Erzbischof Zollitsch zum Vermächtnis der deutschen Einheit

Freiheit will nicht nur erhalten, sondern ausgestaltet werden

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FULDA, 24. September 2009 (ZENIT.org).- Mit Blick auf die bevorstehende Feier des 20. Jahrestags der deutschen Einheit (9. November 1989) rief der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch (Freiburg) dazu auf, die wieder gewonnene Freiheit nicht nur festzuhalten, sondern sie auszugestalten. Hierfür bedürfe es „Mut und Überzeugung, individuelles Engagement und institutionelle Hilfe, Vision statt Pragmatismus", betonte der Erzbischof heute, Donnerstag, bei einem Pressegespräch in Fulda, wo die deutschen Hirten noch bis morgen, Freitag, insbesondere über das weltkirchliche Engagement beraten. Ihre Herbst-Vollversammlung begann am Montag, dem 21. September.

Bei dem heutigen Pressegespräch blickte Erzbischof Zollitsch auf den Fall der Berliner Mauer zurück und bekräftigte, dass die deutsche Wiedervereinigung ein unverhofftes Geschenk gewesen sei. „Daran erinnern wir in diesen Tagen mit bleibender Dankbarkeit."

Der 9. November 1989 sei ein wichtiges deutsches Datum, und die vereinte Bundesrepublik sei 1989/90 „zu einem hilfreichen Partner auf dem Weg zu einem erweiterten Europa in freier Selbstbestimmung" geworden, „wie es nach dem Ende der kommunistischen Regime möglich geworden ist".

In Bezug auf die heutige Lage des Glaubens in den neuen Bundesländern erklärte Zollitsch, dass Ostdeutschland noch auf lange Sicht Diasporagebiet sein werde. Die Hoffnungen angesichts der überfüllten Kirchen unmittelbar nach der Zeit des Zusammenbruchs des Kommunismus 1989/90, dass nach dem Offenbarungseid des Atheismus nun die Stunde des Christentums gekommen sein könnte, hätten sich bedauerlicherweise nicht bestätigt. Vielmehr hätten die vergangenen 20 Jahre gezeigt, dass die „christlichen Grundlagen im Land der Reformation" durch die beiden religions­feindlichen Diktaturen auf deutschem Boden seit 1933 restlos zerstört worden seien. Allerdings fügte Erzbischof Zollitsch hinzu, dass es unredlich wäre, „nicht gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass in diesen beiden Jahrzehnten die Prägekraft des Christentums im Westen - aus ganz anderen Gründen - auch nicht gerade größer geworden ist".

Nachdrücklich würdigte Erzbischof Zollitsch die oft unterschätzten Verdienste des direkten Vorgängers von Papst Benedikt XVI. für den Zusammenbruch des Kommunismus. Mit Worten aus den Memoiren von Michael Gorbatschow unterstrich er: „Alles was in den letzten Jahren in Osteuropa geschehen ist, wäre ohne diesen Papst nicht möglich gewesen", und fügte hinzu: „Ich erinnere hier nur an den ersten Besuch von Papst Johannes Paul II. in seiner polnischen Heimat 1979. Am Vorabend des Pfingstfestes betete er: ‚Sende aus deinen Geist! Sende aus deinen Geist! Und erneuere das Angesicht der Erde! Dieser Erde!' Der Papst hat damals auf dem Siegesplatz in Warschau seinen Landsleuten Mut gemacht, sie ermuntert, sich für Freiheit und Menschenrechte zu engagieren, und mit seinem Gebet eine Bewegung der ‚Solidarität' in Gang gesetzt, die auch mit Gewalt und Kriegsrecht nicht mehr zu stoppen war."

Dank der grundsätzlichen Kursänderung, die Papst Johannes Paul II. 1978 in der vatikanischen Ostpolitik vorgenommen habe, sei es möglich gewesen, „dass die deutschen Diözesangrenzen nicht an die Staatsgrenze angepasst wurden und die katholische Kirche in Deutschland institutionell eine gesamtdeutsche Klammerfunktion behalten konnte".