Es gibt eine gute Nachricht! Statt gegeneinander zu arbeiten, arbeiten wir gemeinsam.

Ein Interview mit Prof. Dr. Stefano Zamagni

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 391 klicks

Prof. Dr. Stefano Zamagni wurde in diesem Jahr im Rahmen der Internationalen Konferenz der Stiftung Centesimus Annus-Pro Pontefice „Rethinking Solidarity for Employment: The Challenges oft he Twenty-First Century“ mit dem internationalen und in diesem Jahr zum ersten Mal vergebenen Preis „Wirtschaft und Gesellschaft“ für seine Publikation „L’economia del bene comune“ (Città Nuova 2007) ausgezeichnet.

Welche Hauptthesen stellen Sie in Ihrem Buch „L’economia del bene comune“ vor?  

Prof. Dr. Stefano Zamagni: Die Ursprünge der Wirtschaftswissenschaften liegen in der Untersuchung des „bonum“. Die Idee des „bonum“ hat sich im Laufe der Jahrhunderte jedoch verändert. Während man im 18. Jahrhundert vom Konzept des „bonum“ als Maßstab ausging, rückten zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit der zunehmenden Industrialisierung immer mehr Güter und Waren in den Mittelpunkt des Interesses und wurden zum maßgeblichen Beurteilungskriterium des „bonum“. Im 19. Jahrhundert ging die Entwicklung schließlich hin zu einer utilitaristischen Sichtweise, die für die Definition des „bonum“ vor allem die aus ihm erwachsenden Vorteile und Vorzüge zu Grunde legte. Diese Auffassung war bis vor 25 oder 30 Jahren die hauptsächlich vertretene. Mit der weltweiten Krise und den damit verbundenen, tiefgreifenden Problemen stellte sich dieses Konzept jedoch als nicht mehr zeitgemäß heraus. Es lässt sich stattdessen seit einiger Zeit feststellen, dass eine Rückkehr zu den Ideen und dem Gedankengut des 18. Jahrhunderts in bezug auf die Definition des „bonum“ eingesetzt hat. Globalisierung, Glück und Gemeinwohl sind nun die Schlagworte. Die Wissenschaft stellt sich deshalb der Frage, wie man „relational goods“ gewinnen kann, die von den öffentlichen und den privaten Gütern zu unterscheiden sind. Die Fragestellung zielt auf die Pflege und den Aufbau nationaler und internationale Beziehungen sowie auf das Verhältnis individueller und öffentlicher Güter zueinander.       

Wie beurteilen Sie die Haltung von Papst Franziskus zu diesen Fragen?

Prof. Dr. Stefano Zamagni: Papst Franziskus beurteilt diese Probleme verständlicherweise aus theologischer Sicht, als Hirte seiner Gemeinde. Es gibt in bezug auf die Frage nach dem Gemeinwohl natürlich Übereinstimmungen. Das ist die gute Nachricht! Statt gegeneinander zu arbeiten, arbeiten wir gemeinsam.

Der Begriff der Solidarität, der auch themengebend für die diesjährige Konferenz von Centesimus Annus war, stammt aus dem 19. Jahrhundert. Viel weitgehender, wichtiger und stärker als die Solidarität ist aber die Brüderlichkeit. Wer seinen Nächsten wie einen Bruder behandelt, ist auch solidarisch. Solidarität hingegen impliziert nicht automatisch Brüderlichkeit im Verhalten zueinander. Aus diesem Grund bilden die Ideen der Soziallehre eine wichtige Grundlage für die Gestaltung der gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in unserer modernen Gesellschaft.

Das Interview führte Britta Dörre. 

*Prof. Dr. Stefano Zamagni ist Professor für politische Ökonomie an der Universität in Bologna und für International Political Economy an der John Hopkins-Universität in Bologna. Seit 1991 ist er als Berater für den Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden tätig. Seit 1999 ist Zamagni Mitglied der New York Academy of Sciences und gehört zahlreichen wissenschaftlichen nationalen und internationalen Beiräten von Institutionen wie der Stiftung UNIAPAC in Paris oder der Universität LUMSA in Rom an.