„Es gibt eine soziale Diskriminierung der Christen in Pakistan"

KIN-Interview mit dem Leiter der Katholischen Bibelkommission Pakistans in Lahore

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LAHORE/KÖNIGSTEIN, 11. September 2009 (ZENIT.org/KIN).- Die pakistanische Bischofskonferenz geht zurzeit mit einer Unterschriftenaktion gegen das im Land geltende Anti-Blasphemiegesetz vor. Dieses Gesetz stellt eine nicht näher definierte „Beleidigung" des Islam unter Strafe und dient radikalen Islamisten immer wieder zur Rechtfertigung ihrer Angriffe auf die Christen Pakistans. Im Gespräch mit dem weltweiten katholischen Hilfswerk „Kirche in Not" berichtet der Leiter der Katholischen Bibelkommission Pakistans in Lahore, Fr. Emmanuel Asi, über die Lage der etwa 2,4 Millionen Christen in seinem Land.

Father Asi, immer wieder hört man von Übergriffen auf Christen in Pakistan - wieso kommt es dazu?

Das große Problem in diesem Zusammenhang ist das so genannte Anti-Blasphemie-Gesetz. Dieses Gesetz legt fest, dass jeder, der gegen den Islam auftritt, verurteilt werden kann. Dieses Gesetz wird häufig gegen Christen angewandt, meist jedoch ohne konkreten Anlass - oft werden sie nur aus Missgunst angeklagt. Und selbst wenn nur ein Kind aus einem Dorf gegen dieses Gesetz verstoßen haben soll, ist es schon vorgekommen, dass das gesamte Dorf von einem wütenden Mob fanatischer Moslems abgebrannt wurde. So etwas geschieht leider häufig - in diesem Jahr bereits zweimal. Wir haben Angst. Wir leben mit Muslimen zusammen, aber immer liegt auf uns ein Schatten des Todes. Denn durch diese Gesetze kann schnell etwas geschehen, was wir nicht vorhersehen können.

Wer stachelt die Menschen dazu an, dass sie die kleine christliche Minderheit so rigoros angreifen?

Die Schuldigen sind leider meist die Imame der örtlichen Moscheen, die die Menschen aufstacheln. Wir Christen fühlen uns wie Menschen zweiter Klasse. Das ist sehr seltsam, denn wir sind ja Pakistaner, wir teilen alle dieselbe Sprache und Kultur - nur die Religion unterscheidet uns von unseren muslimischen Mitbürgern. Das geht so weit, dass pakistanische Christen auswandern und ihre Heimat verlassen, weil es ihnen zu gefährlich wird.

Ist es in den letzten Jahren für die Christen in Pakistan generell gefährlicher geworden?

Kein Politiker darf in Pakistan etwas gegen den Islam oder auch nur gegen einzelne Imame sagen. Unsere große Hoffnung ist der internationale Druck auf Pakistan, der in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen hat. Dieser Druck kommt vor allem von kirchlicher Seite. Doch auch Politiker in aller Welt haben sich sehr für uns eingesetzt und vor allem das Blasphemiegesetz verurteilt. Sie fordern zu Recht, dass Religionsfreiheit ein Menschenrecht ist und eingehalten werden soll.

Welchen Einfluss haben denn die Entwicklungen in Afghanistan auf Ihre Situation in Pakistan?

Um diesen Einfluss zu verstehen, muss man in die Zeit der sowjetischen Invasion in Afghanistan 1979 zurückgehen. Als das geschah, ist die US-Regierung auf Pakistan zugekommen und hat uns gebeten, den Afghanen gegen die Russen zu helfen. Mit Hilfe amerikanischer Waffen konnten die Sowjettruppen erfolgreich bekämpft werden. Doch es gab große Flüchtlingswellen aus Afghanistan nach Pakistan. Etwa vier Millionen Menschen flohen damals über die Grenze. Und mit den Flüchtlingen kamen auch viele Waffen und Drogen nach Pakistan.

Viele Muslime in Pakistan glauben heute, dass die USA prinzipiell gegen den Islam ist. Aus diesem Glauben entspringt auch der fundamentalistische Terrorismus, auch wenn dieser dann viele Gesichter hat: Manchmal richtet er sich direkt gegen die USA und ihre Einrichtungen, manchmal dient er eher einer allgemeinen Radikalisierung des Islam im Land. In beiden Fällen ist der islamistische Terrorismus nie politisch, sondern immer nur religiös motiviert.

Wird Ihnen, den Christen in Pakistan, denn von offizieller Seite gegen diesen Terrorismus beigestanden?

Wenn Christen angegriffen werden, greift die Polizei so gut wie nie ein. Die Sicherheitskräfte kommen selbst dann nicht, wenn wir sie rechtzeitig vorwarnen und um Schutz bitten. Erst wenn alles abgebrannt ist und bereits Christen getötet wurden, kommt die Polizei, kommen Vertreter der Behörden und nennen das dann „Zeichen der Solidarität".

Was könnte der Grund für dieses skandalöse Verhalten sein?

Vielleicht wollen Polizei und Regierung nicht in den Verdacht geraten, in irgendeiner Weise tatsächlich solidarisch mit der christlichen Bevölkerung zu sein. Oder sie wollen auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass sie sich gegen den Islam stellen. Das kann man verstehen, denn wenn Christen in Pakistan angegriffen werden, dann sind die Angreifer ein tausendköpfiger aufgebrachter Mob, dem sich niemand gerne in den Weg stellt. Doch genau das wäre die Pflicht eines jeden Polizisten. Es wundert uns in solchen Fällen, wenn uns gesagt wird, bei diesen Angriffen handle es sich ja „nur" um religiöse Unruhen und darum greife man nicht ein. Darf ein Mord nur verhindert werden, wenn er politisch motiviert ist?

Es gibt aber auch weniger brutale Vorgehensweisen gegen Christen, zum Beispiel, wenn sie dazu gedrängt werden, zum Islam überzutreten. Wie geht so etwas vor sich?

Die Muslime glauben, dass sie von Allah besondere Gnaden erhalten, wenn sie einen „Ungläubigen" dazu bringen, sich dem Islam zuzuwenden. Daher werden Christen täglich auf der Straße angesprochen und dazu gedrängt, zum Islam überzutreten. Das ist ja an sich nicht verboten und unserer Erfahrung nach hat das unsere Christen eher stark im Glauben gemacht, da sie sich ein großes Glaubenswissen aneignen, um den Muslimen antworten zu können. Es ist also eine Herausforderung, aber auch eine Gnade für uns als Minderheit. Denn dadurch merken die Menschen in Pakistan, dass wir Christen unbeirrt unseren Weg gehen.

Können Sie das denn - Ihren Glauben leben?

Innerhalb unserer Kirchengemeinden haben wir völlige Religionsfreiheit. Wir können unser geistliches Programm abhalten und sogar Schulen bauen und dort unterrichten. Im normalen Alltagsleben gibt es selten Probleme mit Muslimen, die meisten von ihnen sind sehr freundlich zu uns. Nur wenn sie glauben, dass wir den Islam entehren oder gegen ihn vorgehen, kommt es zu Übergriffen. Es gibt allerdings eine soziale Diskriminierung von Christen in Pakistan. Wenn unsere jungen Menschen studieren wollen, erkennt man an ihren Namen sofort, dass sie Christen sind und ihnen wird die Zulassung verweigert. Ähnliches gilt bei der Arbeitssuche: Der christliche Name verhindert manchmal, dass man eingestellt wird. Außerdem gibt es religiös motiviertes Mobbing am Arbeitsplatz von Seiten muslimischer Kollegen.

Wir haben Berichte von Vergewaltigungen christlicher Mädchen und anschließenden Zwangsheiraten erhalten. Was hat es damit auf sich?

Das ist eine traurige Wirklichkeit. Ein Muslim darf vier Frauen haben. Und das treibt manchen dazu, christliche Frauen zu kidnappen und sozusagen seinem Harem hinzuzufügen. Das wird von den Muslimen als großer Sieg gefeiert, denn diese christliche Frau wird von dem Moment an als Muslimin angesehen. Sie bekommt einen islamischen Namen, wird gezwungen, mit in die Moschee zu gehen und jede Rückkehr zu ihrem eigentlichen Glauben wird als verbotene „Konversion" angesehen. Das ist leider so. Auf der anderen Seite, sollte ein christlicher Mann sich für eine muslimische Frau auch nur interessieren, kommt sofort ein aufgebrachter Mob und brennt das gesamte Dorf dieses Mannes nieder. Denn wenn seine Frau zum Christentum konvertiert, ist das eine große Schande für einen Muslim. All diese Zustände werden leider durch die Gesetze in Pakistan ermöglicht. Denn vor Gericht wiegt die Stimme eines Christen - und das ist gesetzlich festgelegt - nur die Hälfte der Stimme eines Muslims. Die Stimme einer Frau wiegt sogar nur ein Viertel der Stimme eines muslimischen Mannes. Das heißt: Sprechen zwei christliche Männer vor Gericht, werden sie wie ein Zeuge gewichtet. Frauen müssen sogar zu viert im Gericht aussagen, um als eine Zeugenaussage gewertet zu werden. Wenn also ein muslimischer Mann eine christliche Frau vergewaltigt, sagt das pakistanische Gesetz, dass die Vergewaltigte vier Frauen bringen muss, um die Tat zu beweisen.

Das Engagement der Kirche wird in Pakistan oft kritisch und misstrauisch beäugt. Was tut die Kirche, um dieses Misstrauen zu zerstreuen?

Die Kirche hat viel für die Ausbildung und das Gesundheitswesen im Land getan. Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil waren wir vor allem eine Kirche für die Armen, die die gröbste Not linderte. Seit 1970 ist eine neue Vision für die pakistanische Kirche erwachsen: Wir engagieren uns für Menschenrechte, besonders für die Rechte der Frauen. Gemeinsam mit den evangelischen Christen in Pakistan packen wir die politischen, religiösen und gesellschaftlichen Probleme an. Wir haben die katholische Soziallehre nach Pakistan gebracht. Die Kirche nimmt kein Blatt vor den Mund und spricht die Regierung des Landes direkt an - und zwar gemeinsam mit allen anderen Christen im Land. Diese Ökumene macht uns stark. Auch setzen wir uns mit der Frage auseinander, wie Mission und Evangelisation in einer multikulturellen Umgebung geschehen kann. Man kann also sagen: Nach den Fragen der Wohltätigkeit und der Entwicklung in der Vergangenheit beschäftigen wir uns heute hauptsächlich mit Fragen der Gerechtigkeit.

Stoßen Sie da nicht in manchen Bereichen an Ihre Grenzen?

Früher mehr als heute. Inzwischen haben auch in Pakistan die Muslime viel gelernt. Sie schicken auch ihre Mädchen zur Schule, auf die Universitäten, und es gibt auch eine Frauenrechtsbewegung unter den Muslimen. Ich bin sicher, dass auch die Kirche ihren Teil dazu beigetragen hat, diesen Weg zu ebnen - nicht zuletzt dadurch, dass die kirchlichen Schulen in Pakistan die ersten waren, die überhaupt Mädchen aufgenommen haben.

„Kirche in Not" unterstützt in Pakistan vor allem die Ausbildung von Priestern oder den Bau religiöser Gebäude. Was benötigt die Kirche in Pakistan darüber hinaus?

Ein großes Problem für uns ist, dass die Schulbildung in Pakistan kostenpflichtig ist. Viele Christen sind jedoch zu arm, um sich das Schulgeld leisten zu können. Ich persönlich komme zum Beispiel aus einer armen Familie. Hätte mir die Kirche nicht den Schulbesuch ermöglicht, wäre ich nicht das, was ich heute bin. Wir brauchen dringend finanzielle Hilfe, um unsere Christen auf die Schule zu schicken. 76 Prozent der Christen in Pakistan sind Analphabeten. Außerdem brauchen wir Hilfe bei der grundlegenden sanitären Versorgung. Wir haben dazu ganz einfache Gesundheitsprogramme entwickelt, die aber den Familien sehr helfen. Viele haben ja nicht einmal Toiletten. Wer krank wird, bekommt im Krankenhaus nur dann eine Behandlung, wenn er das Geld dafür hat. Hier versuchen wir, die dringendste Not zu lindern.

Zum Schluss ein Ausblick: Wo steuert Pakistan hin, wie blicken die Christen im Land in die Zukunft?

Christ sein in Pakistan ist eine große Herausforderung und eine große Gnade. Vieles steht uns feindlich gegenüber. Aber diese Situation stärkt uns auch. Die Christen in Pakistan stehen zu ihrem Glauben. Mein Wunsch ist, dass wir unsere Identität als pakistanische Christen stärken. Das heißt, dass wir nicht nur Christen in Pakistan sind, sondern wirklich pakistanische Christen. Das ist ein großer Unterschied und wir wollen uns weiter auf unsere Identität als pakistanische Christen zu bewegen. Denn aus dieser Identität können wir auch auf einer anderen Ebene in den interreligiösen Dialog treten. Das alles ist nicht einfach, aber das Evangelium gebietet es uns und zeigt, wie es gelingen kann.

[Das Gespräch führte „Kirche in Not"-Mitarbeiter Volker Niggewöhner]