Erzbischof Zollitsch: Lebensschutz und Familienpolitik, zwei besondere Anliegen

Grußwort beim St.-Michael-Jahresempfang 2008

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BERLIN, 20. September 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Grußansprache, die der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, anlässlich des St.-Michael-Jahresempfangs im Kommissariat der deutschen Bischöfe am 17. September 2008 in Berlin gehalten hat.

„Familien zu fördern und zu unterstützen ist der Schlüssel, um die Tür für die Zukunft unserer Gesellschaft öffnen“

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Meine sehr verehrten Damen und Herren,

zum diesjährigen St.-Michaels-Empfang des Kommissariats der deutschen Bischöfe begrüße ich Sie alle auf das Herzlichste. Ich freue mich, dass Sie unserer Einladung so zahlreich gefolgt sind. Für mich ist dieser Abend eine Premiere. Ich darf Sie heute erstmals in meiner Eigenschaft als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz willkommen heißen. Zugleich freue ich mich, dass auch mein Vorgänger im Amt des Vorsitzenden, Karl Kardinal Lehmann, heute zugegen ist und die Festansprache halten wird. Fast auf den Tag genau vor 21 Jahren wurde er erstmals zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt und hat seitdem den St.-Michaels-Empfang – früher in Bonn, heute hier in Berlin – maßgeblich geprägt. Lieber Karl, ich begrüße Dich von ganzem Herzen!

Nicht weniger herzlich begrüße ich den Vertreter des Heiligen Vaters in Deutschland, den Apostolischen Nuntius und Doyen des Diplomatischen Corps, Herrn Erzbischof Dr. Périsset, und mit ihm alle Angehörigen des Diplomatischen Corps. Auch für Sie, verehrter Herr Nuntius, ist dieser Jahresempfang eine Premiere.

Kürzlich hatte ich Anlass, mich wieder einmal etwas näher damit zu befassen, was die Kirche zum Konsens über die Grundwerte, den Zusammenhalt der Gesellschaft und zur Schaffung und Pflege der Voraussetzungen beiträgt, von denen der Staat lebt, ohne sie selbst garantieren zu können. Ich will nun nicht den in der Tat beachtlichen und vielgestaltigen Beitrag der Kirche darstellen. Vielmehr werte ich Ihre Anwesenheit, meine Damen und Herren, ein wenig auch als Anerkennung des gemeinwohlorientierten Wirkens der Kirche in Staat und Gesellschaft. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar.

Ganz besonders weiß ich es zu schätzen, dass Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel unter uns weilt. Es ist mir eine besondere Ehre, Sie, verehrte Frau Dr. Merkel, hier begrüßen zu dürfen. Ebenso herzlich heiße ich die Vizepräsidentin und den Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, Frau Göring-Eckardt und Herrn Thierse, und mit Ihnen alle Abgeordneten des Deutschen Bundestages, unter ihnen namentlich den Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion, Herrn Kauder. Ich weiß, dass Sie durch die für den späten Nachmittag terminierten Abstimmungen im Bundestag und die damit verbundene Kollision mit unserem Empfang in arge Zeitnot geraten sind. Umso dankbarer bin ich, dass Sie doch noch so zahlreich zu uns gekommen sind, zumal auch noch andere prominente Veranstaltungen mit der unsrigen in Konkurrenz stehen.


Mein Willkommensgruss gilt an dieser Stelle den Mitgliedern der Bundesregierung, den Bundesministern Glos, Dr. Schäuble und Frau Dr. Schavan, den parlamentarischen und beamteten Staatssekretärinnen und Staatssekretären sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem Bundespräsidialamt, den Bundesministerien und der Bundestagsverwaltung. Ich bin Ihnen dankbar, dass wir bei Ihnen stets ein offenes Ohr finden, auch wenn es um strittige politische Fragen geht.


Dies gilt aktuell für unsere Sorgen um die schwierige Lage von Angehörigen religiöser Minderheiten, vor allem auch von Christen, in vielen Ländern dieser Erde. Im Irak und in den Nachbarländern sind Hunderttausende Angehörige religiöser Minderheiten auf der Flucht, überwiegend chaldäische Christen, daneben Mandäer und Yeziden. Sie bedürfen dringend der Hilfe der internationalen Staatengemeinschaft und insbesondere auch unserer Hilfe. In Indien kommt es immer wieder zu Übergriffen auf Angehörige christlicher Kirchen und auf kirchliche Einrichtungen. Auch hier ist internationale Solidarität vonnöten. Dies sind nur zwei Beispiele dafür, dass es mit den Menschenrechten und der Religionsfreiheit bei weitem nicht überall zum Besten steht. Ich danke allen politisch Verantwortlichen, insbesondere der Bundesregierung, für ihre Bereitschaft, bei der Problemlösung mitzuhelfen.

Ich begrüße die unter uns weilenden ehemaligen Bundesminister, und freue mich besonders, dass der Ehrenvorsitzende der FDP und langjährige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher zu uns gekommen ist.

Herzlich begrüße ich die Vertreterinnen und Vertreter des Bundesrates und der Bundesländer, die Repräsentanten aus Verwaltung, aus den Parteien und Verbänden, Arbeitgeberorganisationen, Gewerkschaften, gesellschaftlichen Gruppen sowie den Medien.

Mein besonderer Gruß gilt allen Gästen, die in Wissenschaft, Forschung und Lehre tätig sind.

Viele ausländische Gäste weilen heute unter uns. Ihre Anwesenheit ist für uns eine große Ehre.

In ökumenischer Verbundenheit begrüße ich die Vertreter der Kirchen, die in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen zusammenarbeiten, und der anderen Religionsgemeinschaften sowie alle Repräsentanten und Vertreter unserer Kirche, kirchlichen Werke, Einrichtungen und Verbände. Besonders begrüße ich den Erzbischof von Berlin, meinen Mitbruder Georg Kardinal Sterzinsky, und den Präsidenten des Zentralkomitees, Herrn Professor Dr. Meyer.

Die Gestaltung unseres St.-Michaels-Empfangs obliegt dem Chor der Theresienschule unter Leitung von Herrn Wrembeck. Ihnen herzlichen Dank dafür, dass Sie unserem Empfang einen angemessenen Rahmen ergeben!

Schließlich heiße ich alle ganz herzlich willkommen, die unserer Kirche und insbesondere dem Kommissariat der deutschen Bischöfe in vielfältiger Weise verbunden sind.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich, bevor Herr Kardinal Lehmann die Festansprache hält, nur kurz für zwei Anliegen werben, die mir besonders am Herzen liegen.

Das eine Anliegen ist der Schutz des menschlichen Lebens von Anfang bis zum Ende. Die kontroversen Diskussionen beispielsweise über die Zulässigkeit der aktiven Sterbehilfe, die sogenannten Spätabtreibungen oder auch über den Umgang mit Embryonen zeigen erschreckend, wie sich die Auffassungen über die Menschenwürde und das Lebensrecht auch auf dem Fundament unseres Grundgesetzes zu verschieben drohen.

Das zweite Anliegen, das ich ansprechen möchte, ist die Familienpolitik. Familien brauchen die Unterstützung und das Engagement aller gesellschaftlichen Gruppen und staatlichen Organe. Die spezifischen Bedürfnisse von Familien werden nach meinem Eindruck bei Entscheidungsprozessen auf den unterschiedlichen Ebenen häufig nicht oder nicht genügend beachtet. Gemeinsam mit der Evangelischen Landeskirche in Baden haben wir als Erzdiözese Freiburg eine Erklärung zur Zukunft der Familie veröffentlicht, in der es heißt: „Nach wie vor wünschen sich die meisten jungen Menschen sowohl einen dauerhaften und verlässlichen Lebenspartner als auch Kinder, um als Familie gemeinsam in die Zukunft zu gehen. Das Zusammenleben in Ehe und Familie bildet ein Gegengewicht zu den Umbrüchen der Erwerbs-Arbeitsgesellschaft, die Menschen in erster Linie nach Leistung und Erfolg beurteilt. Mit Ehe und Familie verbinden sich soziale und emotionale Werte wie Vertrauen und Verlässlichkeit, Verantwortung und Vergebung, Toleranz und Respekt. Hier machen Menschen die Erfahrung, um ihrer selbst willen angenommen zu sein. Auf diese Weise sind Ehe und Familie zentrale Orte, an denen in jedem Lebensalter Menschsein und Menschlichkeit erfahrbar und jeweils neu erlernt werden.“ Diesem Anspruch Rechnung zu tragen, ist unser aller Aufgabe; Familien zu fördern und zu unterstützen ist der Schlüssel, um die Tür für die Zukunft unserer Gesellschaft öffnen.

Werte Damen und Herren, mit den Umbrüchen der Erwerbs-Arbeitsgesellschaft, die Menschen in erster Linie nach Leistung und Erfolg beurteilt, hat das Thema zu tun, zu dem nun Herr Kardinal Lehmann sprechen wird. Ich wünsche uns allen einen anregenden Abend, bereichernde Begegnungen und darf Dir, lieber Karl, nun das Wort geben für Deine Ansprache „Der Schatten des homo oeconomicus. Zur Notwendigkeit einer integrativen und lebensdienlichen Ethik des Wirtschaftens.“