Erzbischof Zollitsch: „Wir brauchen das Zeugnis der Zeugen“

Pressebericht zum Abschluss der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

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FULDA, 25. September 2009 (ZENIT.org/DBK.de).- Wir veröffentlichen den Bericht, den der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, heute, Freitag, zum Abschluss der Herbst-Vollversammlung der Bischofskonferenz bei einem Pressegespräch in Fulda vorgetragen hat.

„Christen sind keine abgehobenen Utopisten“, betonte Erzbischof Zollitsch. „Wir brauchen das Zeugnis der Zeugen, in deren Leben die Botschaft der Hoffnung erkennbar wird. Das Christentum ist eine Religion starker Hoffnung: auf das Wirken Gottes, dessen Kraft über die menschliche Kraft hinausreicht. Die Hoffnung auf das Gottmögliche erweitert den Horizont des Lebens und eröffnet neue Lebensmöglichkeiten.“

Die Ausführungen von Erzbischof Zollitsch konzentrierten sich auf neun Hauptthemen:

I. Eröffnungsreferat über die christliche Hoffnung und die Sendung der Kirche in Deutschland

II. Studientag zum weltkirchlichen Engagement in den Bistümern

III. Fragen im Hinblick auf den Betrieb von so genannten Babyklappen

IV. Zweiter Ökumenischer Kirchentag in München

V. Schulen und Kindertagesstätten

VI. Jugendarbeit: Jugendpastorale Räume

VII. Gesellschaftliche Fragen
-- Bundestagswahl
-- Finanz- und Wirtschaftskrise
-- Kirchenaustrittszahlen

VIII. Caritas
-- Entwurf eines Wortes der deutschen Bischöfe „Berufen zur caritas“
-- Ehemalige Heimkinder – aktuelle Entwicklungen

IX. Personalien

* * *

Einleitung

Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich am Grab des Heiligen Bonifatius in Fulda versammelt. 65 Mitglieder der Konferenz waren in diesen Tagen dabei. Gefreut haben wir uns, dass wir des 50-jährigen Bestehens der Exarchie für die katholischen Ukrainer des byzantinischen Ritus in Deutschland gedenken konnten.

I.                   Eröffnungsreferat

In meinem Eröffnungsreferat zur Herbst-Vollversammlung habe ich über das Verhältnis von christlichem Glauben und der Hoffnung als Antrieb und Motivation für jedes menschliche Leben gesprochen. „Der Hoffnung Gestalt geben. Zur Sendung der Kirche im weltanschaulichen Pluralismus Deutschlands“ hieß das Thema. Ich nehme eine große Sehnsucht nach Hoffnung wahr, bin aber bei der These des Wiedererstarkens der Gottesfrage eher zurückhaltend. Die religiöse Hoffnung ist ohne Zweifel gesellschaftlich lebendig, aber weit weniger stark als früher an die Kirchen gebunden. Zudem müssen wir uns verstärkt gegen jene Tendenzen wehren, die christliche Hoffnung und generell das Christentum vornehmlich denunzieren und verspotten.

Im Zeitalter der Globalisierung und Internationalisierung verengt sich der Lebenshorizont vieler auf den sozialen Nahbereich, was einerseits verständlich ist. Ich habe deshalb gefragt, ob es im persönlichen Leben die erstrebte Geborgenheit überhaupt noch gibt. Gerade da stehen die Familien in besonderer Verantwortung. Gleichzeitig sehe ich eine hohe Verantwortung darin, das Menschenmögliche zu tun, um unsere Gesellschaft gerechter und friedlicher werden zu lassen. Dazu tragen viele Menschen – gerade im Ehrenamt – bei. Entscheidend ist aber andererseits, das zu betonen ist mir wichtig, dass sich die Hoffnung nicht im Menschenmöglichen erschöpft. Denn wenn Hoffnung das Gottmögliche aus dem Blick verliert, dann verengt sich der Horizont des Lebens und Handelns stark. Wo am Ende nur die Eigenleistung zählt, da schwindet die Hoffnung und Gier und Egozentrik gelten nicht immer als Sünde.

Glauben heißt im christlichen Sinne: „Feststehen in dem, was man erhofft.“ (Hebr 11,1). Dabei ist der christliche Glaube eben nicht nur Anleitung zum Glücklichsein. Gerade das unterscheidet uns von vielen spirituellen Angeboten einer Wellness-Religiosität. Die Botschaft vom Kreuz soll uns davor bewahren, das Gottmögliche mit dem Menschenmöglichen zu verwechseln. Deshalb ist christliche Hoffnung eine Chance, die Sehnsuchtsfelder der Menschen zu Ahnungsfeldern des Heils werden zu lassen. In diesem Zusammenhang habe ich auf „wohnliche Herbergen der Hoffnung“ verwiesen, in denen die Kirche ihr Hoffnungszeugnis bewahrheiten muss: in der missionarischen Dimension des kirchlichen Lebens, in der Sicherung des erzieherischen Arbeitens, in einer Anerkennung des Ehrenamtes, im Einstehen für internationale Gerechtigkeit, im Ausprägen einer Theologie der Hoffnung, in der Verkündigung und Feier der Sakramente oder im nachhaltigen Handeln mit dem Ziel einer menschenwürdigeren Welt.

Christen sind keine abgehobenen Utopisten. Wir brauchen das Zeugnis der Zeugen, in deren Leben die Botschaft der Hoffnung erkennbar wird. Das Christentum ist eine Religion starker Hoffnung: auf das Wirken Gottes, dessen Kraft über die menschliche Kraft hinausreicht. Die Hoffnung auf das Gottmögliche erweitert den Horizont des Lebens und eröffnet neue Lebensmöglichkeiten.

II.                Studientag zum weltkirchlichen Engagement in den Bistümern

Thematischer Schwerpunkt der Herbst-Vollversammlung war die weltkirchliche Arbeit. Bei einem Studientag, über den bereits in einem Pressegespräch am Mittwoch berichtet wurde, haben wir uns mit den großen Herausforderungen befasst, denen sich die Weltkirche heute gegenübersieht. Zunächst hat der Vorsitzende der Kommission Weltkirche, Erzbischof Dr. Ludwig Schick, die Umrisse einer Theologie der Weltkirche entworfen, die das Fundament der Arbeit aller international tätigen Einrichtungen der Kirche in Deutschland ist. Dabei unterstrich er, dass eine strukturelle Anpassung der weltkirchlichen Arbeit an die veränderten gesellschaftlichen und kirchlichen Verhältnisse unabdingbar ist. Während des Studientags forderten viele Themen unsere Aufmerksamkeit:

·        Die geistig-politische Situation in den früher kommunistischen Ländern: Wenn gleich sich die Situation in den Staaten sehr unterschiedlich darstellt, kann doch festgestellt werden, dass das kommunistische System zur Ausprägung „defensiver“ Verhaltensformen und in bestimmten Fällen sogar zur Deformation der Persönlichkeit geführt hat. Die psychologische Beschädigung von Menschen und der staatlich geförderte Atheismus wirken vielfach bis heute nach. Die Kirche muss in dieser Lage für eine gediegene Vorbereitung künftiger Priester ebenso Sorge tragen wie für die Bildung und Ausbildung von Eliten, die den gesellschaftlichen Dialog in den Ländern Mittel- und Osteuropas mitbestimmen können. Man kann feststellen, dass der Einsatz für Marginalisierte und Menschen in Not wesentlich zum Ansehen der katholischen Kirche im östlichen Europa beiträgt.

·        Die in vielen Teilen der Welt boomenden neuen religiösen Bewegungen, wobei der pfingstlerischen Mission hier eine besondere Bedeutung zukommt: Schätzungen zufolge gehört weltweit inzwischen fast ein Viertel der Christen (500 Millionen) pfingstlerischen Gemeinden an oder ist diesen verbunden. Die wechselnde Mitgliedschaft in den Gruppen und deren geringe strukturelle Kohäsion wirken sich bislang nicht nachteilig auf ihre Missionserfolge aus. Zur Attraktivität tragen der pentekostale Enthusiasmus, die Möglichkeit der individuellen „Geist-Erfahrung“ sowie positive Veränderungen der konkreten Lebenswelt und der sittlichen Haltung bei. In der katholischen Kirche können neue geistliche Bewegungen, Kleine Christliche Gemeinschaften und eine Belebung guter Traditionen der Volksfrömmigkeit einen Beitrag dazu leisten, die Zugehörigkeit von Gläubigen zur Kirche zu festigen. Darüber hinaus müssen Defizite in der Seelsorge und in den pastoralen Strukturen überwunden werden.

·        Die Frage, wie kulturelle und religiöse Konfliktpotentiale entschärft werden können: An konkreten Beispielen haben wir diskutiert, wie Spannungen zwischen den Religionen etwa in der Türkei oder in manchen Ländern Afrikas durch wechselseitige Verständigungsbemühungen entschärft werden können. Gleichwohl zeigen sich immer wieder auch schmerzliche Grenzen des Bemühens um einen Dialog, der den Christen nicht selten verweigert wird. Einer Indienstnahme der Religion für politische oder wirtschaftliche Interessen ist entgegenzutreten. In Deutschland wird die Ausbildung deutschsprachiger islamischer Religionslehrer als wichtiger Baustein sowohl für die interreligiöse Verständigung mit den Muslimen als auch für deren gesellschaftliche Integration gesehen. Auch seitens der Kirche sollten auf diözesaner, nationaler und internationaler Ebene genügend fachkundige Gesprächspartner für den interreligiösen Dialog zur Verfügung stehen.

·        Die Globalisierung und die entwicklungspolitischen Handlungsmöglichkeiten und Aufgaben der Kirche angesichts der globalen Finanz-, Wirtschafts- und Nahrungsmittelkrise: Die sozialen Ungleichgewichte und die Abhängigkeiten in der „Welt-Gesellschaft“ machen deutlich, dass Maßstäbe für eine menschenwürdige Gestaltung der Globalisierung nicht hinreichend zur Geltung gebracht werden. In der Diskussion wird deshalb besonders auf eine theologische und ethische Begründung von politischer Verantwortung rekurriert, die allen Christen aufgetragen ist. Angesichts des globalen Machtkampfes um natürliche Ressourcen sowie der in ihren Folgen häufig noch unterschätzten Klimakrise sind fundamentale Veränderungen des westlichen Lebensstils notwendig. Zu der hier erforderlichen Wertedebatte hat die Kirche Entscheidendes beizutragen.

·        Die Förderung von Berufungen zum kirchlichen Dienst und neue pastorale Strukturen angesichts des Priestermangels: Auch in den Ländern des Südens ist eine zunehmende Individualisierung festzustellen, die höhere Anforderungen an die Priesterausbildung stellt. Um Berufungen zum kirchlichen Dienst zu fördern, muss die Seelsorge zu einer im Kontext der jeweiligen Kultur tragfähigen christlichen Spiritualität befähigen. Kleine Christliche Gemeinschaften und die Neuen Geistlichen Gemeinschaften haben hier eine wichtige Aufgabe, wenn sie an die lokalen kulturellen Traditionen angepasst sind. Inkulturationsprozesse verlaufen dabei nicht planmäßig, sondern hängen wesentlich von Erfahrungen und Austausch ab. Daher bedarf es einer gewissen Offenheit bei der Entwicklung neuer pastoraler Strukturen.

In der weiteren Diskussion haben wir an bereits vorhandene Dokumente der Deutschen Bischofskonferenz zur weltkirchlichen Arbeit erinnert: „Die eine Sendung und die vielen Dienste“ (2000) und „Allen Völkern Sein Heil“ (2004). Hier ist es gelungen, die gemeinsamen theologischen Grundlagen aller weltkirchlich orientierten Institutionen zu verdeutlichen und damit der Tendenz einer problematischen Verselbständigung der theologischen Reflexion in den einzelnen kirchlichen Einrichtungen entgegenzuwirken. Zudem wurde der missionarische Grundimpuls in Erinnerung gerufen. Das im Juni 2009 gegründete Institut für Weltkirche und Mission will diese Aspekte weltkirchlicher Arbeit fördern und an der Entwicklung neuer Perspektiven in diesem Bereich mitwirken.  

Vor dem Hintergrund dieser Herausforderungen haben wir dann über die Ergebnisse des Projektes „Zur Zukunft der weltkirchlichen Arbeit in Deutschland“ beraten, an dem die Kommission Weltkirche, die Diözesen und die Hilfswerke Adveniat, Caritas international, das Kindermissionswerk „Die Sternsinger”, Missio Aachen und Missio München, Misereor und Renovabis beteiligt waren. Der Vollversammlung lag eine Reihe von Empfehlungen vor, die auf eine intensivere Kooperation und eine profiliertere weltkirchliche Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit abzielen. Die Kommission Weltkirche wird diese Vorschläge weiter beraten und für die Umsetzung Sorge tragen. Den Bischöfen ist wichtig, dass alle weltkirchlichen Aktivitäten darauf ausgerichtet sind, die Kirche als globale Gebets-, Lern- und Solidargemeinschaft weiter auszugestalten. Besonderen Wert legen wir auf den untrennbaren Zusammenhang zwischen der spirituellen und der gesellschaftsprägenden Kraft des Evangeliums.

III.              Glaubensfragen

Babyklappe

Der Vorsitzende der Glaubenskommission, Karl Kardinal Lehmann, und Weihbischof Dr. Anton Losinger haben uns informiert, wie im Nationalen Ethikrat Bedenken gegen die weitere rechtliche Ermöglichung der „anonymen Geburt“ und der „Babyklappe“ geltend gemacht wurden. Ein solches Vorhaben könnte auch im nächsten Deutschen Bundestag eine Mehrheit finden. Wir erwarten, dass die rechtlichen Bestimmungen, die die Einrichtung und den Betrieb einer „Babyklappe“ trotz einiger fortbestehender Fragen nicht ausschließen, um des Lebensschutzes in extremen Einzelfällen willen nicht verändert werden.

IV.             Ökumene

Zweiter Ökumenischer Kirchentag in München

Der Erzbischof von München und Freising, Dr. Reinhard Marx, hat uns über den Stand der Vorbereitungen zum zweiten Ökumenischen Kirchentag in München informiert. Er soll insbesondere den christlichen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenleben deutlich machen. Ausgehend vom gemeinsamen Taufbekenntnis wird er christliche Grundüberzeugungen verdeutlichen. Wir ermutigen die Gläubigen zur Teilnahme am Kirchentag, um ihn zu einer zukunftsweisenden ökumenischen Erfahrung werden zu lassen. Dabei sollen jeweils das konfessionelle Eigene und das ökumenisch gemeinsam Mögliche in geeigneter Weise miteinander verbunden werden. Deshalb sollen auch an Christi Himmelfahrt und am abschließenden Sonntag konfessionelle Gottesdienste stattfinden.

V.                Erziehung und Schule

Schulen und Kindertagesstätten

Wir haben uns ausführlich mit dem Bericht der Kommission für Erziehung und Schule befasst. In Deutschland nehmen etwa 4 Millionen Schülerinnen und Schüler am katholischen Religionsunterricht teil. Rund 620.000 Kinder besuchen eine katholische Kindertageseinrichtung und 370.000 Schüler gehen auf eine katholische Schule. Diese Zahlen beweisen das Engagement der Kirche im Bereich von Bildung und Erziehung. Der Vorsitzende der Kommission, Erzbischof Hans-Josef Becker, hat die Bildungsdebatte der letzten Jahre umrissen. Sie ist vor allem durch das Bemühen geprägt, die Qualität von Schule und Bildung durch nachvollziehbare Kriterien und Evaluation zu verbessern. Bildung und Erziehung dürfen aber nicht nur einseitig als Zurüstung für den Arbeitsmarkt verstanden werden, sondern als ganzheitliche Persönlichkeitsbildung.

Wir streben eine weitere Professionalisierung der katholischen Kindertageseinrichtungen an. Dazu gehört auch, die religiöse Erziehung und Bildung in den kirchlichen Kindertageseinrichtungen deutlicher als bislang zu akzentuieren. Die positive Resonanz bei den Verantwortlichen im frühpädagogischen Bereich lässt hoffen, dass die Anregungen unserer 2008 veröffentlichten Erklärung „Welt entdecken, Glauben leben“ auch in die Praxis umgesetzt werden. Da die Qualität der Einrichtungen wesentlich von den Fähigkeiten der Erzieherinnen und Erzieher abhängt, befasst sich die Kommission derzeit intensiv mit der Reform der Erzieherinnenausbildung, sowohl auf der Ebene der Fachschulen und Fachakademien als auch auf der Ebene der Fachhochschulen.

Bei der Qualitätsentwicklung der Katholischen Schulen setzen natürlich auch wir auf das Mittel der Evaluation. Dabei muss das spezifische Profil der kirchlichen Schulen in die Prozesse der Qualitätsverbesserung einbezogen werden. Bereits im Frühjahr haben wir die „Qualitätskriterien für Katholische Schulen“ herausgebracht. Sie orientieren sich an wesentlichen Leitlinien katholischer Schulen: einem ganzheitlichen personalen Bildungsverständnis, dem Anspruch der wechselseitigen Durchdringung von Glaube, Kultur und Leben und dem Leitbild der Erziehungsgemeinschaft. Wir freuen uns, dass die Qualitätskriterien im katholischen Schulwesen mit hoher Zustimmung aufgenommen worden sind.

In der Aussprache hat sich die Notwendigkeit vermehrter Sorge um eine gute Qualität des Religionsunterrichtes und dessen Rückbindung an die gemeindlichen Zusammenhänge erwiesen. Die seelsorgliche Bedeutung der Schule als Lebens- und Lernort für junge Menschen verlangt eine zahlenmäßig verstärkte, fachlich gut ausgebildete und kirchlich unterstützte Lehrerschaft. Auch manche Veränderungen im Bereich der verschiedenen Schulformen, z. B. die Stärkung der Ganztagsschule, machen ein gesteigertes Engagement notwendig. Die Präsenz von Priestern in der Schule bleibt unverändert wichtig. Außerdem ist die Verschiedenheit deutlich geworden, unter welchen Bedingungen Religionsunterricht erteilt werden kann. Trotz dieser Verschiedenheit – zum Beispiel mit Blick auf die Diaspora – ist eine kirchlich tragfähige Schulpastoral gut möglich, wo ein entsprechendes  persönliches Engagement gegeben ist. Dann kann das katholische Profil auch in ökumenisch anspruchsvollen Zusammenhängen leichter deutlich gemacht werden.

VI.             Jugend

Jugendpastorale Räume

Wir haben uns ausführlich mit dem Bericht der Jugendkommission beschäftigt. Im Nachgang zum Studientag der Frühjahrs-Vollversammlung 2006 hat die Kommission mehrere Fachgespräche mit Experten durchgeführt, die in diesem Jahr erstmals in ein „Forum Jugendpastoral“ mündeten. Dieses Forum stellte sich als Ort bundesweiter Vernetzung dar, an dem über 160 Vertreter aus der kirchlichen und verbandlichen Jugendarbeit teilnahmen.

Der Kommissionsvorsitzende, Bischof Dr. Franz-Josef Bode, hat insbesondere auf die vier Entwicklungslinien der deutschen Jugendpastoral aufmerksam gemacht. Dabei geht es um eine verstärkte Kooperation zwischen Schule, Jugendarbeit, Jugendhilfe sowie Schul- und Gemeindepastoral. Außerdem gibt es das Bemühen um eine bessere Verzahnung von Jugend- und Erwachsenenpastoral sowie um eine zeitgemäße und glaubwürdige Glaubenskommunikation. Hinzu kommt die Erarbeitung einer integrativen Pastoral, die die Lebenswelt aller jungen Menschen eines bestimmten Sozialraums in den Blick nehme. Dabei kommt es auf eine verstärkte Vernetzung und Kooperation kirchlicher und nichtkirchlicher Einrichtungen an. Wir haben festgestellt, dass hierbei das Engagement glaubwürdiger Zeugen, die sich mit jungen Menschen gemeinsam auf den Weg machen und als authentische Gesprächspartner zur Verfügung stehen, unerlässlich ist. Die Weltjugendtage haben die Möglichkeiten intensiver Glaubenserfahrung eröffnet. Auch auf europäischer Ebene hat sich die Zusammenarbeit mittlerweile etabliert.

VII.          Gesellschaftliche Fragen

Bundestagswahl

Die Vollversammlung hat im Zuge einer grundsätzlichen Beobachtung der politischen Programmatik einen Bericht des Vorsitzenden der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen, Erzbischof Dr. Reinhard Marx, über die Aussagen zu den Kirchen in den Bundestagswahlprogrammen der Parteien entgegengenommen. Vor allem haben die Bischöfe im Rahmen ihrer Diskussion nochmals ihre Empfehlung zur Wahlteilnahme wiederholt. Bereits Anfang September hatten wir einen Wahlaufruf veröffentlicht, der am 6. September bundesweit in den katholischen Kirchengemeinden verlesen wurde und der einige inhaltliche Fragen heraus stellt, die für die Wahlentscheidung der Christen maßgeblich sein sollten.

Mit Blick auf die neue Bundesregierung wünschen wir uns die zügige Bearbeitung der besonders gravierenden Probleme:

–    Staatsverschuldung: Durch die Maßnahmen zur aktuellen Krisenbewältigung haben sich die Schulden aufgetürmt – derzeit liegen sie wohl bei 2 Billionen Euro. Vor allem mit Blick auf die nachkommenden Generationen sind die Belastungen ungerecht verteilt. Wir dürfen heute nicht zulasten derjenigen leben, die sich nicht dagegen wehren können. Wir brauchen dringend Konzepte zum Schuldenabbau.

–    Arbeitsmarkt: Wir wünschen uns von der neuen Bundesregierung Impulse, dass Arbeitslose wieder möglichst bald in Lohn und Brot kommen. Arbeit zu haben, bedeutet die Möglichkeit zur Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen.

–    Familie und Bildung: Zu wenig ist im Wahlkampf über Familie und Bildung gesprochen worden. Wir brauchen eine Regierung, die sich auch künftig um die Förderung und den Schutz von Ehe und Familie einsetzt. Bildung für alle muss ein ganz vorrangiges Ziel sein.

–    Globalisierungsgerechtigkeit und Schutz des Lebens: Das globale Engagement Deutschlands im Kampf gegen Hunger, Armut, Krieg und die Auswirkungen des Klimawandels darf nicht nachlassen. Die Kirche wird die Politik aufmerksam beobachten und als Gesprächspartner zur Verfügung stehen, wenn es um den Schutz des Lebens geht, insbesondere die Fortpflanzungsmedizin, Embryonenforschung, Abtreibung und Euthanasie.

Gestatten Sie mir noch eine Anmerkung: Am vergangenen Mittwoch habe ich dem Deutschlandradio ein Interview gegeben. Darin habe ich die Parteien allgemein zu mehr Ehrlichkeit im Wahlkampf aufgerufen sowie eine Besinnung auf christliche Werte angemahnt. Das Vertrauen, das die Menschen in die Politiker setzen, darf nicht enttäuscht werden. Ich habe mich weder für noch gegen eine bestimmte Partei ausgesprochen, wie die Nachrichtenagentur afp verbreitet hat. Wir wollen, dass die Bürger als mündige und erwachsene Menschen selber entscheiden, wen sie wählen. Sie sollen dabei genau überlegen, welche Partei, welches Programm sich nach ihren eigenen Vorstellungen in den Politikbereichen besonders gut bewährt, für die wir sensibilisiert haben. Die ideale Partei, die immer alle Vorstellungen umsetzt, wird es dabei nicht geben. Es muss ein Kompromiss gefunden werden. Wichtig ist, zur Wahl zu gehen und dadurch zu zeigen, dass man mitgestalten will. So haben wir es auch in unserem gemeinsamen Aufruf zur Bundestagswahl vor ein paar Wochen  formuliert.

Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise

Wir haben eine Auswertung des Studienhalbtages zur Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise der Frühjahrs-Vollversammlung 2009 erörtert und wurden durch den Vorsitzenden der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen, Erzbischof Dr. Reinhard Marx, über die Erarbeitung eines Orientierungstextes zur Finanz- und Wirtschaftskrise informiert. Ausgangspunkt des Textes ist ein grundsätzliches Bekenntnis zum Wirtschaftskonzept der Sozialen Marktwirtschaft verbunden mit der Forderung, angesichts der globalen Veränderungen der wirtschaftlichen und ökologischen Rahmenbedingungen dieses Konzept weiterzuentwickeln. Es greift damit ein zentrales Ergebnis des Studienhalbtages auf. Voraussetzung hierfür ist eine Analyse der tiefer liegenden Ursachen der Krise, der Methoden zu nachhaltigem wirtschaftlichen Handeln und der Gefahren der Krisenbewältigung. An diese grundlegenden Feststellungen schließen sich vier konkrete Überlegungen an, die Orientierungen für die Neuordnung der Finanz- und Wirtschaftsordnung, für die Bewältigung der wirtschafts- und besonders arbeitsmarktpolitischen Herausforderungen, für die Überwindung von Krisen in den Entwicklungsländern sowie für den Umgang mit den gewaltigen Belastungen des Staatshaushaltes bieten. Der Text soll möglichst noch in diesem Jahr erscheinen.

Kirchenaustrittszahlen

In diesen Tagen wurden uns Einzelheiten der kirchlichen Statistik für das Jahr 2008 zur Kenntnis gebracht. Sie enthält Hinweise auf eine gleichbleibend hohe Anzahl von Taufen, aber auch auf eine gestiegene Zahl von Kirchenaustritten. Wir werden in der nächsten Zeit versuchen, eine Erklärung für diesen Anstieg zu finden, der mich sehr beunruhigt. Das Problem der Kirchenaustritte trifft beide große Kirchen gleichermaßen. Ob der Entschluss zum Kirchenaustritt in deutlichem Zusammenhang mit einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation der Austretenden steht, ist eine Frage, auf die ich noch keine Antwort weiß. Ich will die Suche nach Erklärungen aber auch nicht auf sie beschränken. Es gibt eben im religiösen Pluralismus unserer Tage weniger Bereitschaft, sich in einer Kirche zu binden. Schon jetzt ist ja ganz klar: Der Kirchenaustritt vieler Getaufter ist vor allem ein theologisches Problem: Wir erreichen durch unseren Dienst nur einen Teil der Gläubigen und müssen uns fragen, was eine missionarische Pastoral unternimmt, um den Glauben auch in denen zu stärken, die zu uns gehören, ohne doch regelmäßig unseren Dienst in Anspruch zu nehmen. Diese pastorale Herausforderung müssen wir sehr ernst nehmen. Sie beweist, dass es nicht nur um die Erneuerung von kirchlichen Strukturen geht. Ganz im Gegenteil!

VIII.       Caritas

Entwurf eines Wortes der deutschen Bischöfe „Berufen zur caritas“

Ein weiterer Schwerpunkt unserer Beratungen war der Entwurf eines Impulstextes der Cari­taskommission mit dem Titel „Berufen zur caritas“. Der Text setzt zentrale Aussagen der Enzyklika „Deus caritas est“ von Papst Benedikt XVI. in die Situation der Kir­che in Deutschland um und entwickelt sie weiter. Er wendet sich an alle caritativ Engagierten im Raum der katholischen Kirche. Zehn Jahre nach der Veröffentlichung des Wortes der deutschen Bischöfe „Caritas als Lebens­vollzug der Kirche und als verbandliches Engagement in Kirche und Gesellschaft“ gibt der Text Orientierungen und Impulse für das caritative Handeln und die Organisation der christlichen Nächstenliebe. Theologische Vertiefungen werden auf drei Ebenen ausgeführt: Auf der Ebene der Gottesbegegnung im Engagement, mit Blick auf die Eucharistie und im Kontext des missionarischen Handelns der Kirche. Die Kir­che in all ihren Strukturen wird an ihre göttliche Berufung zur Liebe in Tat und Wahrheit er­innert. Nach einer Endredaktion wird das Wort zum Jahresende veröffentlicht.

Ehemalige Heimkinder – aktuelle Entwicklungen

Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich von Beginn an konstruktiv und ergebnisoffen an den Beratungen des „Runden Tisches Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ in Berlin beteiligt.

In einem Beitrag für die FAZ vom 15. Juni 2009 habe ich klargestellt, dass sich die katholische Kirche mit aller Kraft für größtmögliche Transparenz bezüglich der Heimerziehung in Deutschland in der Nachkriegszeit einsetzt und den Betroffenen Unterstützung bei der Auf­klärung anbietet. Um mich über die Schicksale von ehemaligen Heimkindern persönlich zu informieren, habe ich mich am 19. August 2009 mit einigen Frauen und Männern getroffen, die in katholischen Kinder- und Erziehungsheimen untergebracht wa­ren. Es war eine wichtige Begegnung in vertrauensvoller Atmosphäre, die mich sehr bewegt hat.

Die Deutsche Bischofskonferenz, der Deutsche Caritasverband und die Deutsche Ordens­obernkonferenz engagieren sich bereits in vielfältiger Weise, um mehr Klarheit über die Situ­ation in den katholischen Einrichtungen der Kinder- und Jugendfürsorge der Nachkriegs­zeit zu erhalten und die Betroffenen bei der Aufarbeitung ihrer Biographien zu unterstützen. Wesentliche Bestandteile dieses Engagements sind – neben den unterschiedlichen Initiativen zur Aufarbeitung durch katholische Einrichtungen und ihre Träger - die Förderung eines Projektes an der Universität Bochum zur Erforschung der kirchlichen Heimerziehung in der frühen Bundesrepublik Deutschland und der nachhaltige Appell an alle Träger, die Akteneinsicht durch die Betroffenen nach Kräften zu unterstützen. Um den Betroffenen noch besser bei der Aufarbeitung und Verarbeitung ihrer Biographie zu helfen, denken wir an einen weiteren Ausbau des Engagements der katholischen Kirche. Das Angebot seelsorgerischer und psychotherapeutischer Hilfen soll stärker in den Mittelpunkt gestellt werden.

So prüfen wir die Möglichkeit, eine bundesweite Hotline für Betroffene aus katholischen Heimen einzurichten. Durch diese Hotline könnten das Angebot von (ersten) Gesprächen und, wenn notwendig, die Vermittlung möglichst passgenauer Hilfsangebote wie etwa therapeutische Beratung sein. Betroffene könnten bei Bedarf Kontakte zu den jeweiligen Trägern der Einrichtungen bzw. ihren heutigen Rechtsnachfolgern erhalten. Uns liegt diese Idee auch deshalb am Herzen, weil dies eine gute Möglichkeit wäre, in persönlichen Gesprächen mit Betroffenen die Vergangenheit und die tatsächlichen Geschehnisse kennen zu lernen und so eine gemeinsame Aufarbeitung zu erreichen. Wir setzen uns mit der Vergangenheit auseinander und wollen herausfinden, wie groß das Unrecht tatsächlich ist, das geschehen ist. 

IX.             Personalien

·        Weihbischof Dr. Matthias Heinrich (Berlin) wird für die laufende Amtsperiode bis zur Herbst-Vollversammlung 2011 Mitglied der Liturgiekommission (V).

·        Weihbischof Dr. Thomas Löhr (Limburg) wird für die laufende Amtsperiode bis zur Herbst-Vollversammlung 2011 Mitglied der  Ökumenekommission (II) und der Caritaskommission (XIII).

·        Weihbischof Ulrich Boom (Würzburg) wird für die laufende Amtsperiode bis zur Herbst-Vollversammlung 2011 Mitglied der Kommission für Schule und Erziehung (VII).

·        Weihbischof Dr. Reinhard Hauke (Erfurt) wird für die laufende Amtsperiode bis zur Herbst-Vollversammlung 2011 zum Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz für die Vertriebenen- und Aussiedlerseelsorge berufen.

·        Sr. Ingrid Geißler CSP wird für die laufende Amtsperiode bis zur Herbst-Vollversammlung 2011 zur Beraterin der Unterkommission für Missionsfragen berufen.

·        Frank Kraus (Missio Aachen) wird für die laufende Amtsperiode bis zur Herbst-Vollversammlung 2011 zum Berater der Unterkommission für Kontakte zu Lateinamerika berufen.

·        Erneut zum Hauptgeschäftsführer des Bischöflichen Hilfswerkes Misereor wird Prälat Dr. Josef Sayer berufen. Die erneute Amtszeit beginnt am 1. Dezember 2009 und endet im Dezember 2011.

·        Erneut zum Leiter der Christlich-Islamischen Dokumentations- und Begegnungsstelle (CIBEDO) wird Dr. Peter Hünseler berufen. Die Amtszeit beginnt am 1. November 2009 und endet am 30. November 2013.

·        Erneut wird als Vertreter der katholischen Kirche im Hörfunkrat des Deutschlandradios der Sekretär der Publizistischen Kommission (IX), Dr. Matthias Meyer, berufen. Die Amtszeit beginnt am 1. März 2010 und endet am 28. Februar 2014.

·        Die Vollversammlung stimmt der Einstellung von Pfr. Dr. Franz-Josef Backhaus (Münster) als geschäftsführenden Direktor des Katholischen Bibelwerks e. V. durch den Verein Katholisches Bibelwerk zu. Die Amtszeit beginnt am 1. Januar 2010 und dauert drei Jahre.