Es gibt keine „Chinesische Mauer“ zwischen Naturwissenschaft und Glaube

Internationaler Kongress 2009 über Darwin und die Evolutionstheorien

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ROM, 17. September 2008 (ZENIT.org).- 150 Jahre nach der Veröffentlichung von Charles  Darwins Hauptwerk „Die Entstehung der Arten“ wird in Rom vom 4. bis zum 7. März 2009 eine internationale Tagung zum Thema „Biological Evolution: Facts and Theories. A Critical Appraisal 150 years after ‚The Origin of Species’“ („Die biologische Evolution: Fakten und Theorien. Eine kritische Wertung 150 Jahre nach ‚Die Entstehung der Arten’“) stattfinden. Absicht des Kongresses ist es, Vorurteile und Arroganz auf beiden Seiten abzubauen, so der Präsident des Päpstlichen Rates für die Kultur, Erzbischof Gianfranco Ravasi.

Der Kongress wird von der Päpstlichen Universität Gregoriana zusammen mit der Notre Dame University (Indiana, USA) organisiert und steht unter der Schutzherrschaft des Päpstlichen Rates für die Kultur. Er ist die dritte einer Reihe von internationalen Begegnungen, die im Rahmen des Projektes STOQ („Science, Theology and the Ontological Quest – Wissenschaft, Theologie und die ontologische Frage“) abgehalten werden.

Das STOQ-Projekt wurde 2003 von zwei Päpstlichen Universitäten (Lateranense, Gregoriana) und vom Päpstlichen Athenäum Regina Apostolorum gegründet. Zudem beteiligen sich daran die Päpstlichen Universitäten San Tommaso d’Aquino, Salesiana und Santa Croce. Die Koordinierung des Projekts obliegt dem Päpstlichen Rat für die Kultur und der US-amerikanischen „John Templeton Foundation“, die das Projekt mit Hilfe weiterer italienischer und internationaler Sponsoren finanziert. Das Projekt will den Dialog zwischen Philosophie, Theologie und Wissenschaften weiterentwickeln, um die christliche Sicht der Welt, des Menschen und der Gesellschaft mit den wichtigsten Herausforderungen zu konfrontieren, die sich auf theoretischem, ethischem und kulturellem Feld aus der aktuellen Entwicklung der Wissenschaften ergeben.

An der Vorstellung des Kongresses am Dienstag, dem 16. September, nahmen neben Erzbischof Ravasi P. Marc Leclerc SJ, Professor für Naturphilosophie (Päpstliche Universität Gregoriana), Gianni Auletta, wissenschaftlicher Direktor des STOQ-Projekts und Dozent für Wissenschaftsphilosophie (Päpstliche Universität Gregoriana), sowie Alessandro Minelli, Professor für Zoologie (Universität Padua), teil.

Erzbischof Ravasi hielt in seinem Beitrag fest, dass Charles Darwin nie vom Vatikan verurteilt worden sei. Sein Buch wäre nicht auf dem Index gestanden. Aus diesem Grund wäre es nach Ansicht Ravasis sinnlos, würde sich die katholische Kirche bei Darwin „entschuldigen“, wie dies die anglikanische Kirche am vergangenen Montag getan hatte. Es sei kontraproduktiv, so Ravasi später, die Geschichte als „ständiges Gericht“ zu betrachten.

Ravasi wies darauf hin, dass es zwischen Naturwissenschaft und Theologie keine „Chinesische Mauer und keinen Eisernen Vorhang“ gebe. Grundsätzlich sei eine Evolutionslehre mit der Heiligen Schrift und der Lehre der Kirche vereinbar. Diesbezüglich verwies er auf entsprechende Aussagen von Papst Pius XII. (Enzyklika Humani generis, 12. August 1950) und Papst Johannes Paul II.

Die Evolutionslehre ist nach Papst Johannes Paul II., „mehr als eine Hypothese“. Der Vorgänger Benedikts XVI. hatte es als eindrucksvoll bezeichnet, dass die Entdeckungen in verschiedenen Disziplinen zu einer Konvergenz der Ergebnisse geführt hätten, die ein bedeutsames Argument zugunsten dieser Theorie darstellen (vgl. 22. Oktober 1996, Ansprache vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften).

Erzbischof Ravasi hob die Bedeutung eines offenen, wirkungsvollen und von Ideologie unbelasteten Dialogs hervor. Naturwissenschaft und Theologie seien „zwei Sichtweisen auf dieselbe Wirklichkeit“. Auch die Theologie sei, was den Blick auf die Grenzen des eigenen Fachs angehe, zu einem „Akt der Demut“ verpflichtet. Wesentlich ist für Ravasi die Feststellung, dass Religion und Naturwissenschaft nicht im Gegensatz zueinander stehen. Beide müssten einander ergänzen. Auch die Naturwissenschaft dürfe den Glauben nicht als „intellektuelle Steinzeit“ abqualifizieren.

Der Präsident des Rates für die Kultur betonte, dass das Thema der Evolution auch ein besonderes Anliegen von Papst Benedikt XVI. sei. Sowohl im Herbst 2006 als auch im Herbst 2007 hatte das traditionelle Treffen des Schülerkreises von Joseph Ratzinger im Zeichen der Kontroverse um Evolutionslehre und Schöpfungsglauben gestanden. Die Ergebnisse der Tagungen liegen als Buch vor (Stephan Otto Horn, Siegfried Wiedenhofer, Hg.: Schöpfung und Evolution - Eine Tagung mit Papst Benedikt XVI. in Castel Gandolfo, Augsburg 2007, Sankt Ulrich Verlag).

P. Leclerc SJ erläuterte bei der Vorstellung der Kongressziele, dass die Diskussionen über die Evolutionstheorie sowohl im Bereich des Christentums als auch in der Sphäre des strengen Evolutionismus immer schärfer geführt würden. Darwins Werk sei oft Gegenstand einer Ideologisierung gewesen, die nicht wissenschaftlich war, was hingegen das Anliegen Darwins selbst gewesen sei.

Leclerc betonte die Notwendigkeit eines interdisziplinären Herangehens an die Problematik. Dies sei notwendig, um die Aporien eines sterilen ideologischen Konfrontationskurses zu überwinden.

Wesentlich sei die Anerkennung des „polymorphen Charakters der Rationalität“, die keiner für sich in Besitz nehmen dürfe. Leclerc verwies auf eine Reflexion von Kardinal Ratzinger, der erklärt hatte: Es sei nicht die Evolutionstheorie als wissenschaftliche Theorie, die mit dem Glauben unvereinbar ist. Das Unvereinbare bestehe vielmehr darin, Elemente dieser Theorie zur „philosophia universalis“ oder zum einzigen Interpretationsschlüssel der gesamten Wirklichkeit, den Menschen eingenommen, zu erklären.