Erzbischof Zollitsch: Von welchen Werten lebt Europa?

„Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Röm 11,18)

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BONN/WARSCHAU, 28. Mai 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die der Vorsitzende der Deutschen Bisachofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch (Freiburg), heute aus Anlass der Ehrenpromotion an der Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität in Warschau gehalten hat.

„Gott ist vor vielen Türen in Europa nicht nur ein Fremder, sondern mittlerweile auch ein Obdachloser geworden“, erklärte der Erzbischof, der für seine Verdienste um die Versöhnung zwischen Polen und Deutschland sowie für seinen langjährigen Einsatz als Brückenbauer zwischen beiden Ländern geehrt wurde. „Ein Gottesbezug bewahrt uns Menschen davor, immer nur um uns selbst zu kreisen. Er stellt uns in einen größeren Verantwortungszusammenhang und weist zugleich auf die Grenzen menschlichen und politischen Handelns hin.“

Erzbischof Zollitsch ermutigte alle Christen, die eigenen Wurzeln besser kennen zu lernen und aus ihnen heraus die europäische Gesellschaft aktiv mitzugestalten.

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Exzellenzen, verehrte, liebe Mitbrüder im Bischofsamt,
Magnifizenz,
Spektabilitäten,
werte Mitglieder des Professoren-Kollegiums,
verehrte Festgäste,
meine Damen und Herren!

An erster Stelle stehen für mich in dieser bewegenden Stunde Worte des Dankes und der Freude – Freude und Dank über die große Ehre und hohe Auszeichnung, die mir durch die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität zuteil wird. Ich weiß diese Auszeichnung sehr zu schätzen, insbesondere aus den Händen einer solch international renommierten Universität, deren Ruf und Bedeutung weit über Polen hinaus reicht. Gerade deshalb ist mir diese Auszeichnung aber nicht nur Anlass zu Freude und Dankbarkeit, sondern auch zugleich Auftrag und Verpflichtung. Dabei gilt es vor allem, das Vermächtnis von Kardinal Stefan Wyszyński zu wahren und zu mehren, dessen Namen diese Universität trägt und dessen 27. Todestag sie heute mit diesem Festtag begeht. In der Tradition seines Versöhnungswerks zwischen polnischen und deutschen Katholiken verstehe ich diese heutige Auszeichnung als Verpflichtung, weiterhin Brücken der Verständigung und Wege der Freundschaft zwischen Deutschland und Polen zu bauen und damit Brücken und Wege zwischen den Menschen in unseren Ländern, zwischen den Menschen in Europa. Denn Verständnis und Wertschätzung entstehen nicht dort, wo Menschen einander fern und fremd bleiben. Sie wachsen und gedeihen, wo wir einander persönlich begegnen, miteinander sprechen, statt übereinander zu reden; wo wir den Dialog suchen, statt Fronten aufzubauen.

Dieses bereichernde Miteinander durfte ich bei meinen Besuchen hier in Polen und bei vielfältigen Begegnungen immer wieder selbst erleben. Auch diese Feierstunde steht im Dienst des Dialogs. Und wo der Dialog gelingt, da entsteht Beziehung. So ist auch zwischen den polnischen und deutschen Bischöfen eine gute und enge Beziehung entstanden, die in einem gemeinsamen Kontaktkreis den Dialog miteinander pflegen. Erst Anfang diesen Monats sind die Vertreter unserer Bischofskonferenzen erneut zu einem solchen fruchtbaren Austausch zusammengekommen. Dialog heißt nicht auf die eigenen Standpunkte verzichten, sondern ist der Weg des gegenseitigen Verstehens und des ständigen Bemühens, Missverständnisse zu vermeiden und Vorurteile abzubauen, die so oft Ursachen von Gewalt und Aggression, von Konflikten und Kriegen waren und es bis heute sind. Walter Kardinal Kasper hat recht, wenn er aufgrund seiner vielfältigen Erfahrungen als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen das schöne Wort prägte: „Dialog ist heute das neue Wort für Frieden“.

Zweifellos, wir dürfen, ja wir müssen dankbar sein für den Frieden in unseren Ländern und in Europa. Noch nie gab es eine so lange Friedenszeit zwischen den Völkern Europas wie die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute. Diese Friedensepoche haben wir in erster Linie dem europäischen Einigungswerk zu verdanken. Wir dürfen nicht müde werden, diese friedensstiftende und versöhnende Rolle Europas auch heute zu betonen. Nichts mahnt uns mehr zu einer gemeinsamen europäischen Zukunft als unsere Vergangenheit. Wir spüren deutlich: Europa wächst zusammen. Wovon unsere Vorfahren noch nicht einmal zu träumen wagten, das wurde Wirklichkeit. Jedes Mal wenn ich in Europa unterwegs bin, erinnere ich mich an die Zeiten, in denen es schwierig war, die Grenzen zwischen den einzelnen Ländern zu überqueren. Lange Zeit war Europa in Ost und West gespalten. Inzwischen ist – Gott sei Dank! – nicht nur über den einstigen Schützengräben und Feindbildern Versöhnung gewachsen. Auch der Eiserne Vorhang ist den Brücken der Verständigung gewichen. Es ist immer mehr wahr geworden, was unser verstorbener Heiliger Vater, der geschätzte Papst Johannes Paul II., im Jahre 1991 in das schöne und sprechende Bild gebracht hat, dass Europa mit beiden Lungenflügeln atme. So hat die europäische Integration, die in ihrer Gründungsphase zuerst die Gegner des Weltkriegs zusammengeführt hat, letztlich auch zu einer Wiedervereinigung Europas geführt.

Dies zeigt eindrucksvoll: Aus Visionen können Wirklichkeiten werden! Dass dies gelungen ist, ist nicht selbstverständlich! Es ist vielmehr das Ergebnis und die Frucht von engagierten Menschen, die sich dafür einsetzen. Menschen, die vom Feuer des Evangeliums ergriffen und von der Leidenschaft für Christus entflammt sind, kennen von je her keine Grenzen. Sie sind tätig für das Heil der Menschen und für das Lob Gottes ohne jegliche Differenzierung nach Staats- und Volkszugehörigkeit. Deshalb war es auch kein Zufall, dass die europäische Einigung von zutiefst gläubigen Christen initiiert und betrieben wurde. Solche Menschen brauchen wir auch heute, um Brücken zwischen den Völkern unseres Kontinents zu bauen und die politische Einigung Europas konstruktiv und positiv zu gestalten. Wir alle haben die Möglichkeit dazu, Europa eine Zukunft zu geben in Frieden und Sicherheit, eine Zukunft, die die Würde des Menschen achtet und für Gott und sein Wirken offen ist.

Wer, wie ich in meinen jungen Jahren, ein Unrechtsregime erleben musste, wer Hass und Gewalt am eigenen Leib erfahren hat, der wird zum leidenschaftlichen Anwalt für Versöhnung und Verständigung, für Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit und Frieden. Diese Werte, die Europa atmet, sind nicht, wie manche meinen, in erster Linie das Ergebnis modernen Denkens. Sie sind aus der langen kulturellen und geistigen Tradition Europas nicht herauszulösen. Diese Werte, die wir heute hoch schätzen und – völlig zu recht – einfordern, gründen tief und haben tragende Wurzeln. Sie sind Früchte eines langen Ringens und Kämpfens, einer einmaligen Freiheits- und Solidaritätsgeschichte. Ihre tiefsten Wurzeln liegen in der jüdisch-christlichen, d.h. in der biblischen Sicht des Menschen. Um Europa nicht nur als Währungs- und Wirtschaftsunion voranzubringen, sondern uns der eigenen Identität zu vergewissern und uns immer mehr zu einer Gemeinschaft zu entwickeln, müssen wir uns wieder stärker unserer Wurzeln vergewissern, aus denen wir leben. Denn mit dem Apostel Paulus dürfen wir auch heute mahnend sagen: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“. Bereits dem Völkerapostel war klar: Die Erinnerung und Vergewisserung der eigenen Herkunft eröffnet Zukunft.

Sehr verehrte Damen und Herren,
werte Festgäste!

Unsere europäische Kultur ist in Jahrhunderten gewachsen und lebt von tragenden Werten. Im Bild gesprochen sind es vier Hügel, in denen unsere europäische Identität wurzelt: Der Areopag in Athen mit den griechischen Idealen von Freiheit und Demokratie; das Kapitol in Rom mit dem klassischen Ideal von Recht und Gerechtigkeit; der Sinai mit dem Dekalog und der Bundesweisung Gottes; und schließlich der Berg Kalvaria in Jerusalem, auf dem Jesus Christus für uns in den Tod ging und bis heute zeigt, dass Liebe und Solidarität größer sind als alles, was wir uns ausdenken und erfinden können.

Unsere abendländisch christliche Kultur hat die tragenden Ideen und Werte der Antike aufgenommen und integriert. Durch Jesus Christus und sein Evangelium erhielten sie ein neues Vorzeichen. Solidarität und Nächstenliebe machen Freiheit, Recht und Gerechtigkeit zu wahrhaft menschlichen Werten.
Werte sind ja nichts Abstraktes, sind keine leeren Worthülsen, sondern prägen unseren täglichen Umgang und das menschliche Zusammenleben.

Mit Werten ist es ähnlich wie mit unserer Gesundheit: Erst wenn sie fehlen, spüren wir ihre Notwendigkeit und den Mangel. Wer sich auf das Gedankenexperiment einlässt, sämtliche Spuren des Christentums aus unserer europäischen Kultur zu tilgen, der wird sich schnell vor einem toten Gerippe oder einem seelenlosen Gehäuse wieder finden. Denn nicht nur Würde und Freiheit des Menschen, soziale Gerechtigkeit und Solidarität haben hier ihre Wurzeln. Gerade auch die Sorge um Kranke, Schwache und um Hilfsbedürftige ist ein Markenzeichen und unverwechselbares Gütesiegel des christlichen Glaubens von seinen Anfängen bis heute. Keine Frage, das biblische Menschenbild hinterlässt deutliche Spuren in der Geschichte des modernen Rechts- und Sozialstaats. Denn kamen nicht auch mit dem Evangelium die breite Bildung und das Wissen in viele Länder der Erde? Klöster waren Hochburgen der Kultur, Theologen Pioniere der Wissenschaften, das Christentum Wegbereiter und Hebamme der heutigen Schulen und Internate und nicht zuletzt der mittelalterlichen Universitäten. Insofern ist dieser Ort und diese Stunde in besonderer Weise geeignet, an die geistigen Wurzeln Europas zu erinnern.

Denn bei aller Wertschätzung und Dankbarkeit für das Zustandekommen des Vertrags von Lissabon ist es bedauerlich, dass es nicht gelungen ist, in der Präambel eine Formulierung zu finden, die der Geschichte Europas wirklich gerecht wird und die das Christentum als die bedeutendste religiöse Wurzel des Kontinents anerkennt. Es ist zu wenig, wenn die Präambel nur vom „kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas“ spricht und nicht den Mut hat, das Christentum und den Bezug auf Gott explizit zu nennen. Wir können nicht darauf vertrauen, dass Werte wie Menschenwürde, Freiheit und soziale Gerechtigkeit – so einleuchtend und überzeugend sie für alle auch sein mögen – aus sich heraus wirken und Bestand haben. Freiheit ohne Verantwortung wird schnell zur Beliebigkeit, Menschenwürde ohne Rückbindung an den Schöpfer zu Individualisierung und Egoismus. Und ich frage mich: Wie überlebt ein Sozialstaat ohne den Wert der Nächstenliebe? Wie schnell relativiert sich der Schutz des menschlichen Lebens, wenn ökonomische Effizienz zum obersten Prinzip erhoben wird und Schönheit, Jugendlichkeit und Arbeitskraft zum Maßstab für ein lebenswertes Leben werden?

Werte Festgäste,
meine Damen und Herren!

Es wäre falsch, zu meinen, es ginge mir um eine rückwärtsgewandte Romantik, die Sehnsucht danach hat, das einstige christliche Abendland wieder herzustellen. Im Gegenteil: Mein Blick richtet sich auf Gegenwart und noch mehr auf die Zukunft. Ich traue der christlichen Tradition eine erneuernde Kraft für unseren bisweilen müde erscheinenden Kontinent zu. Eine Gesellschaft, die in der Botschaft des Evangeliums wurzelt, ist eine lebenswerte Gesellschaft. Wir dürfen nicht übersehen, dass moderne Gesellschaften dazu neigen, in der Gestaltung des individuellen wie des gemeinschaftlichen Lebens von der Beziehung zum lebendigen Gott abzusehen und allein den Kräften der eigenen Vernunft und den Möglichkeiten der Wissenschaft, der Technik sowie der Ökonomie und Medizin zu vertrauen. Gott ist vor vielen Türen in Europa nicht nur ein Fremder, sondern mittlerweile auch ein Obdachloser geworden wie auf kaum einem anderen Kontinent unserer Erde. Auch davon zeugt die Präambel des Vertrags von Lissabon. Doch ein Gottesbezug bewahrt uns Menschen davor, immer nur um uns selbst zu kreisen. Er stellt uns in einen größeren Verantwortungszusammenhang und weist zugleich auf die Grenzen menschlichen und politischen Handelns hin.

Auch wenn wir als Kirche das Fehlen des Gottesbezugs bedauern, heißt dies nicht, dass wir uns resigniert zurückziehen. Im Gegenteil: Wir sind von der Zeitlosigkeit und Berechtigung unserer Anliegen überzeugt und werden uns weiterhin leidenschaftlich dafür einsetzen. Wir werden den Einigungsprozess kritisch, vor allem aber konstruktiv begleiten. Gerade weil uns die Menschen und deren Wohl – um Gottes Willen – am Herzen liegen. Wir Christen sind also auch heute gefordert, das europäische Einigungswerk, das in seinem Innersten ein Werk der Versöhnung darstellt, mitzugestalten. Wir müssen mithelfen, für Europa eine Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit zu ermöglichen. Die Brücken zwischen den Menschen und Völkern in Europa gehen heute weit über die Friedenssicherung hinaus. Wir müssen in Europa auch für einen wirtschaftlichen und sozialen Ausgleich sorgen. Gerade weil eine gemeinsame Ordnung für Europa den Frieden sichern und zu einer gerechteren Gesellschaft beitragen kann, bejahen wir die Einigung des Kontinents im Rahmen der politischen Union. Dabei ist es aber unsere Aufgabe, das christliche Gesicht Europas weiter zu prägen. Wir dürfen nicht nur beständig die Achtung der christlichen Werte anmahnen, sondern müssen sie durch unser eigenes Engagement auch aktiv in den Einigungsprozess einbringen.

Deshalb bleibt für uns die grundlegende Frage, die nie aus dem Blick geraten darf: Wissen wir noch um unsere lebenserhaltenden Wurzeln, die unser Leben und Zusammenleben tragen? Befinden wir uns auf dem Weg, den der Völkerapostel Paulus und die Schutzpatrone Europas, die heiligen Benedikt, Cyrill und Method, Katharina von Siena, selbst gegangen sind und uns gewiesen haben? Ich kenne keine andere Kraft, die die Zukunft Europas lebenswerter prägen könnte als das Christentum.

Ohne die vielfältigen Erosionen, die die christlichen Kirchen und Gemeinschaften derzeit in unseren Breitengraden zu bewältigen haben, verschweigen zu wollen, eines ist sicher: Die Ressourcen an Spiritualität, Solidarität und Barmherzigkeit sind weitaus größer als dies in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Als Christen dürfen wir uns nicht in die Rolle von Zaungästen bei der Gestaltung Europas drängen lassen. Wir dürfen uns von nichts und niemandem weiß machen lassen, wir könnten ja an allem doch nichts ändern. Im Gegenteil: Wir müssen uns einbringen und Flagge zeigen. Es liegt an uns, an jeder und jedem einzelnen, die Dynamik des christlichen Glaubens neu zu entfachen und die Botschaft des Evangeliums tief in das eigene Herz und die eigene Seele einzuwurzeln. Denn wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund.

„Unmöglich können wir schweigen von dem, was wir gehört und gesehen haben“ – das war einst die beeindruckende Antwort zweier Apostel, die vom Hohen Rat in Jerusalem inhaftiert worden waren und die man frei lassen wollte unter der Bedingung, Christus nicht mehr zu verkündigen. Je mehr ihre Antwort zu unserer Antwort wird, desto mehr wird Europa zur Heimat der Menschen werden.

Es gilt, Gesellschaft mitzugestalten, wo immer dies möglich ist. Und dort, wo wir an Grenzen stoßen, dürfen wir unsere Sorge um die Menschen und deren Wohl immer auch im Gottesdienst und im Gebet vor Gott bringen. Es braucht so etwas wie eine spirituelle und kulturelle Leitwährung!

Vor fast auf den Tag genau zehn Jahren, am 20. Juni 1998, hielt Papst Johannes Paul II. seine vielbeachtete Europarede an die Politiker und das Diplomatische Korps in der Wiener Hofburg. Ich möchte mit der Einladung und dem Appell schließen, mit denen er seine damalige Rede beendete, und die heute so aktuell sind wie damals: „Es wird von uns Christen abhängen, ob Europa sich in sich und seine Egoismen einkapselt, wobei es auf seine Berufung und seine Rolle in der Geschichte verzichten würde, oder ob es in der Kultur des Lebens, der Liebe und der Hoffnung seine Seele wiederfindet“.

Ja, es hängt von uns ab, ob sich Europa wieder auf seine tragenden Wurzeln besinnt; ja, es kommt auf uns an, Europa menschenfreundlich zu gestalten und Gott Raum zu geben. Dazu lade ich Sie alle herzlich ein – verbunden in der Gemeinschaft des Glaubens, gestärkt durch die tragende Botschaft des Evangeliums Jesu Christi.

[Von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Originalmanuskript]