Erzbischof Zollitsch ruft zu mehr Verantwortungsbewusstsein auf

NIedrige Wahlbeteiligung lässt mangelnde Einsatzbereitschaft erkennen

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BERLIN, 29. September 2009 (ZENIT.org/DBK.de).- Beim diesjährigen Michaelsempfang der Deutschen Bischofskonferenz hat heute der Vorsitzende, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, an die demokratische Grundverantwortung der Bundesbürger erinnert.



Vor rund 800 Gästen, unter ihnen Bundeskanzlerin Angela Merkel, appellierte Erzbischof Zollitsch unter Bezug auf die niedrige Wahlbeteiligung an das demokratische Bewusstsein in Deutschland: „Demokratie lebt davon, dass demokratische Rechte und die damit verbundene Verantwortung wahrgenommen werden. Dass wir in freien Wahlen über die Volksvertreter im Parlament entscheiden können, ist keineswegs selbstverständlich.“

Zollitsch unterstrich, dass Freiheit und Demokratie niemals selbstverständlich seien. „Wer nie die Erfahrung der Unfreiheit gemacht hat, übersieht das leicht; denn mit der Freiheit ist es wie mit der Luft zum Atmen: Man wird sich ihrer oft erst bewusst, wenn sie einem genommen ist.“ Noch nie sei die individuelle Freiheit größer gewesen als heute. Die Bewegungs- und Wahlfreiheit habe bisher nie gekannte Ausmaße angenommen. Problematisch sei, dass das Ziel und das Bezugsfeld der Freiheit meist nicht thematisiert würden. Vom Argument einer einseitig verstandenen Freiheit aus werde vielmehr alles andere Handeln beurteilt. Dabei nannte der Erzbischof auch konkrete Probleme: „Ich erinnere an die Diskussion um die Erweiterung der Stammzellenforschung, die im Namen der Forschungsfreiheit menschliches Leben zum Zellhaufen degradiert und so auch der Zerstörung preis gibt.“

Freiheit, so Erzbischof Zollitsch, funktioniere nicht, wenn der Einzelne immer nur mehr Möglichkeiten und Rechte für sich in Anspruch nehme. „Ohne den Einsatz des Einzelnen, ohne die Verantwortung für sich, für die Mitmenschen und für die Gemeinschaft ist auf Dauer jeder Staat überfordert. Der Staat kann zwar die Wahlfreiheit der Bürger durch einzelne Freiheitsrechte sichern, nicht aber den verantwortlichen und solidarischen Gebrauch von Freiheit, zu dem das Gewissen anleitet.“

Erzbischof Zollitsch appellierte in Berlin an die Verantwortung aller Menschen, nicht nur des Staates. „Wir dürfen in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt Heranwachsende nicht mit sich selbst allein oder gar die Erziehung dem großen Einfluss der Medien überlassen. Wir alle sind gefordert. Es geht ums Ganze“, so Zollitsch.

Eine Freiheit, die alle Menschen im Blick habe, setze sich selbst nicht absolut. „Sie begreift sich vielmehr als Mittel, ein verantwortliches Miteinander zu ermöglichen. Es braucht unser aller Einsatz für eine Freiheit, die einerseits nicht mit Beliebigkeit gleich zu setzen ist und andererseits auch nicht stranguliert wird durch eine Überregulierung. Wir brauchen eine Freiheit, die sich an Verantwortung bindet.“

Mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen der neuen Bundesregierung nannte Erzbischof Zollitsch verschiedene Beispiele. So gehe es um eine rasche Bewältigung der gewaltigen Staatsverschuldung, die mit großem Nachdruck die Frage der Generationengerechtigkeit aufwerfe. „Jede Maßnahme wird sich daran messen lassen müssen, ob sie auch langfristig ökonomisch sinnvoll, ökologisch vertretbar und auch gegenüber denen gerecht ist, die ihre Stimme nicht erheben können“, so Erzbischof Zollitsch.