Erzbischof Tomasi: Die Solidarität mit den Armen nimmt jeden in die Pflicht

Interview mit dem Ständigen Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen in Genf

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GENF, 27. September 2007 (ZENIT.org).- Die Christen sollten sich stärker als bisher dafür eintreten, dass die Solidarität mit den armen Ländern dieser Welt zunimmt. Das fordert Erzbischof Silvano Tomasi, Apostolischer Nuntius und Ständiger Beobachter des Heiligen Stuhles bei der UNO und ihren Einrichtungen in Genf, im vorliegenden ZENIT-Interview.



ZENIT: Nach welchen Kriterien bemisst die Diplomatie des Vatikans die Realität der Benachteiligten in der Welt?

Erzbischof Tomasi: Auf internationaler Ebene – bei den Vereinten Nationen und in den Einrichtungen, die der UNO zugeordnet werden – arbeitet der Heilige Stuhl im „Beobachter-Status“. Damit ist das Recht verbunden, an den verschiedenen Sitzungen und Tätigkeiten ohne Stimmrecht teilzunehmen und sich dort zu äußern, wodurch er gegenüber allen anderen Staaten eine unabhängigere Position einnehmen kann.

Zusätzlich bemüht sich der Heilige Stuhl darum, die Auseinandersetzung über die Unterstützung und Hilfe der weniger entwickelten Länder zu fördern, und dies hauptsächlich mit Blick auf jene, die sich in einem Zustand extremer Armut befinden. Insbesondere bemüht sich der Heilige Stuhl diesbezüglich um eine öffentliche Kultur, eine weltweite öffentliche Meinung, indem er darauf hinweist, dass sich die entwickelten Länder nicht nur entscheiden sollten, diesen ärmeren Ländern gegenüber solidarisch zu sein, sondern dass es hier um eine ethische Verantwortung geht.

Zweitens versucht der Heilige Stuhl, all diesen Ländern reale Hilfen zu bieten. Er tut das nicht nur durch Geld, das manchmal zur Korruption beitragen kann, sondern hauptsächlich durch technische Ausbildung, Informationsaustausch und dem Austausch von Patenten, um ihnen so die Möglichkeit zu geben, Medikamente herzustellen.

Dann setzen wir uns dank der Strukturen, die auf internationaler Ebene bereits vorhanden sind, und zusammen mit den Vereinten Nationen, etwa wie der „Kommission für Handel und Entwicklung der Vereinten Nationen“, dafür ein, die Förderung der weniger reichen Länder voranzutreiben und ihnen günstige Bedingungen für den Eintritt in Handelsbeziehungen zu verschaffen. Denn eines der wichtigen Konzepte der kirchlichen Soziallehre ist das der Teilhabe. Dementsprechend haben alle das Recht, am internationalen Leben teilzunehmen und in gerechter, anteiliger und vertretbarer Weise Zugang zu den gemeinsamen Gütern zu bekommen.

ZENIT: Welche Position vertreten Sie in der Frage der Tilgung der Schuldenlast der armen Nationen?

Erzbischof Tomasi: Schon vor Jahren, besonders seit den Jubiläumsfeierlichkeiten im Jahr 2000, haben einige private Organisationen, die Kirche und der Papst selber zur Annullierung der Schulden der armen Länder aufgerufen, weil die Tilgungslast dieser Verschuldung ein derart erdrückendes Gewicht ist, dass es die Entwicklung sogar blockiert. Folglich stehe ich der möglichst umgehenden Aufhebung dieser Schuldenlast der ärmsten und am meisten verschuldeten Länder positiv gegenüber. Damit könnten wenigstens einige der vorhandenen finanziellen Ressourcen auf eine soziale Entwicklung hin, den Dienst an der Gesundheit, die Ausbildung der Kinder, Leitungen für Trinkwasser kanalisiert werden. Dadurch könnte das Niveau der Lebensqualität langsam angehoben werden.

ZENIT: Glauben Sie, dass die Zivilgesellschaft ausreichend informiert ist und an den Problemen tatsächlich Anteil nimmt, die mit der Entwicklung der armen Länder zu tun haben?

Erzbischof Tomasi: Die öffentliche Meinung lässt sich oft durch viele Dinge ablenken, die nicht so wesentlich sind. Manchmal erregen die großen Tragödien oder die humanitären Kampagnen nur für einen Augenblick oder für ein, zwei Tage die Aufmerksamkeit. Es ist schon länger her, als wir mit dem Fall des Tsunami in Südostasien zu tun hatten, der zu einer sehr konstruktiven Antwort geführt hat, einer Antwort, die seitens der Bevölkerung sehr positiv und großzügig war. Aber wir haben auch andere Tsunamis: Es gibt Tausende von Menschen, die täglich an Hunger, Malaria oder Aids sterben. Und von diesen „stillen Tragödien“ wird nicht geredet.

Die Massenmedien bringen manchmal irgendeinen Bericht und geben einige Informationen weiter, aber bald gehen sie verloren, weil die Nachrichten nicht dramatisiert werden und folglich die öffentliche Aufmerksamkeit wieder davon abgelenkt wird. Die Tatsache, dass es „Dauerkriege“ und als Konsequenz der Konflikte in Afrika, Asien oder im Nahen Osten zahlreiche Tote gibt, veranlasst zu einer gewissen Gleichgültigkeit. Beinahe scheint es so, als hätten wir uns an diese Tragödien  als etwas Normales gewöhnt.

Meiner Meinung nach ist es für viele Leute fast dasselbe, die Fernsehnachrichten zu sehen – dass 100 Menschen in Bagdad, weitere 20 in Mogadischu und 50 Flüchtlinge in einem afrikanischen Flüchtlingslager ermordet worden sind –, wie einen Film, der ihnen im Anschluss an die Nachrichten etwas Ablenkung verschafft. Folglich ist es entscheidend für die Christen, durch das Netzwerk der Gemeinden, Gruppen und Bewegungen über die große Bedeutung der Solidarität für die Entrechteten zu sensibilisieren, um gemeinsam für den Frieden, für ein wenig Fortschritt und eine bessere Lebensqualität für diese Menschen in der Ferne zu arbeiten.

ZENIT: Sind auch Sie der Meinung, dass die Aufgabe von multilateralen Beziehungen in der Diplomatie und eine Rückkehr zum bilateralen Dialog eine Gefahr für die Zusammenarbeit innerhalb der internationalen Gemeinschaft darstellt?

Erzbischof Tomasi: Ich möchte zunächst erwähnen, dass immer noch eine große Bereitschaft vorhanden ist, auf multilateraler Ebene zu kämpfen und zu vermitteln, um nach Lösungen für die anstehenden Probleme zu suchen, besonders was das Handelswesen angeht. Was das betrifft, besteht der Leiter der weltweiten Handelsorganisation (OMC) darauf, dass wir alle im gleichen Boot sitzen bleiben und weiterrudern müssen, um langfristig in der Lage zu sein, effizient zu arbeiten, auch zum Wohl der entwickelten Länder.

Allerdings gibt es gegenwärtig in Europa und in anderen Ländern dennoch die Versuchung, einem gemeinsamen Vorgehen, das notwendig wäre, auszuweichen und diese gemeinsame Initiative durch bilaterale Verhandlungen zu ersetzen. Aber das hat sehr gefährliche Konsequenzen, denn der Stärkere neigt ja dazu, dem Schwächeren seine Bedingungen einfach aufzuerlegen, und so gestaltet sich das Miteinander nicht wirklich gerecht.

Langfristig kann auf diesem Weg bestenfalls die Bewahrung des Status quo erreicht werden, also die Koexistenz der reichen und armen Länder. Die Armut wird so tatsächlich nicht bekämpft.

ZENIT: Wie bewerten Sie als Ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls in Genf die Tatsache, dass die internationalen Organisationen, die mit wirtschaftlichen Zielen betraut sind, insbesondere das OMC, sich verstärkt für den Einsatz zur sinnvollen Entwicklung der Länder der Dritten Welt einsetzen?

Erzbischof Tomasi: Ich nahm an der Ministerkonferenz von Hongkong Ende 2005 teil, als das OMC versuchte, die „Doha Development Round “ auszuwerten. Damals erkannte man, dass es trotz schwieriger Verhandlungen möglich ist, Vereinbarungen zu treffen, die allen zugute kommen. Folglich muss man sich dieser internationalen Strukturen, die notwendig sind, um eine weltweite Wirtschaft zu schaffen, einen globalen Markt und eine globale Kultur, auf intelligente Weise bedienen.

Wir müssen mit diesen Strukturen arbeiten, um Ziele zu erreichen, die wirklich mit den grundlegenden Werten übereinstimmen, die wir als Christen und als Menschheitsfamilie haben.

Wenn es mehr Reichtum gibt, der die Armut beseitigt, lebt nicht nur der besser, der in den bereits entwickelten Ländern wohnt, sondern auch jener, der in diesen Kreis eines würdigen Lebens eintreten können muss.