Erzbischof Zollitsch: Keine Überwindung der Kirchenspaltung ohne solide theologische Klärung

Erklärung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz zum Aufruf: Ökumene jetzt, ein Gott, ein Glaube, eine Kirche

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BONN, 11. September 2012 (ZENIT.org/PM DBK). - Am 5. September 2012 hat eine Initiative engagierter katholischer und evangelischer Christen eine Erklärung „Ökumene jetzt – ein Gott, ein Glaube, eine Kirche“ veröffentlicht. Angesichts der beiden Jahrestage 500 Jahre Reformation und 50 Jahre Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils wollen die Unterzeichner die Notwendigkeit der Ökumene unterstreichen. Sie fordern die Kirchen auf, den Weg der Ökumene konsequent weiterzugehen, und sie erklären, sich selbst aktiv daran beteiligen zu wollen.

Aus katholischer Sicht ist der ökumenische Dialog unverzichtbar. Er dient der Überprüfung theologischer Hindernisse auf dem Weg zur sichtbaren Einheit aller Christen und zielt auf deren Überwindung. Das Zweite Vatikanische Konzil hat unmissverständlich erklärt – der Aufruf „Ökumene jetzt“ würdigt dies –, dass der Weg der Kirche im Sinne Jesu ein Weg sein muss, der zur Einheit führt, die „auch sichtbar Gestalt“ gewinnt. Eine gegenseitige Anerkennung der Kirchen ist tatsächlich zu wenig. Es ist ein Segen, dass es dank der Bemühungen im theologischen Gespräch der letzten Jahrzehnte vor allem zwischen den orthodoxen, reformatorischen und römisch-katholischen Traditionen zu großen Fortschritten kam. Es bleibt dennoch schmerzlich, dass eine volle sichtbare Einheit der Kirche nicht absehbar ist. Zu den großen Fortschritten gehört die gegenseitige Anerkennung der Taufe. Durch sie sind Christen wirklich als „Geschwister miteinander verbunden“, wie die Erklärung schreibt. Die Taufe allerdings gliedert in die Kirche ein, deren Mitte die eucharistische Teilhabe am Leib Christi in der Nachfolge der Apostel ist und die Getauften tatsächlich „ein Leib“ (Eph 4) sein lässt, wenn „die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden“ (Confessio Augustana 7). Gerade das Konzil hat die Not erkannt, dass die Einheit der Taufe ohne die gemeinsame Teilhabe an der Eucharistie unvollständig bleibt. Es ist eine ständig erfahrbare Wunde, dass in Bezug auf diese Zusammenhänge das gemeinsame Verständnis im Glauben fehlt. Die Deutsche Bischofskonferenz bekennt sich umso entschiedener zum ökumenischen Dialog – in Deutschland und auf weltkirchlicher Ebene –, der die Unterschiede in Glaubensfragen in den Blick nehmen, überprüfen und überwinden helfen soll, damit die Sehnsucht der Christen nach Einheit zur Erfüllung kommt.

Wir sind dankbar und unterstützen es nachhaltig, wenn Christen und wenn die Gemeinden vor Ort lebendige ökumenische Beziehungen unterhalten, die ohne Zweifel eine große geistliche Fruchtbarkeit entfalten können. Eine Überwindung der Kirchenspaltung ist gleichwohl nicht ohne eine solide theologische Verständigung möglich. Es waren ja nicht primär politische Faktoren, die die Reformatoren zu ihren Neuerungen führten und deren Fortfall die Kirchenspaltung obsolet machen würde. Es waren vor allem theologische Gründe – und erst nachrangig politische Ursachen –, die schlussendlich zur Kirchenspaltung geführt haben. Wenn die Einigung nicht auf Sand gebaut sein soll, muss das praktische Bemühen im Konkreten einhergehen mit der theologischen Vergewisserung im Grundsätzlichen. Für die Deutsche Bischofskonferenz wird das Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 1965) Anlass sein, seine Dokumente erneut zu lesen und für heute lebendig zu machen. Dazu wird auch das Bemühen im Bereich der Ökumene gehören.

Im September 2011 hat Papst Benedikt XVI. das Erfurter Augustinerkloster besucht, in dem Martin Luther lebte. Ihn würdigte der Papst als einen Christen, den die Frage nach Gott leidenschaftlich umtrieb: „’Wie kriege ich einen gnädigen Gott?‘: Diese Frage hat ihn ins Herz getroffen und stand hinter all seinem theologischen Suchen und Ringen. Theologie war für Luther keine akademische Angelegenheit, sondern das Ringen um sich selbst, und dies wiederum war ein Ringen um Gott und mit Gott.“ Und weiter stellte der Papst Luthers Ausrichtung auf Jesus Christus und Luthers Spiritualität heraus: „‘Was Christum treibet‘, das war für Luther der entscheidende hermeneutische Maßstab für die Auslegung der Heiligen Schrift.“ Ökumene ist nicht eine politische Frage, sondern zunächst und vor allem eine Frage der Suche nach Gott, der befreienden und zugleich fordernden Ausrichtung an der Heiligen Schrift und der Suche nach gemeinsamer Teilhabe am Leben des Herrn in der Kirche. Diese Ausrichtung auf Christus verbindet alle Getauften – die „Hirten“ und „auch und gerade die Gläubigen“ – unaufgebbar. Sie zu verlebendigen, sind wirklich alle eingeladen, um Ökumene jetzt zu leben.