. In unserer postmodern, zutiefst säkularisierten Welt bemerken wir, wie der Glaube bei vielen Menschen in einem besorgniserregenden Maße abnimmt. Vor diesem Hintergrund erscheinen diese neuen Charismen als wichtige Zeichen der Hoffnung, als kraftvolle Wege, um den Glauben zu leben, als Stätten, wo die Begegnung mit Christus begünstigt wird, der das Leben der Menschen radikal umgestaltet, indem er vielen eine außerordentliche Begeisterung für die Evangelisierung schenkt.

Diese Wirklichkeiten sind Frucht von immer wieder auftretenden neuen Ausgießungen des Heiligen Geistes im Leben der Kirche, also von Initiativen, die sich kein Mensch hätte ausdenken, die niemand hätte planen können. Es sind völlig unverdiente Geschenke, die das Gottesvolk mit tiefer Dankbarkeit annehmen muss. Und ich glaube, dass der Papst im bedeutsamen Kontext des Hochfests von Pfingsten nicht zögern wird, mit Nachdruck an die ganze Kirche zu appellieren, sich diesen Gaben des Heiligen Geistes immer mehr zu öffnen. Und zugleich wird er die Bewegungen dazu ermutigen, der Sendung der Kirche weiterhin großzügig und begeistert zu dienen.

ZENIT: Wie werden die entscheidenden Augenblicke dieses Treffens aussehen?

-- Erzbischof Rylko: Das Treffen der Bewegungen und der Neuen Gemeinschaften mit dem Heiligen Vater wird eine wunderbare Epiphanie der Kirche sein, in der die ganze Vielfalt und Verschiedenheit dieser charismatischen Gaben zum Ausdruck kommt, die sich gegenseitig bereichern und gleichzeitig ein Zeugnis einer tiefen kirchlichen Gemeinschaften sind. Die Begegnung wird dem liturgischen Ablauf der ursprünglichen Vespern vom Hochfest Pfingsten folgen, und während der Feier, die um 18.00 Uhr beginnt, werden die Teilnehmer dazu eingeladen, die Gnade des Sakraments der Firmung zu erneuern. Der bedeutendste Augenblick wird sicherlich dann kommen, wenn der Heilige Vater seine Ansprache an die Anwesenden richtet.

In Erwartung der Ankunft des Papstes werden sich die Teilnehmer ab 16.00 Uhr in einem Klima der meditativen Einstimmung auf dem Petersplatz versammeln, abwechselnd Lieder singen und beten sowie Abschnitte aus Ansprachen von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. an die Bewegungen hören. Es wird auch eine Reihe von persönlichen Zeugnissen geben. Es wird eine große Anzahl von Teilnehmern erwartet, die aus mehr als 100 kirchlichen Bewegungen und Neuen Gemeinschaften kommen.

Um die Kommunikation zu erleichtern, bietet "Radio Vatikan" einem Service mit Simultanübersetzung auf Französisch, Englisch, Spanisch und Italienisch an. Am Pfingstsonntag wird der Papst als Krönung all dessen, was am Vorabend geschieht, die um 9.30 Uhr auf dem Petersplatz die Eucharistie feiern; und er lädt alle ein, an dieser Heiligen Messe teilzunehmen.

Ein letzter Hinweis: Am Abend vor dem Treffen, also am Freitag, dem 2. Juni, werden jeweils ab 19.00 Uhr in den verschiedenen Basiliken und Kirchen Roms Gebetswachen stattfinden. Sie werden von verschiedenen Bewegungen organisiert, um die ganze Kirche Roms in dieses Ereignis mit einzubeziehen.

ZENIT: Dem Treffen des Papstes mit den Bewegungen geht eine andere wichtige Veranstaltung voraus: die 2. Weltkonferenz der kirchlichen Bewegungen und Neuen Gemeinschaften, die vom 31. Mai bis zum 2. Juni in Rocca di Papa bei Rom stattfindet. Worum geht es dabei?

-- Erzbischof Rylko: An dieser Konferenz werden 300 Personen teilnehmen, unter denen sich Delegierte von hunderten Bewegungen und Neuen Gemeinschaften, unterschiedlichste Persönlichkeiten sowie Vertreter anderer Kirchen und christlicher Gemeinschaften befinden. Das Motto der Konferenz lautet: "Die Schönheit, Christ zu sein, und die Freude, dies weiterzugeben". Es wurde von jenen Worten inspiriert, die Papst Benedikt XVI. am Tag des offiziellen Beginns seines Pontifikats sprach: "Es gibt nichts Schöneres, als vom Evangelium, von Christus gefunden zu werden. Es gibt nichts Schöneres, als ihn zu kennen und anderen die Freundschaft mit ihm zu schenken" (vgl. Predigt vom 24. April 2005).

In der säkularisierten Welt von heute geben die Neuen Gemeinschaften und Bewegungen, die als Geschenk des Heiligen Geistes für die Kirche entstanden sind, auf eindrucksvolle und überzeugende Weise Zeugnis dieser Schönheit. Heute reicht es tatsächlich nicht aus, über Christus zu sprechen. Es ist, wie Johannes Paul II. uns sagte, unbedingt erforderlich, den anderen Christus durch ein überzeugend gelebtes christliches Leben zu zeigen(vgl. Apostolisches Schreiben Novo Millennio ineunte, Nr. 16).

In diesem Sinn werden die Kongressteilnehmer dazu eingeladen, gemeinsam über die "kirchliche Reife" der Bewegungen und Gemeinschaften nachzudenken, ein Weg, den Papst Karol Wojtyla den Gemeinschaften bereits vor acht Jahren während des unvergessenen Treffens am 30. Mai 1998 ans Herz legte. Der Kongress wird aus Dialog und Zeugnis bestehen und von tiefer kirchlicher Kommunion sowie dem Hinhören auf das geprägt sein, was der Heilige Geist der Kirche heute sagen will. Und sie wird sich ganz auf Christus, "den schönsten aller Menschenkinder", konzentrieren (vgl. Ps 45).

ZENIT: Welches sind die häufigsten Schwierigkeiten bei der Eingliederung dieser neuen kirchlichen Realitäten in die Kirche?

-- Erzbischof Rylko: Als Papst Benedikt XVI. noch Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre war, hat er hervorgehoben, dass uns der Heilige Geist immer dann, wenn er eingreift, mit der völlig unerwarteten Neuheit seiner Gaben in Staunen versetzt. Folglich braucht man sich nicht wundern, wenn neue Charismen auch zur Ursache einer gewissen Störung in der gewohnten pastoralen Praxis der Diözese und der Gemeinden werden. Es gibt Laien und Hirten, denen es sehr schwer fällt, die wahre Bedeutung dieser Geschenke zu erfassen. Und selbst heute mangelt es nicht an Misstrauen und Widerständen. Außerdem sind die Bewegungen und Gemeinschaften auch selbst jenen Gefahren ausgesetzt, die aus einer Haltung herrühren, die Kardinal Ratzinger mit bestimmten "pubertären" Eigenschaften in Verbindung gebracht hat – zum Beispiel die Überheblichkeit von Neubekehrten, einseitige Äußerungen oder die Gefahr, die eigene Erfahrung als etwas Absolutes anzusehen. Um diesen Gefahren, die es auf der einen und auf der anderen Seite gibt, vorzubeugen, führte Johannes Paul II. den Gemeinschaften eine wichtige Richtlinie vor Augen.

In der Enzyklika Redemptoris missio lud er sie an jener Stelle, wo es um die Bewegungen geht, dazu ein, sich in einer bescheidenen Haltung der Dienstbereitschaft in die Ortskirchen einzugliedern. Und die Hirten bat er, diese Gemeinschaften mit väterlicher Herzlichkeit aufzunehmen (vgl. 72).

Kardinal Ratzinger hat den Bewegungen und Hirten seinerseits empfohlen, sich immer vom Heiligen Geist belehren und reinigen zu lassen (vgl. "I movimenti ecclesiali e la loro collocazione teologica", in: "I movimenti nella Chiesa" ["Die Bewegungen in der Kirche"], hrsg. vom Päpstlichen Rat für die Laien, 49). Das Wichtige ist, dass die Bewegungen in der Kirche wirklich als eine Gabe des Heiligen Geistes verstanden werden und nicht nur als ein Problem. Und die Erfahrung des Päpstlichen Rates für die Laien lässt die Aussage zu, dass das Bewusstsein für dieses Geschenk unter den Hirten stark zugenommen hat.

ZENIT: Kann das Pfingstfest 2006 ein neues Pfingsten für die Kirche werden?

-- Erzbischof Rylko: Ich bin mir sicher, dass das Treffen der Bewegungen mit Papst Benedikt XVI., genauso wie jenes am 30. Mai 1998 mit dem Diener Gottes Johannes Paul II., ein wichtiger Meilenstein im Leben dieser Bewegungen und ein starkes Zeichen der Hoffnung für die ganze Kirche sein wird. Am kommenden 3. Juni wird sich der Petersplatz in ein Cenaculum [Abendmahlssaal, Anm. d. Red.] unter freiem Himmel verwandeln, wo die um den Nachfolger Petri versammelten Gemeinschaften zusammen eine neuerliche Ausgießung des Heiligen Geistes erbeten werden: "auf dass der Heilige Geist die Herzen der Gläubigen erfülle und allen die Botschaft der Liebe Christi, des Retters der Welt, verkündet werde", wie es Benedikt XVI. am Sonntag, dem 21. Mai, ausdrückte.