Es braucht ein Fundament, das trägt

Das Priesterjahr ist auch Anlass, erneut über Bedeutung und Gestaltung des Propädeutikums vor Beginn des Theologiestudiums nachzudenken

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Von Prälat Walter Brandmüller

WÜRZBURG, 21. September 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Im Zusammenhang des im Gedenken an den heiligen Jean-Marie Vianney verkündeten „Jahres der Priester“ und am Fest eines bedeutenden Priestererziehers, des heiligen Jean Eudes, hat Papst Benedikt erneut auf die herausragende Bedeutung der Priesterausbildung für die Sendung der Kirche hingewiesen. Nun hat auch der neue Sekretär der Kongregation für die katholische Erziehung, der Dominikaner Erzbischof Jean-Louis Bruguès, in mehreren Äußerungen Wichtiges zu diesem Thema gesagt. Inzwischen hatte man auch begonnen, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil geforderte Phase der Vorbereitung zu verwirklichen, die dem Eintritt in das Priesterseminar und dem Beginn des Theologiestudiums vorangestellt werden soll.

Vor diesem Hintergrund scheint es sinnvoll, das Thema noch einmal aufzugreifen. Bei einem Überblick ergibt sich folgendes Bild: Man spricht überall vom Propädeutikum, aber man versteht darunter durchaus Verschiedenes. Einmal dauert das Propädeutikum ein Jahr beziehungsweise zehn Monate, dann nur ein halbes Jahr oder nur wenige Wochen. Zweckmäßigerweise wirken hierbei mehrere Diözesen zusammen. So gibt es für die acht bayerischen Bistümer die Propädeutikumsorte Bamberg und Passau – in beiden Fällen eine Art Kompensation für die – vorläufige – Schließung der dortigen theologischen Fakultäten. Die Bistümer Dresden, Erfurt, Magdeburg schicken ihre Kandidaten wie auch Berlin und Görlitz nach Bamberg, während in Freiburg die künftigen Seminaristen aus Mainz und Essen ihr Vorbereitungsjahr absolvieren. In Münster werden jene aus Aachen aufgenommen. Trier, Fulda und Rottenburg führen das Propädeutikum in eigener Regie durch, ebenso Köln, das hierfür die Zeit vom 7. September 2009 bis zum Beginn des Wintersemesters vorsieht. Auch Frankfurt St. Georgen geht, wie das Seminar der Petrus-Bruderschaft in Wigratzbad, eigene Wege. In St. Georgen absolvieren die Kandidaten der Bistümer Hamburg, Hildesheim, Osnabrück und Limburg ihr Propädeutikum.

Wie nun versteht man dieses Propädeutikum? Was erwartet man an Ergebnissen? Auf diese Fragen werden im Grunde zwei verschiedene Antworten gegeben.

Als Kardinal Wetter seinerzeit das Projekt der Freisinger Bischofskonferenz vorstellte, stellte er das Popädeutikum als eine Phase der Priesterausbildung vor, „die dem geistlichen Wachstumsprozess ... dient, die persönliche Entscheidungsfindung befördert, das Gemeinschaftsleben und die priesterliche Identitätsfindung befördert, theologisches Basiswissen vermittelt ...“.

Aus anderen Texten, die der Selbstdarstellung des Propädeutikums dienen oder aus Erlebnis- bzw. Erfahrungsberichten von Teilnehmern wird sichtbar, dass unter den Begriffen „Glaubens- und Lebensschule“ in erster Linie Sozialpraktika und Einführung in die religiöse Praxis verstanden werden. In den meisten Fällen ist auch ein mehrwöchiger, ja sogar zweimonatiger Aufenthalt in Israel, auch in der Türkei, zum Zweck des Bibelstudiums vorgesehen. In einem Fall sieht man im Propädeutikum gar einen pastoralen Einführungskurs. Liest man allerdings Berichte über die Bibelschule in Israel, so erwecken diese eher Skepsis.

Im Unterschied dazu weiß man anderswo durchaus um die Notwendigkeit des Erlernens der klassischen Sprachen Latein und Griechisch beziehungsweise Hebräisch. In einem Fall wird dies als „umfangreichster Bestandteil“ des Programms bezeichnet – wobei mehrfach auf die entsprechenden Äußerungen Benedikts XVI. verwiesen wird. In der Mehrzahl der Programme spielt allerdings der Sprachenunterricht überhaupt keine Rolle.

Fragen wir aber nun, wie das Zweite Vatikanum im Dekret „Optatam totius“ sich dieses Propädeutikum vorstellt. Hier heißt es: „... sollen die kirchlichen Studien mit einem ausreichend langen Einführungskurs beginnen. In dieser Einführung soll das Heilsmysterium so dargelegt werden, dass die Alumnen den Sinn, den Aufbau und das pastorale Ziel der kirchlichen Studien klar sehen; dass ihnen zugleich geholfen wird, ihr ganzes persönliches Leben auf den Glauben zu gründen und mit ihm zu durchdringen; dass sie endlich in der persönlichen und frohen Hingabe an ihren Beruf gefestigt werden.“

Nun aber steht im Konzilsdekret noch vor dem zitierten Abschnitt ein anderer: „Vor Beginn der eigentlichen kirchlichen Studien sollen die Alumnen jenen Grad humanistischer und naturwissenschaftlicher Bildung erreichen, der in ihrem Land zum Eintritt in die Hochschulen berechtigt. Sie sollen zudem jene Kenntnis der lateinischen Sprache erwerben, vermöge derer sie die zahlreichen wissenschaftlichen Quellen und kirchlichen Dokumente verstehen und mit ihnen arbeiten können. Das Studium der dem eigenen Ritus entsprechenden liturgischen Sprache muss als notwendig verlangt werden; die angemessene Kenntnis der Sprachen der Heiligen Schrift und der Tradition (also Griechisch und Hebräisch) soll sehr gefördert werden.“ Das heißt im Klartext, dass diese Kenntnisse schon vor dem Beginn der theologischen Studien vorhanden sein müssen.

Nun konnte man zur Zeit des Konzils, wenigstens was die europäischen und nordamerikanischen Bildungssysteme anlangt, damit rechnen, dass diese Kenntnisse – sieht man einmal vom Hebräischen und den slawischen liturgischen Sprachen ab – im großen und ganzen mit der Hochschulreife gegeben waren. Davon kann jedoch unter den heutigen durch die Folgen der 68ger Kulturrevolution bestimmten Verhältnissen keineswegs mehr ausgegangen werden. Hinzu kommt, dass der theologische Nachwuchs häufig nicht mehr vom humanistischen sondern ebenso von technisch-naturwissenschaftlichen Gymnasien kommt, also keine Latein- und Griechischkenntnisse mehr mitbringt. Ebenso wenig kann vorausgesetzt werden, dass die jungen Leute, die sich vom Priesterberuf angezogen fühlen, ein solches religiöses Grundwissen besitzen und eine normale religiöse Praxis bezüglich Gebet, Liturgie, Sakramente und sittliches Streben kennengelernt und geübt haben.

Damit sind also die beiden Schwerpunkte genannt, um die das Programm eines Propädeutikums gebaut werden muss. Wenn nun der Forderung des Konzils und der nachkonziliaren päpstlichen Dokumente entsprochen werden soll, dann müssen diese Voraussetzungen in einem Vorbereitungsjahr geschaffen werden, dessen Planung und Durchführung zu diesem Ergebnis führt. Daraus ergaben sich einige Folgerungen, die zu einer Revision der bisherigen Praxis führen müssen.

Das Propädeutikum darf nicht Inhalte und Ziele des Studiums bzw. der Seminarausbildung vorwegnehmen. Es muss eine Hinführung zu Universität und Seminar sein. Es heißt nicht umsonst PRO-pädeutikum. Praktika haben in diesem Stadium keinen Platz. Es geht vielmehr darum, die Voraussetzungen für ein fruchtbares Studium zu schaffen. Dafür benötigt man wenigstens ein ganzes Jahr ohne jeden Abstrich.

An dieser Stelle ist deshalb auch zu fragen, ob in diesem einen Jahr ein mehrwöchiger Aufenthalt in Palästina beziehungsweise auch die wenigstens kursorische Lektüre der ganzen Heiligen Schrift sinnvoll ist. Besonders das Alte Testament würde hierbei erhebliche Schwierigkeiten bieten. Eine Bibellektüre ohne exegetische Vorkenntnisse wäre sogar geeignet, Unsicherheit und Verwirrung zu stiften. Und dann: Zwei Monate Israel! Eine wunderbare Sache – doch keinesfalls noch vor dem Beginn des Studiums! Erst vor dem Hintergrund eines soliden theologischen Wissens und entsprechender religiöser Erfahrung kann die Botschaft des „5. Evangeliums“ verstanden werden. Fraglich ist es allerdings, ob dafür nicht auch zwei Wochen genügen würden.

Ist es außerdem pädagogisch weise, den Seminaranwärtern einfach ein solches Geschenk zu machen? Das kostet doch auch viel Geld! Der Flug ist – wenn man einen Billigflug bucht – unter 300 Euro und der Aufenthalt ohne Transport- und Nebenkosten nicht unter 70 Euro pro Tag und Person zu haben. Das wären dann für zwei Monate etwa 5 000 Euro pro Person. Können wir das den Kirchensteuerzahlern zumuten? Noch „teurer“ als Geld ist aber die Zeit! Was könnte in diesen zwei Monaten schulisch ernsthaft erarbeitet werden. Für – auch religiöse – Erlebnis-Trips ist die Zeit zu wertvoll!

Alle diese Überlegungen gewinnen an Gewicht, wenn man bedenkt, dass das heutige Abitur nur in eingeschränktem Maße Studierfähigkeit attestieren kann. Die nicht geringe Zahl der Studienabbrecher sollte zu denken geben. Wer in den letzten drei bis vier Jahrzehnten als Hochschullehrer tätig war, hat die – eigentlich erschreckende – Erfahrung machen müssen, dass ein erheblicher Teil der Studenten nicht einmal die deutsche Muttersprache beherrscht. Bei der Korrektur selbst von Dissertationen und Habilitationsschriften konnte man das erleben. Ähnliches gilt vom Niveau der vom Gymnasium vermittelten Allgemeinbildung. In vielen Fällen kann heute etwa für Seminararbeiten kaum mehr fremdsprachige Literatur herangezogen werden, und in den geisteswissenschaftlichen Fächern mit lateinischen Texten zu arbeiten ist nur noch in seltenen Fällen möglich.

Wie unter diesen Umständen ein Studium der Philosophie und der Theologie auf akademischem Niveau möglich sein soll, das ist eine existenzielle Frage, nicht nur in Bezug auf die Theologie. Hinter dieser Frage tut sich aber sogleich eine noch grundsätzlichere auf:

Welch einen Typ von Priestern wollen wir? Wollen wir wirklich nur den sozialkompetenten Seelsorgehandwerker beziehungsweise -funktionär, der seine Sonntagspredigt aus homiletischen Zeitschriften oder aus dem Internet abschreibt oder herunterlädt – oder lebt die Kirche – menschlich gesprochen – nicht vielmehr von einer inhaltsgesättigten, intellektuell reflektierten, die Zeichen der Zeit erkennenden und im Licht des Glaubens deutenden Verkündigung? Hierzu befähigt allerdings nur ein wirkliches, und zwar lebenslanges Studium! Nur dieses vermittelt jene theologische Urteilsfähigkeit, die es ermöglicht, in der Flut von Büchern etwa die Spreu vom Weizen zu sondern.

Die Grundvoraussetzungen hierfür müssen vorher geschaffen werden. Deshalb ist es der erste Zweck des Propädeutikums, die vorhandenen Lücken der gymnasialen Vorbildung soweit wie nur möglich zu schließen. Der andere – gleichrangige – Zweck betrifft die religiösen Voraussetzungen, von deren Ausfall oben schon die Rede war. Zieht man aus dem Gesagten nun die Summe, dann ergibt sich ein Programm, das nicht vorschnell als zu „verschult“ diffamiert werden sollte. Nämlich: Täglich je eine Stunde Lektüre des „Katechismus der katholischen Kirche“, Deutsch – Sprache und Literatur –, Latein, Griechisch enthalten müsste, wozu noch wöchentlich je eine Stunde Kunstgeschichte, moderne Fremdsprache, Musikgeschichte kommen sollte.

Der Samstag könnte der Einführung in die Liturgie gewidmet werden. Die Nachmittage dienen dem privaten Studium, dem Sport beziehungsweise musischer Aktivität. Auch ein gelegentlicher Theater- beziehungsweise Konzert- oder Museumsbesuch wäre sinnvoll. Dass angesichts möglicher Unterschiede in der Vorbildung nicht alle über einen Kamm geschert werden können, ist evident. Es könnte ja dann je nach Vorkenntnissen in Gruppen gearbeitet werden.

Wenn nun das oben entworfene Programm ein ganzes Jahr durchgehalten wird, dann erleben die Teilnehmer vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben auch eine – hoffentlich – vorbildliche Mitfeier des Kirchenjahres mit seinen Festen und besonderen Zeiten, und das kann viel Freude und starke Erlebnisse vermitteln.

Nun mag man gegen diesen Entwurf einwenden, dass die Kandidaten doch gerade von der Schule kämen und endlich zur Sache kommen wollten. Dass für sie das eben dargestellte Programm als Zumutung empfunden und eher abschrecken würde, mag durchaus zutreffen. Aber: Wenn einer wirklich Priester werden will, wird er diese Hürde zu nehmen wissen. Und: Wir brauchen leistungsbereite und belastbare Männer als Priester. Damit wäre übrigens schon ein Eignungstest verbunden.

Ein anderer Einwand könnte sich auf die Betonung der intellektuellen Bildung beziehen. Dem wäre zu entgegnen, dass die Anforderungen an Verkündigung und Religionsunterricht auch im ländlichen Raum immer mehr wachsen. Der Verfasser dieser Zeilen schreibt dies aus der Erfahrung von mehr als 25 Jahren, in denen er zugleich Universitätsprofessor und Landpfarrer war. Schließlich braucht auch der Priester selbst nebst der Gnade Gottes ein solides theologisch-intellektuelles Fundament für seine gläubige Existenz. Zahlreiche Verirrungen in Verkündigung und Praxis, die heute vorkommen, sind Folgen eines Mangels an theologischer Bildung! Sollte dann – und auch – das ist ein Aspekt des Propädeutikums – der eine oder andere „Propädeutiker“ erkennen, dass sein Weg nicht zum Altar führen kann, dann hat er ein erfülltes Jahr erlebt, von dessen Ertrag er ein Leben lang zehren kann. Verloren hat er damit nichts.

Es ist ein Irrtum, wenn – wie bisher – dieser Aspekt der Berufsprüfung auf die Zeit nach dem Ende des Studiums, auf Pfarrpraktikum beziehungsweise Diakonatsjahr verschoben wird. Gerade, wenn ein Kandidat erst dann erkennt, dass er nicht zum Priester berufen ist, hat er entscheidende Jahre falsch investiert. Der in solchen Fällen gern eingeschlagene Weg, eine Anstellung als Pastoralreferent oder Religionslehrer zu finden, ist freilich nicht ideal. Weder für den Betroffenen, der die Belastung einer versäumten befriedigenden Berufswahl zu tragen hat, noch für die Menschen, mit denen er beruflich zu tun haben wird, ist diese Situation einfach zu meistern. Das vorgeschaltete Propädeutikum ist hingegen sehr wohl geeignet, das Risiko einer beruflichen Fehlentscheidung zu vermindern. Gerade unter diesem Gesichtspunkt sollte alsdann erwogen werden, Pfarrpraktikum beziehungsweise Diakonat entsprechend zu verkürzen, damit die gesamte Ausbildungszeit nicht unnötig ausgedehnt wird.

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© Die Tagespost vom 19. September 2009]