Es braucht Glaubenszeugen, die den Menschen Christus zeigen

Predigt des Grazer Diözesanbischofs Egon Kapellari im Marienwallfahrtsort Mariazell

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GRAZ, 25. August 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Predigt, die der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari am 19. Juli im steirischen Wallfahrtsort Mariazell gehalten hat. Anlass war die internationale Konferenz der Augustiner Chorherren im Stift Vorau.



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„Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt“, sagt Christus im Evangelium dieser Heiligen Messe. Seit 850 Jahren kommen Menschen aus Österreich und dem ganzen Donauraum hierher nach Mariazell, um vor dem Gnadenbild zu beten. Es stellt ihnen die Gottesmutter vor Augen, die unentwegt auf ihr Kind, auf Christus hinzeigt. Ihre Handbewegung sagt: Er ist es, der in seiner Menschwerdung euer Leben teilt, die Lasten des Alltags mit euch trägt und euch aus der Dunkelheit von Irrtum und Versagen, von Leiden und Tod in das Licht Gottes führen will. Er kann euren ermüdeten, unruhigen Seelen wahre Ruhe geben. Ihm gebe ich eure Sorgen weiter - und euch rate ich wie einst den Tischdienern auf der Hochzeit zu Kana: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5) - So führt die mütterliche Liebe Mariens an diesem Gnadenort immer wieder Menschen zu Christus und ermutigt sie zu einem Leben, das den Perspektiven, den Weg-Weisungen des Evangeliums entspricht.

Im September wird auch Papst Benedikt XVI. als Pilger nach Mariazell kommen und viele Christen - darunter vor allem Pilger aus Österreich und Mitteleuropa, aber z. B. auch aus unserer Partnerdiözese Masan in Korea - werden mit ihm feiern und beten. Dieses große Glaubensfest steht unter dem Leitwort: „Auf Christus schauen!“

Dass Menschen auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens und auf der Suche nach geglücktem Zusammenleben auf Christus schauen, sich an Christus orientieren, ist keine weltweite Selbstverständlichkeit. Auch in Europa, das seit 2000 Jahren vom Christentum geprägt ist, ist Christus vielen Menschen ein Fremder geworden oder geblieben. Deshalb haben vor drei Jahren anlässlich der „Wallfahrt der Völker“, zu der rund 80.000 Pilger aus acht mitteleuropäischen Ländern hierher nach Mariazell gekommen sind, die Bischöfe aus den Teilnehmerländern eine programmatische Botschaft mit sieben Aufrufen an entschiedene Christen verkündet. Einer dieser Aufrufe, dieser Bitten lautet: „Ihr sollt den Menschen Christus zeigen.“ Dazu haben wir Bischöfe erklärend hinzugefügt: „Ihr sollt meine Zeugen sein, hat Jesus Christus den Aposteln gesagt. Er sagt es auch zu uns. Viele Menschen in Europa kennen Christus nur oberflächlich oder noch gar nicht. Wir sind berufen, ihnen Christus zu zeigen. Wir begegnen ihm, wenn wir tief eintauchen in die Heilige Schrift, in das Gebet und in die Feier der Liturgie. Dazu brauchen wir eine konsequente Einübung. In den letzten Jahren ist dies leider oft versäumt worden. Wenn wir Christus wirklich gefunden haben, dann wird er uns drängen, die Freude darüber mit möglichst vielen anderen Menschen zu teilen. Wir werden missionarische Christen sein. Bitten wir um die Kraft des Heiligen Geistes, dies zu tun.“ Soviel aus der Botschaft vom Mitteleuropäischen Katholikentag 2004 in Mariazell.

Menschen können vor allem dann auf Christus schauen, wenn es an ihn glaubende Menschen gibt, die ihnen Christus zeigen. Deshalb braucht es in Europa und in allen Teilen dieser Erde Glaubenszeugen: Priester, Ordenleute und Laien, die für Christus leuchten und brennen.

In der Lesung haben wir gehört, dass Gott seinen Diener Moses aus einem brennenden Dornbusch heraus angesprochen hat. Manche geistliche Schriftsteller haben in diesem brennenden Dornbusch auch ein Bild für das brennende Herz von Menschen gesehen, das an diesem göttlichen Dornbusch entzündet worden ist.

Ein solcher Mensch war der heilige Bischof und Kirchenvater Augustinus. Seinem geistlichen Erbe haben sich besonders auch die nach ihm benannten Regularkanoniker, die in vielen Ländern wirkenden Augustinerchorherren, verpflichtet. Es ist mir eine Freude, mit den hier in Mariazell eingekehrten Verantwortlichen dieses Ordens die Eucharistie feiern zu können. Mit einem Buch und einem brennenden, himmelwärts erhobenen Herzen wird Augustinus in der katholischen Ikonographie dargestellt. Das Buch verweist auf das immense uns überlieferte literarische Werk des Bischofs von Hippo. Das Herz verweist darauf, dass er wie wenige andere das Herz des Menschen, zumal das Herz des Christen ausgelotet hat, dieses „grande profundum“ von dem er gesagt hat, es bleibe immer unruhig, bis es Ruhe gefunden hat in Gott. Und wie wenige andere hat Augustinus sprachmächtig, gedankentief und in mystischer Ergriffenheit über Gott geredet, über den großen unergründlichen, erschreckend herrlichen, gütigen, aber auch zornigen Gott, dessen tiefste Tiefe aber Liebe ist.

Und schließlich hat Augustinus in vieler Hinsicht Unübertroffenes über die Kirche gesagt, über ihre Heiligkeit und Schönheit, aber auch über ihre Runzeln und Sünden. Hans Urs von Balthasar hat schon als Studentenpfarrer in Basel während des zweiten Weltkriegs kostbare Texte über die Kirche aus dem Werk des heiligen Augustinus gesammelt und als Buch mit dem Titel „Augustinus – Das Antlitz der Kirche“ veröffentlicht. Im Vorwort schrieb Balthasar über die Heiligen der Kirche und so auch über Augustinus selbst, ich zitiere: „Darin sieht Augustin den Weg der Heiligen: gekreuzigt zu sein und es immer mehr zu werden an eben jenes Kreuz der Kirche zwischen Buchstabe und Geist, zwischen Streu und Weizen, zwischen Erde und Himmel. Das erkennt nur der, der Ernst zu machen gewillt ist mit seinem kirchlichen Dasein. Dann wird er beginnen zu brennen aus Liebe zu den Seelen, fortfahren zu brennen aus Scham am Ärgernis der Kirche, um endlich als Ganzbrandopfer nieder zu brennen in der restlosen Anerkennung menschlicher Ohnmacht und göttlicher Gnade.“ Soviel aus dem Buch über Augustinus von Hans Urs von Balthasar. Balthasars Theologie verweist in Schichten, in Tiefen, die im heutigen theologischen Betrieb vielfach unerschlossen bleiben, und dies gilt auch und mehr noch vom „ingens opus“, vom Riesenwerk des Augustinus und die patristische Literatur überhaupt.

Wer als Ordensmann und als Ordensgemeinschaft den Namen des heiligen Augustinus trägt, verpflichtet sich damit einem Auftrag, der im Buch und im brennenden Herzen auf den Bildern und Statuen des wohl größten Theologen im ersten Jahrtausend der Kirchengeschichte seine Symbole hat. Dieser Auftrag ist besonders ein Appell an die jungen Mitglieder des Augustiner-Chorherrenordens. Mögen sie ihm großmütig viel Herzkraft und Hirnkraft zuwenden und mögen Sie, hochwürdige Obere, ihnen dabei helfen können. Um diese Gnade bitte ich mit Ihnen an diesem alten Gnadenbrunnen Mariazell.

[Von der Diözese Graz-Seckau veröffentlichtes Original]