Erzbischof Wilson: Nie wieder Missbrauchskrise

Interview mit dem Vorsitzenden der Australischen Bischofskonferenz

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SYDNEY, 20. Juli 2008 (ZENIT.org) .- Benedikt XVI. entschuldigte sich am Samstag bei den Opfern von sexuellem Missbrauch in Australien – eine Geste, die, wie der Papst sagte, auch von Maßnahmen zu ihrer Verhütung unterstützt werden müsse, damit sich die Krise nicht wiederhole.



Erzbischof Philip Wilson von Adelaide, der Vorsitzende der Australischen Bischofskonferenz, spricht sich in diesem Zusammenhang für die Erstellung eines Präventivplans aus, um nicht nur auf den Missbrauch zu reagieren, sondern ihm auch vorzubeugen.

Der Erzbischof ist in diesen Tagen persönlich dabei gewesen, als der Papst den liturgischen Feiern des 23. Weltjugendtags vorstand. Das Glaubensfest der Jugendlichen mit dem Heiligen Vater ist heute, Sonntag, mit der Abschlussmesse zu Ende gegangen.

In diesem ZENIT-Interview kommentiert Erzbischof Wilson die konkreten Maßnahmen, die erforderlich sind, um zu verhindern, dass sich die Missbrauchskrise in der Zukunft wiederholt. Des Weiteren äußert er sich zur Wirkung des Weltjugendtags für Sydney.

ZENIT: Wie haben Sie es gesehen, dass Benedikt XVI. die Frage des sexuellen Missbrauchs in seiner Predigt an die Geistlichen aus Australien erwähnte?


Erzbischof Wilson: Der Heilige Vater sprach als Hirte der Kirche über den sexuellen Missbrauch in Australien, der von Geistlichen und Ordensleuten verübt wurde. Und er sprach darüber, wie sehr in dies selbst quälte und wie viel Kummer er verspürte, und dass Dinge getan werden müssen, um insbesondere den Opfern gegenüber voll Erbarmen zu reagieren. Er sieht auch, dass Arbeit geleistet werden muss, um sicherzustellen, dass dies nicht wieder geschieht. Dazu müssen wir herausfinden, auf welche Weise Kinder geschützt und in unseren Gemeinden betreut werden können, ohne dass Gefahrensituationen für sie entstehen.

ZENIT: Können Sie uns einen Einblick in das geben, was in dieser Hinsicht schon getan wird und was Ihrer Meinung noch getan werden könnte?


Erzbischof Wilson: Ich denke, dass die Menschen überall wirklich hart arbeiten, um auf die geeignetste Weise zu reagieren, und dass sie in einer wirklich guten Art und Weise versuchen, den  Opfern zu helfen. Dazu gehört auch, dass wir die Schuld zugeben…

Wir geben die Tatsache zu, dass die Menschen, die solche schrecklichen Dinge getan haben und dafür auch verantwortlich sind, zur Kirche gehören. Unsere Reaktion muss also angemessen, aber auch realistisch und verbindlich sein.

Es bringt nicht viel, bloße Entschuldigungen abzugeben und dann nichts zu tun. Es müssen konkrete Schritte unternommen werden. Und in Australien legen wir einen starken Wert darauf. Daher haben wir seit 1996 ein Programm mit dem Namen „Towards Healing“ („Auf dem Weg zur Heilung“) etabliert, das gerade dies tut.

Es funktioniert wirklich gut. Menschen, die Opfer waren, haben uns viel zu erzählen, und das  Programm hat sein Verfahren in der Tat einige Male als Reaktion auf den Beitrag der Opfer verändert.

ZENIT: Aber wie ich gehört habe, sagten Sie zuvor, dies sei nur ein Bereich, in dem die Kirche dabei ist, zu tun, was sie kann, nicht wahr?


Erzbischof Wilson: Ja. Ich war lange sehr besorgt darüber, dass es ein breiteres Programm seitens der Kirche braucht, um mit diesen Fragen umzugehen.

Erstens müssen wir ein Programm zum Umgang mit den Tätern aufstellen. Wenn Menschen dies tun, dann müssen sie gestoppt werden, und zwar mit aller Macht, die die Kirche hat.

Zweitens muss ein krimineller Akt den Behörden direkt gemeldet werden.

Drittens: Wir müssen dann in unserem Auswahlverfahren der Kandidaten für das Priestertum und das religiöse Leben sehr vorsichtig sein, um sicherzustellen, dass sie so gesund wie möglich sind, psychologisch wie auch physisch, und für das Leben, das sie zu leben gerufen sind, gut vorbereitet werden.

Viertens, wie der Heilige Vater am Samstag sagte – und ich beglückwünsche ihn dazu –, müssen wir prüfen, was wir als Gemeinschaft tun müssen, um bessere Schutzsysteme für die Kinder zu entwickeln.

ZENIT: Bei so viel Skepsis gegenüber der Kirche seitens der säkularen Medien, was denken Sie, hat der Weltjugendtag geleistet, um diese Haltung gegenüber der Kirche zu verändern?

Erzbischof Wilson: Die Leute denken oft, dass die katholische Kirche keine lebendige Verbindung zu den Jugendlichen hat. Und es gibt Schwierigkeiten um dieses Thema herum, denn wir leben in einer Kultur, die Menschen nicht ermutigt, zu glauben oder der Kirche zu antworten.

Aber es ist eine Tatsache, dass fast 500.000 junge Menschen aus der ganzen Welt hier sind, die fast ausdrücklich sagen, dass sie ihren Glauben stärken wollen; dass sie hierher kommen, um nicht nur vom Papst, sondern von ihren eigenen Bischöfen angeleitet zu werden.

Sie waren während ihres ganzen Aufenthalts hier in ein Ausbildungsprogramm involviert, das nicht nur Spaß und Spannung enthält, sondern auch ein grundlegendes spirituelles Profil besitzt. Dies scheint mir eine neue Perspektive auf das Leben der Kirche in diesem Moment zu eröffnen.

ZENIT: Was wird die Kirche in Australien nach dem Weltjugendtag tun?

Erzbischof Wilson: Ich glaube nicht, dass unsere Arbeit je getan ist. Wir müssen versuchen zu erklären, wer wir sind – nicht so sehr durch das, was wir sagen, sondern durch die Art und Weise, wie wir leben. Das ist es, was wir zu tun haben.

Wir müssen den jungen Menschen überall die Erfahrung von Gemeinschaft ermöglichen. Und die Aktivitäten des Weltjugendtages haben dies geboten, wie ich selbst während des Besuchs der Katechese für eine Gruppe in einer Pfarrei Sydneys erleben konnte.

Als ich am frühen Morgen kam, war die Gemeinde dabei, die Pilger großzügig zu verpflegen. Dies hat die Art und Weise beeinflusst, in der diese miteinander interagierten. Dann versammelte man sich zum Gebet, und es gab ein Forum mit mir selbst, gefolgt von einer Messe und dann Mittagessen. Die Jugendlichen waren überwältigt von der Großzügigkeit und Fürsorge. Das ist ein echter Ausdruck unserer „Communio“ und Gastfreundschaft, die hilft, unsere Mission der Welt vorzustellen.

Der heilige Franziskus von Assisi hatte Recht, als er sagte: „Du musst alle Zeit predigen, aber selten mit Worten.“ Wir können mit schönen Worten erklären, was wir tun, aber es hat nicht denselben Effekt, wie wenn die Menschen diese Liebe in einer körperlich interaktiven Form erleben.

[Das Interview führte Catherine Smibert; Übersetzung von Katharina Karl]