Erzbischof von Bagdad: „Allein sind wir nicht in der Lage, für Frieden zu sorgen“ (Teil 2)

Interview mit Erzbischof Jean Benjamin Sleiman

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BAGDAD, 5. April 2007 (ZENIT.org).- In diesem zweiten Teil des ZENIT-Interviews mit dem lateinischen Erzbischof von Bagdad (Irak) geht es um die Frage der evangelikalen Prediger, mögliche Auswege aus der irakischen „Falle“ und die Hoffnung, die Edith Stein auch den irakischen Christen vermitteln kann.



Bischof Jean Benjamin Sleiman OCD (57) ist maronitischer Herkunft und für alle Iraker des lateinischen Ritus verantwortlich. Im Gespräch mit ZENIT ging er auf die aktuelle Situation im Irak ein. Teil 1 erschien am Mittwoch.

ZENIT: In den vergangenen beiden Jahren siedelten sich in Bagdad sieben evangelikale Kirchen an. Die Prediger, die im Zuge des Einmarsches der US-Truppen ins Land gekommen sind, finden sich in einem Kontext wieder, in dem Christen und Muslime dank der stillen Übereinkunft miteinander auskommen, sich gegenseitig nicht zu bekehren. Welchen Einfluss haben die evangelikalen Prediger auf die aktuelle Lage der Christen im Irak?

-- Bischof Sleiman: Man muss hinzufügen, dass das Phänomen der Prediger ein weltweites Phänomen ist. Nach dem Sturz des Regimes kamen sie in den Irak. Sie haben ein Argument auf ihrer Seite: die Religionsfreiheit. Aber meiner Meinung besitzen sie keinen Respekt vor den alten Kirchen, die es hier gibt. Und weil sie das Bedürfnis haben, die Muslime zu bekehren, schüren sie Argwohn und geben Anlass zu Verdächtigungen.

Ihr Proselytismus respektiert die irakische Mentalität nicht. Die irakischen Christen verfügen über Wurzeln und kulturelle Erfahrungen, die denen der Muslime ähnlich sind. Man kann nicht einfach so, in der Art von Imperialisten, daherkommen, um das Christentum einzupflanzen. Eine solche Haltung führt dazu, dass die Verdächtigungen gegenüber den Christen ansteigen, und beeinträchtigt damit zu Unrecht ihre Stellung im Irak.

Das irakische Christentum ist zum größten Teil apostolisch und geht auf das erste Jahrhundert zurück, wenn man von der lateinischen Kirche, den Protestanten und der armenischen Kirche absieht, die in der Zeit des ersten Krieges bedeutend wurde.

Die Christen im Irak sind keine Mikrobe im Körper, sondern sie sind, umgeben von anderen Realitäten, selbst dieser Körper. Es genügt, an ihren Beitrag zur Zeit der Kalifen zu denken: die großen Ärzte der damaligen Zeit waren Christen und Juden. Die Übersetzung der griechischen Klassiker wurden von den Christen angefertigt.

Die Geschichte zeigt, dass den Übersetzungen der christlichen Mönche bei der Reise der griechischen Philosophie von den Arabern nach Europa eine Vermittlerrolle zufällt. Die Christen im Irak sind die ältesten Nachkommen dieser Erde.

ZENIT: Die Katholische Weltunion der Presse (UCIP) hat die irakische Monatszeitschrift „Al-Fikr Al-Masihi“ („Christliches Gedankengut“) mit ihrer Goldmedaille 2007 ausgezeichnet. Welche Bedeutung hat dieser Preis für die Zeitschrift, aber auch für die irakischen Christen?

-- Bischof Sleiman: „Al-Fikr Al-Masihi“ wurde 1964 von der Christkönig-Kongregation im Irak gegründet und dann den Dominikanern anvertraut. Als christliche Zeitschrift hat sie einen gewissen Einfluss, und die, die für dieses Medium arbeiten, beweisen großen Mut. Ich glaube aber, dass die UCIP mit der Auszeichnung für „Al-Fikr Al-Masihi“ den Widerstand der Christen im Irak würdigen wollte und die Bereitschaft, weiter voranzuschreiten.

ZENIT: Gegenwärtig hat es den Anschein, als würde sich die Situation im Irak verschlimmern. Welche Botschaft würden sie an die Verantwortlichen des irakischen Dilemmas richten, damit sie aus der „Falle“ herauskommen?

-- Bischof Sleiman: Mein größter Wunsch ist es, dass eine Lösung für dieses menschliche Dilemma gefunden wird. Man muss verstehen, dass die irakische Frage jetzt nicht mehr allein die irakische Frage ist, sondern dass es um die Frage des Nahen Ostens geht. Wenn man dieses Problem nicht löst, wird es zu einem Flächenbrand, der sich bis zum Mittelmeer ausbreiten wird, ja vielleicht sogar bis nach Nordafrika.

Die Mitarbeit der Nachbarländer muss angenommen werden, denn auch sie haben ihre Interessen und Ängste. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, für Frieden zu sorgen, wenn wir auf uns allein gestellt sind; ein Konsens aller betroffenen Nationen ist von großer Bedeutung. Es muss im Irak für Frieden gesorgt werden, damit er in anderen Gegenden bewahrt werden kann. Wenn es im Irak zu einem Krieg zwischen Sunniten und Schiiten kommen würde, würde die ganze Region in Flammen aufgehen. Und mit Sicherheit würde er auf andere Länder übergehen.

Die USA verhindern einen allgemeinen Zusammenstoß zwischen den verschiedenen Seiten, aber sie könnten mehr erreichen, wenn sie die Versöhnung begünstigen, die die amtierende Regierung fördern bestrebt ist. Damit Versöhnung tatsächlich geschieht, muss die politische Begegnung begünstigt werden. Sogar der General der US-Streitkräfte im Irak, David Petreus, ist davon überzeugt, dass die Lösung der Krise nicht auf militärischem Weg erfolgen kann. Mann muss Ordnung schaffen, aber damit die Ordnung erhalten bleibt, bedarf es politischer Maßnahmen.

ZENIT: Sie haben ein Buch über die heilige Karmelitin Teresa Benedicta vom Kreuz (Edith Stein) geschrieben, die sie als „Prophetin für morgen“ ansehen. Hat die christliche Spiritualität angesichts des großen Leids, das sie schildern, etwas zu sagen? Wie kann der Christen im Irak ein „Prophet für morgen“ sein?

-- Bischof Sleiman: Ohne geistliche Erfahrung kann man dem Bösen nicht widerstehen. Viele sehen in Edith Stein die Gestalt der Märtyrerin. Aber sie ist nicht nur die Märtyrerin von Auschwitz. Edith Stein ist eine Frau, die Hoffnung macht, die das Christentum auf prophetische Weise gelebt hat. Der Prophet wird nach biblischem und christlichem Verständnis zu einem Spiegel Gottes; er ist nicht ein Mensch, der notwendigerweise wissen muss, was geschehen wird. Der Prophet ist ein Mensch, der das Wort Gottes versteht, es selbst lebt und seine Reichtümer offenbart.

Edith es eine Lehrmeisterin des geistlichen Lebens und des Lebens der Hoffnung. Als Märtyrerin bezeugt sie uns, dass der Herr größer ist als alles Böse; sie gibt uns zu verstehen, dass das Böse nicht das letzte Wort hat. Wir alle sind angesichts des Bösen und der Macht derer, die Böses tun, geschockt. Wenn man aber gründlicher nachdenkt, erkennt man, dass das Böse ein Mangel an Sein ist: Das Böse gibt es nur, weil das Gute nicht seinen Teil geleistet hat.

Wenn ich predige, versuche ich, den Menschen zu helfen, die Hoffnung zu leben, die eine Gabe Gottes ist. Die Hoffnung besteht im Wissen, dass das Böse trotz allem Übel und trotz der Ungerechtigkeit, die uns angetan wird, nicht das letzte Wort hat.

Mein Gebet ist ganz einfach: „Dein Reich komme.“ Und wenn ich diese Worte sage, sehe ich jene Menschen vor mir, die im Namen Gottes morden, im Namen Gottes ethnische Reinigung betreiben wollen. Ich bete für sie, damit sich ihnen das Reich Gottes als das Reich des Friedens, der Vergebung und der Liebe zu erkennen gibt.